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VBE-Studie zum Lehrkräftemangel: “Viel dramatischer als von der KMK kommuniziert”

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BERLIN. Die Bildungsgewerkschaft VBE geht davon aus, dass in den kommenden Jahren deutlich mehr Lehrkräfte gebraucht werden, als von der Kultusministerkonferenz (KMK) angenommen. Die Modellrechnungen der KMK zum Neuangebot ausgebildeter Lehrkräfte bis 2030 seien «unseriös», hieß es am Dienstag bei der Vorlage einer eigenen Studie des Verbands Bildung und Erziehung. Die Annahmen seien weder durch die Entwicklungen bei den Studierendenzahlen im Lehramtsstudium gedeckt noch durch die Zahl der Schulabsolventinnen und -absolventen in den kommenden Jahren.

“Mogelpackung”: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE

Der VBE kritisierte darüber hinaus, dass die Länder bei ihren Vorausberechnungen zum Lehrkräftebedarf den geplanten Ausbau von Ganztagsplätzen, Zusatzbedarfe für Sonderpädagogen und die von der Ampel-Regierung geplante Förderung von Schulen in sogenannten sozialen Brennpunkten nicht berücksichtigt hätten.

Für den VBE legte der Bildungsforscher Prof. em. Klaus Klemm eigene Zahlen vor. Er geht demnach von mindestens 81.000 fehlenden Lehrkräften bis 2030 aus. Klemms Berechnungen zufolge wird die Zahl der Absolventen, die neu in den Beruf eintreten könnten, deutlich niedriger liegen als von der KMK prognostiziert.

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“Etwa die Hälfte der Länder schreiben die aktuellen Angebote von Absolventen bis 2030 einfach fort”

Der renommierte Bildungsökonom nannte die Berechnungen auf der Angebotsseite «abenteuerlich». Das Lehrkräfteangebot werde massiv überschätzt. Etwa die Hälfte der Länder würden die aktuellen Angebote von Absolventen bis 2030 einfach fortschreiben, ohne Rücksicht auf das, was sich verändern könnte. Er kritisierte speziell die Zahlen aus Sachsen, wo die prognostizierte Zahl von Absolventen in den kommenden Jahren genau mit denen der benötigten Lehrkräfte übereinstimmen. Rechnerisch entsteht daraus gar keine Lehrkräftelücke.

Der Bildungsforscher legte für seine eigenen Berechnungen die Zahl der Schulabgänger mit allgemeiner Hochschulreife und den Anteil davon, der ein Lehramtsstudium aufnimmt und abschließt, zu Grunde. Auf Basis dieser Rechnung kommt er mit 286.000 auf ein deutlich geringeres Angebot als die von den Ländern errechneten 350.000 neue Lehrkräfte. Bei einem von Klemm errechneten Bedarf von 367.000 Lehrkräften ergibt sich eine Lücke von 81.000.

Der VBE wies zudem auf den geplanten Ganztagsausbau, den zusätzlichen Bedarf an Sonderpädagogen und die von der Ampel-Regierung geplante Förderung von Schulen in sogenannten sozialen Brennpunkten hin. Für diese Maßnahmen werden der Studie zufolge weitere 74.000 Lehrkräfte benötigt.

In der letzten KMK-Berechnung, die allerdings schon mehr als ein Jahr alt ist, ergibt sich eine rechnerische Lehrkräftelücke von nur 13.000. Zwischen 2020 und 2030 wird demnach von rund 363.000 Lehrkräften ausgegangen, die eingestellt werden müssten, und von einem Angebot an Absolventen von knapp 350.000.

Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann sprach von einer «Mogelpackung». «Die nun vorliegenden Zahlen zeigen glasklar: Es ist viel dramatischer als von der KMK kommuniziert», sagte er. «Die Politik kann sich nicht mehr aus der Verantwortung stehlen und sagen, sie hätte es nicht besser gewusst.» Die Kultusminister arbeiten momentan an einer aktualisierten Prognose, die voraussichtlich im Frühjahr vorgelegt wird.

„Unser Bildungssystem ist, insbesondere im Grundschulbereich, massiv unterfinanziert”

Beckmann: „Der Lehrkräftemangel ist das derzeit größte Problem im Schulbereich und stellt eine massive Bedrohung für Bildungsqualität, -gerechtigkeit und die Zukunft unseres Landes dar. Die größten Herausforderungen, mit denen Schule aktuell konfrontiert ist und künftig konfrontiert sein wird, – Corona-Pandemie, Integration, Inklusion, Digitalisierung, Ganztagsbeschulung, – werden ohne Bereitstellung der erforderlichen personellen Ressourcen nicht zu lösen sein. Realität ist: Lehrkräfte arbeiten schon seit langem und nochmals verstärkt durch die Pandemie an oder oberhalb ihrer Belastungsgrenze.“

Die notwendige individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern sei unter den gegebenen Rahmenbedingungen in der Regel nicht mehr leistbar. „Unser Bildungssystem ist, insbesondere im Grundschulbereich, massiv unterfinanziert, wie auch die OECD-Berichte zeigen. Bereits seit Jahren notwendige Maßnahmen und Investitionen in die Gewinnung von qualifiziertem Lehrpersonal werden zwar von der Politik öffentlichkeitswirksam angekündigt, die erforderliche Umsetzung aber wird viel zu oft verweigert“, befand der VBE-Chef.

Die Präsidentin der KMK, Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU), sagte, alle 16 Länder seien sich der Lage bewusst und ergriffen landesspezifische Maßnahmen. «Der bereits in der Vergangenheit prognostizierte Engpass wird durch die Folgen steigender Geburtenzahlen und Zuwanderung und vieles mehr noch verstärkt. Solche Ergebnisse von Studien sind für uns also nicht neu und wir haben die Entwicklung im Blick.» News4teachers / mit Material der dpa

Der VBE fordert

Der Forderungskatalog des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zur Personalbedarfsstudie im Wortlaut:

  • „Wir brauchen eine bundesweite Fachkräfteoffensive, jetzt! Diese muss im Sinne des im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankerten Kooperationsgebotes im Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Kommunen umgesetzt und voll ausfinanziert werden.
  • Planung und Durchführung der Lehramtsausbildung müssen dringend verbessert werden. Es braucht eine Erhöhung der Studienplätze bei gleichzeitiger Verbesserung der Studienbedingungen und der Studienbegleitung, auch um eine Reduzierung der Abbruchquoten zu erzielen.
  • Die Attraktivität des Berufsbildes muss spürbar gesteigert werden. Es braucht die gleiche Bezahlung unabhängig von Schulform und -stufe und eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Schule.
  • Die Politik muss sich ehrlich machen, ob und wie ernst sie es meint mit den schulpolitischen Maßnahmen Ganztag, Inklusion, Integration und der Unterstützung von Kindern in herausfordernden sozialen Lagen. Um diese Maßnahmen bedarfsgerecht umzusetzen, braucht es etwa ein Zwei-Pädagogen-System, was den Lehrkräftebedarf massiv erhöht. Hier muss die Politik endlich Antworten liefern, wie sie dies bewältigen will.
  • Der Lehrkräftemangel kann und muss durch den Aufbau und die Integration von multiprofessionellen Teams abgemildert werden! Verwaltungsaufgaben müssen minimiert oder durch entsprechende Fachkräfte durchführt werden.  Schulpsychologinnen, Schulsozialarbeiter, Schulgesundheits- und IT-Fachkräfte können nicht nur Lehrkräfte entlasten, sondern auch an Schule existente Aufgaben fachgerecht ausführen, für die Lehrkräfte nicht originär ausgebildet sind.
  • Schulabsolventinnen und Schulabsolventen müssen über eine bundesweite Lehrkräftegewinnungskampagne gezielt angesprochen werden, um den zwingend notwendigen schnellen Zuwachs an Studierenden zu erzielen.
  • Kurz- und mittelfristig notwendige Maßnahmen zur Abmilderung des Lehrkräftemangels, wie die Integration von Seiteneinsteigenden oder Pensionisten, müssen stetig evaluiert werden. Zudem muss für Seiteneinsteigende eine mindestens sechsmonatige Vorqualifizierung grundsätzlich sichergestellt sein.
  • Bedarfs- und Angebotsprognosen der politisch Verantwortlichen müssen valide, ehrlich, aktuell und vollumfänglich transparent erfolgen! Es braucht eine methodische Abstimmung zwischen den politisch Verantwortlichen. Zudem benötigt es endlich fortlaufend fächerspezifischer Erhebungen, insbesondere für Mangelfächer, die die Bedarfe von Schulen in Relation zu tatsächlichen und zu realisierenden Hochschulkapazitäten stellen. Die Qualität der Lehre darf dabei nicht ausgehöhlt werden.
  • Das Ausmaß des Lehrkräftemangels verschleiernde und die Qualität der Bildung schwächende Taktiken, wie etwa die Erhöhung von Klassenteilern oder die Doppelberechnung von Lehrkräften bei Campuszusammenlegungen, müssen aufhören.
  • Es braucht weitere, kreative und die Bedürfnisse junger Menschen adressierende Maßnahmen, wie etwa wirksame Anreizsysteme, um (neue) Lehrpersonen für den Dienst in abgelegenen ländlichen Regionen zu gewinnen.“

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