BOCHUM. Der Fall sorgte unlängst für Schlagzeilen: Eine Lehrerin aus Halle soll mehrfach – trotz Ermahnung – im Unterricht gegenüber Schülerinnen und Schülern unvermittelt das N-Wort genutzt haben. Wie soll der Staat mit Lehrkräften umgehen, die sich rassistisch oder rechtsradikal äußern? Karim Fereidooni, Professor an der Ruhr-Universität Bochum, der angehende Politiklehrkräfte ausbildet und zu Rassismus in Schulen forscht, sieht hier ein Problem.
Bereits vor zwei Jahren hatte es ein Aufklärungsgespräch zwischen einer Lehrerin eines Gymnasiums in Halle, die im Unterricht unvermittelt das N-Wort gebraucht hatte, und der Antidiskriminierungsstelle des Landes Sachsen-Anhalt gegeben. Nun soll die Pädagogin erneut in der Klasse und gegenüber einem einzelnen Schüler ausfällig geworden sein – Ermittlungen dazu laufen (News4teachers berichtete).
- Kein Einzelfall: Eine Lehramtskandidatin aus Brandenburg wurde wegen ihrer engen Verbindungen in rechtsextreme Kreise aus dem Schuldienst entlassen. Sie hatte Medienberichten zufolge beim rechtsextremen „Compact“-Magazin moderiert, was allerdings erst nach medialer Berichterstattung zu einer Reaktion des Ministeriums führte.
- Ein weiterer irritierender Fall im Verantwortungsbereich des Brandenburger Bildungsministeriums: Ein Lehrer, der wegen seiner SS-Tatoos aus dem Schuldienst entfernt werden musste, wurde 2019 ins Schulamt versetzt, wo er – ausgerechnet – den Bereich „Migration“ zugewiesen bekam. Seine Durchwahlnummer: 88. Die Chiffre steht unter Neonazis für „Heil Hitler“.
- Im gleichen Jahr hatte das Land Berlin einen Grundschullehrer gefeuert, weil er auf seinem Youtube-Kanal rechtsextreme Positionen vertreten hatte – der Mann wurde mittlerweile mehrfach wegen diverser Straftaten verurteilt (unter anderem, weil er in der Gedenkstätte Dachau vor einer jugendlichen Besuchergruppe den Holocaust leugnete).
- Ebenfalls in Brandenburg steht gar ein ganzes Kollegium unter dem Verdacht, Rechtsextremismus zumindest zu tolerieren. An einer Oberschule in Burg hatten zwei der Lehrkräfte in einem Brandbrief öffentlich Alarm wegen rechtsextremer Übergriffe geschlagen – und waren daraufhin weggemobbt worden. Zuletzt (ein Jahr später) quittierte eine weitere Lehrerin dort den Dienst und berichtete von Schülern, die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnen, von Jugendlichen, die von Rechtsextremen eingeschüchtert würden und von Kollegen, die all das achselzuckend hinnähmen – noch immer. „Da hat sich eigentlich nichts verändert“, erklärte sie.
Fereidooni betont zwar nun in einem Interview mit der „Zeit“, dass es zwar eine Minderheit unter den Lehrkräften sei, die rechtsextreme Einstellungen vertrete, diese aber großen Schaden anrichten könne. So habe er erlebt, dass Studierende während ihrer Ausbildung behaupteten, es gebe verschiedene Rassen mit unterschiedlichen Intelligenzquotienten. „Man kann sich vorstellen, wie sie schwarze junge Menschen bewerten, wenn sie Lehrkräfte geworden sind“, erklärt er besorgt. Derartige Einstellungen in Lehrberufen gefährdeten nicht nur das Wohl der Schüler, sondern untergraben dem Bildungsforscher zufolge auch das Vertrauen in das Bildungssystem.
Dass Lehrkräfte wegen rassistischer Einstellungen entlassen würden, komme selten vor. „In der Regel erzählen sie nicht, dass sie AfD wählen, sondern äußern sich menschenverachtend“, erklärt Fereidooni. Problematisch sei, dass solche Fälle oft nur zur Versetzung an eine andere Schule führen – wo die betreffende Lehrkraft erneut Schaden unter Kindern und Jugendlichen sowie im Kollegium anrichten kann. Eine konsequentere Regelung zur Überprüfung von Lehrkräften und Studierenden hält Fereidooni daher für notwendig.
Für die Überprüfung von Bundesbeamten wurden bereits die Hürden gesenkt, um zu verhindern, dass rechtsextreme oder islamistische Personen in den Staatsdienst eintreten oder verbeamtet bleiben können. Fereidooni fordert, dass solche Backgroundchecks auch auf Landesebene für Lehrkräfte eingeführt werden sollten. „Lehramtsstudierende, die bei der Jungen Alternative aktiv sind, sollten gar nicht erst den Beamtenstatus erhalten und somit nicht ins Referendariat gehen dürfen“, so Fereidooni. Der Hintergrund ist klar: Diese Menschen lehnen den Staat und die Demokratie ab und sollten daher nicht in einem Beruf arbeiten, der maßgeblich zur Erziehung und Bildung junger Menschen beiträgt.
Ein positives Signal sieht Fereidooni in dem Gerichtsurteil, das die Entlassung der Lehramtsanwärterin, die sich privat beim rechtsextremen „Compact“-Magazin engagiert hatte, bestätigte (News4teachers berichtete). Fereidooni bewertet dies als ein „wichtiges Signal des Rechtsstaats“. Er betont, dass Personen, die unsere freiheitliche Grundordnung ablehnen, nicht die Privilegien der Verbeamtung genießen sollten.
„Links eingestellte Lehrkräfte wehren oft pauschal ab, dass es überhaupt menschenfeindliche Einstellungen an ihrer Schule geben kann“
Zur politischen Ausrichtung der Lehrkräfte in Deutschland gibt es bislang keine umfassende Studie. Eine Erhebung des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2021 zeigt jedoch, dass rund ein Drittel der Beamtinnen und Beamten in Deutschland mit den Grünen sympathisieren. Aus seiner eigenen Erfahrung an der Universität und im Lehrerzimmer schätzt Fereidooni die Mehrheit der Lehrkräfte eher im rot-grünen Spektrum ein. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass diese Lehrkräfte frei von problematischen Denkmustern sind. „Links eingestellte Lehrkräfte wehren oft pauschal ab, dass es überhaupt menschenfeindliche Einstellungen an ihrer Schule geben kann“, erklärt Fereidooni. Bestimmte Stereotype oder Vorurteile, wie sie in der Gesellschaft verbreitet sind, finden ihm zufolge auch unter Lehrkräften Resonanz.
Als Beispiel nennt Fereidooni eine Lehrkraft, die in einem Gespräch abwertend bemerkte: „Jetzt kommen schon die Mandys ans Gymnasium.“ Damit impliziere die Lehrkraft, dass Kinder mit diesem Namen aus der Unterschicht kommen und daher nicht intelligent genug für das Gymnasium seien. Auch bei konservativ eingestellten Lehrkräften sieht Fereidooni Vorurteile, die zu problematischen Forderungen führen. So habe der Deutsche Lehrerverband nach der PISA-Studie vorgeschlagen, Quoten für Kinder mit Migrationshintergrund einzuführen – statt zu hinterfragen, warum das Bildungssystem es nicht schafft, allen Kindern gerecht zu werden.
Fereidooni plädiert dafür, dass Fortbildungen zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit verpflichtend in die Lehrerbildung aufgenommen werden sollten. Solche Module seien notwendig, damit Lehrkräfte lernen, eigene Vorurteile zu hinterfragen und besser auf problematische Äußerungen reagieren können. In keinem Bundesland sei derzeit gesetzlich festgelegt, dass jede Lehrkraft in der Lage sein muss, mit Schülerinnen und Schülern über Themen wie den Nahostkonflikt, Racial Profiling oder Regenbogenfamilien zu sprechen. Es müsse daher mehr spezialisierte Vertrauenslehrkräfte und Beschwerdestellen geben, die auf solche Themen vorbereitet sind.
Gleichzeitig betont Fereidooni, dass Sensibilität auch in umgekehrter Richtung gefragt ist. Wenn Lehrkräfte selbst nicht differenzieren können, was rassistisch ist und was nicht, führt dies mitunter zu übervorsichtigem Verhalten. Studien belegen andererseits, dass Schüler mit Migrationshintergrund bei gleicher Leistung oft schlechtere Noten erhalten als ihre deutschstämmigen Mitschüler. Ein Bewusstsein für diese Ungleichheiten ist entscheidend, um Diskriminierungen zu verhindern. Insgesamt fordert Fereidooni eine Reform der Lehrerausbildung und mehr Unterstützung für Lehrkräfte, um menschenverachtenden Einstellungen im Schulkontext wirksam entgegenzutreten. Nur durch klare Regeln, fortlaufende Bildung und eine kritische Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen könne man langfristig für ein gerechtes und respektvolles Lernumfeld sorgen.
Ein Beispiel aus der Praxis schildert Fereidooni aus einer Fortbildung: Eine Lehrerin setzte sich dafür ein, dass ein Mädchen aus einer muslimischen Familie am Schwimmunterricht teilnimmt, woraufhin der Vater sie als Rassistin bezeichnete. Solche Vorwürfe dürften Lehrkräfte nicht einschüchtern. „Die Tochter kann gerne mit Burkini zum Unterricht kommen, aber sie muss auf jeden Fall Schwimmen lernen“, argumentiert Fereidooni. Diese Auseinandersetzungen zeigen, dass Lehrkräfte klare Werte und gleichzeitig Sensibilität im Umgang mit kulturellen Differenzen benötigen. Fereidooni: „Aufmerksamkeit ist also in beide Richtungen erforderlich.“ News4teachers / mit Material der dpa
