BERLIN. Wie wenig die Wissenschaft in der Corona-Krise zählt, demonstrieren zwei Landesregierungen in dieser Woche eindrucksvoll: Nur wenige Tage, nachdem der Corona-Expertenrat der Bundesregierung verstärkte Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche gefordert hat, kündigen Sachsen und Hessen ein baldiges Ende der Maskenpflicht im Unterricht an. Der sächsische Kultusminister Piwarz (CDU) macht deutlich, was er von der „medizinischen Perspektive“ hält – wenig.
Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hat in der vergangenen Woche eine Stellungnahme herausgegeben, die sich mit Kindern und Jugendlichen in der Pandemie beschäftigt. Darin wird davor gewarnt, die Infektionsrisiken für junge Menschen zu unterschätzen. „Auch Kinder und Jugendliche, insbesondere mit Vorerkrankungen und Risikofaktoren, können schwer erkranken“, so heißt es in dem Papier. Sorgen bereitet den 19 Mitgliedern des Gremiums, darunter WissenschaftlerInnnen wie Prof. Christian Drosten, Prof. Melanie Brinkhaus und Prof. Hendrik Streeck, auch längerfristige Gesundheitsfolgen wie Long Covid oder PIMS, das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome.
Die ExpertInnen fordern von den Kultusministerinnen und Kultusministern, die S3-Leitlinie zur Sicherstellung des Schulbetriebs unter Pandemiebedingungen einzuhalten. Diese Leitlinie hatten 27 Fachgesellschaft unter der Regie des Bundesbildungsministeriums entwickelt. Sie sieht bei „sehr hohem Infektionsgeschehen“, das die Schulen derzeit zweifellos erleben, Maskenpflicht im Unterricht, eine Kohortierung von Lerngruppen, versetzten Unterrichtsbeginn sowie die Quarantäne von Kontaktpersonen vor. Zudem stellt der Expertenrat fest: „Testungen in Schulen können zur Reduktion der Dunkelziffer und zur Erkennung von Infektionen und somit zum Infektionsschutz beitragen.“
Für wissenschaftlichen Rat interessieren sich allerdings immer weniger Landesregierungen. Nur fünf Tage nach Veröffentlichung der Stellungnahme verkündet Sachsens Kultusministerium, die Corona-Schutzmaßnahmen an Schulen bald nahezu komplett zu streichen. Der Freistaat möchte in der Corona-Pandemie „wieder mehr und mehr zu einem Normalbetrieb in Schulen und Kitas kommen“, so hieß es dazu.
Ausgerechnet Sachsen: Kein anderes Bundesland geht in der Krise so lax mit dem Gesundheitsschutz in den Bildungseinrichtungen um (an Grundschulen dort gilt bis heute keine Maskenpflicht im Unterricht) – kein anderes Bundesland verzeichnet im Verhältnis so viele Corona-Tote. 352 Verstorbene auf 100.000 Einwohner zählt der Freistaat, fast fünfmal so viele wie Schleswig-Holstein (72). Gleichwohl erklärte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) noch in dieser Woche: Rückblickend hätte man die Pandemie „nicht nur aus der medizinischen Perspektive“ sehen dürfen.
“Schülerinnen und Schüler haben ebenso wie Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher besondere Last getragen”
Die „medizinische Perspektive“ (gemeint ist offenbar der Gesundheitsschutz) an Kitas und Schulen spielt denn auch künftig so gut wie keine Rolle mehr in Sachsen. Die Regierung verständigte sich am Dienstag auf einen Fahrplan, der nach einem Anhörungsverfahren am 1. März beschlossen werden soll. «Schülerinnen und Schüler haben ebenso wie Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher in den letzten Monaten besondere Last getragen. Es ist an der Zeit, auch den Kindern und Jugendlichen die Unbeschwertheit und Normalität zu ermöglichen, die für viele Erwachsene im Alltag jetzt wieder selbstverständlich wird», begründete dies Piwarz.
Ab 7. März will Sachsen dann die Schutzmaßnahmen «achtsam zurückfahren». So ist vorgesehen, den eingeschränkten Regelbetrieb in Grundschulen und Kindertageseinrichtungen wieder aufzuheben. Gruppen und Klassen müssen dann nicht mehr voneinander getrennt werden. Auch die Maskenpflicht im Unterricht für Schüler ab Klasse 5 soll wegfallen. In Grundschulen galt sie im Unterricht ja ohnehin nicht. Nach Angaben des Kultusministeriums soll die Testpflicht für den Schulbesuch von drei Mal auf zwei Mal pro Woche reduziert werden. Zudem gilt wieder die Pflicht zum Schulbesuch. Eine Befreiung davon ist nur noch aus medizinischen und aus anderen Gründen gemäß der Schulbesuchsordnung möglich, hieß es weiter. Ebenso sollen mehrtägige Schulfahrten wieder möglich sein.
Ferner ist geplant, Schulen bei erhöhtem Infektionsgeschehen nicht mehr zeitlich befristet zu schließen oder einzelne Klassen in häusliche Lernzeit zu schicken. «Wenn einzelne Infektionsfälle auftreten, müssen lediglich die betroffenen Schüler in häusliche Lernzeit gehen und die übrigen Schülerinnen und Schüler können in der Schule verbleiben», teilte das Ministerium mit.
Sachsen ist allerdings nicht das einzige Bundesland, das den Corona-Expertenrat der Bundesregierung offen missachtet. Die hessische Landesregierung hat bereits am Montag angekündigt, die Maskenpflicht im Unterricht zum 7. März zu streichen. Zuvor hatten bereits Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern entsprechende Regelungen angekündigt. News4teachers / mit Material der dpa
