BERLIN. Wirkungsvolle Corona-Schutzmaßnahmen? Gibt es im Unterricht – bis auf Masken – praktisch nicht. Die Folge: Spätestens mit dem Auftauchen der Omikron-Variante rücken Schulschließungen wieder in den Fokus der Diskussion. Nach wie vor lehnen verantwortliche Politiker und auch manche Lehrkräfte Einschränkungen im Schulbetrieb ab. News4teachers-Leserin „MeinSenf“, selbst Lehrerin und Mutter, platzte unlängst in einer Diskussion im Forum unserer Seite der Kragen. Wir dokumentieren ihren lesenswerten Post hier noch einmal.
Ein News4teachers-Leser – selbst Lehrer – schrieb mehrere Posts, in denen er sich vehement für den Regelbetrieb einsetzte. Unter anderem: „Es ist müßig, zu diskutieren, ob Schulen sicher sind oder nicht: Sie müssen offenbleiben, weil eine Schulschließung und Distanzunterricht für unsere Schüler schlimmer ist als alle möglichen Gefahren des Präsenzunterrichts, die ich bei 3x wöchentlicher Testung und Maskentragen für sehr gering halte.“
Darauf antwortete ihm „MeinSenf“ – selbst Lehrerin und Mutter:
„Ihre Kommentare machen mich unglaublich wütend!
Dann erklären Sie bitte meinem Kind, dem es Zuhause gut geht, das sich im Distanzunterricht hervorragend entwickelt, sogar sein Lernverhalten deutlich besser strukturiert hat, nicht adipös geworden ist und am liebsten weiter so lernen würde, bitte, warum es sich durchseuchen und gefährden lassen muss. Weil andere Kinder eben Zuhause leider nicht so gut aufgehoben sind? Von solchen Kindern wie meinem gibt es übrigens auch eine hohe Dunkelziffer, nur fallen DIE eben nicht so auf, diese Kinder scheinen aber aus Ihrem Blickwinkel nicht wichtig zu sein.
Erklären Sie meinem Kind bitte, WARUM es selbst und seine alleinerziehende Mutter kein Recht auf eine Kontaktreduzierung oder adäquaten Gesundheitsschutz haben. Erklären Sie ihm bitte, WARUM wir in einer Pandemie an einen Ort gezwungen werden, wo es sich nicht sicher fühlt, da keine wirklichen Schutzmaßnahmen für einen sicheren Schulbesuch getroffen wurden, obwohl es eine gute, sichere und auch noch kostengünstige Möglichkeit (das ist ja offensichtlich ausschlaggebend für unsere Politiker) gäbe, nämlich Distanz- oder wenigstens Wechselunterricht. Da es den lieben Obrigen ganz offensichtlich zu viel ist für WIRKLICH sichere Bedingungen in Schulen zu sorgen. Weil das Leben der anderen Kinder und Familien wichtiger ist als seines? Das kann doch wohl nicht Ihre Antwort sein.
Sollte es ihn oder mich schlimm treffen, denn die Möglichkeit besteht durchaus (auch mit Impfung), werde ich mein Kind dann an Sie verweisen, da Sie ja anscheinend wissen, was das Richtige für alle ist. Erklären SIE ihm dann bitte, warum sein Leben ruiniert wurde, denn wenn ich weg bin oder schwer erkrankt, hat mein Kind niemanden, der es auffängt und für es sorgt, damit würde es erst zu einem gefährdeten Kind. Aber vielleicht ist es Ihrer Meinung nach, ja in einem Heim oder einer Pflegefamilie besser aufgehoben als bei seiner liebenden Mutter.
Die Familien der Lehrkräfte, Erzieher und anderer dort Arbeitenden, die durch die unnötig hohe und vermeidbare Infektionsgefahr in Schulen von solchen Konsequenzen betroffen sein werden, die interessieren Sie anscheinend genauso wenig wie unsere Politiker.
Haben Sie auch nur einmal darüber nachgedacht, dass auch an uns meistens eine ganze Lebensgemeinschaft hängt, die im Moment durch unseren Beruf mitgefährdet wird? Das gilt übrigens ebenso für alle der oben erwähnten Kinder, die es in ihren Familien gut haben, die den Distanzunterricht vielleicht sogar mochten. Ich hoffe ja stark, dass das immer noch die Mehrheit der Kinder in Deutschland betrifft (also, dass sie es gut haben)! Nebenbei, für nicht wenige Kinder ist übrigens der Schulbesuch selbst (auch ohne Corona) eher eine Belastung oder ein Spießrutenlauf. Meine Familie ist zwar klein, aber ist sie deswegen nicht wichtig?
Für uns in Schulen und Kitas werden Schutzmaßnahmen, die für die meisten Arbeitnehmer gelten, einfach außer Kraft gesetzt
Wie können Sie begründen, dass Sie offene Schulen für alle fordern, wo es aktuell meistens eben keine nennenswerten Schutzmaßnahmen gibt und jeder in hohem Maße gefährdet wird? Weil Schulen die Sozialarbeiter und das Jugendamt quasi ersetzen müssen? Dass wir unseren Teil zum Schutz gefährdeter Kinder leisten und sicher auch helfen können, Fälle zu entdecken, ist richtig und wichtig. Aber in der aktuellen Situation offene Schulen zu fordern und damit auch die Kinder und Familien, in denen es gut läuft und die (so hoffe ich) in der Mehrzahl sind, in Gefahr zu bringen, Todesfälle oder dauerhaft erkrankte Familienmitglieder zu erleiden, KANN es nicht sein. Dann sage ich, Jugendämter und sie anderen Einrichtungen, die eben insbesondere für solche Fälle zuständig sind, sollten auch ihren Job machen und nicht die Verantwortung den Schulen zuschieben.
Es wird von „Home-Office-Pflicht“ und „Kontaktreduzierung“, von „Abstand halten“ und vielem mehr geredet, aber für uns in Schulen und Kitas werden diese Schutzmaßnahmen, die für die meisten Arbeitnehmer gelten, einfach außer Kraft gesetzt, für uns gibt es das nicht! Keine Luftfilter, die ansonsten fast überall zu finden sind, insbesondere da, wo sich Politiker aufhalten, keine Plexiglaswände, nichts. Was nutzt mir ein sowieso schon unsicherer Test, von dem ich weiß, dass viele ihn sogar gar nicht wirklich machen (bei uns testet jeder Zuhause). Insbesondere, weil unser Gesundheitsamt nicht einmal mehr FAMILIENMITGLIEDER in Quarantäne steckt, Geschwister von nachweislich Positiven tummeln sich munter im Unterricht. Faktisch gibt es keine Schutzmaßnahmen an Schule, außer der eigenen FFP2-Maske, die wir auch noch selbst bezahlen müssen. DAS ist es, was ich anprangere! DESWEGEN wünsche ich mir Distanzunterricht! Übrigens Impfdurchbrüche, auch mit schwerem Verlauf kann es durchaus geben.
Alle müssen da durch, weil einige anderweitig in Gefahr sind, ist für mich kein passendes Argument. Oder ist deren Leben wichtiger als das derjenigen, die nicht akut durch die von Ihnen angeführten Probleme gefährdet sind? Sie möchten also alle in schulische Geisel-, beziehungsweise Durchseuchungshaft nehmen, auch die, die sich gerne mehr schützen würden.
Übrigens, ich mache in meinem Alltag in der Schule die Erfahrung, dass es viele Schülerinnen und Schüler gibt, die jetzt im laufenden Betrieb Angst haben! Angst, sich selbst anzustecken! Angst, Corona mit nach Hause zu bringen und Familienmitglieder anzustecken! Angst, davor, dass Mama schwer erkranken könnte, dass Papa dann vielleicht aus dem Krankenhaus nicht mehr heimkommen könnte, dass die Oma an der mitgebrachten Krankheit sterben könnte! Was in meinen Klassen übrigens leider schon passiert ist! Was sagen Sie diesen Kindern, die durch Corona ein Familienmitglied verloren haben?
Die Kinder, die psychische Störungen im Lockdown selbst entwickelt haben oder adipös geworden sind oder, oder, oder, sind bei uns absolut in der Minderzahl! Und dafür, dass einige Familien es eben nicht schaffen, ihre Kinder unbeschadet durch eine solche Zeit zu bringen, müssen ALLE gefährdet werden? Für diese Familien gab es bei uns die Notbetreuung!
Ich bin nicht bereit, mein Leben oder das meines Kindes für meinen Beruf zu gefährden!
Ich bin Lehrkraft, keine Sozialarbeiterin (hätte ich als solche arbeiten wollen, so hätte ich diesen Beruf ergriffen) und ich möchte meinen Schülerinnen und Schülern etwas beibringen, das habe ich gelernt, das kann ich gut und das kann ich auch im Distanzunterricht, auch wenn der nicht ideal ist! Ich wage zu behaupten, dass ich ein gutes Verhältnis zu meinen Schülerinnen und Schülern habe, habe auch schon Kinder und Eltern mit auf Ämter begleitet, obwohl das nicht meine Aufgabe ist, sondern eher Aufgabe anderer. Einmal konnte ich einem stark gefährdeten Kind sogar helfen, der schlimmen familiären Situation zu entkommen. Ich tue gerne viel für die Kinder und versuche, nahe an ihnen dran zu sein und meinen Job gut zu machen.
ABER ich bin nicht bereit, mein Leben oder das meines Kindes für meinen Beruf zu gefährden! Und ich denke auch, dass ist mein gutes Recht, trotzdem werde ich dazu gezwungen! Meine Eid habe ich als LEHRERIN abgelegt, um Kinder zu unterrichten. Ich bin nicht Pflegekraft oder Ärztin geworden, zu deren Berufsbild es von vorneherein gehört, Kranke zu versorgen und zu behandeln.
Und Sie krakeelen nach offenen Schulen für alle? Ist das Ihr Ernst? SIE halten das Risiko für sehr gering? Schön für SIE, andere wünschen sich einfach ebenso viel Schutz, wie die Politiker sich selbst und vielen anderen gönnen. Solange das nicht der Fall ist, fordere ich Wechsel- oder Distanzunterricht!
(Da ich ziemlich in Rage geschrieben habe, entschuldige ich mich schon einmal für eventuelle Fehler und den vielleicht fehlenden Roten Faden.)“ News4teachers
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