Vorschulische Sprachförderung: Sozial schwache Familien bleiben häufig außen vor

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DORTMUND. Kinder aus sozial schwächeren Familien können besonders vom Besuch einer Kita profitieren. Doch bei der Platzvergabe haben sie häufig das Nachsehen.

Kinder aus ärmeren Familien werden seltener in Kitas gefördert als Kinder aus sozial stärkeren Familien. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Drei Mädchen, ein Junge, eine Pädagogin und ein kleines Erzähltheater: Alina, Ronja, Adisha und Milo – allesamt drei oder vier Jahre alt – sitzen in einer gemütlichen Ecke in einer Dortmunder Kita. Sprachförderkraft Petra Hahn schlägt einen Mini-Gong und öffnet die Türen des ausklappbaren Papiertheaters – und los geht’s. Vorn auf den Bildtafeln geht es um Karneval, die Jahreszeiten, den Frühling – hintergründig um Wortschatz, Begriffsbildung, Erzählfähigkeit. «Was kommt denn nach dem Winter?», fragt die Pädagogin. «Ostern», sagt Ronja. «Und was fliegt am Himmel?» Das weiß die indischstämmige Alina: «Ein Schmetterling und ein Vogel, die bauen Nester.» Die Kleinen sind ganz bei der Sache, suchen manchmal etwas länger nach den passenden Worten, auch mal mit Gestik, aber sie alle sind aktiv und mit Freude dabei – und machen sprachliche Fortschritte, wie Petra Hahn berichtet.

In der städtischen «FABIDO-Kita Berliner Straße» werden 70 Kinder von null bis sechs Jahren in vier Gruppen betreut. 26 Nationalitäten sind vertreten. «Wir haben einen sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte, unsere Kinder kommen aus Familien mit unterschiedlichem Bildungsniveau und verschiedenen kulturellen Hintergründen», schildert Leiterin Rosaria Caravante. Sprachförderung wird großgeschrieben. Das Team besucht dazu auch Fortbildungen. Ein Sprachkoffer mit Spielen zur Wortschatzerweiterung wandert durch die vier Gruppen. Petra Hahn holt zur gezielten Sprachförderung auch einzelne Jungen und Mädchen mit besonderem Bedarf aus den Gruppen – etwa aus bildungsfernen Familien oder Kinder wie Anour (4), der noch kein Deutsch konnte, als er vor Monaten in die Kita kam.

Das alles geht dank einer selten guten Personaldecke. Aber sehr, sehr viele Kinder müssen abgewiesen werden. «Ich habe 21 freie Plätze ab Sommer und 420 Namen auf der Warteliste», bedauert die Leiterin der Einrichtung, die auch Familienzentrum und Kultur-Kita ist.

Besuch bringt besonders Plus für Kinder aus nicht privilegierten Familien

Vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien können bei kognitiven Kompetenzen vom Besuch einer Kita besonders stark profitieren. Einer Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) zufolge lassen sich etwa bei Wortschatz oder einem ersten mathematischen Grundverständnis herkunftsbezogene Unterschiede verringern. Allerdings: Gerade Kinder aus benachteiligten Familien mit wenig ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen sind wesentlich stärker von fehlenden Betreuungsplätzen betroffen als Jungen und Mädchen aus bessergestellten Familien.

Eine Untersuchung mit fast 1000 Kindern mit einem langen Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren ergab, dass Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten deutliche größere Vorteile aus einem Kitabesuch ziehen als Kinder aus privilegierteren Familien. Das gelte etwa bei ersten mathematischen Vorläufer-Fähigkeiten wie Mengenangaben, erläutert Studienautorin Corinna Kleinert. Auch beim Wortschatz zeigten sich bei Kindern, die mit zwei Jahren in eine Kita kamen, drei Jahre später sehr positive Auswirkungen. Ähnlich sah es mit der Fähigkeit aus, Dinge zuzuordnen und erste Schlussfolgerungen zu ziehen.

Ein Kita-Besuch könne also ein soziales Gefälle in den kognitiven Kompetenzen von Kindern vermindern, sagt Kleinert. Umso bedauerlicher: «Je niedriger der Status bei Bildung und Einkommen in der Familie ist oder wenn der Faktor Migrationshintergrund hinzukommt, desto tendenziell später besuchen die Kinder eine Kita.» Nur etwa 35 Prozent der Jungen und Mädchen aus schlechter gestellten Familien besuchten im Alter von zwei Jahren eine Einrichtung.

Die Soziologin betont: «Eine gezielte Förderung in sehr jungem Alter ist nachhaltig, eine langfristig lohnende staatliche Investition. Ein späterer Aufholprozess ist immer viel mühsamer und teurer.» Und: «Es ist nicht so, dass diese Eltern ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte schicken wollen, sondern sie haben beim Ringen um die knappen Plätze oft das Nachsehen. Das liegt an Informationsdefiziten und auch an den Auswahlverfahren.»

Soziale Selektivität?

Ähnlich hatte eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung jüngst offengelegt, dass es eine stark ausgeprägte Ungleichheit in der Kita-Nutzung nach familiären Merkmalen gebe. Kinder aus armutsgefährdeten Familien, deren Eltern keinen akademischen Hintergrund haben und bei denen zu Hause überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, besuchen demnach viel seltener eine Kindertagesstätte als andere Kinder. Die Lücke für Jungen und Mädchen aus benachteiligten Familien sei am größten in ihrem zweiten und dritten Lebensjahr.

Kleinert sagt, Gebühren spielten in dem Zusammenhang praktisch keine Rolle. Familien, die Sozialleistungen erhalten, zahlen seit August 2019 bundesweit keine Kita-Gebühren mehr. In vielen Bundesländern ist die Kita für alle Kinder grundsätzlich, teilweise oder für bestimmte Jahre gebührenfrei. 2023 wurden laut Statistischen Bundesamt 3,93 Millionen Kinder in Tageseinrichtungen betreut. Bei den unter Dreijährigen lag die Betreuungsquote zum Stichtag 1. März 2023 bei rund 36 Prozent, bei den Drei- bis Sechsjährigen bei gut 90 Prozent. Die Bertelsmann Stiftung geht von etwa 430 000 fehlenden Kitaplätzen aus.

Ein Kita-Besuch per se bringt noch keinen Nutzen

Auch Bildungsexpertin Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung moniert, dass Kinder aus sozialökonomisch benachteiligten Familien bei der Platzvergabe häufig das Nachsehen hätten. Zugleich stellt sie klar: «Profitieren können Kinder nur dann von einem Kita-Besuch, wenn dort die Qualität stimmt.» Ob frühkindliche Bildungsarbeit und kompensatorische Leistungen in einer Kindertagesstätte möglich seien, hänge maßgeblich von der Personalausstattung ab. Und da hapere es sehr häufig, es brauche viel mehr und gut qualifizierte Erzieherinnen.

In der Dortmunder Kita erzählt Kadisha (3) derweil von ihrem ersten Karneval: «Ich war das da», zeigt sie auf ein Prinzessinnen-Bild im Mini-Theater. Dem dreijährigen Milo haben es die Blumen auf den Bildtafeln des Papiertheaters angetan, ein neues Wort hat er gelernt: «Schneeglöckchen». Eines dürfen die Kinder später im Vorgarten einbuddeln. Kita-Leiterin Caravante sagt: «Wir erleben eine große Dankbarkeit der Eltern, dass ihre Kinder hier so viel mitnehmen können.» Yuriko Wahl-Immel, dpa

CDU will verpflichtende Sprachförderung in Kitas (das hat allerdings einen Haken)

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Fräulein Rottenmeier
3 Monate zuvor

„Es ist nicht so, dass diese Eltern ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte schicken wollen, sondern sie haben beim Ringen um die knappen Plätze oft das Nachsehen. Das liegt an Informationsdefiziten und auch an den Auswahlverfahren.»“

Ja, das stimmt leider….aber es gibt auch erschreckend viele Eltern, die ihre Kinder gar nicht in die Kita schicken wollen, die zwar ein Kitaplatz haben, die aber nur sehr unregelmäßig dort aufschlagen.
Wir bekommen nächstes Schuljahr zwei Kinder, die keinen Kitaplatz haben, weil die Eltern aus verschiedenen Gründen (zu unbequem, in der Kita passieren schreckliche Dinge) die Kita ablehnen. Beiden Kindern fehlen jegliche Vorläuferfähigkeiten…..die können gar nix….und jetzt?
Das Jugendamt ist informiert wegst Kindswohlgefährdung, aber da passiert auch nix….der Schulträgr ist informiert, da die verpflichtende Sprachförderung nicht in Anspruch genommen wird….aber da wird auch nur hilflos mit den Schultern gezuckt….

Was wir brauchen, ist ein Ende der Freiwilligkeit, eine verpflichtende Vorschule für alle Kinder, wo solche Defizite auffallen bei der Schulanmeldung…..wir brauchen eine Koordinationsstelle des Schulträgers, die Druck macht, die Fördermaßnahmen koordiniert und auch überprüft, ob diese angenommen werden, die notfalls Bußgelder verhängt…..die eine Schnittstelle darstellt zwischen Kita, Schule und Elternhaus….

Es kann nicht sein, dass ein Kind so sehr unbeleckt in die Schule kommt und die Schule dann schauen kann, wie man so ein Kind fördert, in Bereichen, die klar nicht der Schule zuzuordnen sind….so gut personell sind wir dann nicht ausgestattet….

Ethan
3 Monate zuvor

Ich kenn auch welche deren 5 jähriges in Deutschland geborene Kind nicht ein Wort Deutsch gesprochen hat. „Das lernt sie schon noch wenn sie in die Schule kommt“ war das Argument der Eltern. Klar wird das Kind das lernen, aber es bringt dem Kind absolute Nachteile. Es macht keinen Sinn meiner Meinung nach dem Kind absichtlich Deutsch zu enthalten und dann in der Schule ins kalte Wasser zu schmeißen.

Annemaus
3 Monate zuvor

Das liegt aber nicht unbedingt an einer bewussten Diskriminierung, sondern daran, dass man bei mehr Bewerbungen einfach nach Härtefällen entscheiden muss.
Deshalb werden z. B. Kinder, die bereits ein älteres Geschwisterkind in der Kita haben oder Kinder von Alleinerziehenden bevorzugt. Wenn beide Eltern arbeitslos sind und ein Elternteil einen Job findet, ist ja immer noch der andere Elternteil da, der das Kind betreuen kann.

Rainer Zufall
3 Monate zuvor
Antwortet  Annemaus

Letzterer Teil erschließt sich mir nicht. Die Eltern haben ein Recht auf den Kita-Platz, ungeachtet der Situation daheim.

Annemaus
3 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Natürlich hat auf dem Papier jedes Kind ein Recht auf einen Kita-Platz, aber wir wissen, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot. Und wenn eben durch Arbeitslosigkeit beider Elternteile zwei Betreuungspersonen zu Hause sind, ist die Betreuung auch gewährleistet, wenn ein Elternteil eine Arbeit aufnimmt.

Lera
3 Monate zuvor

„Auch Bildungsexpertin Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung moniert, dass Kinder aus sozialökonomisch benachteiligten Familien bei der Platzvergabe häufig das Nachsehen hätten.“

Das wird im Artikel mehrfach behauptet, gibt es dafür handfeste Belege? Also jetzt nicht indirekte Rückschlüsse wie der im Artikel (späterer Kita-Besuch —> Diskriminierung), sondern direkte Belege.

Rainer Zufall
3 Monate zuvor
Antwortet  Lera

Ich schätze schon. Sie sollten Frau Stein anschreiben, wenn Sie dies nicht anders wahrhaben können. Danach sollten Sie viellecht noch n4t anfragen, ob die Quellen prüfen oder unhinterfragt jeden Unsinn online stellen

Tim Bullerbü
3 Monate zuvor

Können wir mal aufhören, diese Familien „sozial schwach“? Zu nennen? Die sind nicht asozial, unempathisch oder nicht hilfsbereit.
Die sind ARM.

HaroldTheTree
3 Monate zuvor
Antwortet  Redaktion

Gibt es nicht eine ganze Reihe an Parteien und Vereinen wie die Linke, SPD, Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Caritasverband, Diakonie, usw, die als Lobby fungieren?

Rainer Zufall
3 Monate zuvor
Antwortet  Tim Bullerbü

Es sind oft die finanziell starken Haushalte die sozial schwach sind 😉
Aber im Kontext reden wir hier von „abgehängten“, „durchs Netz gefallenen“ Menschen o.ä. für die Regierungsparteien nicht unbedingt aufstehen.

Das Bürgergeld kam abgeschwächt durch und schreien manche Parteien nach Kürzungen, wo einkommensschwache Haushalte „zu gut“? durch den letzten Winter kamen..

Lisa
3 Monate zuvor

Weshalb haben diese Kinder bei der Platzvergabe das Nachsehen? Dafür werden leider die Gründe nicht aufgeführt. Liegt es nur an der Berufstätigkeit der Eltern? Oder können sie beim Gespräch mit der Leiterin nicht überzeugen? Evtl könnte man da etwas ändern, Plätze auslosen oder ähnliches.

Srpckes
3 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Wir haben damals den Platz in unserer Wunschkita, mit liebevollem Team und traumhaftem Betreuungsschlüssel, bekommen. Obwohl es dreimal soviel Bewerber wie freie Plätze gab. Wie wir den Platz bekommen haben? Weil meine Frau in der Kita als Erzieherin angefangen hat 😉 .

Die Kita hat sehr darauf geachtet, mit welche Kinder und welche Eltern sie haben möchte, ich kann es gut verstehen, das Umfeld ist so wichtig.

Kinder ohne Kita-Erfahrung sind für die Schule nicht vorsozialisiert, im Grunde „sind die raus“ aufgrund dieser Defizite. Es bräuchte mehrsprachige Kitas zum Spracherwerb, extra für Kinder von Migranten.

Annemaus
3 Monate zuvor

Allerdings muss man sagen, dass Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, auch relativ viele Vergünstigungen haben wie Zuschüsse für Schulmaterial und Klassenfahrten.
Da haben es Eltern, die arbeiten, aber wenig verdienen und deshalb nicht viel mehr rauskriegen als mit Bürgergeld, manchmal mehr zu kämpfen.