„Sind keine Lehrer“: Pädagogik-Professor kritisiert Einsatz von Quereinsteigern an Schulen

29

Das Vorgehen des bayerischen Kultusministeriums, auch nicht als Lehrer ausgebildete Quereinsteiger an Mittelschulen unterrichten zu lassen, hat scharfe Kritik ausgelöst. Mit Blick auf Ressortchef Michael Piazolo (Freie Wähler) sagte der Pädagogik-Professor Norbert Seibert der «Passauer Neuen Presse»: «Wenn der Minister jetzt wegen Lehrermangels Quereinsteiger einstellt und diese kein Lehramtsstudium mehr benötigen, werden die Schülerinnen und Schüler ihr blaues Wunder erleben.» In anderen Bundesländern werden bereits zahlreiche Seiteneinsteiger an Schulen beschäftigt.

Per Seiteneinstieg geht’s schneller in den Lehrerberuf. Foto: Shutterstock

«Man ist kein Lehrer, wenn man ein Master- oder Magisterstudium in der Fächern Deutsch, Deutsch als Fremdsprache, Englisch, Informatik, Biologie, Physik, Chemie oder Mathematik mit der Note mindestens 3,5 absolviert hat», sagte Seibert, der an der Universität Passau den Lehrstuhl für Schulpädagogik innehat. Diese Qualifikation ist laut Ministerium die Voraussetzung für den Quereinstieg in den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Mittelschulen. Es konnte nach eigenen Angaben rund 50 Nicht-Pädagogen für die «Sondermaßnahme» gegen den Lehrermangel gewinnen, die seit diesem Schuljahr unterrichten dürfen.

Um als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten, sei ein Studium mit Inhalten aus den Erziehungswissenschaften, Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und schulpraktischen Studien «dringend erforderlich», sagte Seibert der Zeitung. Ein gemeinsamer Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Lehrerausbildung vom 16. Mai 2019, dem auch der Minister zugestimmt habe, betone die Bedeutung dieser Standards.

Zur Abschaffung der Sabbatjahre gegen den Lehrermangel bemerkte der Professor der Zeitung zufolge, «diese Maßnahme sei ein weiterer Beweis, dass der Kultusminister keine Ahnung von den psychischen Belastungen unserer Lehrkräfte habe». «Er treibt sie mit dieser Entscheidung in den Burnout.» Wenn er obendrein Quereinsteiger ohne Lehramtsstudium in den Schuldienst hole, «verschärfe er die Problematik nachhaltig». dpa

Lehrermangel: In Berlin gibt’s die ersten Grundschulen, in denen mehr als 30 Prozent Seiteneinsteiger unterrichten – alle in Brennpunkten

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei

29 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
fabianBLN
6 Monate zuvor

Diese Meinung finde ich dumm. Nach dem Krieg wurden (zumindest im neuen Osten Deutschlands) viele „nazi-belastete“ Lehrer entlassen. Die Lücken konnten nur mit sogenannten „Neulehrern“ gefüllt werden. Abgesehen von damals anderen Gepflogenheiten an den Schulen hat man damals nichts gelernt?!?

Heutige Quereinsteiger werden meist berufsbegleitend weiterqualifiziert, gewisse Vorbereitungen bekommen sie auch. Referendare lernen auch „berufsbegleitend“ und unterrichten bereits vor Abschluss ihrer Lehrerausbildung. Fachwissen haben sie im Schnitt auch nicht mehr als vergleichbare Quereinsteiger. Manche scheitern und erwerben nie einen Abschluss.

Andere haben einen Lehrerabschluss erworben und scheitern dann im Berufsalltag – vor allem an undisziplinierten Schülern.

Susi
6 Monate zuvor
Antwortet  fabianBLN

„Referendare lernen auch „berufsbegleitend“ und unterrichten bereits vor Abschluss ihrer Lehrerausbildung. Fachwissen haben sie im Schnitt auch nicht mehr als vergleichbare Quereinsteiger.“

Im Lehramtsstudium gibt es heute begleitend zur Theorie sowohl im Grundstudium als auch im Master Praktika. Referendar*innen sind sehr gut auf die Praxis eingestellt, wenn sie von der Uni kommen. Selbst wenn Quereinsteiger einen sogen. Quereinsteiger-Master absolvieren, sind ihre Qualifikationen weder fachlich noch didaktisch mit denen vergleichbar, die ein klassisches Lehramtsstudium absolviert haben.

Skills sind wichtig und grundlegend dafür, dass mit Kindern produktiv gearbeitet werden kann. Wer etwas anderes behauptet, redet sich m. E. die Welt nur schön und fördert die Verantwortungslosigkeit in Bildung und Erziehung.

Dass sowohl gut ausgebildete als auch Quereinsteiger an undisziplinierten Schüler*innen scheitern, rechtfertigt m. E. nicht, Ausbildungsqualitäten in Frage zu stellen.

Teacher Andi
6 Monate zuvor
Antwortet  fabianBLN

Das Unternehmen scheitert daran, dass man sich das Lehrerdasein allzu einfach vorstellt … Jeder Berufsanfänger neigt dazu. Und ehrlich gesagt fühle ich mich etwas vera …. wenn es möglich ist, als Quereinsteiger zu unterrichten, wo doch in der Vergangenheit selbst gute Pädagogen, die 5 Jahre studiert und 2 Jahre Referendarzeit abgeleistet haben, nun so einfach nonchalance durch quasi „Ungelernte“ ersetzt werden können. Das führt die gesamte Lehrerausbildung ad absurdum. Tja, Not macht erfinderisch im KM, damals die guten Lehrer auf die Straße gesetzt, und jetzt darf jeder ran! Optimale Planung. Werden dann alle verbeamtet? Da geht das Problem schon weiter …….

laromir
6 Monate zuvor

Wenn jeder Lehrer kann, kann man doch die Ausbildung einfach abschaffen. Wäre dann bloß ein weiterer Tiefpunkt der Wertschätzung für LuL, die sich aktiv für ein Studium und die Arbeit mit SuS entschieden haben. Klar gibt es auch gute Quereinsteiger, viele sind es aber nicht, vor allem wegen der pädagogischen Herausforderungen.

Emil
6 Monate zuvor

Quereinsteigern sind in den allerseltensten Fällen Spätberufene. Die meisten sind Flüchtlinge aus der freien Wirtschaft, die an den bequemen Lehrer Job glauben. Nach dem harten Aufprall in der Realität gibt es zwei Möglichkeiten, entweder sie verschwinden von selbst, oder sie werden fortan mit durchgeschleppt und schaden den Schülern und auch den Kollegen, die für sie mitarbeiten müssen. Kein Menschkäme auf die Idee, in einem Job mit 7jähriger Ausbildung völlig unquifizierte Leute einzustellen – auß er in der Schule.

Solange dieses Bild von Schule und Lehrer Beruf sich nicht grundlegend verändert, geht die Bildung in D weiter systematisch den Bach runter. Manchmal frage ich mich, ob hier der Kipppunkt nicht schon überschritten ist.

trotzki
6 Monate zuvor
Antwortet  Emil

Wie definieren Sie Qualifiaktion für die Schule.
Raus aus der Schule – 7 Jahre Studium – zurück an die Schule.
Ohne ein abgeschloßenes Studium können Sie nicht quereinsteigen und als der Flüchtling aus der freien Wirtschaft hat er zumindestens Berufs- und Lebenserfahrung. So jemand als völlig unqualifiziert zu bezeichnen halte ich einfach mal sehr überheblich.

Wer trägt den zu dem Bild von Schule und Lehrer bei. Das sind sicherlich auch solche Kollegen, die glauben, sie haben die Weißheit mit dem Löffel gegessen.

Ich kenne sehr gute Quereinsteiger, die die Schüler erreichen, aber auch angeblich „sehr gut ausgebildete“ Lehrkräfte, die niemand mehr erreichen und den Tag nur runterreisen.

Glauben sie, wenn die KMs auf genügend Lehrkräfte zugreifen könnte, würden sie auf Quereinsteiger zurückkommen.

Und ich kann mich auch noch an meine universitären Vorleseungen zum Thema Erzeigunswissenschaften errinnern. Da war auch einiges dabei, dass man getrost in die Tonne klopfen kann.

Teacher Andi
6 Monate zuvor
Antwortet  trotzki

Lieber trotzki … Ich stimme Ihnen zu … ein Lehrer sollte auch ein gewisses Maß an Berufserfahrung in der realen Welt haben. Das würde viele Probleme aus der Welt schaffen. Aber…….. Die Schüler erreichen und tatsächlich auch Lehrstoff pädagogisch altersgerecht vermitteln können, das sind zwei paar Stiefel. (Lehrer die laut Schüler „chillen“ sind zwar sehr beliebt bei den Schülern, aber auf lange Sicht merken diese auch, dass sie dabei nichts lernen). Die pädagogische Ausbildung ist wichtig und wird von jedem Lehramtanwärter individuell vertieft, auch wenn man gewisse pädagogisch/psychologischen Vorlesungen „in die Tonne klopfen kann“, wie Sie sagen. Auch da stimme ich zu, aber man lernt zumindest, was man nicht umsetzen kann ;-).
Jedenfalls ist der Lehrerberuf nicht unbedingt ein „easy“ Job, wie sich so viele vorstellen, und bei Quereinsteigern muss ich vehement widersprechen, denn es gab Zeiten, in denen gut ausgebildete und auch gute Lehrer einfach auf die Straße gesetzt wurden, und nun soll wieder alles genommen werden? Sie glauben doch nicht, dass gute Leute aus der freien Wirtschaft in die Schule wechseln? Mit weniger Gehalt, mehr psychischem Stress und Null Anerkennung? Es kommen dann Quereinsteiger, die in der freien Wirtschaft nicht Fuß fassen können und die werden dann auf die Schüler losgelassen? (Es gibt sicher Ausnahmen, aber die sind nicht die Regel). Wir werden es erleben, wie schnell diese Quereinsteiger die Segel streichen werden, wenn sie merken, dass der Beruf doch nicht so easy ist.
Ich wünsche mir von der Bildungspolitik, dass sie endlich vernünftig planen und die Bildung nicht permanent vom Budget abhängig machen, was im Endeffekt jede sinnvolle Maßnahme im Keim erstickt.

trotzki
6 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Das die Einstellungspraktiken über Jahre nicht das Gelbe vom Ei waren und sind, da bin ich bei Ihnen.
Das es Jahre gab, bei den gute Lehrer nicht genomen wurden, war so und wird es immer wieder geben, besonders wenn bestimmte Fächerkombinationen vorliegen.
Allerdings gilt auch, wer 5 fünf Jahre Studium und 2 Jahre Ref hinter sich hat und dann merkt, dass Lehrer sein doch nichts ist, der schmeist den Beruf auch nicht immer hin, sondern quält sich eventuell 30 Jahre durch die Schuljahre. Und das sind die schlimsten Lehrkräfte.
Die Quereinsteiger werden zudem ja immer in den Bereichen gesucht, wo niemand greifbar ist. Und ich glaube nicht, dass sich der Mangel in diesen Bereichen so schnell beheben lässt.
Und ja richtig, wenn der Job für einen Quereinsteiger nicht das Richtige ist, wird er das Weite suchen.
Wenn aber ein Quereinsteiger an eine Schule kommt, und er nur als „Wirtschaftsflüchtlichlig“ gesehen wird, der nur einen „easy“ Job sucht und keine Unterstützung bekommt, den man am Besten gegen die Wand laufen lässt, muss man sich nicht wundern, wenn es nicht klappt.
Zumindest gebt ihnen einen Chance.

Teacher Andi
6 Monate zuvor
Antwortet  trotzki

Ja das sollte man. Und sei es, um zu merken, dass die Lehrer doch nicht so faul und unfähig waren …..
Trotz allem kann man doch wohl von den gut bezahlten Bildungspolitkern erwarten, dass sie eine bessere Planung hinbekommen und die Schulbildung endlich wieder in die obersten Prioritäten einordnen. Mit der Quereinsteiger-Idee schwächt man das System noch mehr.

Alla
6 Monate zuvor

Früher waren es die Pastoren, die zusammen mit Handwerksaltgesellen die Kinder der Handwerker auf dem Lande unterrichteten. Die „Lehrer“ war meist körperlich eingeschränkt, konnten ihr Handwerk also nicht mehr ausüben.
Fächer: Religion und Lesen.
Wer mehr bezahlen konnte, konnte seine Kinder auch noch im Rechnen und Schreiben unterweisen lassen.
Das wäre doch auch heutzutage wieder möglich!

GriasDi
6 Monate zuvor

Zitat:
Um als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten, sei ein Studium mit Inhalten aus den Erziehungswissenschaften, Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und schulpraktischen Studien «dringend erforderlich.
Weder in Fachdidaktik noch in den Erziehungswissenschaften habe ich an der Uni Brauchbares für den Unterricht gelernt. Auch die Schulprsktika waren nur bedingt hilfreich. Einzig das 2jährige Referendariat hat auf den späteren Alltag sehr gut vorbereitet. Wenn also Quereinsteiger ein Referendariat machen ist doch alles OK. Allerdings wenn beides nicht gemacht werden muss gibt es sicher große Probleme.

Silja
6 Monate zuvor
Antwortet  GriasDi

Exakt so bewerte ich meine Ausbildung. Das Studium (Lehramt an Realschulen) vor knapp 30 Jahren war reine Fachwissenschaft. Ich kann immer noch Altenglisch und Mittelhochdeutsch. Auch die erste und zweite Lautverschiebung sind mir noch in guter Erinnerung. Fand ich alles höchst spannend, aber …

Für den Job, den ich tagtäglich ausübe, haben mir meine viereinhalb Jahre Uni nichts – NICHTS – mitgegeben.
Pädagogik, Psychologie und Didaktik waren entweder völlige Nischenprodukte („Essstörungen“, „Zwillingsexperimente“) oder abstrakte und praxisferne Veranstaltungen, die den erwachsenen (!) Studenten eine Menge „Das sollte es können“, aber kein „So geht es und so kannst du es machen“ vermittelt haben. Die didaktischen UND pädagogischen Grundvoraussetzungen hat das Referendariat geliefert, die überlebensnotwendigen Strategien habe ich im knallharten Berufsalltag erworben.

Quereinsteiger haben m.E. genau die gleichen fachlichen Startbedingungen – im besten Fall sogar mehr „Handfestes“ als mein Altenglisch, das ich an keiner meiner Schulen bislang benötigt habe.

Was den Quereinsteigern möglicherweise „fehlt“, ist die jahrelange Einstimmung auf den Zielort Schule. Wenn sie Biss und genug Kraft mitbringen, werden sie genauso bestehen können wie Studierte. Resilienz und Anpassungsfähigkeit sind das, was an Schulen heute gebraucht wird.

Teacher Andi
6 Monate zuvor

Richtig, laromir…. Aber die Wertschätzung kann gar nicht tiefer sinken …. Und wenn sich die Lage wieder „stabilisiert“ hat, dann werden die Lehrer wieder genauso unterirdisch behandelt werden. Das Buhlen um Lehrer und die Dankesbezeugungen seitens des KM sind reines Geheuchel.

Hellus
6 Monate zuvor

In den 60ern gab’s in NRW Mikätzchen und Mikater. Soweit ich das rückblickend beurteilen kann, hat meine Bildung nicht darunter gelitten.

Walter
6 Monate zuvor

„Über 40 % der Lehrer seien für den Lehrerberuf nicht geeignet“ sind seit mehr als 10 Jahren seine These und dann jetzt weitere Quereinsteiger obendrauf … und wo sind seine alternativen Lösungsansätze nachzulesen?

24.09.2021: „Über 40 Prozent der Lehrer in Deutschland sind eigentlich nicht geeignet“… In Bayern verhindere die mangelhafte Lehrerausbildung den Beruf – anstatt gut darauf vorzubereiten, sagte Seibert. „Das muss geändert werden, denn nicht jeder kann Lehrer.“ (SZ)

Am 03.09.2011 hörte es sich auch schon so an:
Laut Seibert beginnen im Herbst 700 Lehramtsstudierende. Rund 40 Prozent − das wisse man dank neuer Studien − seien ungeeignet für den Lehrerberuf. Das wären allein in Passau 280 Studenten.
Es wäre so leicht, hier was zu ändern, meint Seibert: „z. B. Fortbildung verbindlich zu machen oder das Fach Lehrergesundheit einzuführen.“ Die Studienordnung kranke an Praxismangel. „Wir haben keine faulen Lehrer, im Gegenteil, sie sind meist hoch engagiert.
Sie müssen halt einfach etwas tun, was sie so nicht gelernt haben.“ Seibert fordert mehr Praxisbezug für die Lehramtsstudenten.Es wäre so leicht, hier was zu ändern, meint Seibert: „z. B. Fortbildung verbindlich zu machen oder das Fach Lehrergesundheit einzuführen.“ Die Studienordnung kranke an Praxismangel. „Wir haben keine faulen Lehrer, im Gegenteil, sie sind meist hoch engagiert. Sie müssen halt einfach etwas tun, was sie so nicht gelernt haben.“ Seibert fordert mehr Praxisbezug für die Lehramtsstudenten.
https://www.pnp.de/lokales/stadt-und-landkreis-passau/passau-stadt/Test-Uniprofessor-siebt-unfaehige-Lehrer-Kandidaten-aus-209818.html

PaPo
6 Monate zuvor

Da das Thema ‚Quereinsteiger‘ ja weiterhin ein großer Aufreger bleibt und dieselben von allen Seiten (Politik, Medien, Lehrerverbände, Lehrer etc.) oftmals als nicht hinreichend qualifiziert gescholten werden, mußte ich mir einfach mal das Folgende von der Seele schreiben (entschuldigt, es ist sehr lang geworden… und wieder ein ceterum censeo von mir, dass ich zu anderer Gelegenheit vor gerauemr Zeit verfasst habe):

Der regelmäßig kaum verhohlene, arrogant-despektierliche, überlegenheitsdünkelnde Elitarismus vieler Kommentare in dieser Frage und selbst seitens regulärer Lehramtabsolventen im Lehrerberuf ggü. akademischen Quereinsteigern i.V.m. der unreflektiert-affirmativen Aufrechterhaltung und z.T. gar Glorifizierung des Primats der pädagogisch-didaktischen Inhalte des Lehramtsstudiums und während der Lehrerausbildung an den Studienseminaren, Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung etc., stimmen mich traurig.

Da verklären diejenigen, die die Quereinsteiger zu diskreditieren suchen, – zumindest implizit – den Lehrerberuf zu einem ominösen Arkanum, dessen ‚korrekte‘ Ausübung i.d.R. nur Lehramtsabsolventen qua pädagogisch-didaktischer Qualifikation möglich sei. Sie scheinen dabei aber bzgl. der in o.g. Institutionen vermittelten pädagogischen Perspektiven und hinsichtlich der Fachdidaktiken der einzelnen Unterrichtsfächer die folgenden Zusammenhänge nicht zu realisieren oder gar zu ignorieren, nämlich:

(a) Dass diese Inhalte im Gros eben nicht von einer geradezu kaum zu bewältigenden Komplexität sind, wie man dies als Außenstehender zu wissen meint oder sich dies u.U. selbst als Absolvent dieser Institutionen suggeriert, um ggü. Quereinsteigern mit der eigenen vtml. höheren Expertise in diesen Belangen bramarbasieren zu können, obschon sich diese jene ‚Expertise‘ wohl auch im Nu aneignen können sollten, zumal es sich oftmals ohnehin lediglich um Naheliegend(st)e handelt (it’s not rocket science…). Um einmal ein anekdotisches Argument ad verecundiam zu bemühen: Ich habe in dieser Reihenfolge ein Magister-, ein Promotions- und letztlich ein Lehramtsstudium (Bachelor-/Masterprogramm) absolviert und ganz ehrlich, für das Unterrichten (in meinem Fall erst an einer Gesamtschule und dann am Gymnasium) war meine pädagogisch-didaktische Ausbildung kein relevanter Gamechanger, eben aus den genannten und noch folgenden Gründen. Man kommt übrigens nicht umhin zu bemerken, dass ja oftmals Lehramtstudenten von ihren Nichtlehramtskommilitonen selbst unangemessen depektierlich belächelt werden… und nun dreht sich dieses Unrecht bei ehem. Lehramtstudenten gegenüber quereinsteigenden Nichtlehramtsabsolventen. Ius talionis ftw?!

(b) Dass ein eklatantes und evidentes Theorie-Praxis-Problem zwischen pädagogisch-didaktischen Theorien und praktischem Handeln resp. dem eigtl. Unterrichten existiert, d.h. diese Theorien auch aufgrund der Komplexität menschlichen Verhaltens/Handelns und der des Schul-/Unterrichtsalltags oftmals wenig bis kaum oder z.T. garkein konkretes Handlungsangebot machen können, welches über die Profanität ohnehin evidenter Aktionen hinauszugehen vermag, das sich auch Personen ohne die einschlägige pädagogisch-didaktische Qualifikation zumindest bei z.B. hinreichender Empathie, Kenntnis (schul-)rechtlicher Rahmenbedingungen und Lehrinhalten etc. und evtl. einem Minimum an entwicklungspsychologischen Kenntnissen erschließen sollte. Patentlösungen für alle kleinen und großen Probleme der Schulrealität bietet die Theorie nicht und ich persönlich wage sogar zu bezweifeln, dass in der Praxis eine Rückbesinnung auf dieses theoretische ‚Fundament‘ der eigenen Profession regelmäßig ausschlaggebende Lösungsansätze vermittelt, auf die nicht auch jedermann kommen könnte.

(c) Dass die während des Lehramtsstudiums und während der Lehrerausbildung vermittelten pädagogisch-didaktischen Inhalte im Gros fächerübergreifend an einem Empiriedefizit in Form fehlender oder qualitativ u./o. quantitativ nicht hinreichender quantitativer(!) Fundierung durch einschlägige Forschung leiden, so dass bspw. (um einmal den Kern des Schulalltags zu fokussieren und nicht z.B. den Umgang mit Unterrichtsstörungen o.ä. zu thematisieren) die Lehr-/Lernwirksamkeit bestimmter Methoden und Techniken zwar oftmals behauptet, aber selten (hinreichend) belegt wird. Diese Behauptungen basieren nicht selten auf idiosynkratischen Schul-, Lehrer-, Schüler- und Unterrichtsbildern, sozio-politischer Ideologie, simplem Gusto u./o. Allgemeinplätzen – übrigens auch auf ministerialer Seite (was bspw. die pauschale Diabolisierung des Frontalunterrichts im letzten Jahrzehnt miterklärt) –, vulgo (regelmäßig quasi dogmatisch artikulierte und befolgte) Meinungen, nicht Wissenschaft. Oder man bemüht oftmals hochproblematische qualitative Studien, die sich im Rahmen des Lehramtsstudium und während der Lehrerausbildung ohnehin einer ungebührlichen Beliebtheit erfreuen, während der Umgang mit quantitativer Forschung insb. außerhalb der MINT-Fächer eine Seltenheit zu sein scheint (nein, ich selbst bin kein MINT-Lehrer), was auch ein Verständnisproblem sein könnte, da die Vermittlung der Methoden und Techniken quantitativer empirischer Forschung und i.d.Z. auch die der Grundlagen der Statistik dort nach wie vor nicht vermittelt werden, was m.E. skandalös ist: So erklärt sich evtl. auch die in einschlägigen Kreisen enorme Beliebtheit der sog. Hattie-Studie, eben weil deren eklatante und evidente methodisch-technische Probleme und problematische Ergebnisinterpretationen erst gar nicht erkannt und die Ergebnisse insg. nicht angemessen eingeordnet werden können. Die Vermittlung dieser Wissenschaftskompetenzen hielte ich aus diversen Gründen sogar für wichtiger als die der pädagogisch-didaktischen Inhalte, wenn es z.B. doch darum geht, die Schüler zu eigenverantwortlichen, gemeinschaftsfähigen, reflektierten und demokratischen Staatsbürgern zu erziehen und sich mglw. besser anstellen läßt, wenn man sich auch selbst als Lehrender zu einem angemessenen Skeptizismus in der Lage sieht und nicht schlechtestenfalls als Akademiker die Abstracts von Studien ungeprüft für bare Münze nehmen muss… aber ich schweife ab.

Natürlich heißt das alles nicht, dass ich auf die pädagogisch-didaktischen Inhalte im Lehramtsstudium und in der Lehrerausbildung verzichten würde oder dass man diese partout von Quereinsteigern fernhalten sollte (mehr ‚Wissen‘ schadet nicht und leistet dem Reflexionsvermögen im Idealfall einen Dienst), sondern dass – obschon sie der entscheidende Unterschied zwischen einem Lehramtsstudium und einem nicht auf das Lehramt fukossierten Studium sind – sie m.E. nicht den Unterschied zwischen z.B. ‚korrektem‘ i.S.v. lehr-/lernwirksamen Unterrichten und Unterrichtsversagen ausmachen, wie oftmals suggeriert wird.
Lehr-/Lernwirksames Unterrichten dürfte maßgeblich von ganz anderen Faktoren abhängen. Gutes Unterrichten dürfte bspw. viel mehr vom individuellen Typ (Stichwort: Lehrerpersönlichkeit) und auch von Praxiserfahrungen abhängen. So machen mit Bezug auf Letzteres wohl eher die Schulpraktika und das Referendariat (ohne an dieser Stelle auf die Probleme der aktuellen Formen desselben eingehen zu wollen) – wenn überhaupt – einen Unterschied, den ein Quereinsteiger aber auch – durch Praxis eben – aufholen kann.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass die Notwendigkeit des Einsatzes von Quereinsteigern tatsächlich ein „völliges Versagen“ (Heinz-Peter Meidinger) der Bundesländer bedeutet. Es bedeutet nicht, dass man jetzt einfach auf das Lehramtsstudium verzichten und nur noch Magister-/Masterabsolventen einstellen sollte, weil man ja damit die gleichen Ergebnisse erzielen würde.

tl:dr
Ein Quereinsteiger ist nicht automatisch schlechter qualifiziert als ein regulärer Lehramtsstudiumabsolvent… und da haben wir noch gar nicht die Vorzüge von Quereinsteigern (z.B. Erfahrungen außerhalb des Systems Schule) thematisiert; jedes dahingehende Überlegenheitsdünkeln ist fehl am Platze.

Peter Hase
6 Monate zuvor
Antwortet  PaPo

Ich finde, das haben sie sehr treffend formuliert. Ich habe eine klassische Lehramtsausbildung hinter mir und habe den Beruf ausschließlich im Referendariat gelernt. Dabei möchte ich noch anmerken, dass ich deutlich mehr von meinen Mentoren als von den Fachleitern profitiert habe. Fachdidaktik an der Uni war derartig lächerlich, dass ich davon nichts hatte. Das pädagogische Begleitstudium war ähnlich hilfreich. In den Niederlanden hat übrigens ein Referendar (Grundschule) zu Beginn des Referendariats bereits ca 1000 Unterrichtsstunden gehalten. Das nenne ich eine praktische Ausbildung. Und solche studenten haben dann auch einen erheblichen Vorteil gegenüber Seiteneinsteigern.

GriasDi
6 Monate zuvor
Antwortet  Peter Hase

Auch ich stimme zu.
Allerdings haben mir meine während des Studiums gehaltenen Unterrichtsstunden für meinen Beruf nicht viel gebracht. Einzig die Erfahrung, dass ich vor einer Klasse bestehen kann. Was aber alles dranhängt am „Lehrersein“ erfährt man erst im Referendariat.
Vielleicht kommt die Haltung der „gelernten“ Lehrer auch von der Verachtung, die ihnen durch die ach so harte freie Wirtschaft entgegengebracht wird.
Überall wird hart gearbeitet (Schule und freie Wirtschaft), überall gibt es Nieten und Faulenzer (Lehrer und freie Wirtschaft, ja auch hier und diese behalten sogar ihren Job) überall ist der größte Anteil „nur“ Durchschnitt (liegt an Gauß).

amalie
6 Monate zuvor

Die gute alte Lernzielorientierung wurde nach meiner Beobachtung durch die Umdeklaration in ‚Kompetenzorientierung‘ verwässert, während – vielleicht auch WEIL – sie im Kern eigentlich schon immer Kompetenzorientierung war.
Eine diesbezügliche Desorientierung befördert m.E. einen Rückzug der Lehrkräfte aus der Verantwortung für den Lern-ERFOLG: Modularisierung des Stoffes, methodischer Aktivismus statt weitblickender Didaktik gepaart mit eher unsinnigen punktuellen Lernkontrollen tritt an die Stelle des steten Blickes für das Ganze des Vermittlungs- und Lernprozesses.
Hier trifft sich die Problematik mit der des Quereinsteigertums: Die reine Fachorientierung ohne pädagogische Ausbildung überfordert viele Quereinsteiger, wenn sie nicht nur ‚machen‘ sollen, sondern gleichzeitig im Blick haben müssen, was bei den SuS ankommt und umgesetzt wird bzw. werden kann. Das es für Coaching und Evaluation kein Personal gibt, weshalb ja überhaupt Quereinsteiger gebraucht werden, ist es eben Glücksache, ob ‚was dabei herauskommt‘ oder ob nur der Statistik gedient wird.

amalie
6 Monate zuvor

„Dass es für Coaching und Evaluation kein Personal gibt,“

eldorado
6 Monate zuvor

Da muss ich wiedersprechen. Alleine durch die Art, wie an der Uni (in allen Studiengängen) gelehrt wird, wird man dort wenig auf die Praxis vorbereitet. Hier z.B. ein Bericht darüber:
https://www.wiwo.de/erfolg/hochschule/studentenrekord-studium-bereitet-kaum-auf-den-job-vor/12637822.html
Ich bin schon lange der Auffassung, dass bei uns in Deutschland die Bürokratie so kompliziert ist, weil studierte Leute, die kaum Ahnung von der Praxis an forderster Front haben, diese gestalten.

Zurück zu den Schulen: Ein Quereinsteiger kommt dagegen meist mit mehr Lebenserfahrung und der Bereitschaft, sich einzuarbeiten (Seminare). Ich bin auch dafür, dass man nicht jeden nehmen sollte. Der Besuch von Fortbildungen sollte schon Vorraussetzung sein, ebenfalls sollten in der Anfangszeit Unterrichtsbesuche stattfinden, so dass man einen Eindruck von dem neuen Mitarbeiter erhält. Wenn man merkt, dass er das Wissen zwar hat, aber nicht vermitteln kann oder überhaupt nicht mit den Schülern zurecht kommt, dann sollte man da natürlich einen Cut machen. Aber warum sollte man auf die Quereinsteiger, die sich gut anstellen und bereit sind, sich einzuarbeiten, verzichten?
Und gerade in den berufsspezifischen Fächern an den Berufsschulen finde ich, dass Lehrer, die den angehenden Beruf aus der Praxis kennen, eine Bereicherung sein können.

Unerträglich
6 Monate zuvor

Wer die Meinung des Professors „dumm“ findet, sollte sich Mal Gedanken über seine Art der Kommunikation machen.
Der Professor hat vollkommen Recht in meinen Augen.

Nordlehrer
6 Monate zuvor

Quereinsteiger selbst sind vollkommen unschuldig, wenn sie unterqualifiziert in den Lehrerberuf starten.
Ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern aussieht, aber hier ist deren Ausbildung die eine absolute Katastrophe.
Ihre komplette Ausbildung entspricht im Prinzip den Modulen, die Referendare auch machen. Nur, dass ihnen eben im Vorfeld keine fachdidaktischen oder fachwissenschaftlichen Kenntnisse beigebracht wurden. Stattdessen sammeln sie all ihr Wissen in der Praxis. Die meisten Quereinsteiger unterrichten ja sogar mehrere Jahre BEVOR ihre Umschulung beginnt.
Natürlich brauch man auch einen Großteil der Dinge, die man in einem Lehramtsstudium lernt, später überhaupt, aber gewisse Teile eben doch.
Natürlich wäre der Lehrerberuf für Quereinsteiger viel zu unattraktiv, wenn man eine komplette Ausbildung machen müsste, aber um eine gewisse theoretische Vorausbildung muss die Ausbildung für Quereinsteiger erweitert werden. Ansonsten könnten sich auf Nicht-Quereinsteiger ihre 5!-jährige Ausbildung an der Uni sparen.

Wir brauchen die Quereinsteiger an den Schulen. Aber die Quereinsteiger brauchen auch eine bessere Ausbildung.

Ich kenne sehr viele Quereinsteiger, die ganz ausgezeichnete Lehrkräfte sind! Von daher soll dieser Kommentar keineswegs Quereinsteiger in Verruf bringen!

trotzki
6 Monate zuvor
Antwortet  Nordlehrer

„Ansonsten könnten sich auf Nicht-Quereinsteiger ihre 5!-jährige Ausbildung an der Uni sparen.“
Es geht hier eigentlich nur um das Thema der Erziehungswissenschaften. Die werden ja auch nur anteilig unterrichtet. Und ob alles von den ersten 6. Semester am Ende noch da ist, stelle ich einfach mal im Raum. Wenn der QE ein Masterstudium absolviert hat, hat er ja eine „Teilleistung“ erbracht.

„Lehrerberuf für Quereinsteiger viel zu unattraktiv, wenn man eine komplette Ausbildung machen müsste“
– Sie könnten es sich zum größten Teil finanziell auch gar nicht leisten, besonders wenn sie schon eine Familie haben. Viele sind ja schon etwas älter.

Das Problem „der Umschulung“ ist doch, dass die Quereinsteiger in vielen Schulen sofort benötigt werden, und hier gilt: „Die Qualität steht er einmal an zweiter Stelle, Hauptsache es fällt kein Unterricht aus“.
Qualität bedeutet, Möglichkeiten zu schaffen wichtige Grundlagen zu erlernen, Mentoring und Unterstützung durch erfahrene Kollegen und nicht Tür auf, da ist die Klasse, viel Erfolg.

Lera
6 Monate zuvor

Ohne Lehramts-Studenten können 9 von 10 Pädagogik-/ EW-Lehrstühle dichtmachen.
Von daher: wenig überraschende pro domo Argumente.
Die Annahme, das jetzige System sei gut oder gar alternativlos, ist lächerlich.

Gümnasiallehrer a.D.
6 Monate zuvor

Das nennt sich ‚Dammbruch‘, denn ab jetzt wird es keinen Weg mehr zurück geben. Das ist bisher in jedem anderen Bundesland so.

Julia
6 Monate zuvor

Nur LehrerInnen sägen den eigenen Ast ab, auf dem sie sitzen!

Niemand widerspricht, dass sich aus dem Kreise der Quereinsteigenden keine guten Lehrkräfte generieren lassen. Gründe wurden benannt.
Niemand widerspricht, dass es in jeder Phase der Lehramtsausbildung Verbesserungsgelegenheiten gibt.
Aber wenn jeder nach Art von „learning by doing“ in eine Lerngruppe geschickt wird, dann braucht es in der Tat kein Studium. Dann sehe ich meine Bezüge als Ersatz für diese Lebenszeit, in der ich keine anderen Einkommensgelegenheiten nutzen konnte.

DANN SOLL ABER HIER NIEMAND MEHR DARÜBER WEINEN UND LAMENTIEREN, DASS SICH DIE MITGLIEDER DER KMK EBENSO REKRUTIEREN!

NetterMisanthrop
6 Monate zuvor

Als schmutziger kleiner Quereinsteiger (Englisch, momentan an einer Sek1-Schule) mit mehrjähriger Berufserfahrung als Lehrer in 3 Bundesländern und weiterer Berufserfahrung als Angestellter und Selbständiger:

Ich habe verstanden, dass ich nie so viel Ahnung von Schule, Schülern und Unterricht haben werde wie ein Pädagogik-Professor. Wenn dieser sagt, ich bin ungeeignet, dann ist es so – ist ja Professor und bei einer Pandemie z.B. höre ich ja auch auf Virologen, Epidemiologen etc.
Und die Wortwahl war noch nett, habe ja auch schon gelesen, dass mein Einsatz ein „Verbrechen an den Kindern“ ist.

Ich bedanke mich für die Belehrung und scheide somit demütig und hochachtungsvoll aus dem Schuldienst aus.

Kündigung ist raus.

Mögen viele Quereinsteiger auch das Licht sehen und meinem Beispiel folgen, auf dass nur noch wahre, grundständig ausgebildete Lehrkräfte an den Schulen unterrichten. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt jenseits der Schulen ist grade nicht so schlecht für gut ausgebildete Menschen.

Palomino
6 Monate zuvor
Antwortet  NetterMisanthrop

Und tschüss!