Auch die Polizei hat Nachwuchssorgen: Gewerkschaft fordert Werbe-Offensive in Schulen

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POTSDAM. Auf Youtube wirbt eine junge Bloggerin und Kommissarin für die Arbeit bei der  Polizei. Die braucht jedes Jahr neue Auszubildende. Doch wo ist der Nachwuchs?

Für die Polizei ist es aus Sicht der Gewerkschaft zunehmend schwierig geworden, genügend Nachwuchs zu finden. «Wir haben weniger Bewerber, und die richtig Guten entscheiden sich nicht zuerst für den öffentlichen Dienst», sagte die Brandenburger Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Anita Kirsten, mit Blick auf das Bundesland. «Im April haben wir die 200 Einstellungen nicht voll bekommen.»

Aus Kirstens Sicht muss das Berufsbild der Polizei attraktiver werden. Zudem forderte sie auch, das Land müsse bei der Ausstattung etwa mit digitaler Technik aufholen.

Das Innenministerium teilte mit, der Fachkräftemangel mache auch vor der Polizei, die mehr als 8000 Bedienstete hat, nicht Halt. Für die Ausbildung von Polizeianwärterinnen und -anwärtern soll es wie bisher mindestens 400 Einstellungen jährlich geben. Die Ausbildung beginnt jeweils im April und Oktober.

Die höchsten Bewerberzahlen für eine Einstellung in den Polizeivollzugsdienst hatte es nach den Daten des Ministeriums im Jahr 2018 gegeben. Nach einem zunächst deutlichen Rückgang seien die Bewerberzahlen in den Jahren 2021 und 2022 zusammen genommen stabil, hieß es aus dem Innenressort.

«Aktuell ergibt sich durch zahlreiche Altersabgänge ein erhöhter Einstellungsbedarf. Diesem stehen geburtenschwächere Absolventenjahrgänge gegenüber»

Im vergangenen Jahr bewarben sich für den mittleren Polizeidienst (Dienstgrade wie Polizeiobermeister- und -hauptmeister ) 2109 Menschen, ein Jahr zuvor waren es 1877. Beim gehobenen Dienst (Polizeikommissar und höhere Dienstgrade) sank die Zahl dagegen deutlich von 2001 im Jahr 2021 auf 1761 im vergangenen Jahr. Im Jahr 2018 waren es insgesamt noch mehr als 5500 Bewerberinnen und Bewerber für den mittleren und gehobenen Dienst.

Das Innenministerium teilte mit: «Aktuell ergibt sich durch zahlreiche Altersabgänge ein erhöhter Einstellungsbedarf. Diesem stehen geburtenschwächere Absolventenjahrgänge gegenüber.» Zudem starteten viele eine Bewerbung in unterschiedlichen Bundesländern. Auch die Corona-Krise nennt das Innenministerium als möglichen Grund für die schwierigere Nachwuchsfindung bei Jugendlichen: «Durch die Pandemie konnten sie sich auch nicht in gewohntem Maße auf Ausbildungsmessen informieren oder durch Schülerpraktika bereits erste berufliche Erfahrungen sammeln.»

Zum Stand 1. Juli arbeiten bei der Polizei in Brandenburg 8131 Bedienstete, im Jahresverlauf sollen es laut Innenministerium um die 120 mehr werden. Die Zahl der vorhandenen Personalstellen liegt aktuell höher: bei 8439.

«Wir haben an allen Ecken und Enden zu wenig Personal», sagte die GdP-Landesvorsitzende Kirsten. «Wenn Kollegen unzufrieden sind mit der Arbeitsbelastung, können sie auch keine guten Werbeträger sein.» Der Beamtenberuf sei zwar «immer solide, gerade die junge Generation nehme aber «enge Strukturen und mangelnde Flexibilität» bei der Polizei wahr. Aus ihrer Sicht sollte eine Offensive an den Schulen zur Nachwuchsgewinnung ausgebaut werden. Die Gewerkschaft fordert mit Blick auf die anstehenden Tarifverhandlungen im Oktober auch eine höhere Besoldung.

Im dritten Ausbildungsjahr erhält etwa ein lediger, 19 Jahre alter Anwärter im mittleren Dienst (Polizeiobermeister) monatlich um die 1500 Euro. Nach der Ausbildung liegen die Bezüge bei um die 2700 Euro, das Einkommen erhöht sich je nach Dienstgrad und Dienstalter. Rund 20 Prozent der Polizeianwärter in Brandenburg brechen nach Ministeriumsangaben ihre Ausbildung vorzeitig ab. News4teachers / mit Material der dpa, Titelfoto: Shutterstock

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9 Kommentare
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Georg
10 Monate zuvor

Der Polizeiberuf ist nach den Presseberichten noch unattraktiver als der Lehrerberuf. Von daher ist der Nachwuchsmangel keine Überraschung.

Rainer Zufall
10 Monate zuvor

Die Bewerbungszahlen sind doch nicht gering oder verstehe ich da etwas falsch?
Ich erinnere mich zudem, aufgrund meiner Sehschwäche ausgeschlossen worden zu sein. Kann die Polizei da nicht sinngemäß „den NC senken“?

Bla
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Hat die Polizei doch? Bspw. dürfte die Körpergröße keine Rolle mehr spielen. War mal anders.
Bei Sehstärke ist es wohl inzwischen auch lockerer hatte ich vor Jahren mal mitbekommen? Bin mir aber nicht so sicher. Müsste man mal die aktuellen Anforderungen ansehen.
Denke das ging schon ziemlich zurück?

Georg
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

In Berlin wurden die Anforderungen schon vor einiger Zeit gesenkt. Der Sporttest würde beispielsweise entschärft und der Englischtest durch eine fast beliebige Fremdsprache ersetzt.

dickebank
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Kann die Polizei da nicht sinngemäß „den NC senken“?

Ja, das tut sie bereits – zumindest hier in NRW. Mittlerweile haben SuS mit FOR die Möglichkeit an Berufsoberschulen mit entsprechender Ausrichtung das Fachabitur zu erlangen, um anschließend in den Polizeidienst als Anwärter einzutreten.

Lisa
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Ich kenne auch einige, die wegen körperlicher Einschränkungen nicht durften. Es wäre evtl sinnvoll zu überlegen, ob jeder Polizist alles können muss. Für den Innendienst täte es ja reichen.

DerechteNorden
10 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Es gibt ja bereits Leute, die nur Innendienst machen. Das sind keine „normalen“ Polizist*innen“, sondern Verwaltungsfachleute.
Der Punkt ist doch, dass da draußen Leute fehlen.
Nein, die Vorgänge anlegen und schreiben, können nur diejenigen, die tatsächlich aktiv waren. Das kann man nicht delegieren.
Allerdings könnte man die Arbeit erheblich erleichtern, indem man endlich bundesweit tatsächlich vernetzt und mit derselben Software arbeiten würde.
Auch hier … Jedes Bundesland will eigenständig bleiben.

Lari Fari
10 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Genau und in der KiTa muss auch nicht jeder alles machen und es können X Prozent Unqualifizierte ran. Und in der Schule muss man auch nur eine Seite weiter sein als die Schüler, es muss dort auch nicht jeder alles machen, also hinein mit allen, die nicht bei 3 auf dem Baum sind.
In den Pflegeheimen oder im Buchhandel sieht man, wie die Ungelernten zum Lohndumping einladen…
Davon abgesehen- das Absenken von Niveau kann in einer immer komplexer werdenden Welt doch nicht die Lösung sein!

Mel
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

„Gering“ ist ein relativer Begriff. Gemessen am Bedarf wird erheblich mehr an Nachwuchs gebraucht.
Natürlich kann man die Anforderungen senken, was sicher bereits getan wird, doch diese Problemlösung ist nicht gerade beruhigend.