„Schulschwatz, der Bildungstalk!“ Neue Folge des News4teachers-Podcasts: Hurra, ein angehender Grundschullehrer (männlich!)

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DÜSSELDORF. In der fünften Folge von „Schulschwatz! Der News4teachers-Bildungstalk“ sprechen News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek und Professorin Ines Oldenburg von der Universität Oldenburg mit einem besonderen Gast: dem Lehramtsstudenten Christian Herold. In seinem Studiengang (Grundschul-Lehramt) ist er ein Exot: als einer von ganz wenigen Männern unter Frauen. Andrej Priboschek und Ines Oldenburg möchten herausfinden, was ihn dazu bewogen hat, Grundschullehrer zu werden – und stoßen dabei auf eine Vita, die nicht für die Berufswahl zu prädestinieren scheint.

Lehramt mit Bart: Männer sind an Grundschulen eine verschwindend kleine Mindertheit (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

„Ich komme aus einem Männerberuf“, berichtet Christian Herold. „Ich war 14 Jahre lang Soldat bei der Bundeswehr. Im Umgang mit meinen Geschwistern und Neffen, die jetzt alle im Grundschulalter sind, habe ich schon früh meine Leidenschaft fürs Unterrichten entdeckt. Mir machen das Zusammensein mit Grundschulkindern und die Vermittlung von Inhalten Freude und deshalb habe ich mich bewusst für den Lehrerberuf entschieden.“ Es spielte für ihn keine Rolle, dass er als Mann im Studiengang Grundschullehramt eine Besonderheit sein würde. Das fiel ihm ohnehin erst in der zweiten Studienwoche auf: als er im Seminar für Sachunterricht saß und feststellte, dass sich unter 80 Studierenden nur drei Männer befanden.

Nicht nur im Studium sind die Männer eine Rarität. Christian Herold erlebt das auch im schulischen Alltag. An der Grundschule, an der er zur Zeit ein Praktikum absolviert, gibt es nur zwei männliche Lehrkräfte. Im Klassenzimmer bemerkt man mitunter schon einen Unterschied, ob die Lehrkraft männlich oder weiblich ist – meint Herold. „Mir sagen Kolleginnen, dass es in ihrer Klasse viel ruhiger ist, wenn dort ein Mann unterrichtet“, berichtet er schmunzelnd.

„Die Vielfalt der Geschlechter sollte sich nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch im Lehrerkollegium widerspiegeln“

In der Vergangenheit sah das Geschlechterverhältnis kaum anders aus. Ines Oldenburg berichtet, dass es in ihren Referendariatszeiten vor über 25 Jahren nur einen männlichen Kollegen gab. Als sie einige Jahre später selbst Leiterin einer Grundschule war, gab es dort vorübergehend einen Lehrer, aber eben nur vorübergehend. Das Kollegium war ansonsten weiblich. „Wenn es einen Mann an einer Grundschule gab, dann war er meistens Schulleiter“, sagt Ines Oldenburg. „Er hat dann vielleicht einige Stunden Werkunterricht gegeben, war aber am Unterrichtsgeschehen sonst kaum beteiligt.“ Leider zeichne sich hier keine Trendwende ab.

Woran könnte das liegen, fragt News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Die Antwort von Christian Herold ist eine Vermutung: Vielleicht liegt es am Gehalt, da man als Grundschullehrkraft über A12 bislang nicht hinauskam. An anderen Schulformen verdiente man mehr und die Aufstiegschancen waren größer. „Für mich hat das Gehalt bei meiner Entscheidung keine Rolle gespielt“, erläutert Christian Herold. „Ich habe in meinem Beruf bei der Bundeswehr schon in der Erwachsenenbildung gearbeitet und dabei habe ich gemerkt, wie viel Freude mir das Unterrichten bereitet.“

„Unsere Kinder sind viel zu sehr von Frauen umgeben, da in den meisten Fällen die Mutter in der Erziehung die entscheidende Rolle spielt“

Statistisch wird immer deutlicher, dass Mädchen in der Schule erfolgreicher sind: Sie sind im Abitur überrepräsentiert, unter Förderschüler*innen und Schulabbrecher*innen unterrepräsentiert. Ist es eine mögliche Ursache, dass Jungen im Lehrpersonal weniger männliche Vorbilder haben? Ines Oldenburg ist sich da nicht so sicher und warnt vor einer Pauschalisierung. Für das sozial-emotionale Verhalten mache es aber  schon einen Unterschied, ob Jungen von weiblichen oder männlichen Lehrkräften unterrichtet werden, betont sie. „Die Vielfalt der Geschlechter sollte sich nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch im Lehrerkollegium widerspiegeln“, ergänzt die Professorin. „Diese Vielfalt ist auch für die Mädchen sehr wichtig. Unsere Kinder sind viel zu sehr von Frauen umgeben, da in den meisten Fällen die Mutter in der Erziehung die entscheidende Rolle spielt. Ich begrüße jeden Mann, der sich ins Erziehungs- und Lerngeschehen einmischt.“

Ines Oldenburg ist überzeugt davon, dass mehr Männer an Deutschlands Schulen unterrichten sollten. Auch aus eigenem Interesse: Die Schule sei ein Ort der Begegnung, an dem man mit Menschen zu tun hat und ein unmittelbares Feedback für seine Arbeit erhält. Diese Tätigkeit ist vor allem eines: sinnstiftend. „Dem stimme ich voll und ganz zu“, pflichtet Christian Herold bei. „Gerade an der Grundschule erhält man von den Schülerinnen und Schülern ein offenes und ehrliches Feedback. Die Kinder wollen mitmachen, wenn der Unterricht gut ist und sie taktieren noch nicht wie vielleicht in den höheren Sekundarstufen, um der Lehrkraft zu gefallen.“

Die Bildungsmisere in Deutschland dämpfe keineswegs die Begeisterung der Lehramtsstudierenden für ihren zukünftigen Job, meint Ines Oldenburg. Dennoch müsse es Ihrer Meinung nach einige Reformen im Studiengang geben. Die Praxisferne des Studiums werde vielfach bemängelt. Außerdem muss es Ines Oldenburgs Ansicht zufolge im Lehramtsstudium Grundschule mehr sonderpädagogische Anteile mit einer Verpflichtung zur inklusiven Unterrichtsgestaltung geben. Auch mehr pädagogisch-psychologische Elemente sollten im Studium verankert werden. „Den angehenden Lehrkräften müssen konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben werden, wie sie lesen, schreiben und rechnen vermitteln können“, erklärt Ines Oldenburg. „Natürlich ist die Wissenschaftlichkeit im Rahmen eines Studiums wichtig und das wissenschaftliche Denken müssen die Studierenden erlernen. Dennoch wäre eine stärkere Verzahnung von theoretischen und praktischen Anteilen im Lehramtsstudium begrüßenswert.“

Eine gute Idee wäre hier eventuell, das Lehramtsstudium als dualen Ausbildungsgang anzubieten. Dies würde auch Christian Herold befürworten, da er glaubt, dass dies zusätzliche Anreize für junge Leute schaffen würde, Lehrer zu werden und ihr Studium in der Regelzeit zu absolvieren, da die Notwendigkeit eines Nebenjobs entfallen würde. Auch Christian Herold bemängelt, dass im Studium oft der Praxisbezug fehlt. „Ich kann nicht jede Unterrichtsstunde minutiös vorbereiten, so wie ich es im Studium lerne. Wenn ich spontan Vertretungsunterricht halten muss, weil ein Kollege kurzfristig erkrankt ist, muss ich wissen, wie ich in der Kürze der Zeit eine sinnvolle Unterrichtsstunde vorbereiten kann.“

Ines Oldenburg fügt hinzu, dass die Dozent*innen an den Universitäten unbedingt eigene Erfahrungen im Schulunterricht gesammelt haben sollten. „Nur wer selbst einmal als Lehrkraft an einer Schule gearbeitet hat, kann den Studierenden das nötige Rüstzeug für den Schulalltag vermitteln.“ Das gilt aber für alle: Männer wie Frauen. Nina Odenius, Agentur für Bildungsjournalismus

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„Schulschwatz, der Bildungstalk!“ Neue Folge des News4teachers-Podcasts: Ist die Inklusion noch zu retten?

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Carsten60
1 Jahr zuvor

„… mehr sonderpädagogische Anteile mit einer Verpflichtung zur inklusiven Unterrichtsgestaltung.“
Das fordert Frau Oldenburg. Laut ihrer Homepage ist sie Leiterin einer Forschungsgruppe „inklusiver Sachunterricht“. Da spricht sie also „pro domo“. Und die eigentlichen Sonderschullehrer kann man dann vermutlich einsparen, wenn alle Grundschullehrer die „inklusive Unterrichtsgestaltung“ praktizieren können.
Und mehr pädagogisch -psychologische Anteile sollen auch sein. Und natürlich mehr Praxisbezug. Klingt nach „mehr von allem“.

Ureinwohner Nordost
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Die „eierlegende Wollmilchsau“ ist eben das billigste Modell.
Zumal wenn verbeamtet.
Dieses Modell lässt sich bis zum Tode ausquetschen.
Das Staatsschnäppchen sozusagen.
Und viele Jung“lehrer“ fallen darauf herein.

Georg
1 Jahr zuvor

Die Referendare und die noch nicht auf Lebenszeit verbeamteten Lehrer werden damit ausgebrannt, weil es bei denen noch um viel geht.

Inkubator
1 Jahr zuvor

Ich, männlich, ebenfalls Grundschullehrer, allerdings schon zwei Jahrzehnte in Dienst, kann Christian Herold nur einen Rat geben, nachdem ich die Aussagen von Frau Oldenburg gelesen habe:

Brechen Sie ihr Studium ab und entscheiden Sie sich für ein anderes Fach. Wenn es unbedingt Lehramt sein muss, dann wenigstens eine Schulart mit A13 auswählen. Das Geld wird Ihnen doch irgendwann gut tun, auch wenn Sie es momentan nicht benötigen.

Die aktuellen Inklusions-Ideen sollten jeden logisch denkenden Menschen von einem Grundschulstudium abhalten. Wie soll es gelingen, gleichzeitig eine Klasse zu unterrichten und inklusiv beschulten Kindern Lernstoff zu vermitteln?
Vergleichbar ist dieses Vorhaben mit jahrgangsgemischten Klassen. Die armen Kolleginnen, die dort unterrichten müssen, bereiten täglich doppelt vor. Dafür gibt es keinerlei Ausgleich. An weiterführenden Schulen kommt man nicht auf solche Ideen, nur im Grundschulbereich wird Lehrenden dies zugemutet.

Bitte denken Sie nochmals darüber nach! Ich kann diesem System leider nicht mehr entfliehen, sie aber haben noch die Chance.

Julia
1 Jahr zuvor
Antwortet  Inkubator

Sie können das auch. Braucht aber Courage- mehr als Mimimi.

Inkubator
1 Jahr zuvor
Antwortet  Julia

Auch wenn mir nicht ganz klar ist, ob Sie die Inklusion oder den jahrgangsgemischten Unterricht meinen, ich habe bereits meine Erfahrungen gemacht.
In den Jahren mit Inklusionsschülern (die erste Versuchsklasse hatte ich am Anfang meiner Lehrerkarriere) wurde mir jedes Mal Unterstützung (früher Förderschullehrer als Unterstützung, heute Sonderpädagogen) zugesichert, die ich nie bekam.
Grundsätzlich ändert meine Erfahrung aber nichts am generellen Problem, allen Schülern gerecht zu werden. Dies ist in Inklusionsklassen nur möglich, wenn man bereit ist Abstriche zu machen.
Wie beurteilen Sie beispielsweise das Problem, dass es in solchen Klassen generell lauter ist? Während ich einer Gruppe etwas neu erkläre, übt die andere Gruppe und umgekehrt. Ruhige Übungsphasen bei denen alle konzentriert arbeiten sind im Vergleich zu „normalen“ Klassen wesentlich kürzer, wenn solche Phasen überhaupt ohne parallele Gespräche möglich sind. Kinder, die Ruhe zur Konzentration benötigen, haben dadurch enorme Nachteile.

Sollten beim jahrgangsgemischten Unterricht zwei Räume zur Verfügung stehen, so ist alleine die Aufsicht ein Problem, was mir bisher keine Schulleitung zufriedenstellend erklären konnte, wie diese auszusehen hat. Und sie müssten auch wissen, dass eine unbeaufsichtigte Gruppe weniger effizient arbeitet. Selbst den Eltern ist das klar. (O-Ton: „Wir auf dem Land müssen halt solche Nachteile in Kauf nehmen, sonst wird unsere Grundschule komplett geschlossen.“)

An den Schulen mit jahrgangsgemischten Klassen in meinem Umfeld häufen sich die Beobachtungen, dass Kolleginnen nach Jahren einfach überfordert sind, hohe Fluktuationsraten dazugehören und die Eltern noch häufiger unzufrieden sind, als in jahrgangsgleichen Klassen.

Wenn Sie das alles (noch) hinbekommen und Sie auf meine Fragen und Anmerkungen Antworten finden beglückwünsche ich Sie! Gerne dürfen Sie mir Ihre Lösungsvorschläge nennen.

GriasDi
1 Jahr zuvor
Antwortet  Inkubator

In jahrgangsgemischten Klassen mit z.B. 3 Jahrgängen profitiert laut Untersuchungen die jüngste Stufe, die mittlere ist so gut wie in reinen Klassen und der älteste Jahrgang zahlt drauf.

Julia
11 Monate zuvor
Antwortet  Inkubator

Ich meine, Sie können „dem System entfliehen“, wie Sie es auszudrücken belieben.
Privatschule, komplette Neuausrichtung- ggf. Beamtenstatus aufgeben und sich nachversichern lassen. Leute werden überall gesucht.

GriasDi
1 Jahr zuvor
Antwortet  Julia

Scheinbar können es viel zu wenige. Wiesonst sind die Ergebnisse in Studien der letzten Jahre erklärbar. Oder man gibt zu, dass es nicht geht.

Julia
11 Monate zuvor
Antwortet  GriasDi

Was? Etwas Neues machen?