Schimpansen finden sich in virtuellen Umgebungen zurecht

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LEIPZIG. Ausgesprochen geschickt zeigten sich sechs Schimpansen des Leipziger Zoos bei der Navigation durch virtuelle Welten. Die beteiligten Forscher erhoffen sich nicht zuletzt Einblicke in die Evolution der menschlichen Navigationsfähigkeit.

Mit Hilfe von Touchscreens durchquerten sechs Schimpansen aus dem Zoo Leipzig eine virtuelle Landschaft, um zu einem weit entfernten Baum zu gelangen, unter dem sie verschiedene Früchte fanden. Sie gelangten sogar von verschiedenen Ausgangspositionen aus dorthin. Geleitet von Forschenden der University of St. Andrews in Großbritannien und der University of Michigan-Dearborn in den USA belegt die aktuelle Studie erstmals empirisch, wie Schimpansen in einer dem Freiland nachempfundenen virtuellen Umgebung navigieren können. Dabei werden Gemeinsamkeiten zur Fortbewegung durch reale Landschaften deutlich.


Die Schimpansen hätten sich erstaunlich schnell in der virtuellen Welt zurechtgefunden, stellen die Wissenschaftler fest. Foto: ©MPI für evolutionäre Anthropologie

An der Studie nahmen drei erwachsene männliche und drei erwachsene weibliche Schimpansen teil, die im Zoo Leipzig leben. Alle sechs Schimpansen hatten bereits Erfahrung im Umgang mit Touchscreens, fünf von ihnen hatten bereits etwas Erfahrung mit 3D-Videospielen gesammelt. Für die Studie wurde eine neue, maßgeschneiderte VR-Anwendung, der sogenannte APExplorer 3D, entwickelt. Die App ermöglichte es den Primaten, in Egoperspektive durch eine virtuelle Cartoon-Landschaft zu navigieren, in der sich 3D-Objekte befinden, mit denen die Tiere interagieren konnten.

Navigation in virtuellen Umgebungen ähnelt der realen Navigation
„Schimpansen-Navigation im Freiland zu untersuchen, ist eine große Herausforderung, weil wir nicht genau wissen, an welchen Landschaftsmerkmalen sich die Tiere orientieren, um ihr Ziel zu erreichen“, sagt Francine Dolins, Projektleiterin und Professorin an der University of Michigan-Dearborn. „Die virtuelle Realität verschafft uns eine bessere Kontrolle darüber, welche potenziellen Orientierungshilfen Schimpansen zur Verfügung stehen und wo sie sich im Verhältnis zu den virtuellen Futterquellen, wie zum Beispiel einem Obstbaum befinden.“

Schimpansen erledigten Navigationsaufgaben beeindruckend schnell
In der virtuellen Umgebung zeigten die Affen kognitive Prozesse und Verhaltensmuster, die Schimpansen auch im realen Freiland nutzen, wie zum Beispiel die Suche nach und Orientierung an bestimmten Landschaftsmerkmalen und die Optimierung der Routeneffizienz. „Abgesehen von der eindeutigen Zielorientierung beim räumlichen Lernen fiel uns vor allem auf, wie beeindruckend schnell es den Schimpansen gelang, ihr virtuelles Alter Ego zu steuern und die Navigationsaufgaben zu lösen. Das erforderte weniger Training, als ich ursprünglich dachte, und wurde viel schneller erlernt als andere für Tiere entwickelte Touchscreen-Aufgaben“, beschreibt Matthias Allritz, Postdoc an der University of St. Andrews und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

„Sollten unsere Ergebnisse durch künftige Studien bestätigt und auf andere Primatenarten ausgeweitet werden können“,ergänzt Josep Call, ebenfalls von der University of St. Andrews, „so haben wir mit naturgetreuen virtuellen Welten ein wichtiges neues Instrument zur Hand, um noch ungeklärte Fragen zur Evolution und Entwicklung der Primaten-Navigation zu beantworten, die bisher bei Zoo- und Wildtieren gleichermaßen schwer erforschbar waren.“

Die Evolution der menschlichen Navigationsfähigkeiten verstehen
„Schimpansen sind die nächsten lebenden Verwandten des Menschen. Wenn wir verstehen, wie sie Navigationsentscheidungen treffen und wie sie Reiserouten erkennen, sich an sie erinnern und über sie nachdenken, hilft uns das nicht nur, Schimpansen besser zu verstehen. Auch zur Erforschung, wie sich das Navigationsvermögen des Menschen im Laufe der Evolution entwickelt hat, sind diese Erkenntnisse von entscheidender Bedeutung“, ergänzt Allritz.

Um eine breitere Anwendung der VR-Forschung zu ermöglichen, plant das Team, eine Version der APExplorer3D-App über das Open Science Framework anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. (zab, pm)

Forscher klonen erstmals Affen – bald auch Menschen?

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1 Kommentar
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Carsten60
2 Monate zuvor

Hhmm, die DNA von Schimpansen und Menschen stimmen angeblich auch zu 98 % überein. Ob das eine Rolle spielen könnte? Was nie diskutiert wird: Gibt’s den Regenbogen auch bei Schimpansen? Fremdenfeindlichkeit ist jedenfalls in den Großgruppen von Schimpansen an der Tagesordnung. An den Grenzen der jeweiligen Gebiete gibt es regelmäßig Kriege (lt. Wikipedia).