Podcast-Reportage: Mangelware Grundschullehrkraft – zu hoher Erwartungsdruck?

14

DÜSSELDORF. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Schulen für unsere Gesellschaft sind – insbesondere die Grundschulen. Allerdings fehlen gerade im Primarbereich besonders viele Lehrerinnen und Lehrer. Woran das liegt und mit welchen Herausforderungen Grundschulen derzeit zu kämpfen haben, das beleuchtet News4teachers-Redakteurin Laura Millmann in der vierten Folge ihrer Reportagereihe zum Seiteneinstieg „Plötzlich Lehrer“.

Junger Mann mit Brille in der Hand am Schreibtisch massiert seine Nasenwurzel.
Der Lehrberuf ist belastender geworden. Foto: Shutterstock

April 2021: Wir treffen Andre Diehl endlich wieder persönlich, auf dem Schulhof der Emschertal-Grundschule. Es gibt wieder Präsenzunterricht, doch weiterhin bestimmen Corona-Regeln den Schulalltag. Gelbe Pfeile auf dem Boden der Schulflure zeigen den Kindern an, in welche Richtung sie laufen müssen, der Schulhof ist geteilt, Abstand halten lautet das Gebot der Stunde. Es ist eine „neue Normalität“, wie Andre Diehl sagt. Doch er ist froh, seine Schüler*innen endlich wieder sehen zu können, auch wenn viele sich erst wieder an das System Schule gewöhnen müssen. „Es gibt leider einen großen Teil von Schülern, die sich sehr schwertun, wieder in den Schulalltag zu kommen, sich zu konzentrieren, zu verstehen, dass wieder Unterricht ist. Und deswegen hoffe ich einfach, dass wir jetzt lange Präsenzunterricht machen können, jeden Tag, dass die Schüler auch wieder die Chance haben, in ihren Schulalltag zu kommen.“

Vom Lehrermangel hart getroffen

Die Corona-Pandemie hat noch einmal gezeigt, wie wichtig die Schulform Grundschule für unsere Gesellschaft ist. Die Grundschule gibt Kindern Struktur, ermöglicht ihnen soziales Lernen und bereitet sie letztendlich auf ihren weiteren Bildungsweg vor. Leider trifft der Lehrermangel jedoch die Grundschulen besonders hart.

Andre Diehls Kollegin, Nicole Conrad, ist seit mehr als 25 Jahren Grundschullehrerin und stellt fest, dass sich der Lehrerberuf in den letzten Jahren stark gewandelt hat. „Die Strukturen haben sich sehr verändert. So wurden zum Beispiel der Schulkindergarten und die Schulfähigkeit abgeschafft. Jetzt kommen alle Kinder in die Schule, unabhängig davon, wie weit sie in ihrer Entwicklung sind“, erläutert sie. „Auch das Aufgabenspektrum der Lehrkräfte hat sich erweitert. Dazu gehört zum Beispiel die Inklusion. Als Grundschullehrer übernimmt man inzwischen Aufgaben, für die man nie ausgebildet wurde. Man ist jetzt auch Sonderpädagoge, auch Sozialpädagoge, was früher noch andere ausgefüllt haben. Da sind sehr, sehr viele Rollen hinzugekommen.“

Weitere zusätzliche Aufgaben sind die Integration von geflüchteten Kindern, die verstärkte Kooperation mit Eltern sowie der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht. Auch der Bildungsforscher und Experte für Grundschulpädagogik Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin sagt, dass ein zu hoher Erwartungsdruck auf den Grundschulen laste. Die Grundschule solle das ausgleichen, was die Gesellschaft nicht schafft. Die Kinder sollen zu friedlichen und produktiven Menschen erzogen werden, dabei individuell gefördert werden, aber doch in Gemeinschaft lernen. „Es gibt einen bisweilen ins Maßlose gesteigerten Erwartungsdruck. Und das ist eine permanente Überforderungssituation – an jegliches Schulsystem“, so Ramseger.

Komplexe Aufgaben und schlechte Bedingungen

Das Problem: Eigentlich bräuchte es mehr Personal für all diese neuen, komplexen Aufgaben. Aber genau das ist zurzeit leider Mangelware. Ein weiteres Problem, das nun zumindest langsam angegangen wird, ist die Bezahlung der Grundschullehrkräfte. Jahrelang verdienten sie im Vergleich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulformen – A12 statt A13. Inzwischen ist in elf Bundesländern die Angleichung an die Besoldungsstufe A13 entweder schon umgesetzt oder zumindest beschlossen. In Nordrhein-Westfalen hat die schwarz-grüne Landesregierung 2022 einen Stufenplan zur Höhergruppierung verabschiedet.

Zugleich sei die Bezahlung nicht das einzige Problem, sagt der Bildungswissenschaftler Aladin el-Mafaalani. Denn: „Wir sagen immer, Lehrkräfte verdienen in kaum einem Land so viel wie bei uns, das stimmt und gleichzeitig sind die Arbeitsbedingungen in kaum einem Land so schlecht wie bei uns. Das müsse sich ändern, so el-Mafaalani. „Man würde ganz viele Probleme gleichzeitig lösen, wenn man sagen würde, es gibt ein Sondervermögen ‚Bildung und Qualifizierung‘. Das wäre ein Signal für alle, dass da jetzt richtig was passiert. Und wenn dem Signal dann auch wirklich Handlungen folgen, dann würden wir es schaffen, dass heute mehr Menschen in Betracht ziehen könnten, diesen Beruf zu ergreifen. Weil das Grundpotenzial dieser Jobs, das ist wirklich außergewöhnlich groß. Es gibt schon gute Gründe, warum in anderen Ländern man sich die Leute aussuchen kann.“

Ein unattraktiver Beruf?

Tatsache ist, dass immer mehr angehende Lehrkräfte ihr Referendariat abbrechen – vor allem im Grundschulbereich. Deshalb herrscht bei den Bildungsexpert*innen die Angst, dass die zusätzlichen Studienplätze, die derzeit entstehen, den Lehrermangel nicht automatisch beheben werden, da die Arbeitsbedingungen und das Image des Berufs zu schlecht sind.

Die GEW in NRW plädiert daher genau wie Aladin el-Mafaalani dafür, Lehrkräfte von bestimmten Aufgaben zu entlasten, beispielsweise durch den Einsatz von sogenannten Verwaltungsassistent*innen beziehungsweise Alltagshelfer*innen. „Denn, wenn wir sagen, wir haben sowieso Lehrkräftemangel, dann ist es doch fatal, wenn die Zeit nicht in Kinder investiert wird, sondern in Administration von Geräten, digitalen Geräten oder sonst welchen Verwaltungsaufgaben, das darf nicht sein“, betont die GEW-Vorsitzende in NRW, Ayla Çelik.

Andre Diehl schaut derweil kurz vor den Sommerferien 2021 auf das vergangene Schuljahr zurück. Die vierte Klasse, die er in letzter Zeit sehr intensiv begleitet hat, musste er zum Schuljahresende naturgemäß in die weiterführende Schule verabschieden. Gleichzeitig hat er die Nachricht bekommen, dass er im kommenden Schuljahr zusammen mit seiner Schulleiterin die Klassenleitung einer ersten Klasse übernehmen darf. „Darauf freue ich mich, aber ich hab auch mächtig Respekt davor, weil ich natürlich dann auch viel mehr im Fokus stehe, auch mehr mit Eltern zu tun habe und einfach ein bisschen mehr Verantwortung für die Kinder tragen werde.“ Die To-do-Liste für die Ferien ist entsprechend lang und sein Ziel ziemlich klar: Ich möchte es schaffen, dass die Kinder morgens gerne kommen und egal, was das für ein Fach ist, sich darauf einlassen und versuchen, das Beste daraus zu machen.“ News4teachers

Der fünfte und letzte Teil der Podcast-Reportage „Plötzlich Lehrer!“ erscheint in den nächsten Tagen.

Hier geht es zu den ersten drei Teilen der Podcast-Reportage – sowie zu weiteren Folgen des News4teachers-Podcasts Schulschwatz:

Den Podcast finden Sie auch auf

 

 

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

14 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Alter Pauker
1 Monat zuvor

Nach 32 Jahren Grundschule, Missachtung von Gesellschaft, Arbeitgeber und Eltern habe ich das Handtuch geschmissen. Etliche Nullrunden, Arbeitszeiterhöhungen. Gesundheit kaputt. Finanziell ein Disaster. Aber die Quereinsteiger werdens richten. Ja ne, ist klar!
Sorry, aber ich kann nur noch kotzen

Lessi
1 Monat zuvor
Antwortet  Alter Pauker

Ich bin die Nächste, die das Handtuch werfen muss. Nach 36 Dienstjahren (alle 2 Jahre eine 1. Klasse!) ist das Herz kaputt. Ursache: Cov- Stress- Cov- Stress…Es ist zum Ko…! So hab ich mir das nicht vorgestellt!

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor

Bald gibt es wieder zu viele Grundschullehrer, von denen viele nicht im Lehrerberuf arbeiten werden können. Die Universitäten haben derzeit zahlreiche Grundschullehramtsstudenten.

PaPo
1 Monat zuvor

Laut Bertelsmann Stiftung haben wir doch ab 2035 mind. 45800 Grundshcullehrkräfte zuuu viehiehiel! Also, alles kein Problem! 😀

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  PaPo

Ne, alles SupiDupi. Gar keinen Bericht wert. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Lisa
1 Monat zuvor

„Die Strukturen haben sich sehr verändert. So wurden zum Beispiel der Schulkindergarten und die Schulfähigkeit abgeschafft. Jetzt kommen alle Kinder in die Schule, unabhängig davon, wie weit sie in ihrer Entwicklung sind“

Genau daran hakt es. Das waren rein politisch- ideologische, keine pädagogische Entscheidungen. Wenn man erkennt, dass man ein totes Pferd reitet, bitte absteigen.

Heide Blume
1 Monat zuvor
Antwortet  Lisa

Derer gibt es noch viel mehr … Inklusion ohne zusätzliche Ressourcen, Abschaffung des gegliederten Schulsystems, Lerncoach statt Lehrer, Dokumentationen schreiben statt qualitativ hochwertigen Unterrichts, Entwertung des Notensystems … to be continued.

Lessi
1 Monat zuvor
Antwortet  Lisa

Du sagst es!!!!

Lera
1 Monat zuvor

Die Erwartungen an Grundschullehrer sind pervers und übergriffig. Wer es schafft, 28 Stunden guten Unterricht vor- und nachzubereiten sowie zu halten, hat sein Soll absolut erfüllt und die 40 Stunden locker voll. In den Augen der meisten Kommentatoren von der Seitenauslinie ist „nur Unterrichten“ aber im Grunde Arbeitsverweigerung.

Gar nicht schwer zu verstehen, warum keiner mehr Bock hat, Lehrer zu werden – wenn man es verstehen will.

Ramon
1 Monat zuvor
Antwortet  Lera

Die GS Lehrerin meines Sohnes schafft ca 2 Stunden guten Unterricht.
Aber ich habe auch keine Ahnung, wie aufwändig es ist, eine Sportstunde nachzubereiten oder ähnliches

Lehry aus BY
1 Monat zuvor
Antwortet  Ramon

Und das wissen Sie weil????
Sie mit im Unterricht sitzen?
Durch das Fenster schauen?

Ja, Sport braucht keine Nachbereitung, aber die Sportstunden sind halt 2-3. Beim GU sieht es schon ein bisschen anders aus!

Aber voran, voran… Wir nehmen im Moment jeden. Und wenn Sie es besser können: umso besser!
Dann können wir ja gleich ne kollegiale Hospitation machen!

Mariechen
1 Monat zuvor
Antwortet  Ramon

Okay… also haben Sie keine Ahnung, können aber beurteilen, dass die GS Lehrerin 2 Stunden guten Unterricht macht. Ohne Worte!

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Ramon

Nur zu, auf krasse Wirtschaftscheckermegaleister warten wir. Es gibt auch (in Ihren Worten) „9 Wochen Nasenbohren“ voll bezahlt zum Gehalt obendrauf.

Auf geht es, ab ins Lehramt!

Mariechen
1 Monat zuvor
Antwortet  Lera

Treffend formuliert: Pervers und übergriffig! Jawoll!