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“Verwahrlosung, Stress und Erschöpfung”: Wissenschaftler schlagen aufgrund der Personalnot in Kitas Alarm

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BERLIN. Die Erziehungswissenschaftlerin Rahel Dreyer (ASH-Berlin) und der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort (Medical School Hamburg) schlagen Alarm: In den Kitas in Deutschland herrschten aufgrund des Personalmangels und viel zu voller Gruppen – verschärft noch durch die Herausforderungen durch Pandemie und Flüchtlingskrise – zum Teil „verwahrlosende Zustände“. Das System stehe kurz vor dem Kollaps. Die Folgen seien auch in den Schulen zu spüren.

Die Bedingungen in vielen Kitas werden den Bedürfnissen der Kinder nicht mehr gerecht. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Der Frage, ob Krippen bei den Kindern wie beabsichtigt Stimulation oder doch eher Stress erzeugen, ist Prof. Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, bereits vor der Pandemie in einer Studie zum Wohlbefinden von Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr in Kindertageseinrichtungen (StimtS) nachgegangen. 20 Prozent der 140 Kinder aus 35 verschiedenen Berliner Kindertageseinrichtungen zeigten während der Beobachtungen im Kitaalltag deutliche Anzeichen von Anspannung, Teilnahmslosigkeit und Niedergeschlagenheit oder traten kaum in sozialen Kontakt mit den Fachkräften oder anderen Kindern. Dabei lag die formale Qualität fast aller teilnehmenden Einrichtungen sogar im mittleren bis guten Bereich.

„Das ganze System, das seit Jahren unter Personalknappheit leidet, ist erschöpft”

Seit der Pandemie hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Viele Fachkräfte sind aufgrund der durch Pandemie und Flüchtlingskrise weiter gestiegenen Belastungen emotional wie körperlich am Ende. Auch die Kinder zeigen zum Teil extreme Formen von Unwohlsein. Neben dem Personalmangel sind viele Gruppen überfüllt, was sowohl bei den Kindern als auch Fachkräften den Stresspegel steigen lässt und sichtbar zur Erschöpfung führt. Dreyer erklärt dazu gegenüber dem „Spiegel“: „Das ganze System, das seit Jahren unter Personalknappheit leidet, ist erschöpft. Der Stresspegel bei den Fachkräften und den Kindern ist gestiegen. Teilweise beobachten wir verwahrlosende Zustände. Die Situation war aber schon vorher besorgniserregend.“

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Die Ergebnisse der aktuellen Kita-Studie des Paritätischen Gesamtverbands unterstreichen der Erziehungswissenschaftlerin zufolge die alarmierende Situation in den Kitas. Der Kita-Bericht, der auf einer Befragung von über 1000 Kindertageseinrichtungen aus dem gesamten Bundesgebiet basiert, illustriert die höchst angespannte Situation in Deutschlands Kitas: Arbeitsbelastung und Rahmenbedingungen während der Pandemie sowie vielerorts unzureichende Personalschlüssel und teilweise mangelhafte Ausstattung erschweren es, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden und führen zu einer hohen Unzufriedenheit bei den pädagogischen Fachkräften. Nach der Studie verhindert der anhaltend hohe Fachkräftemangel bundesweit in jeder zweiten Kindertageseinrichtung, dass Kapazitäten vollständig ausgeschöpft werden.

Erstmals untersucht wurde mit der Studie auch der Zusammenhang mit der sozialräumlichen Lage der Kindertageseinrichtungen. Der Befund: Unabhängig von der Pandemie fehlt es insbesondere für Kitas in benachteiligten Sozialräumen an gezielter Unterstützung.

„Wir sorgen für einen denkbar schlechten Start unserer Kleinsten ins Leben. Wir übergehen die seelischen Bedürfnisse unserer Kinder”

Insgesamt gehen 60 Prozent der Teilnehmenden an der Befragung davon aus, dass sie mit dem gegenwärtigen Personalschlüssel den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht werden können. Defizite belegt der Bericht dabei unter anderem im Bereich der Sprachförderung: Je höher die sozialräumliche Benachteiligung, desto größer ist die Zahl der Kinder mit Unterstützungsbedarf bei der sprachlichen Bildung. Gleichzeitig könne dieser Bedarf mit dem gegenwärtigen Personalschlüssel überwiegend nicht gedeckt werden. Mehr als ein Drittel der Befragten gibt außerdem an, dass die bereitgestellten Finanzmittel nicht ausreichen, für die Kinder eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten.

„Wir sorgen für einen denkbar schlechten Start unserer Kleinsten ins Leben. Wir übersehen und übergehen die seelischen Bedürfnisse unserer Kinder. Das sind verwahrlosende Tendenzen, denen wir entschieden entgegentreten müssen!“ – so Prof. Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medical School Hamburg.

Besorgt zeigt sich Rahel Dreyer auch aufgrund der Situation der Fachkräfte: „Viele stehen kurz vor einem Burnout, sie sind körperlich und emotional am Ende. Die desaströse Situation wird zu weiteren Personalausfällen führen.“ Der Wissenschaftlerin zufolge fehlt eine Lobby für die Kinder, die Vulnerabelsten in unserer Gesellschaft, und für die Fachkräfte, die beide – nicht erst seit der Pandemie – Schlusslicht in der gesellschaftlichen Diskussion sind. Dreyer und Schulte-Markwort sind sich einig: „Das Wohl zu vieler Kinder scheint uns derzeit gefährdet. Die Folgen für Kinder, Fachkräfte, Eltern und die gesamte Gesellschaft sind jetzt schon durch eine wachsende Bildungslücke insbesondere sozioökonomisch benachteiligter Kinder fast irreparabel.“

Was wären denn angemessene Bedingungen? Dreyer antwortet im „Spiegel“: „Erstens muss das pädagogische Personal gut ausgebildet sein, zweitens sollte die Gruppengröße 15 Kinder nicht überschreiten, drittens sollte der Personalschlüssel bei Krippenkindern mindestens bei 1:3 und bei Kindern ab drei Jahren bei 1:7,5 liegen.“ Kaum ein Bundesland entspreche allerdings diesem Personalschlüssel.

„Wir sehen, dass psychische Auffälligkeiten zunehmen und es große Defizite beim Lernen gibt”

„Mehrere Studien belegen, dass sich Kinder sprachlich, kognitiv und sozial ungünstig entwickeln, wenn diese Standards unterlaufen werden“, erklärt Dreyer. „Bei den unter Dreijährigen, die eine besonders vulnerable Gruppe darstellen, sind die Effekte noch eindeutiger erkennbar als bei über Dreijährigen. Da kann auch die bestens ausgebildete und sehr erfahrene Erzieherin nicht viel ausrichten. Ich bin sehr besorgt. Kitas sind Bildungseinrichtungen. Sie sollen die Weichen für späteres Lernen stellen.“ Die Wissenschaftlerin betont: „Wir sehen, dass psychische Auffälligkeiten zunehmen und es große Defizite beim Lernen gibt. Die Gründe sind vielfältig. Das lässt sich nicht für alle Kinder pauschal beantworten, aber die Betreuung in den Kitas ist sicher ein Faktor.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich der Kita-Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes herunterladen.

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