Piazolo will zunächst die Schulen personell besser ausstatten, um die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. «Wir wissen, dass wir in der nächsten Legislaturperiode 6.000 Lehrer brauchen, um allein den demografischen Faktor auszugleichen. Mein Ziel ist aber eine fünfstellige Zahl: Etwa 10.000 Lehrkräfte», sagte er dem Radiosender «Antenne Bayern». Zudem setze er sich für mindestens 1.000 Verwaltungskräfte sowie zusätzliche Schulpsychologen und Sozialpädagogen ein.
Das Problem: Der Lehrerarbeitsmarkt ist leergefegt, gerade im Grundschulbereich – so leer, dass Bayern schon versucht, Lehrkräfte aus anderen Bundesländern abzuwerben. Auch Schulpsychologen und Sozialpädagogen sind rar.
Einen konkreten Vorschlag brachte dagegen der bayerische Philologenverband in die Diskussion ein: «Eine Möglichkeit bestünde darin, die Englischstunden in der dritten und vierten Klasse für Deutschunterricht zu verwenden», erläuterte dessen Vorsitzender Michael Schwägerl. «Alle Schülerinnen und Schüler brauchen für die weiterführenden Schulen eine solide Basis beim Lesen, in der Rechtschreibung und in der Grammatik.» Gerade Kinder mit Migrationshintergrund gerieten sonst in Gefahr, abgehängt zu werden.
«Es ist Aufgabe des bayerischen Bildungssystems, dass jedes Kind die nötige Förderung erhält und keines zurückgelassen wird!», betonte Schwägerl. Auch Piazolo unterstrich: «Erstmal geht es in der Grundschule auch darum, rechnen, lesen, schreiben zu lernen. Das ist ganz wichtig. Und da werden wir uns in Zukunft noch stärker auch drauf konzentrieren», sagte er dem BR. Man müsse Prioritäten setzen. «Alles kann man nicht tun», sagte Piazolo. «Man muss sich dann entscheiden: Was ist uns besonders wichtig.»
Der am Dienstag in Berlin vorgestellten internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) zufolge droht jeder vierte Viertklässler in Deutschland wegen großer Schwächen beim Lesen im weiteren Schulverlauf abgehängt zu werden oder zu scheitern (News4teachers berichtete).
Der Anteil der Schülerinnen und Schüler in dieser Altersklasse, die nicht richtig lesen können, hat der Untersuchung zufolge in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 25 Prozent erreichen demnach nicht das Mindestniveau, das nötig wäre für die Anforderungen im weiteren Verlauf der Schulzeit. International liegen die Grundschüler in Deutschland bei der Lesekompetenz nur im Mittelfeld.
Bei «Antenne Bayern» äußerte sich Piazolo auch zu den Einschränkungen und wochenlangen Schulschließungen während der Pandemie. «Man hätte auch noch ein bisschen stärker auf Kinderärzte und Kinderpsychologen hören sollen, mit denen ich eng im Austausch war. Dann hätte man vielleicht schon früher erfasst, wie stark sich ein Lockdown psychisch auf Kinderseelen auswirkt.» Über die ein oder andere Schulschließung könne man in ihrer Länge sicher streiten. «Zu verhindern war es angesichts des politischen Drucks in ganz Europa nicht.» Hintergrund: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat unlängst die Kultusminister dafür kritisiert, zu wenig getan zu haben, um einen sicheren Schulbetrieb in der Pandemie zu gewährleisten (News4teachers berichtete auch darüber).
Viele Kinder seien einsam gewesen, so Piazolo, Schule als sozialer Ort habe nicht stattgefunden. «Das holen wir zwar deutlich nach, aber wir müssen dennoch feststellen, dass psychische Erkrankungen, Depressionen zugenommen haben.» News4teachers / mit Material der dpa
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