Nguyen-Kim vor Studierenden: „Wir brauchen mehr Leute, die Wissenschaft vermitteln“

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DORTMUND. Im Rahmen der Vortragsreihe „Die Wissensmacher“ des Instituts für Journalistik war Dr. Mai-Thi Nguyen-Kim zu Besuch an der TU Dortmund. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Audimax erzählte die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin über ihre Karriere und stellte sich den Fragen des Publikums.

„Ich setze auf Bildung“: Mai-Thi Nguyen-Kim (links) im Gespräch mit Carlotta Wagner und Prof. Holger Wormer. Foto: Martina Hengesbach/TU Dortmund

„So voll wie heute war es bei den Wissensmachern noch nie“, stellte Prof. Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus, direkt zu Anfang der Veranstaltung mit einem Blick in den größten Hörsaal auf dem TU-Campus fest. Zusammen mit Carlotta Wagner, Bachelor-Studentin im Wissenschaftsjournalismus, moderierte er das rund anderthalbstündige Gespräch mit Dr. Mai-Thi Nguyen-Kim.

Die promovierte Chemikerin ist durch ihren YouTube-Kanal „maiLab“ deutschlandweit bekannt geworden, moderierte die Wissenschaftssendungen „Quarks“ und „Terra X“ und hat mittlerweile mit „MaiThink X“ ihre eigene Sendung im Programm von ZDFneo. Ihre ersten Schritte in der Öffentlichkeit waren hingegen nicht journalistisch, sondern rhythmisch: Es handelte sich um ein Tanzvideo für den Wettbewerb „Dance your Ph.D.“. „Ich war damals an der RWTH Aachen Hip-Hop-Trainerin und stellte in dem Video tanzend meine Forschung vor“, erzählte Mai-Thi Nguyen-Kim. Das Feedback war positiv, trotzdem dauerte es noch bis zu ihrem Forschungsaufenthalt am Massachusetts Institute of Technology im Jahr 2015, bis sie ihr nächstes Video auf ihrem ersten YouTube-Kanal „The Secret Life of Scientists“ veröffentlichte.

Zur hauptberuflichen Wissenschaftskommunikatorin und Journalistin wurde Dr. Nguyen-Kim eher zufällig. Eigentlich wollte sie mit ihrer Forschung „die Welt verbessern“: Sie versuchte damals, neue Wege zu erforschen, um Wirkstoffe gegen Krebserkrankungen zur richtigen Stelle im Körper zu bringen, und promovierte im Sommer 2016 zu dem Thema. Kurz darauf erhielt sie eine Anfrage von funk, dem jungen Medienangebot von ARD und ZDF – und entschloss sich zu einem „Sabbatjahr“ in der Wissenschaftskommunikation, das letztendlich zu ihrem Karriereweg wurde. So entstand ihr professioneller Kanal „schönschlau“, der zwei Jahre später zu „maiLab“ umbenannt wurde.

„Im Fernsehen werden kurze und knackige Antworten erwartet, die es in der Wissenschaft nicht immer gibt“

Heute gehört sie zu den bekanntesten Gesichtern im deutschen Fernsehen, wenn es um die Vermittlung von Wissenschaft geht. Damit einher geht auch die öffentliche Aufmerksamkeit zum Beispiel von der Klatschpresse oder von Wissensschaftsleugnern. „Das ist nicht immer toll“, sagte Dr. Nguyen-Kim. „Aber ich versuche, das Positive daran zu sehen: So habe ich auch die Aufmerksamkeit, um Wissenschaft zu vermitteln.“ Mit ihren Formaten möchte sie einerseits dazu beitragen, aktuelle Debatten zu versachlichen, andererseits aber auch Themen auf die Agenda bringen, die in der Öffentlichkeit noch unbekannt seien. Das sei nicht immer einfach: „Im Fernsehen werden kurze und knackige Antworten erwartet, die es in der Wissenschaft nicht immer gibt.“

Sie selbst sehe sich mittlerweile weniger als Kommunikatorin, sondern eher als Wissenschaftsjournalistin. Der Unterschied: „Die Aufgabe der Wissenschaftskommunikation ist es vor allem, die Fakten so zu ‚übersetzen‘, dass mehr Menschen sie verstehen. Als Journalistin ordne ich die Fakten hingegen auch kritisch ein. Das ist heute mein Selbstverständnis.“

Sie ermunterte das Publikum dazu, selber aktiv zu werden: „Wir brauchen auf jeden Fall noch mehr Leute, die Wissenschaft vermitteln – ich kann nicht alles alleine machen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. In der Pandemie hätten Wissenschaftler*innen in der Öffentlichkeit sowohl die Rolle eines Vorbilds als auch teilweise eines Feindbilds eingenommen. Abschrecken lassen sollte man sich davon nicht, so Mai-Thi Nguyen-Kim. Gerade naturwissenschaftliche Themen seien in der Vermittlung „sehr dankbar“, da sie faktenbasiert und damit unabhängig von persönlichen Meinungen seien. Eine „Checkliste“, wie man ins Fernsehen komme, habe sie nicht, aber: „Eine gewisse ‚Rampensauigkeit‘ braucht man schon, um vor der Kamera zu stehen.“

Zum Schluss ging es noch um die vielen falschen Behauptungen, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. „Jeder Mensch ist im Internet nicht nur Empfänger, sondern auch Sender. Das ist prinzipiell gut, führt aber auch zu Fake News und Verschwörungserzählungen.“ In einer idealen Welt gäbe es ein „Recht auf Wahrhaftigkeit“. „Es gibt aber wohl keinen Weg, das zu organisieren. Ich setze auf Bildung als Gegenmittel.“ News4teachers

Meinung statt Fakten: Viele Menschen verstehen die Grundlagen der Wissenschaft nicht (äußern sich aber lautstark)

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Unfassbar
3 Monate zuvor

Wissenschaft würde ich gerne vermitteln, der davon befreite Lehrplan verbietet es mir leider.

Der Zauberlehrling
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

Genau mein Gedanke – wahre Worte!

Leviathan
3 Monate zuvor
Antwortet  Unfassbar

Eben… und wissenschaftliches ist meistens nicht so schön prüfbar. Und darauf kommt es ja scheinbar an.

Biene
3 Monate zuvor
Antwortet  Leviathan

Faktenwissen lässt sich herrlich abprüfen, nur die Anwendung dieser Fakten ist nicht einfach abzuprüfen.

Leviathan
3 Monate zuvor
Antwortet  Biene

Und ein wirkliches wissenschaftliches Prüfungsformat ist entweder in der aktuellen Schulstruktur nicht zu leisten oder nur schwer vergleichbar zu benoten.

Rainer Zufall
3 Monate zuvor

Richtig so, großer Fan!
Leider fehlen in meinem SBBZ die Fachlehrkräfte im großen Stil. Unterrichte 10 Fächer so gut ich kann, ggf. nehme ich anstelle eines Bunsenbrennsers den Campingkocher. Meine Kids sind neugierig und würden sehr profitieren, aber das Schulsystem gibt derzeit keinen Unterricht zu Naturwissenschaften her – gesellschaftlich/ politisch auch so gewollt 🙁

Mathe macht glücklich.
3 Monate zuvor

Wissenschaftsjournalismus für alle Themen unabhängig vom Fachwissen ???
Universalgelehrte ???
D.h. Frau Dr. Leiendecker sollte sich auf Themen beschränken die sie als Chemikerin beurteilen kann.

Monika, BY
3 Monate zuvor

Meine Kinder schauen ihre Sendungen mit der Begeisterung. Und wir auch.

Ça me fatigue
3 Monate zuvor

… und wenn Leute mit einem abgeschlossenen Studium (teilweise promoviert) in einer Naturwissenschaft in den Lehrberuf wechseln, werden sie auch nach vielen Jahren Praxis an der Schule noch wie Lehrer zweiter Klasse behandelt. Ohne Staatsexamen fehlt die Fakultas, also keine Oberstufe. Keine Möglichkeit sich auf eine Funktionsstelle zu bewerben. Keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten. Auch nach mehr als 10 Jahren Berufserfahrung in dem Feld.

Witzigerweise wird aber das pädagogische Wissen, das man ja mit dem Staatsexamen angeblich nachweist, deutlich mehr in der Unterstufe gebraucht. Dort wiederum darf man als Seiteneinsteiger alles machen, von Klassenleitung bis höchst schwierige emotional-sozial auffällige Fälle begleiten. Man darf auch fachfremd unterrichten.

Natürlich kann und muss man die SuS von Anfang an für die Naturwissenschaft motivieren. Das beginnt schon vor dem Kindergarten! Kinder sind von Natur aus neugierig!
Dafür brauche ich aber nicht das Fachwissen, das ich in den höheren Klassen benötige. Das kann jede Mutter und jeder Vater.

Wenn also mehr naturwissenschaftlich geprägtes Personal in die Schulen kommen soll, darf man diese nicht auf Lebenszeit demotivieren. Hier geht es ausnahmsweise auch mal um die LuL und nicht nur um die SuS.

Nur motivierte Lehrer, die auch die Ausstattung und die Möglichkeit haben, motivierenden Unterricht zu machen, können die SuS motivieren – Lehrer, die vom Dienstherren wertgeschätzt werden (nicht nur mit länglichen Dankesbriefen). Frustriertes Personal verbreitet Frust!

Ich find es immer wieder interessant, dass Personen als Experten herangezogen werden für ein Feld, in dem sie nie gearbeitet haben. Die essentiellen Entscheidungen in der Bildungswelt werden von fachfremden Personen gefällt, im Normalfall so, dass das politische Ergebnis für die Partei stimmt. Da werden Dinge beschlossen, die keine Chance auf Erfolg haben, so wie die gesetzlich zugesicherte frühkindiche Unterbringung.

Ich schätze Frau Nguyen-Kim sehr und ich habe viele ihrer YouTube Videos gesehen. Sie leistet einen sehr wichtigen Beitrag, um der breiten Öffentlichkeit das „Mysterium Wissenschaft“ näher zu bringen.

Das ist aber nicht Schule. In der Schule sollen die SuS ja selbst aktiv werden.

Wenn ich im Plenum etwas erzähle und (analog) vorführe, ist der Prozentsatz der SuS, die nichts davon mitbekommen, in den letzten paar Jahren drastisch gestiegen. Wenn ich das Gleiche nochmal wiederhole und dabei genau einen Schüler oder eine Schülerin anspreche, die/der vorher nichts mitbekommen hat, so kommt das plötzlich an.

Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, sich in einer Gruppe angesprochen zu fühlen, obwohl man nicht direkt angesprochen wird, weitestgehend verloren gegangen. Und das ist das Problem. Motivieren kann ich nur, wenn ich die Aufmerksamkeit habe. Das geht aber immer nur in sehr kurzen Sequenzen etwa von der Dauer eines Tiktok- Videos und direkt (der Bildschirm spricht ja auch nur die Person an, die direkt davor sitzt). Oder etwas längere Beiträge, wenn das Bild häufiger wechselt, so wie bei YouTube Videos. Das geht aber in der Schule analog nicht. Da bleibt dann nur Video gucken. Also passiv.

Ewas aktiver ist der Lehrerversuch mit Einbindung der Schülerschaft durch Zwischenfragen. Außerdem ist es ein Live-Erlebnis und eventuelle Fehlersuche wird auch gleich vorgeführt!

Noch aktiver sind Schülerversuche.
Hier mutieren die SuS plötzlich zum aktiven Spieler, wenn sie selbst Hand anlegen sollen. Vom Konsum geprägte Personen tun sich schwer mit dem aktiven Teil. Wenn ich vorher der Einführung nicht folgen konnte, ist es unmöglich. Wenn ich die Anleitung nicht sinnverstehend lesen kann, ist es ebenfalls unmöglich. Wenn ich das Protokoll nicht so aufschreiben kann, dass es jemand lesen kann (weil ich nur das Tippen am Handy oder am Tablet gelernt habe), ist es ebenfalls unmöglich.

Aus meiner Sicht wöre die Reihenfolge zuerst analog Hände und Kopf gebrauchen lernen mit echten Büchern aus Papier und Einübung von feinmotorigen Fähigkeiten. Keine Angst vor Fehlern und Einsicht, dass manche Sachen geübt werden müssen – egal, ob das Spaß macht oder nicht.

(Kinder, die ein Instrument erlernen, ticken da übrigens oft ganz anders, wenn sie Spaß daran haben und es nicht vom Elternzwang überschattet wird. Aber Kultur ist heutzutage nicht mehr gefragt, das macht es umso schwerer für diese Kinder. Sie sind „out“.)

Das alles geht parallel mit der Vermittlung der essenziellen Grundlagen in Deutsch und Mathematik.

Erst dann kommt die Verwendung digitaler Hilfsmittel. Hilfsmittel!!! Nicht alleiniges heilbringendes Wekzeug!

Experimentieren ist auch zunächst analog: Versuchsaufbau, Beobachtung, die Suche nach naturwissenschaftlichen Regeln, Fehlersuche usw. …

Natürlich gibt es auch die digitale Auswertung von Versuchsdaten. Aber das ist fortgeschritten. Dazu benötige ich wieder mathematische Fähigkeiten und muss all das vorangegangene beherrschen.

Und noch eine Sache darf man nicht übersehen: in der modernen Wissenschaft ist interdisziplinäre Zusammenarbeit über mehrere Ländergrenzen hinweg essentiell. Das gilt auch für die Zweige der Berufswelt, in der Naturwissenschaftler eine Anstellung finden. Informationsaustausch findet meistens in englischer Sprache statt. Texte mit Fachvokabular müssen logisch, wasserdicht und unmissverständlich sachlich formuliert werden.

Das kann man garnicht alles genau so in der Schule lernen. Die Schule ist für die grundlegenden Grundlagen zuständig. Dazu gehört auch „dranbleiben“, wenn es nicht funktioniert, also das Abschwächen der Frustrationsgrenze und der ordentliche soziale Umgang miteinander. Und auch hier landen wir wieder im Kindergarten.

Ich könnte noch stundenlang weiter philosophieren … nur leider bringt das nichts, wie die Vergangenheit zeigt.

Deutschland macht aus den übrig gebliebenen LuL , die noch aktiv und motiviert ihren Beruf ausüben, nach und nach ein frustriertes und ausgebranntes Kollegium.

Schade!

potschemutschka
3 Monate zuvor
Antwortet  Ça me fatigue

@ Ca me fatigue
Für diese Ausführungen würde ich gern 10 grüne Daumen geben! Danke!

GriasDi
3 Monate zuvor
Antwortet  Ça me fatigue

Zitat:
„Keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten. Auch nach mehr als 10 Jahren Berufserfahrung in dem Feld.“

Das ist bei Elektrikern auch so. Wenn Sie die Gesellenprüfung nicht gemacht haben, dürfen Sie eigenständig auch nix anschließen, auch wenn Sie 10 Jahre Berufserfahrung haben.

Ça me fatigue
3 Monate zuvor
Antwortet  GriasDi

… und wenn sie vorher Elektrotechnik an der Uni studiert haben?

dickebank
3 Monate zuvor
Antwortet  Ça me fatigue

… auch dann nicht. Die HWK wird sich vehement dagegen stellen. Ein Hochschulabschluss ist ja kein Abschluss einer Berufsausbildung.

Besonderheit im europäischen Wirtschaftsraum; der deutsche Geselle gilt als angelernter Arbeiter.
Besonderheit in der deutschen Wirtschaft, ein Hochschulabsolvent mit abgeschlossener Hochschulausbildung hat eben keinen beruflichen Abschluss, der von einer HWK oder IHK anerkannt werden würde.

FL62
3 Monate zuvor
Antwortet  GriasDi

Das ist auch so, wenn man Diplommathematiker mit Nebenfach Physik und Astronomie ist, in Mathematik promoviert und habilitiert hat, 7 Jahre an Universitäten gelehrt und 16 Jahre lang mit vollem Lehrauftrag am Gymnasium unterrichtet hat.

Ihr Vorredner hat keine Fakten bestritten, sondern zwischen den Zeilen nach deren Sinn gefragt. Da hilft es nicht, wenn Sie mir eine fehlende Gesellenprüfung andichten.

GriasDi
3 Monate zuvor
Antwortet  FL62

Hab ich nicht.