Website-Icon News4teachers

“Weder rechtlich noch pädagogisch zu rechtfertigen”: Arbeitszeit von (Vollzeit-)Lehrkräften unterscheidet sich erheblich

Anzeige

DRESDEN. Lehrkräfte in Deutschland sind sehr unterschiedlich zeitlich belastet, trotz formal gleicher Arbeitszeit. Das illustriert aktuell der Abschlussbericht der Arbeitszeituntersuchung (AZU), die das Sächsische Kultusministerium in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse der AZU hinsichtlich der gemessenen Gesamtarbeitszeit sind umstritten (News4teachers berichtete). Als gesichert kann aber die aufgezeigte erhebliche Ungleichverteilung der Arbeit gelten. Unterschiede gibt es demnach nicht nur zwischen den Schulformen – sondern auch schon zwischen den Fächern.

Feierabend. Illustration: Shutterstock

Lehrkräfte leisten nicht alle gleich viel – und das hat System. Der Abschlussbericht der Arbeitszeituntersuchung (AZU) in Sachsen zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Schularten und Fächergruppen.

Laut Bericht liegt die durchschnittliche Arbeitszeit von Vollzeitkräften in Schulwochen an Gymnasien und beruflichen Schulen deutlich über jener an Grund- oder Förderschulen. Der Bericht hält fest: „Knapp 30 Prozent der Vollzeitlehrkräfte arbeiteten zwischen 40 und 44 Stunden pro Schulwoche, weitere knapp 30 Prozent lagen über 44 Stunden, rund 12 Prozent überschritten sogar die Marke von 48 Stunden.“

Anzeige

Damit arbeitet mehr als jede zehnte Lehrkraft im Beobachtungszeitraum regelmäßig über 48 Stunden pro Woche. Zugleich zeigen die Daten eine große Streuung – der Bericht spricht von „großen Unterschieden zwischen den Arbeitszeiten der einzelnen Lehrkräfte“. Gymnasiallehrkräfte überschritten laut Kurzbericht ihr Soll „häufiger und in höherem Ausmaß als andere“. Bei Lehrkräften an berufsbildenden Schulen und Förderschulen fielen die Arbeitszeitbilanzen „ausgeglichener“ aus.

Unterschiede nach Fächern und Aufgaben

Die Untersuchung zeigt darüber hinaus, dass sich die Arbeitszeiten auch innerhalb der Schularten deutlich unterscheiden. So heißt es im Bericht: „Daneben zeigten sich bei einzelnen berufs- oder schulbezogenen Faktoren, wie zum Beispiel die Ausübung einer Klassenleitung oder der Unterricht in den Fächern Deutsch oder MINT, signifikante Zusammenhänge mit höherer Mehrarbeit.“

Mit anderen Worten: Lehrkräfte in bestimmten Fächern und mit zusätzlichen Funktionen arbeiten nachweislich länger.

Der Bericht fasst zusammen: „Ein zentrales Ergebnis waren die großen Unterschiede zwischen den Arbeitszeiten der einzelnen Lehrkräfte.“ Diese Unterschiede hängen – so wird betont – nicht mit individuellen Arbeitsweisen zusammen, sondern mit den Strukturen schulischer Arbeit und der ungleichen Verteilung von Aufgaben.

Rackles: „Das Deputatsmodell ist ungerecht“

Diese strukturelle Schieflage hatte bereits ein Gutachten des früheren Berliner Bildungsstaatssekretärs und heutigen Bremer Bildungssenators Mark Rackles (SPD) aus dem Jahr 2023 beleuchtet. Rackles analysierte darin im Auftrag der Telekom Stiftung die Lehrerarbeitszeit in Deutschland insgesamt – und sprach von einer „strukturell ungerechten Verteilung“. Er betonte: „Lehrkräfte leisten zwar formal die gleiche Wochenstundenzahl, faktisch aber höchst unterschiedliche Gesamtarbeitszeiten. Die Gleichbehandlung im Deputat führt zu realer Ungleichbehandlung.“

Rackles argumentierte, dass das gegenwärtige System der Unterrichtsverpflichtungen die komplexe Realität der Lehrerarbeit nicht abbildet. Während alle Lehrkräfte dieselbe Zahl an Unterrichtsstunden zu leisten haben, unterscheide sich der tatsächliche Zeitaufwand je nach Fach, Schulart und Zusatzverantwortung erheblich. „Die derzeitige Deputatsregelung berücksichtigt Korrekturaufwand, Abiturprüfungsvorbereitung, Projektkoordination oder Elternarbeit in keiner Weise ausreichend“, schrieb er.

Er nannte drei Hauptquellen der Ungerechtigkeit:

  1. Fachabhängiger Zeitaufwand – Korrekturfächer mit schriftlichen Prüfungen verursachen überdurchschnittlich viel Nacharbeit.
  2. Ungleichgewicht zwischen Schularten – Lehrkräfte an Gymnasien und beruflichen Schulen leisten deutlich mehr Stunden, ohne entsprechenden Ausgleich.
  3. Mangelnde Erfassung außerunterrichtlicher Tätigkeiten – insbesondere Schulentwicklung, Inklusion, Elternkommunikation und Ganztagskoordination.

„Die ungleiche Belastungsverteilung ist nicht nur pädagogisch, sondern auch arbeitsrechtlich problematisch“, heißt es in seinem Gutachten. „Gleiche Unterrichtsverpflichtung darf nicht länger als Synonym für gleiche Arbeitsbelastung gelten.“ Rackles plädierte für eine grundlegende Neuordnung der Lehrerarbeitszeit: „Die Zuweisung von Arbeitszeit nach Deputatstunden ist international überholt und abzulösen durch ein neues Zuweisungsmodell mit höherer Transparenz und Gerechtigkeit.“

Er schlug ein Jahresarbeitszeitmodell vor, das alle Tätigkeiten erfasst – Unterricht, Korrekturen, außerunterrichtliche Aufgaben – und in dem fächer- und schulartspezifische Unterschiede verbindlich berücksichtigt werden. „Nur wenn die reale Arbeitszeit differenziert erfasst und gesteuert wird, kann eine gerechte Verteilung erreicht werden“, schrieb Rackles. „Das jetzige System erzeugt strukturelle Mehrarbeit für bestimmte Gruppen von Lehrkräften, ohne dass dies sichtbar oder ausgleichbar wäre.“ Und das sei, so Rackles, „weder rechtlich noch pädagogisch zu rechtfertigen“.

Die sächsische AZU bestätigt den Befund. Das Fazit der Autoren lässt keinen Zweifel: „Das Deputatssystem bildet die Vielfalt der Tätigkeiten und Anforderungen nicht adäquat ab.“ News4teachers 

Hier lässt sich das vollständige Gutachten von Mark Rackles herunterladen.

“Ungerecht, unflexibel, ineffizient und tendenziell überlastend”: Studie verreißt das gängige Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte

Anzeige
Die mobile Version verlassen