Schulessen: Selbst in der Heimat der Bratwurst liegt Vegetarisches im Trend

17

ERFURT. Schüler mit gesundem, qualitativ hochwertigem und vor allem bezahlbarem Essen zu versorgen ist ein Spagat. Doch in vielen Schulkantinen tut sich etwas, wie das Beispiel Thüringen zeigt – Heimat der Thüringer Rostbratwurst. Selbst dort kommt immer öfter Vegetarisches auf die Teller.

Muss es immer Fleisch sein? Von wegen. Foto: Shutterstock

In der kurzen Pause zwischen zwei Stunden schnell ein warmgehaltenes Essen in überfüllten oder ungemütlichen Speiseräumen hinunterschlingen: Vielerorts gibt es immer noch Schulen, in denen das Essen eher Pflichtveranstaltung als Genuss ist. Aber: «Beim Thema Schulessen ist derzeit durchaus viel in Bewegung», sagt Alexandra Lienig, Projektleiterin in der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Thüringen.

Schulträger, Schulen und Essensanbieter müssten einen Spagat zwischen gesetzlichen Qualitätsvorgaben und stetig steigenden Preisen vollziehen. Von der angebotenen Qualität und Vielfalt des Essens über die Gestaltung der Speisesäle bis hin zu ausreichend Zeit zum Essen gebe es viele Baustellen – aber auch Bemühungen, das Schulessen attraktiver zu machen. Nötig sei das Zusammenspiel aller Beteiligten.

Grundsätzlich wird Lienig zufolge in Thüringen fast flächendeckend eine Mittagsverpflegung an allgemeinbildenden Schulen angeboten. Die Kindergärten kommen laut Beatrice Schletzke von der Vernetzungsstelle Kita-Verpflegung sogar auf ein Angebot von rund 99 Prozent. Gesundes und qualitativ hochwertiges Essen werde dabei immer wichtiger.

2018 landete Thüringen bei einer Erhebung zu Adipositas und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter auf Platz drei der negativen Rangliste, sagt ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums. Im selben Jahr legte das Land Thüringen ein Programm zur Verbesserung des Schulessens auf, das noch bis 2024 läuft und an dem aktuell 23 Schulen beteiligt sind. 2020 wurden die Qualitätsstandards für Schulessen im Thüringer Schulfinanzierungsgesetz festgeschrieben.

Mittlerweile hätten sich die Anforderungen an das Schulessen gewandelt, sagt Lienig. Faktoren wie Gesundheit, Leistungsfähigkeit der Schüler und der Nachhaltigkeitsgedanke spielten – ebenso wie etwa das Bio-Siegel – eine immer größere Rolle. Die Folge sei unter anderem eine Ausweitung des vegetarischen Angebots. Der Trend gehe dahin, Fleisch und Fisch perspektivisch nur noch einmal pro Woche anzubieten. Ein Problem sei das jedoch nicht: Bei den Schülerinnen und Schülern werde nicht wahrgenommen, dass diese unbedingt Fleisch essen wollen, so Lienig.

«Grundsätzlich beobachten wir, dass die Kinder und Jugendlichen oft weniger Schwierigkeiten mit der Veränderung haben als die Erwachsenen»

Grundsätzlich sei die Nachfrage nach Fleischgerichten auf dem Land größer als in den Städten. Wenn es aber gute Alternativen gebe und das Angebot durch die Lehrer und Eltern positiv begleitet werde, sei die Akzeptanz fleischloser Gerichte groß. Ältere Schüler fragten immer häufiger selbst nach vegetarischen Alternativen. «Grundsätzlich beobachten wir, dass die Kinder und Jugendlichen oft weniger Schwierigkeiten mit der Veränderung haben als die Erwachsenen.»

Allergien und Unverträglichkeiten würden immer öfter berücksichtigt, veganes Essen spiele bisher eine untergeordnete Rolle, erklärt Lienig. Halal oder koscheres Essen werde aktuell nicht nachgefragt oder angeboten. Allerdings würden Küchen bei Bedarf Alternativen – etwa zu Schweinefleisch – anbieten.

Während die Qualität des Essens vielerorts steigt, nehmen angesichts steigender Lebensmittelpreise auch die Kosten für das Schulessen zu: In Thüringen habe der Preis pro durchschnittlicher Portion im Herbst 2021 noch bei 3,24 Euro gelegen. Im Frühjahr 2022 sei dieser auf 3,75 Euro angestiegen, vereinzelt würden Preise von bis zu fünf Euro aufgerufen. Nicht jedes Elternhaus könne sich diese Ausgaben leisten. «Möglichkeiten der Finanzierung sollten daher zwingend diskutiert und auf den Weg gebracht werden», sagt Lienig.

Herausforderungen gebe es noch viele: So sei für die rund 100 Anbieter von Schulessen im Freistaat neben der Preisentwicklung auch der Fachkräftemangel ein Problem, erläutert Lienig. Auch die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben und die Koordinierung mit den Schulämtern seien für die Beteiligten nicht einfach. Die Kosten für eine ansprechende Raumgestaltung seien oftmals sehr hoch, die Taktung der Essenszeiten schwierig. Bei der Planung sei es sinnvoll, Schülerinnen und Schüler dauerhaft in das Thema einzubinden, um gemeinsam Lösungen zu finden. News4teachers / mit Material der dpa

Erste Kommune bietet in Kitas und Grundschulen nur noch Vegetarisches an

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

17 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Unfassbar
3 Monate zuvor

Die Frage nach halal oder nicht müsste man durch die nach Schweinefleisch oder nicht ersetzen. In meinem Bundesland sehe ich in den Speiseplänen jeden Tag eine vegetarische Alternative, jedoch so gut wie nicht mehr Schweinefleisch. Aus Kostengründen ist es überwiegend Pute, selten Rind, ein oder zwei Mal pro Woche Fisch.

Kaffeetasse
3 Monate zuvor

Warum wird uns immer öfter vegetarisches Essen aufgezwungen? Ist das die grün-woke Meinungsmacht allüberall?

PS: Ich habe keine Ahnung, was „woke“ bedeutet, hört man aber jetzt überall, wenn jemand auf die Grünen schimpft.

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Kaffeetasse

Es isz ein anderer Ausdruck für „linksradikal“ in einer spezifischen Variante (Symbolhandlungen, Psychodruck, passiv-aggressive Vorgehensweise, Kulturkampf nach Gramsci), der sich ursprünglich in US-Medien etabliert hat, um automatisierte Zensur zu umgehen.

Populär wurde der Begriff (soweit mur bekannt) vor allen durch „Be woke, go broke“ im Zusammenhang mit finanziell verlustreichen Filmproduktionen/Werbungen.

Unfassbar
3 Monate zuvor
Antwortet  Redaktion

Hier ist noch ein alternativer Artikel, auch wenn der Vertretern der politischen Korrektheit nicht unbedingt gefallen wird:

Woke: Einst verfügte der Staat das Denken, nun läuft es umgekehrt

Bla
3 Monate zuvor
Antwortet  Redaktion

Woke/Wokeness/Wokismus steht ursprünglich/eigentlich für „wach sein“ (von „to wake“ abgeleitet/Verganhenheitsform) -> (Politisch) Wach sein gegenüber Diskriminierung (v. A. Rassismus und Sexismus).
Wurde nach Deutschland jetzt transportiert und hier von Rechtsaußen aufgegriffen und negativ konnotiert.
Klar gibt bzw. gab es Menschen, welche sich als „Woke“ bezeichnet hatten. Gerade einige (Pseudo-)Linke haben den Begriff immer wieder verwendet.
Jetzt geht das „ich bin Woke/ich sehe mich als Woke“ jedoch natürlich stark zurück, da viele mit dem Begriff nichts anfangen können und er eben negativ geprägt worden ist von Rechtsaußen.

Ursprünglich (also 1930) war daran nicht sonderlich viel negativ geprägt. Das hat sich eben geändert.
Warum das in dem von Ihnen verlinkten Beitrag nicht erwähnt wird … Ich weiß es nicht. Sollte man aber vielleicht dann auch dazu nehmen, wenn man es genau(er) nimmt.

Edward von Roy
3 Monate zuvor
Antwortet  Kaffeetasse

Woke

Woke ist eine von manchen afroamerikanischen Sprechern der englischen Sprache verwendete Variante von woken („aufgewacht“), dem Partizip Perfekt des Verbs to wake.

Woke ist ein aus dem African-American Vernacular English (AAVE) abgeleitetes Adjektiv mit der Bedeutung „Jederzeitige hellwache Vorsicht, um rassistische Vorurteile und Diskriminierung künftig zu vermeiden“. Der Ausdruck „Stay Woke“ ist in AAVE seit den 1930er Jahren nachgewiesen. Eine frühe Verwendung des Begriffs woke findet sich am Ende eines Lieds von Huddie Ledbetter (Leadbelly) über die Scottsboro Boys (1938). In manchen Zusammenhängen bezog sich der Begriff auf ein Bewusstsein für soziale und politische Probleme, die Afroamerikaner betreffen. Der Begriff ist in den erwähnten Aufnahmen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts von Lead Belly und nach der Jahrtausendwende von Erykah Badu dokumentiert.

Im Zuge der durch die Erschießung des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown 2014 in Ferguson im US-amerikanischen Bundesstaat Missouri ausgelösten Proteste gelangte der Begriff zu weiter Verbreitung, unter anderem in den Reihen der Black-Lives-Matter-Bewegung. In diesem Kontext entwickelt sich auch der abgeleitete Ausdruck stay woke als Warnung vor Polizeiübergriffen und ganz allgemein als Aufruf, sensibler und entschlossener auf systembedingte Benachteiligung zu reagieren.

„Stay Woke!“

Bla
3 Monate zuvor
Antwortet  Edward von Roy

So ist es. Danke.

Lisa
3 Monate zuvor

Ich schreibe dies jetzt und bin selbst Vegetarierin: Es ist ein Irrglaube, dass vegetarisches Essen per se gesund ist. Es kann auch zerkochtem Gemüse mit Billigkäse überbacken bestehen oder aus total chemisch aufgepeppten Sojabratlingen. ( Regenwald gefährdend und miese Co 2 Bilanz) Ebenso kann ein Stück Biofleisch von vernünftig gehaltenen Tieren sehr gesund sein. Fisch sowieso, besonders nicht zu überfischter Seefisch, denn wir sind Jodmangel Gebiet. Also man kann aus ethischen Gründen Vegetarier sein, aber das es gesünder ist, das hängt an vielen Faktoren. Scherzhaft spricht man auch von „Puddingvegetariern „

Flix
3 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Welcher Schulcaterer verwendet denn bitte Biofleisch oder echten Fisch? Das gesamte Essen darf am Ende keine 5 Euro kosten.

447
3 Monate zuvor
Antwortet  Flix

Keiner – und dort plus dem Kuschen vir „halal“ liegt die wahre Ursache.

Lisa
3 Monate zuvor
Antwortet  Flix

Bei uns direkt nebenan die Kita. Jetzt nicht Bioladen Bio, aber zumindest das von Discounter mit L.

Hannah
3 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Soviel falsch in diesem Beitrag.
Soja welches Regenwälder zerstört wird weder für vegane noch vegetarische Produkte benutzt, sondern für die Massentierhaltung.
Fisch ist nicht gesund sondern voll mit Quecksilber und anderen gefährlichen Stoffen. Aufgrund von Überfischung sollte man generell keinen Fisch essen. Auch nicht aus Aquakulturen, die sehr schlecht für die Umwelt sind. Für die Fische sowieso.
Und es gibt kein Fleisch von glücklichen Tieren, nur von Toten bzw ermordeten.