LÜBECK. Die Kultusminister haben sich auf ihrem Treffen mit der Frage beschäftigt, wie der künftige Bedarf an Lehrkräften gedeckt werden kann – der VBE wertet das bereits als Erfolg. „Wir begrüßen ausdrücklich, dass die KMK der Gewinnung neuer Lehrkräfte endlich einen besonderen Stellenwert einräumt und die ständige wissenschaftliche Kommission damit beauftragen wird, konkrete Lösungsvorschläge zu erarbeiten“, sagt Bundesvorsitzender Udo Beckmann. Dabei hat die KMK das Thema jahrelang verschlafen, wie die GEW feststellt.
„Die KMK hat beschlossen, sich erstmal mit der Zukunft der Lehrerbildung grundsätzlich und umfassend zu befassen. Dabei soll es neben den Fragen der Quantität von Studienplätzen unter anderem auch um die Gestaltung der Ausbildung, Werbung für den Beruf, Quer- und Seiteneinstieg, multiprofessionelle Teams sowie die Sicherung von Qualität und Qualifikation behandelt werden“, so heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz (KMK). „Zudem wird die Ständige Wissenschaftliche Kommission um eine Empfehlung zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung und -gewinnung gebeten.“ Der Kommission unter Vorsitz von Prof. Olaf Köller vom IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik gehören 16 Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher an.
«Wir machen uns schon Sorgen um die Entwicklung Wir werden langfristig ein Versorgungsproblem bekommen»
Das war’s dann aber auch schon. Die Berichterstattung der Deutschen Presseagentur (dpa) zum Thema wirft Fragen auf: „Ein Defizit zeichnet sich nach Priens Angaben vor allem im Bereich der Grundschulen und der Sekundarstufe I ab“, so heißt es. Zeichnet sich ab? Seit Jahren können die Bundesländer längst nicht mehr alle freien Stellen insbesondere an Grundschulen besetzen. Allein in Nordrhein-Westfalen fehlen aktuell 4.000 Lehrkräfte. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) sieht laut dpa außerdem Probleme bei den Berufsschulen und im Bereich der Sonderpädagogik. «Wir machen uns schon Sorgen um die Entwicklung», sagt Rabe. «Wir werden langfristig ein Versorgungsproblem bekommen.» Langfristig? Konkrete Zahlen zum Lehrerbedarf nannte die KMK nicht.
Kein Wunder. Denn mit ihren bisherigen Voraussagen lagen die Kultusminister arg daneben, wie der renommierte Essener Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm im Auftrag des VBE festgestellt hat. Er hält die bisherigen Prognosen der KMK sogar für unseriös, wie News4teachers berichtet.
Nach seinen Berechnungen werden im Jahr 2025 an den Schulen 45.000 Lehrkräfte fehlen. Das sind mehr als doppelt so viele wie von der KMK bisher prognostiziert wurde. Im Jahr 2030 erwartet der Bildungsforscher gar eine Lücke in den Lehrerzimmern von 81 000 Personen – fast sechs Mal so groß wie von den Kultusministerien vorhergesagt. Unberücksichtigt bleiben dabei noch die sinkende Zahl der Schulabsolventinnen und -absolventen sowie bildungspolitische Maßnahmen wie der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, Lehrkräfte für Inklusion sowie Schulen mit besonderen Herausforderungen. Zu der Lücke von 81 000 fehlenden Lehrern bis 2030 kommen in seiner Prognose also noch insgesamt 75 000 Personen hinzu.
„Bereits seit Jahren weist der VBE auf die wachsende Lücke zwischen Lehrkräftebedarf und -angebot und die damit verbundene Überlastung der Schulen hin“, sagt VBE-Chef Beckmann mit Blick auf die Untersuchung. „Ich konnte die Ergebnisse im Gespräch mit der KMK nochmals vorstellen und den Ernst der Lage unterstreichen. Die Erweiterung der Studienkapazitäten und den Einsatz von multiprofessionellen Teams begrüßen wir. Es sind aber nur zwei Lösungsansätze aus einem umfassenderen, noch zu erstellenden Lösungspaket. Wir nehmen das von der KMK gemachte Angebot des Dialogs im Sinne der Erarbeitung schneller und nachhaltiger Lösungen zur Gewinnung von Lehrerinnen und Lehrern an und werden die weitere Entwicklung, insbesondere die neue Lehrkräftebedarfsprognose der KMK, kritisch-konstruktiv begleiten.“
«Die KMK hat über Jahre hinweg alle Warnungen vor einem Lehrkräftemangel in den Wind geschlagen»
Die GEW hatte sich im Vorfeld des Treffens skeptisch hinsichtlich des Problembewusstseins der Kultusminister gezeigt. „Der Lehrkräftemangel kommt nicht. Er ist schon da. Er wird noch schlimmer als erwartet“, so heißt es in einer Pressemitteilung des Landesverbands Schleswig-Holstein. „Lehrerinnen und Lehrer fehlen überall in Deutschland.“ Einen Großteil der Verantwortung dafür sieht die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke bei der KMK. Henke: „Die KMK hat über Jahre hinweg alle Warnungen vor einem Lehrkräftemangel in den Wind geschlagen. Sie gab sich mit ihren eigenen falschen Zahlen zufrieden. Noch vor vier Jahren mussten wir uns von der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Karin Prien den Vorwurf der Panikmache anhören, weil wir auf den Lehrkräftemangel in Schleswig-Holstein, vor allem an Grundschulen und Förderzentren, aufmerksam gemacht haben. Heute und in den kommenden Jahren müssen das nun die Kinder und Lehrkräfte ausbaden.“
Um das Problem wenigstens jetzt mit Nachdruck anzugehen, erwartet die GEW-Landesvorsitzende von der KMK bessere Arbeitsbedingungen in den Schulen: „Damit junge Leute Lust haben, als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten, muss der Beruf attraktiver werden. Eine Absenkung der Pflichtstunden ist dafür ein ganz wichtiger Faktor.“ An den Universitäten müssten außerdem mehr Studienplätze bereitgestellt werden.
Dass andere Bundesländer noch viel schlechter als Schleswig-Holstein dastehen, tröstet die GEW-Landesvorsitzende nicht. Astrid Henke: „An Förderzentren fehlen bei uns rund zehn Prozent ausgebildete Lehrkräfte. An Grundschulen werden immer mehr nicht-ausgebildete oder nicht-vollständig-ausgebildete Menschen als Dauervertretung eingesetzt. Auch an Gemeinschaftsschulen, Gymnasien und Beruflichen Schulen fehlen ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.“
«Von gleichen Bildungschancen für Kinder und Jugendliche kann kaum noch die Rede sein»
Da sich der Lehrkräftemangel nicht gleichmäßig über Regionen, Schularten und Fächer verteile, sei die Situation auch in Schleswig-Holstein vielerorts besorgniserregend. Vor allem die Kreise Steinburg und Dithmarschen sowie das Hamburger Umland seien betroffen. „Von gleichen Bildungschancen für Kinder und Jugendliche kann kaum noch die Rede sein, wenn an einer Schule ein Fünftel der Lehrkräfte nicht ausgebildet ist oder Unterricht ausfallen muss, während es in anderen Teilen des Landes relativ problemlos läuft.“ Die GEW-Landesvorsitzende plädiert deshalb dafür, Zuschläge für Lehrkräfte in Mangelregionen zu zahlen.
Von heute auf morgen ändern ließe sich das „vom Bildungsministerium selbst gemachte Problem“ der nur schwer durchlässigen Lehrerlaufbahnen. „Lehrkräften werden gewaltige Steine in den Weg gelegt, wenn sie beispielsweise als ausgebildete Gymnasiallehrkräfte an eine Grundschule wechseln wollen. Oder sie haben finanzielle Nachteile, wenn sie ihre Ausbildung an einer Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe abschließen wollen, obwohl sie dort dringend gebraucht werden“, kritisiert Henke. News4teachers / mit Material der dpa
