
Kratzen, beißen, treten, hauen. Schreien, brüllen, ausrasten, Sachen durch die Gegend werfen. Beileibe nicht alle Kita-Kinder spielen leise, fröhlich, fair und voller Empathie vor sich hin. Das zeigen steigende Zahlen von Meldungen von auffälligem Verhalten an die zuständigen Behörden. Die Gründe für den Anstieg sind vielschichtig. Und auch gewaltvolles Verhalten von Eltern oder Überforderung von Fachkräften stressen im Kita-Betrieb.
Über welche Arten von Gewalt und gewaltvollem Verhalten sprechen wir? Im Kita-Alltag gebe es unterschiedlichste Formen von Konflikt und Emotion, sagt dazu Anja Braekow vom Verband Kitafachkräfte Baden-Württemberg. Es könne ein Vater sein, der sich lautstark über geänderte Öffnungszeiten beschwere. Es könnten blaue Flecken sein, die eine Erzieherin nach einem körperlichen Konflikt mit einem Kind davontrage. Es könne eine laute Ansprache der Erzieherin an das Kind sein. «Gewalt lässt sich nicht allein an körperlichen Handlungen festmachen – sie kann auch in Sprache, Strukturen oder im Umgang miteinander entstehen», erläutert sie. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen demnach wahr, dass Konflikte und Spannungen zunehmen.
Steigen die Zahlen der aus Kindertagesstätten oder Kindergärten gemeldeten Vorfälle? Es kommt darauf an, wen man fragt. Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) hatte Anfang Januar dieses Jahres eine Befragung zu diesem Thema mit Antworten von fast 1.500 niedersächsischen Kita-Leitungen gemacht. Ergebnis: Rund 60 Prozent der Befragten stellten eine starke Zunahme auffälliger Kinder fest – im Fachjargon: Kinder mit herausforderndem Verhalten. Auch das Familienministerium in Nordrhein-Westfalen hatte für 2023 und das erste Halbjahr 2024 von steigenden Meldungen an die Landesjugendämter berichtet.
«Aber jemand mal in einen anderen Raum bringen zu dürfen, das sollte schon möglich sein, auch im Interesse anderer»
Laut dem Bundesfamilienministerium liefert die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik keine Auskunft über aggressives Verhalten von Kindern in Kindertageseinrichtungen untereinander oder gegenüber Betreuungspersonen. Auch liegen nach Worten einer Sprecherin keinerlei Hinweise darauf vor, dass Vorfälle von aggressivem Verhalten von Kindern gegenüber pädagogischen Fachkräften ein zunehmendes Problem seien.
Viele Träger meldeten jedoch zurück, dass das Personal in den Kitas durch «herausforderndes Verhalten» von Kindern stark belastet sei, berichtet der Deutsche Kitaverband. Viele Kitas befassten sich mit dem Thema und suchten nach Strategien für Fachkräfte und Kinder. «Die Gewalt nimmt zu, verbal und auch körperlich», sagt auch Braekow. «Es gibt sehr viele pädagogische Fachkräfte, die mit blauen Flecken nach Hause gehen und nicht nur die auf der Seele.»
Auch in Baden-Württemberg haben sich die Zahlen gemeldeter «Beeinträchtigungen ausgehend von Kindern» drastisch erhöht. Angriffe – nicht nur körperlicher Art – von Kita-Kindern auf Mitarbeitende stiegen Angaben des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales (KVJS) zufolge seit 2021 von 9 auf mehr als 80 Fälle im Jahr 2024. Angriffe auf andere Kita-Kinder nahmen im selben Zeitraum von 40 auf 244 Fälle zu. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 531 Fälle, darunter auch verbale Attacken von Kindern auf andere Kinder, gemeldet. Im Jahr 2021 waren es 113.
Welche Erklärungen gibt es für die steigenden Zahlen? «Gewalt oder Aggression entstehen in erster Linie durch Überlastung, fehlende Strukturen und den Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften», erläutert Braekow. Kinder reagierten auf Überforderung häufig mit einem Verhalten, das als «aggressiv» gedeutet werden könne. Es sei aber oft Ausdruck von Stress, Unsicherheit oder fehlender Bindung.
Eindimensionale Erklärungen verbieten sich, betont auch Karsten Herrmann, Pressesprecher des nifbe. Hinter jedem Verhalten eines Kindes verberge sich ein guter Grund, ein letztlich unerfülltes Bedürfnis. «Nach allem, was wir aus der Praxis hören und was sich auch in unserer Umfrage zeigt, scheint aber tatsächlich bei vielen Kindern die Zündschnur kürzer und die Frustrationstoleranz geringer zu sein als früher, was sicherlich auch mit in vielfacher Hinsicht geänderten Lebensumständen zusammenhängt», erläutert er.
Auch die geänderte Gesetzeslage ist mit ein Grund für die gestiegenen Zahlen, berichten die Experten. Seit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) seien Träger gesetzlich verpflichtet, «Vorfälle» in Kitas – darunter auch solche, die auf eine Gefährdung des Kindeswohls hindeuteten – zu melden. Dadurch seien diese Vorfälle jetzt sichtbarer, sagt der Deutsche Kitaverband.
Was sagen betroffene Kita-Fachkräfte? «Wir dürfen Kinder nicht am Arm nehmen und in ein anderes Zimmer tun und im Endeffekt Kinder nicht anfassen», sagt eine Erzieherin aus dem Landkreis Karlsruhe. «Wenn man also getreten oder bespuckt wird, muss man das über sich ergehen lassen.» Das sei nicht immer einfach. Sei man zu mehreren, könne man solche Situationen gut entschärfen. Schwierig werde es, wenn man allein mit 30 Kindern zurechtkommen müsse.
«Ich halte es für absolut wünschenswert, dass Kinder unter allen Umständen geschützt werden», betont sie. Es gehe bei Konflikten auch nie darum, Kindern Gewalt anzutun. «Aber jemand mal in einen anderen Raum bringen zu dürfen, das sollte schon möglich sein, auch im Interesse anderer.» Vor allem Mobbing der Kinder untereinander sei leider längst im Kita-Alltag angekommen.
In der Theorie sei es sehr gut, dass Kinder ohne Wenn und Aber geschützt würden. Aber wenn zu wenig Fachpersonal da sei, sei es oft schwierig, Situationen mit aggressiven Kindern in den Griff zu bekommen. News4teachers / Von Anika von Greve-Dierfeld, dpa









Alarmstufe DUNKELrot! 🙁
Eher blau, weil blaue Flecken.
Was sagen betroffene Kita-Fachkräfte? «Wir dürfen Kinder nicht am Arm nehmen und in ein anderes Zimmer tun und im Endeffekt Kinder nicht anfassen», sagt eine Erzieherin aus dem Landkreis Karlsruhe. «Wenn man also getreten oder bespuckt wird, muss man das über sich ergehen lassen.»
Das Kind muss dann sofort abgeholt werden! Egal ob die berufstätigen Eltern dann Stress und Probleme haben. Die Eltern müssen mit den Konsequenzen leben.
Es kann nicht sein, das Kita-Fachkräfte es dulden müssen, von Kindern getreten und bespukt zu werden. DAS IST GEWALT GEGENÜBER DEN FACHKRÄFTEN.
Mag alles sein. In der heutigen Zeit wird aber alles sehr schnell in eine sehr schwierige Ecke geschoben, bei männlichen Erziehern noch viel mehr.
Die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Verarmung vieler Menschen führt zu mehr Aggression bei vielen Eltern. Dies überträgt sich auf die Kinder.
Dies hat sich schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gezeigt, als die Verarmung durch die Industrialisierung und die Börsencrashe von 1857 und 1873 zu mehr Militarisierung und einem aggressiveren Antisemitismus führte.
In den 1920er und 1930er Jahren verstärkte sich die Aggression dann noch. Schon durch die Inflation von 1923 stark gebeutelt, führte die Weltwirtschaftskrise und die mangelhafte Bewältigung derer Auswirkung durch unzureichende wirtschaftsliberale Maßnahmen zu hohen Anteilen bei Wahlen für die NSDAP und schließlich zur Machtergreifung Hitlers, der dann den Holocaust durchführte und den 2. Weltkrieg auslöste. Und nicht wenige Deutsche unterstützten ihn da eifrig.
«Wir dürfen Kinder nicht am Arm nehmen und in ein anderes Zimmer tun und im Endeffekt Kinder nicht anfassen», (…). «Wenn man also getreten oder bespuckt wird, muss man das über sich ergehen lassen.»
Das kommt in meinen Augen einer De-Facto-Aushebelung des Rechtes auf Selbstschutz gleich. Außerdem würde ich einfach mal die Frage stellen wollen, was das Kind denn bitteschön daraus lernen soll?
“Ich darf alles und die Erwachsenen dürfen sich dagegen nicht wehren”?
Wenn sich diese Einstellung und das daraus resultierende Verhalten anschließend in der Schule fortsetzt… dann gute Nacht. Wahrscheinlich ist das schon irgendwo in Deutschland so weit.
(Zur Klarstellung: Nein, ich plädiere nicht für Gewalt gegen Kinder oder nicht gewaltfreie Erziehungsmaßnahmen. Dennoch MUSS es möglich bleiben, fremdverletzendes Verhalten eines Kindes in der Situation selbst zu unterbinden – so schonend wie möglich, aber das ist in meinen Augen unabdingbar und ergibt sich zwingend aus dem Recht auf körperliche Unversehrtheit der Erzieherinnen und gegebenenfalls Erzieher.)
“was sicherlich auch mit in vielfacher Hinsicht geänderten Lebensumständen zusammenhängt”
könnte man das bitte mal genauer in Worte fassen, statt immer nur um den Brei herum zu reden?
WAS sind denn die Lebensumstände?
Stichworte:
“Wenn man getreten oder bespuckt wird, muß man das über sich ergehen lassen.”
Nein. Muß man nicht.
Ich habe auch schon Kinder “in einen anderen Raum gebracht”, im Interesse der anderen Kinder.
Ein Kind, das sich z.B. in einen Wutanfall hineinsteigert, das tobt und brüllt und dabei möglicherweise andere Kinder zu verletzen droht oder mutwillig deren Bauwerke zerstört, das nehme ich selbstverständlich aus dem Geschehen heraus.
Schließlich haben ALLE Kinder ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit.
Was sind das denn für krude Aussagen?
Natürlich darf ich dem ausrastendem Kind nicht wehtun oder es verletzen.
Aber Aussagen wie “Wir dürfen Kinder im Endeffekt nicht anfassen” sind doch völlig weltfremd.
Wenn ein Kind in rasendem Zorn auf ein anderes einschlägt und auf verbale Ansprache nicht reagiert, dann MUSS ich das Kind irgendwie anfassen, um es von dem anderen wegzubekommen.
Wenn ein Kind, aus welchen Gründen auch immer, sich in eine Schreiattacke hineinsteigert, so dass die anderen sich die Ohren zuhalten müssen, dann läßt es sich u.U. nicht vermeiden, dieses Kind “in ein anderes Zimmer zu bringen”, schon im Interesse der anderen Kinder.
Manchmal habe ich den Eindruck, diese Kinder schreien förmlich danach, dass eine erwachsene Bezugsperson sich ihrer annimmt – eine, wie auch immer geartete, Reaktion auf ihr Verhalten zeigt.
Wenn mich ein Kind tritt und bespuckt und ich das über mich ergehen lasse – was signalisiere ich denn diesem Kind?
Ich reagiere nicht auf dich. Egal was du tust. Du kannst hier platzen vor Wut – es interessiert mich nicht.
Mehr als ein müdes “Laß das bitte” kriegst du nicht von mir, weil eine “laute Ansprache” meinerseits, ja als unzulässige Gewalt interpretiert werden könnte?
Kinder dürfen, sollen, müssen spüren, dass auch ihr Gegenüber ein menschliches Wesen ist und dass dieses menschliche Wesen seine Grenzen hat und es nicht hinnimmt, wenn diese in derart grober Weise verletzt werden.
Wichtig ist es, NACH der konfliktträchtigen Situation, dem Kind zu signalisieren, “ich bin dir nicht böse, du bist mir wichtig” und zu fragen “was hat dich so furchtbar wütend gemacht, was können wir gemeinsam tun, dass das nicht wieder passiert?”….etc.
Dieses “ohhhh, ich darf im Grunde gar nicht reagieren. Alles, außer einem freundlichen ‘hör bitte auf damit’, könnte schon einen unzulässigen Übergriff auf die Unversehrtheit der kindlichen Seele darstellen”, ist doch hanebüchener Quatsch. Wer denkt sich denn sowas aus?
Dann überlassen wir die Kinder doch gleich komplett sich selbst.
Dann können sie von Anfang an selbsbestimmt und ohne unzulässige Eingriffe doofer Erwachsener ihre Persönlichkeit frei entfalten. Voll demokratisch wird dann ausgehandelt, dass das Sandschaufelchen immer dem Stärkeren gehört. Amen.