Und tschüss! Trotz steigender Dienstaustritte: Schulministerin bleibt gelassen (zu Recht?)

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DÜSSELDORF. Als wäre der Mangel an Nachwuchslehrkräften nicht schon schlimm genug, verweisen aktuelle Zahlen aus Nordrhein-Westfalen auf ein zusätzliches Problem, das den Personalbedarf verschärfen dürfte: Immer mehr Lehrende verlassen nach Recherchen des WDR frühzeitig den Schuldienst. Aus Sicht von Schulministerin Dorothee Feller (CDU) ist das allerdings kein Grund zur Sorge.

Und tschüss… Allein im Jahr 2023 entschieden sich 930 Lehrkräfte, den Schuldienst zu verlassen; rund 17 Prozent mehr als im Jahr davor. Symbolfoto: Shutterstock/file404

Die Zahl der Dienstaustritte in NRW hat sich nach Informationen, die dem WDR exklusiv vorliegen, innerhalb der vergangenen zehn Jahre mehr als verdreifacht: Sie stieg von 299 im Jahr 2013 auf 930 im Jahr 2023. Allein im Vergleich zum Jahr 2022 entschieden sich 2023 knapp 17 Prozent mehr Lehrkräfte, ihren Job aufzugeben. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU) schreckt das jedoch nicht. Sie sieht darin lediglich ein Zeichen eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels. „Es sei heute so, dass junge Menschen nicht mehr auf Dauer bei einem Arbeitgeber bleiben würden. Das sehe man auch in der Privatwirtschaft“, zitiert der WDR Feller.

VBE fordert Beratungsmöglichkeiten

Ganz anders bewertet allerdings der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW die Lage: „Es reicht in dieser Situation nicht, darauf hinzuweisen, dass es sich wahrscheinlich um natürliche Fluktuationen in der Arbeitswelt handelt. Einige Gründe liegen nah: Viele Kolleginnen und Kollegen an den Schulen fühlen sich überlastet und alleingelassen. Sie können der Individualität der Schülerinnen und Schüler in den viel zu großen Lerngruppen nicht gerecht werden. Die Personalausstattung ist zu klein und an vielen Schulen fehlen immer noch multiprofessionelle Teams. Anforderungen und Erwartungen an das, was Schule zu leisten hat, werden jedoch immer größer statt kleiner“, kommentiert VBE-Landesvorsitzenden Anne Deimel.

Hinzu komme, so Deimel, dass auch die schlechten Ergebnisse der jüngsten Bildungsstudien wie IQB, IGLU, PISA und Co. nicht zu besseren Rahmenbedingungen an den Schulen geführt hätten. „Den Beschäftigten in den Schulen wird immer wieder Entlastung versprochen, jedoch spüren sie diese in ihrem Alltag nicht. Stattdessen müssen sie beispielsweise darum kämpfen, ihre Teilzeit genehmigt zu bekommen oder nicht gegen ihren Willen abgeordnet zu werden.“ Die Landesregierung sei gefordert, Dienstaustritte nicht einfach hinzunehmen, sondern Beratungsmöglichkeiten für Kolleginnen und Kollegen anzubieten, die überlegen, den Schuldienst zu verlassen.

„Es ist eine hohe psychosoziale Belastung“

Erfahrung mit Lehrkräften, die sich vorstellen können, aus dem Lehrerberuf auszusteigen, hat Isabell Probst – sie berät Lehrerinnen und Lehrer, die mit diesem Gedanken spielen. Das Problem sei relativ vielschichtig, sagt sie gegenüber News4teachers (hier geht es zum vollständigen Interview). Ausschlaggebend sei etwa die hohe psychosoziale Belastung von Lehrkräften. „Das war auch schon vor dem Lehrermangel so. Das ist einfach ein Kontaktberuf, der einem sehr viel Präsenz abfordert und der emotional sehr belastend ist. Also es ist eine hohe psychosoziale Belastung, eine Überfrachtung mit Aufgaben, und das aber gepaart mit mangelnder Wertschätzung für die erbrachte Leistung.“ Aus dem Lehrerberuf auszusteigen, sei allerdings eine große Weichenstellung im Leben. „Das macht man in der Regel nur, wenn sich viele komplexe Gründe über einen längeren Zeitraum akkumuliert haben“, sagt Probst. Sie widerspricht der Einschätzung Fellers: „Das macht niemand aus einer spontanen Laune heraus.“ News4teachers

Zahl der verbeamteten Lehrkräfte, die den Schuldienst quittieren, verdreifacht sich

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22 Kommentare
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Rainer Zufall
9 Tage zuvor

Haben die schon versucht, die Kolleg*innen als faul und verweichlicht zu beschimpfen?
Immerhin steht das gerade bei Kindern und Eltern erfolgreich im Trend.

Doc Tobi
9 Tage zuvor

Das ist Wettbewerb:
Woanders gibt es bessere Bezahlung und bessere special benefits mit 4-Tage Woche als Testprojekt oder homeoffice-sogar aus dem Ausland für ein paar Tage.

Realist
9 Tage zuvor
Antwortet  Doc Tobi

Neuester Trend in der „freien“ Wirtschaft:

„Workation“: Work + Vacation: Mach‘ ein paar Monate im Ausland arbeitgeberfinanzierten Urlaub und arbeite dabei ein bisschen (oder tue zumindest so):
https://unternehmen.focus.de/workation.html

Wegen des „stresigen“ Homeoffice und der 4-Tage-Woche (vier ganze Tage Arbeit pro Woche!) hat man sich das ja auch wirklich verdient…

kanndochnichtwahrsein
9 Tage zuvor

Wär ja mal interessant zu lesen, wer wirklich den Schuldienst verlässt.
Sind das tatsächlich nur junge Leute?
Sind es einzelne Exoten, die nach 20, 30 und mehr Jahren diesen Schritt erwägen?

Kann ich eigentlich nicht glauben!

Und wie viele der älteren überlegen zwar ernsthaft, finden aber den Absprung nicht (mehr), weil es keinen anderen passenden Arbeitsplatz für sie gibt, wenn man zwischen 50 und 65 nicht mehr kann und raus will.
Wo ist ergänzend die Statistik über diejenigen, die aus Krankheitsgründen gehen (und damit meine ich nicht die, die einen Unfall hatten oder eine andere ernsthafte physische Erkrankung)?

Lisa
9 Tage zuvor

Auch psychische Erkrankungen sind ernsthaft.

kanndochnichtwahrsein
9 Tage zuvor
Antwortet  Lisa

Sollte nicht in Abrede gestellt werden!
Im Gegenteil: man müsste aus der Krankheitsstatistik diejenigen rausfiltern, die eben aus psychischen Gründen – deren Ursachen womöglich im Schulsystem liegen – den Dienst quittieren müssen. (Tumorerkrankungen, Sportunfälle etc., die zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Dienst führen, müssten rausgerechnet werden.)
Nur so bekäme man ein halbwegs realistisches Bild, was das System bei den Lehrkräften anrichtet und aus welchen Gründen sie dieses System freiwillig oder unfreiwillig verlassen…

Walter Hasenbrot
9 Tage zuvor

In NRW gibt es fast 200.000 Lehrer.

Insofern kann Feller tatsächlich gelassen sein. Ihre Reaktion ist aber auch ein Zeichen von Zynismus, da nicht anerkannt wird, dass die Arbeitsbednigungen und die Arbeitsbelastung für viele Lehrkräfte unerträglich geworden sind. Noch immer weigern sich sämtliche zuständigen MinisterInnen eine Arbeitszeiterfassung einzuführen, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Fürsorge des Dienstherren sieht anders aus

Dass nicht mehr Kolleg:innen den Schulen den Rücken zuwenden liegt hauptsächlich daran, dass der Weg aus dem Beamtentum nur mit erheblichen Verlusten, was die Altersversorgung angeht, möglich ist

Der Zauberlehrling
9 Tage zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Der letzte Absatz trifft den Nagel auf den Punkt. Der Ausstieg hat finanzielle Konsequenzen, die Nachversicherung bei der gesetzlichen Rentenversicherung ist Verlustgeschäft.

Durchhalten bis zur Dienstunfähigkeit als Alternative? Kann ins Auge gehen, ist aber finanziell die bessere Lösung. Symptome sind bei fast jedem Kollegen vorhanden.

Über ein BEM einen anderen Arbeitsplatz mit Erhalt des Beamtenstatus zu bekommen wäre auch ein Weg. Wie oft der gegangen wird, weiß ich nicht.

dickebank
9 Tage zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Nun ja, Feller sagt ja selbst, dass ihr 7000 Lehrkräfte fehlen. Die rund 1000 durch Kündigung ausgeschiedenen Lehrkräfte sind dann aber ein Siebtel der nach zu besetzenden Stellen. – Also 14% der nicht besetzten Stellen wären nicht vakant, hätte Feller die Leute gehalten.

Btw das ATZ-Modell für langjährig tarifbeschäftigte Lehrkräfte über 60 ist doch ganz einfach:
Von den letzten fünf Berufsjahren werden drei Jahre noch im Schuldienst verbracht und dann gekündigt. Für die letzten zwei Jahre (24 Monate) wird dann ALGI bezogen, wobei in den ersten 84 Tagen (12 Wochen) wegen eigener Kündigung keine Zahlungen erfolgen. Die Höhe des Erwerbersatzeinkommens liegt bei etwa 60% vom letzten Entgelt (Durchschnitt der letzten beiden Berufsjahre).

Drei Jahre das vereinbarte Deputat und zwei Jahre keine Wochenstunden führt zu einer Teilzeitquote von 60%, die ohne Anlass ansonsten nicht genehmigungsfähig ist.
Gehen wir einmal von 2.500 Euro Nettobezügen aus, dann werden während der letzten 36 Monate insgesamt 90.000 Euro bezogen, 3 Monate gibt es während der Arbeitslosigkeit nix und 21 Monate rund 1.500 Euro ALG I – in Summe 31.500 Euro.
Umgerechnet auf die letzten fünf Jahre entspricht das dann ATZ-Bezügen in Höhe von 2.025 Euro je Monat – also ca. 80% der letzten Nettobezüge. Das ist deutlich mehr als das, was einem als Alterrente zukommen würde. Deshalb auch auf gar keinen Fall einen vorzeitigen Eintritt in die Rente wegen Alters erwägen, die würde nämlich 24 mal 0,3 Prozentpunkte der Rentenansprüche – 7,2% Rentenminderung – kosten.

Manches ist ein ganz einfaches Rechenexempel.

Hysterican
6 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Danke!!

Schon in der Corona-Pandemie hat uns das Schulministerium ständig vorgerechnet, dass die Risiken und die tatsächlichen „Einschläge“ in die Personaldecke quasi im Promillebereich lägen (ich meine jetzt tatsächlich mal nicht die mittlerweile notwendige Tagesration Schnaps, um diesen Scheiß nooch auszuhalten) und wir – dabei meint das KuMi aber immer sich selbst – uns keine Sorgen machen brauchen.

Fazit: „shit happens“ – die da oben im KuMi fabrizieren ihn und uns an der schulischen Basis fällt er dann auf den Kopf.

Ergo: alles wie gehabt

So!?
5 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

OK, passt für tarifbeschäftigte LuL. Beamte werden nicht einfach kündigen.

Riesenzwerg
7 Tage zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Was Frau Feller sagt, ist eine weitere Klatsche ins Gesicht der vielen Lehrkräfte.

Es sollten noch deutlich mehr gehen!

447
9 Tage zuvor

Klar bleibt die Ministerin gelassen – zwischen ihr und einer möglichen Bildung ihrer eventuell vorhandenen Kinder/Enkel steht die sichere Trutzburg des Politikergehaltes und der wohlig-tiefe Graben des (echten) Privatschulwesens.

Insofern: Aus rein politischer Sicht gibt es keinen Grund zur Beunruhigung.

Dil Uhlenspiegel
9 Tage zuvor

Wenn was nicht passt, schwupp, sin’se weg. So sin’se halt heut die jungen Leut.
Sind auch arg leicht abzuwerben von Anderen zu Anderem.

Der Zauberlehrling
9 Tage zuvor

Aus einer Verdreifachung der Aussteigerzahlen lässt sich eine schöne Schlagzeile schmieden.

Relativ gesehen zum Bestand ergibt sich da keine Schlagzeile. Und das hat Frau Feller auch begriffen. Allerdings passt ihr Argument – junge Leute und Arbeitsplatzwechsel – zum Bild der Kultusministerien. Wenn jemand geht, hat das Ursachen, die nicht am System Schule liegen. Verleugnung der Realität ohne Ursachenforschung. Und damit auch ohne die Möglichkeit, der Problembehebung. 14 und 20 Jahre im Dienst und dann ausgestiegen. Da fällt es mir schwer, an „jung“ und „üblicher Arbeitsplatzwechsel“ zu glauben.

Die vom WDR befragte Grundschullehrerin hat es richtig gemacht und den Schlussstrich gezogen. Spätestens in einem halben Jahr wird es ihr deutlich besser gehen.

Lisa
9 Tage zuvor

„Das war auch schon vor dem Lehrermangel so. Das ist einfach ein Kontaktberuf, der einem sehr viel Präsenz abfordert und der emotional sehr belastend ist. Also es ist eine hohe psychosoziale Belastung, eine Überfrachtung mit Aufgaben, und das aber gepaart mit mangelnder Wertschätzung für die erbrachte Leistung“
Ja, so ist es. Damit ist gar nicht die rein monetäre Wertschätzung gemeint, sondern besonders die gesellschaftliche. Das ist bereits seit Schröders“ Faule Säcke “ die Tendenz.
Heutzutage kommt dazu, dass verbeamtet werden, das Goldene Kalb von uns Boomern und deren Elterngeneration, anscheinend nicht mehr den Stellenwert hat, den es hatte, zumindest nicht um den Preis der seelischen und körperlichen Gesundheit.

Herbert Klein
6 Tage zuvor
Antwortet  Lisa

Heutzutage kommt dazu, dass verbeamtet werden, das Goldene Kalb von uns Boomern und deren Elterngeneration, anscheinend nicht mehr den Stellenwert hat, den es hatte, zumindest nicht um den Preis der seelischen und körperlichen Gesundheit.“

Das hat auch mehrere Aspekte:
Früher war Lehrer doch eher entspannt, denn da gab es keine Stundenzahl von 26,27,28 Stunden.

Früher brauchten Lehrer auch keine Stichschutzwesten, Nahkampftraining, persönliche Rechtsabteilung, Sicherheitspersonal.

Früher galt Lehrer als angesehener akademischer Beruf und musste sich nicht rechtfertigen, warum er mehr verdient als ein Arbeitsloser (der ja auch nicht weniger arbeitet als Lehrer).

Früher konnten Lehrer sicher sein, dass sie auch wirklich die Pension erreichen und die Verbeamtung wurde damit gerechtfertigt, dass ihre Unabhängigkeit gesichert ist. Heute ist es wohl eher eine Gefahr nach 30, 40 Jahren auf H4-Niveau zurückzufallen, wenn eine Klassenfahrt schlecht läuft oder man gesellschaftl. Kritik äußert.

Offen gestanden, je mehr ich darüber nachdenke, umso fragwürdiger wird die Verbeamtung als Lehrer. Der einzige Grund pro Verbeamtung ist, dass man als angestellten Lehrer weniger netto hätte, aber das wäre für mich schon wieder ein Grund gar nicht als Lehrer zu arbeiten.

So!?
5 Tage zuvor
Antwortet  Lisa

In diesem psychosozialen Beruf steigt der Anteil der psychologisch auffälligen SuS sowie Eltern seit Jahren deutlich. Während SuS noch therapiert werden, sehen Eltern die Notwendigkeit fast nie ein. Also wird die Schuld auf LuL und die Schule geschoben, wenn die Noten oder die Mitschüler:innen
oder die erzieherische Arbeit der LuL nicht den Erwartungen der „Prinzen“ oder der „Prinzessin“ entsprechen. Dann wird ordentlich Krawall gemacht, um von der eigenen Unfähigkeit diese zu halbwegs für die schulische Anforderungen zu erziehen abzulenken und die digitale Kommunikation fördert die Auswürfe von Produkten emotionaler und mentaler Unreife. Wenn wundert es, wenn viele LuL angesichts dieser sozialen Kakophonie nicht mehr in diesem Beruf arbeiten wollen und können!?

Schotti
8 Tage zuvor

Ich halte die Behauptung, monetäre Gründe spielten dabei keine Rolle, für falsch. Das ist jetzt zwar eine Tautologie, aber diese Aussage kommt immer von Kollegen, die gut verdienen und eben nicht von denen, die wenig bekommen. Denn für Berufseinsteiger, die in der Regel weder verheiratet sind noch Kinder haben, ist eine A12 Stelle nicht so der Knüller. Angestellte bekommen in NRW E11 und das ist tatsächlich nicht mehr als das, was ich vorher als Hilfsarbeiter in einem mittelständischen Handwerksbetieb bekommen habe. Plus Extras wie Dienstwagen, Tankkarte, Kleidung, Getränke usw. Ich kenne mittlerweile drei Fälle von Kollegen auf einer E11 Stelle, die gekündigt haben, weil sie wo anders mehr Geld verdienen.

dickebank
8 Tage zuvor
Antwortet  Schotti

Nur tarifbeschäftigte Nichterfüller, in der Regel Quereinsteiger – also Lehrkräfte mit abgeschlossenem Vorbereitungsdienst und einem Hochschulabschluss, der nicht vom Staatlichen Prüfungsamt I für Lehramt ausgestellt worden ist.

Paul D.
8 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Bei uns grummelt es auch wegen der Nullrunde und weil es schlicht knapp ist.
Viele müssen sehr weit fahren < zahlen Benzin, Auto, Blitzer, Unfälle>
Und stehen noch im Stau.

Finanzen und Arbeitsbedingungen zusammen führen dann dazu.