Lehrermangel: In Berlin gibt’s die ersten Grundschulen, in denen mehr als 30 Prozent Seiteneinsteiger unterrichten – alle in Brennpunkten

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BERLIN. Ein aktueller Trend droht die soziale Unwucht im deutschen Schulsystem drastisch zu verschärfen: Der Lehrermangel trifft Grundschulen in sozialen Brennpunkten besonders hart. Gerade dort, wo der Bedarf an pädagogischer Qualifikation besonders hoch ist, können Stellen entweder nur mit pädagogisch nicht ausgebildeten Seiteneinsteigern besetzt werden – oder eben gar nicht. In Berlin gibt es jetzt die ersten Schulen, deren Lehrerkollegien bereits zu mehr als 30 Prozent aus ursprünglich nicht als Lehrern ausgebildeten Kräften bestehen.

In sozialen Brennpunkten - wie hier Berlin Neukölln - sind Migrantenquoten von 70 Prozent aufwärts in Schulen keine Seltenheit. Foto: Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)
In sozialen Brennpunkten – wie hier Berlin Neukölln – sind die Herausforderungen für Lehrkräfte besonders groß. Foto:
Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)

In Berlin gibt es mittlerweile sieben Schulen, bei denen das Lehrerkollegium nur noch zu 70 Prozent oder weniger aus vollständig ausgebildeten Lehrern besteht. Die übrigen sind sogenannte Quer- und Seiteneinsteiger. Das berichtet der Berliner „Tagesspiegel“. Alle betroffenen Schulen sind Grundschulen – und: Alle Schulen gelten als Brennpunkt-Schulen, also Schulen in einem sozial schwierigen Umfeld. Damit hält ein problematischer Trend an, der sich bereits seit einiger Zeit abzeichnet: Gerade die Schulstandorte, an denen die Arbeit die höchste pädagogische Qualifikation erfordert, bekommen auf ihre freiwerdenden Stellen keine qualifizierten Pädagogen.

300-Euro-Zulage für Lehrer an Brennpunktschulen hat nichts gebracht

Daran hat laut Bericht auch die seit 2018 in Berlin gezahlte monatliche 300-Euro-Zulage für Lehrer an Brennpunktschulen nichts geändert. Auch eine andere Maßnahme der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sei kaum ins Gewicht gefallen, heißt es: Sie habe bereits im Vorjahr versucht, die zusätzlich eingestellten Quer- und Seiteneinsteiger besser zu verteilen. Dafür seien die Schulen, die nur ausgebildete Lehrer beschäftigen, dazu verpflichtet worden, bei Neueinstellungen mindestens einen Quereinsteiger aufzunehmen. Es habe allerdings umgehend Proteste gegeben: Ausgebildete Junglehrer hätten damit gedroht, in andere Bundesländer zu wechseln, wenn sie wegen der Vorgabe nicht an ihre Wunschschule kommen sollten. Die Drohung hat in Berlin Substanz: Brandenburg ist mit der S-Bahn zu erreichen.

Das Phänomen, dass belastete Grundschulstandorte nur noch selten qualifizierte Kandidaten finden, gibt es bundesweit – auch die GEW in Hessen beschreibt das Problem. „Die veränderten Rahmenbedingungen haben inzwischen dazu geführt, dass sich ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer die Schule und den Schulbezirk aussuchen können“, so heißt es in einem Bericht im Mitgliedermagazin „HLZ“. „Und deshalb ist es auch kein Wunder, dass gerade die Grundschulen im sozialen Brennpunkt den höchsten Anteil  von Lehrkräften ohne Lehramt haben.“ Eine Antwort der hessischen Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion belege, dass der Anteil der Quereinsteiger an hessischen Grundschulen höchst unterschiedlich verteilt sei: Stadt und Landkreis Offenbach, die Stadt Frankfurt und der Kreis Groß-Gerau sind nicht nur die Regionen mit dem höchsten Anteil an Quereinsteigern, sondern eben auch die Regionen mit dem höchsten Anteil von Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache und aus Familien mit Hilfe zum Lebensunterhalt.

OECD prophezeit: Seiteneinstieg im Schnellverfahren wird Probleme bereiten

Der Essener Bildungsforscher Prof. em. Klaus Klemm kommt zu dem Ergebnis, dass der Lehrermangel „die soziale Schieflage an den Grundschulen weiter verstärken wird“. Er erklärt in der „Frankfurter Rundschau“: „Hochqualifizierte Lehrkräfte bewerben sich lieber an Schulen in einem gut situiertem Umfeld statt an Brennpunktschulen, obwohl sie dort dringend benötigt werden, um die schwachen Schüler zu fördern. Umgekehrt unterrichten an Problemschulen schon jetzt überproportional viele Seiteneinsteiger, die keine grundständige pädagogische Ausbildung haben.“

Auch die OECD schlägt Alarm. Der Seiteneinstieg mit berufsbegleitender Ausbildung im Schnellverfahren wird Probleme bereiten, so heißt es dort. In einer Sonderauswertung der PISA-Studie zum Thema Lehrerqualifikationen von 2018 heißt es: Gut ausgebildete Lehrer sind die Voraussetzungen für gute Schülerleistungen – und das gilt umso mehr, je schwieriger die zu unterrichtende Schülerklientel ist. Die Mehrzahl der Staaten an Schulen setzt deshalb in sozialen Brennpunkten auf kleinere Klassen und besonders gut ausgebildete Pädagogen. Rund ein Drittel der untersuchten Länder beachtet das allerdings nicht. Dort werden an den problematischeren Schulstandorten Lehrer mit niedrigerer Qualifikation eingesetzt – ein schwerer Fehler, meinen die PISA-Forscher.

Schleicher: Die schwierigsten Schulen brauchen die besten Lehrer

Und den begeht auch Deutschland gerade, wie PISA-Koordinator Andreas Schleicher in einem Interview erläuterte (News4teachers berichtete). Zwar gelinge es inzwischen, mehr Lehrer an sogenannten Problemschulen zu beschäftigen und damit einzelnen Schülern eine bessere Betreuung zukommen zu lassen, immerhin. Aufgrund des Lehrermangels ergibt sich aber an Brennpunktschulen zunehmend die Situation, dass – um freiwerdende Stellen dort überhaupt noch besetzen zu können – immer mehr Seiteneinsteiger in die ohnehin stark belasteten Kollegien gelangen. Schleicher: „Das heißt, die Schulen mit den größten Herausforderungen haben in der Regel die Lehrkräfte, die weniger Erfahrung haben oder auch einen geringeren Grad der Ausbildung. Also da muss Deutschland noch sehr viel mehr tun, um sicherzustellen, dass die schwierigsten Schulen auch am attraktivsten sind für die besten Lehrer.”

Dass die Qualifikation von Seiteneinsteigern durchgängig ausreicht, um auch an Brennpunktschulen bestehen zu können, darf bezweifelt werden. „In den Ländern gibt es viele verschiedene Modelle für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern oder Quereinsteigern – von einem vollwertigen Referendariat mit ergänzendem pädagogischen Seminar bis hin zu einer eigenen Ausbildung über zwei Jahre, die dann aber nebenher geschieht, während die Arbeit in der Schule schon läuft“, so erläutert der Vorsitzende des Verbands bak Lehrerbildung, Helmut Klaßen. „Verschärfend kommt hinzu, dass der Lehrermangel in einigen Regionen bereits ein solches Ausmaß angenommen hat, dass dort eigentlich jeder Kandidat in den Schuldienst durchgewunken wird. Selbst diejenigen, die am Ende durchfallen, bekommen hinterher eine unbefristete Stellte im Lehramt.“ Klaßen: „Wir haben hier ein großes, ernsthaftes Problem.“  Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Was die Ministerien verschweigen: Immer mehr Seiteneinsteiger kommen als „Vertretungslehrer“ in die Schule – ohne Nachqualifikation

 

 

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9 KOMMENTARE

  1. Yie „besten Lehrer“ können eben nicht gezwungen werden, irgendwo zu arbeiten, sondern suchen sich ihre Schule selber aus. Es wird wohl an den Arbeitsbedingungen liegen, nicht wahr? Wenn es schlicht eine 20% Entlastung gäbe, sprich einen freien Tag in der Woche bei voller Bezahlung, dann wäre vielleicht die Situation an den Negativ-Schulen eine ganz andere.

  2. Dass an Brennpunktschulen die meisten Seiteneinsteiger unterrichten ist doch nur das Beste für diese Schulen.
    Bekamen die Lehrer nicht jahrzehntelang – gerade von „Nicht-Lehrern“ – erzählt, wie guter Unterricht aussieht, wie man Schüler motiviert usw.
    Jetzt sind diese zum Glück für die Schüler endlich an den Schulen.

      • Wie es in jeder Berufsgruppe gute und schlechte gibt.

        Zynisch sind die Bildungsbehörden, die nicht für eine adäquate Lehrerausstattung sorgen.

      • Man stelle sich einmal vor:
        Aufgrund der Ärztemangels werden Laien in den Krankenhäusern eingestellt.
        Aber Lehrer kann ja jeder – diese Praxis entwertet den Beruf des Lehrers. Ist es da verwunderlich dass es einen Lehrermangel gibt?

  3. Ich muss Schleicher Nebelwerfen vorwerfen. „Also da muss Deutschland noch sehr viel mehr tun, um sicherzustellen, dass die schwierigsten Schulen auch am attraktivsten sind für die besten Lehrer.” nein, nicht Deutschland, sondern die Berliner Bildungssenatorin und ihre Behörde sind zuständig!

    • Doch, Deutschland.
      Dass die Schulen mit vielen SuS aus benachteiligten Familien nur schwer Lehrkräfte finden, ist in anderen BL auch so.
      Je mehr schulscharfe Ausschreibungen es gibt, desto weniger Chance besteht, dies besser zu steuern. Aber das ist ja politisch offenbar auch nicht gewollt. Sonst könnten ja die besser gestellten Schulen mit vollen Kollegien Seiteneinsteiger einarbeiten, während die anderen Schulen ausgebildete Lehrkräfte erhielten.

      Zusätzliche Entlastungen für die Lehrkräfte gibt es an den Schulen im Brennpunkt nicht. Sie übernehmen unzählige zusätzliche Aufgaben in großer Menge für nahezu jeden Schüler und werden überall Abstriche machen müssen, da ihre Arbeitszeit nicht für alles ausreichen kann.
      Zudem arbeiten sie Quer- und Seiteneinsteiger sowie Abordnungen immer neu ein.

      Werden angesichts des Lehrkräftemangels auch noch Stunden für vorschulische und innerschulische Sprachförderung und Inklusion gestrichen, wird die Lage an den Brennpunktschulen insgesamt noch brisanter, da diese Förderung zwar bitter nötig ist, aber nicht mehr geleistet werden kann. Hauptsache, die Statistik stimmt.

      Will man angesichts der Herausforderungen keine weiteren Kosten entstehen lassen, verändert man die Bedidngungen für Unterstützungsleistungen derart, dass immer weniger Kinder und Jugendliche Hilfe erhalten können. Hauptsache, die Bilanz stimmt.

      Sind die Leistungen im nächsten Vergleich dann nicht genehm, sucht man sich die Schuldigen innerhalb der Schulgebäude.

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