FRANKFURT/MAIN. Wo Schulen und Kitas gebaut werden, ist kein neutraler Verwaltungsakt. Eine umfangreiche Datenanalyse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zeigt: Bildungseinrichtungen konzentrieren sich in Deutschland überdurchschnittlich häufig in wohlhabenden Wohngegenden. Gerade Gymnasien sind für Kinder aus ärmeren Vierteln oft deutlich schlechter erreichbar – mit Folgen für Bildungsentscheidungen und Chancengerechtigkeit.

Wie krass ungleich die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland verteilt sind, hat eine Studie des ifo-Instituts bereits im Jahr 2023 aufgezeigt. Der sogenannte Chancenmonitor des Münchner Leibniz-Instituts kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs zwischen rund 20 und über 80 Prozent liegt – je nach familiärem Hintergrund. „Die entscheidenden Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind Bildung und Einkommen der Eltern. Weniger bedeutend ist ein Migrationshintergrund“, sagte der Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, Prof. Ludger Wößmann, anlässlich der Veröffentlichung (News4teachers berichtete).
Demnach besuchen Kinder aus Haushalten mit zwei Elternteilen ohne Abitur deutlich seltener ein Gymnasium als Kinder aus akademisch geprägten Familien. Liegt kein Abitur der Eltern vor, beträgt die Gymnasialquote 28,2 Prozent. Hat ein Elternteil Abitur, steigt sie auf 57,9 Prozent, bei zwei Elternteilen mit Abitur auf 75,3 Prozent. Besonders gering sind die Chancen für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten: Wachsen sie bei einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur im untersten Einkommensviertel auf, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs bei 21,5 Prozent. Im obersten Einkommensviertel mit zwei Elternteilen und Abitur sind es 80,3 Prozent.
„Wenn Eltern Wahlmöglichkeiten zwischen Schulen haben, gehört die Distanz fast immer zu den wichtigsten Kriterien“
Dabei spielt offenbar auch die räumliche Nähe zu Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle für Bildungschancen. Diesen Aspekt nimmt eine Datenanalyse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) in den Blick – und kommt zu dem Ergebnis, dass der Zugang zu Schulen und insbesondere zu Gymnasien in Deutschland sozial höchst ungleich verteilt ist.
Die F.A.S. hat die Standorte sämtlicher allgemeinbildender Schulen in Deutschland mit sozioökonomischen Daten verknüpft. Weil kleinräumige Einkommensdaten nicht öffentlich verfügbar sind, nutzte die Redaktion die Nettokaltmieten aus dem Zensus 2022 als Näherungswert für das Wohlstandsniveau einzelner Wohngegenden. Das Ergebnis: Je höher die Mieten, desto dichter ist das Netz an Schulen – und desto kürzer sind die Wege zum nächsten Gymnasium.
Besonders ausgeprägt ist dieser Zusammenhang bei Gymnasien. Während in Gegenden mit niedrigen Nettokaltmieten der Weg zum nächsten Gymnasium im Durchschnitt fast dreieinhalb Kilometer beträgt, sind es in teuren Wohnlagen weniger als eineinhalb Kilometer. Je höher die Mieten, desto dichter ist das Gymnasialnetz – selbst dann, wenn Unterschiede zwischen Stadt und Land statistisch herausgerechnet werden.
Die F.A.S. stützt sich für ihre Analyse auf Schuldaten aus dem Open-Source-Projekt „JedeSchule“, das nahezu alle allgemeinbildenden Schulen in Deutschland erfasst hat, sowie auf Mietdaten aus dem Zensus 2022. Da für Deutschland keine kleinteiligen Einkommensdaten öffentlich verfügbar sind, dienen die Nettokaltmieten als Näherungswert für das Einkommensniveau eines Wohngebiets.
Die Ergebnisse zeigen, dass mit jedem zusätzlichen Euro durchschnittlicher Nettokaltmiete die Zahl der Schulen im Umkreis von drei Kilometern um rund zehn Prozent steigt. Für Gymnasien ist dieser Effekt besonders stark ausgeprägt. In den ärmsten Wohnlagen sind Kinder teilweise viele Kilometer vom nächsten Gymnasium entfernt. In einzelnen Regionen, etwa im Erzgebirge, beträgt die Luftlinie zum nächsten Gymnasium mehr als 20 Kilometer.
„Wenn ein Arbeiterkind direkt gegenüber ein Gymnasium hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“
Diese räumliche Distanz ist aus Sicht von Bildungsökonomen kein nebensächlicher Faktor. „Wenn Eltern Wahlmöglichkeiten zwischen Schulen haben, gehört die Distanz fast immer zu den wichtigsten Kriterien“, sagt Wößmann gegenüber der F.A.S.. Studien aus Deutschland und anderen Ländern zeigen demnach übereinstimmend: Je weiter der Schulweg, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder höhere Bildungsabschlüsse anstreben oder erreichen. „Wenn ein Arbeiterkind direkt gegenüber ein Gymnasium hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“, so Wößmann.
Wie stark Standortentscheidungen Bildungschancen beeinflussen können, zeigt auch ein Beispiel aus Frankfurt am Main. Dort wurde 2015 ein neues Gymnasium gegründet, das ursprünglich im eher einkommensschwachen Stadtteil Nied angesiedelt werden sollte. Ziel war es, Gymnasialangebote gezielt in Regionen mit bislang niedrigen Übergangsquoten zu schaffen. Tatsächlich lag der Anteil der Kinder, die dort ein Gymnasium besuchten, deutlich unter dem Frankfurter Durchschnitt.
Nach Protesten von Eltern aus anderen Stadtteilen, denen längere Schulwege drohten, wurde die Standortentscheidung jedoch revidiert. Das Gymnasium wurde schließlich dauerhaft im wohlhabenden Westend angesiedelt – einem Stadtteil, in dem bereits zuvor ein sehr hoher Anteil der Jugendlichen ein Gymnasium besuchte. Der ursprüngliche Plan, Bildungsangebote räumlich auszugleichen, wurde damit aufgegeben.
Die F.A.S.-Analyse deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt. Vielmehr folge die Bildungsinfrastruktur häufig bestehenden sozialen Mustern. Wo viele Gymnasialkinder leben, entstehen neue Gymnasien – was aus Sicht der Bedarfsplanung plausibel erscheint, die Ungleichheit der Zugangsmöglichkeiten aber weiter verstärkt.
Ähnliche Mechanismen lassen sich bereits im frühkindlichen Bereich beobachten. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung zu Kita-Standorten kommt zu dem Ergebnis, dass Einrichtungen freier und kirchlicher Träger überdurchschnittlich häufig in Gegenden angesiedelt sind, in denen bessergestellte Familien leben. Der Soziologe Leon Wansleben erklärt dies in der Studie unter anderem mit Defiziten in der kommunalen Bedarfsplanung. Diese bevorzuge offenbar Bevölkerungsgruppen, die ihre Interessen besonders wirksam artikulieren können.
Die räumliche Konzentration von Kitas, Schulen und Gymnasien in wohlhabenden Vierteln verschärft nach Einschätzung von Bildungsforschern bestehende Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem. Kinder aus einkommensschwachen Familien sind nicht nur statistisch seltener auf Gymnasien vertreten, sie haben auch strukturell schlechtere Zugänge zu diesen Schulen.
Die Autoren der F.A.S.-Analyse kommen zu dem Schluss, dass staatliche Bildungsausgaben ihre ausgleichende Wirkung verfehlen, wenn die Standorte von Schulen und Kitas soziale Ungleichheit reproduzieren. Eine gezieltere Standortplanung könnte demnach die Bildungschancen verbessern, ohne dass dafür höhere Ausgaben nötig wären. Voraussetzung wäre allerdings, dass politische Entscheidungsträger Standortkonflikte mit privilegierten Wohnlagen in Kauf nehmen. News4teachers
Hier geht es zu der vollständigen Datenanalyse der F.A.S.









“Diese bevorzuge offenbar Bevölkerungsgruppen, die ihre Interessen besonders wirksam artikulieren können.”
Ja, klar. Der NIMBY lässt grüßen.
“Liegt kein Abitur der Eltern vor, beträgt die Gymnasialquote 28,2 Prozent.”
Wie war denn die Quote vor 10, 20, 30, 40, 50 Jahren. Mein Tipp: geringer.
“Während in Gegenden mit niedrigen Nettokaltmieten der Weg zum nächsten Gymnasium im Durchschnitt fast dreieinhalb Kilometer beträgt…”
Wie viele Minuten sind denn das mit dem Rad, dem Bus, der S-Bahn?
Wenn das ausschlaggebend sein soll, scheinen eher andere Aspekte im Vordergrund zu stehen.
Das Kriterium der Nettokaltmiete im Zusammenhang mit der Infrastruktur finde ich nicht so geeignet: Henne, Ei.
Zumal die meisten Schulen 50 Jahre oder älter sind.
Der Artikel bezieht sich ja auf _ein_ neu gebautes Gymnasium, dessen Standort verlegt wurde. Bei anderen Ereignissen würde man bestenfalls mit anekdotischer Evidenz argumentieren.
“auf _ein_ neu gebautes Gymnasium, dessen Standort verlegt wurde.”
Nach meinen Informationen war das Gymnasium an einem Standort geplant, wo es aber wegen der Nähe zu einem einem Chemiepark aufgrund der Seveso-Richtlinie dann doch nicht gebaut wurde.
Das Argument hat also noch weniger mit einer sozialen Schieflage zu tun als die Verlegung aufgrund von Beschwerden aus dem gutbürgerlichen Mittelstand.
Und man könnte es so lesen, dass Gymnasiasteneltern höhere Mieten zahlen.
Warum sollte die Quote denn mit historischen Zahlen verglichen werden? Es geht ja darum den aktuellen Zusammenhang zwischen Bildung der Eltern und Schulabschluss zu zeigen, dafür ist ein historischer Vergleich unerheblich.
Ob heute generell prozentual mehr Kinder auf das Gymnasium gehen ist eine andere Frage, die auch vergleichsweise einfach zu beantworten sein sollte.
Gilt auch diese Aussage:
„Wenn ein Akademikerkind direkt gegenüber eine Stadtteilschule hätte, würde es vielleicht hingehen. Wenn es dafür zehn Kilometer fahren muss, macht man es eher nicht“
Ich frage für Schulplanwirtschaftler.
Ihr Bild zeigt deutlich die Henne-Ei-Problematik hinter den Schulstandorten. Viele Schulen haben ja einige Jahrzehnte auf dem Buckel und da bleibt die Frage, ob sich Gymnasien dort gründeten, wo reiche Leute lebten oder ob sich Leute dort ansiedelten, wo es Gymnasien gab (und schon reiche Leute lebten).
Kinder aus Akademikerhaushalten werden in der Regel schon zuhause insofern mehr gefördert, als dass Bildung einen hohen Stellenwert einnimmt, die Eltern lesen und Bücher vorhanden sind und Einschränkungen für andere Medien stattfinden.
Um hier mal den Bogen zu unserem Klientel zu schlagen: In vielen Familien, die wir betreuen, gibt es kein einziges Buch, Eltern und Kinder verbringen hingegen sehr viel Zeit vor Bildschirmen. Der Fernseher ist Begleiter des Alltags und dient als Dauerbeschallung, obgleich niemand bewusst eine Sendung guckt. Währenddessen werden Smartphones, Tablets und Spielkonsolen bedient. Es kommt einfach niemand zur Ruhe.
So bleibt am Ende die Frage, ob Menschen dadurch gebildeter werden, indem direkt vor ihrer Nase ein Gymnasium eröffnet. Ich mag es bezweifeln. Meine Eltern waren beide keine Akademiker, mir wurde als Kind aber sehr viel vorgelesen, die Zeitung war jeden Morgen im Briefkasten und wurde gelesen und bis Anfang der 90er war unser Fernseher schwarzweiß. Ich bekam damals zwar auch einen Game Boy zu Weihnachten, jedoch gab es klare Regeln, wie lange gespielt werden durfte.
Wir können natürlich verschiedene Fäden von Schulstandorten bis Ganztagsbetreuung immer wieder aufgreifen, doch viele bildungspolitische Schicksale werden durch Entscheidungen im Elternhaus entschieden.
Die Kitas einmal außen vor gelassen. Wie alt sind die Schulgebäude der Gymnasien und wo liegt das Durchschnittsalter der umliegenden Wohngebäude sowie das Durchschnittsalter der Bewohner*innen?
Die Städte und die Schulstruktur sind historisch gewachsen. Auch wenn das”Bürgertum” in die Eigenheime in der Vorstadt umgezogen sind, das GY ist nicht nachgezogen. Real- und Hauptschulen finden sich vielmehr in den heutigen Stadtteilen, ehemals selbständigen Gemeinden, die während der Kommunalreform eingemeindet worden sind. Tlw. sind die ehemaligen RS und HS heute in andere Schulformen umstrukturiert worden.
Altes Thema, Korrelation vs Kausalität
Es werde wohl schon viel bewirken, wenn man Geflüchtete nicht nur in die Gegenden verteilen würde “wo die Nettokaltmieten geringer sind” (ist das jetzt der neue Euphismus für “sozial schwache Wohngegend”?), sondern auch in die bessergestellten Stadtteile. Und zwar alle, nicht nur die Musterfamilie bestehend aus zwei Elternteilen und zwei Kindern im Kindergartenalter.
Wäre interessant wie hoch so ein Effekt wohl wäre.
Müsste dann in dicht besiedelten Gebieten vermutlich besser sein als in Gebieten mit dünner Besiedelung.
Bei der IfO-Studie zu den Übertrittsquoten zum Gymnasium von Kindern aus Familien mit höherem und niedrigen Hintergrund lag Brandenburg beim Chancenverhältnis hinter Berlin auf Rang 2, Hamburg auf Rang 6. Brandenburg gehört zu den Bundesländern mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte, Berlin und Hamburg zu denen mit der höchsten.
In MVP ist die Bevölkerungsdichte nicht mal halb so hoch wie in SH. MVP lag auf auf Rang 5, SH auf Rang 11. Bremen lag auf Rang 14, RLP auf Rang 3 usw.
Demnach besuchen Kinder aus Haushalten mit zwei Elternteilen ohne Abitur deutlich seltener ein Gymnasium als Kinder aus akademisch geprägten Familien. Liegt kein Abitur der Eltern vor, beträgt die Gymnasialquote 28,2 Prozent. Hat ein Elternteil Abitur, steigt sie auf 57,9 Prozent, bei zwei Elternteilen mit Abitur auf 75,3 Prozent.
Das finde ich wenig verwunderlich. Wenn beide Eltern bspw. erfolgreich als Akademiker sind, werden sie natürlich zusehen, dass ihre Kinder auch das Abitur machen und studieren.
Da spielt teiweise der Stolz der Eltern eine Rolle. Ein Freund stamm aus einer Mediziner-Familie, Vater Arzt, Mutter Ärztin, große Schwester Ärztin usw., da war es ein riesiges Drama, dass er nicht Medizin studieren wollte und es dann auch nicht gemacht hat.
Manchmal fehlt es aber auch einfach am Verständnis dafür, wie bestimmte Dinge funktionieren. Wer selbst gelernt hat, wie man lernt, gute Noten bekommt usw., kann das natürlich auch an seine Kinder weitergeben. Und vielleicht ist einem die Bildung des eigenen Kindes auch wichtiger.
Wenn beide Elternteile ein Ausbildungssystem kennen, sei es Studium oder Ausbildung, hat man eben auch keinen Einblick in an andere System.
Ein ehemaliger Schüler kam z.B. nach dem Abi hilfesuchend zu mir, weil er sich an der Uni einschreiben wollte, aber nicht ganz verstanden habe, wie das ginge – und seiner Aussage nach “der erste aus der Familie” mit Abitur sei.
Der Vater eines anderen Jungen ist Handwerksmeister mit eigenem Betrieb, sein Sohn soll nach der 10. Klasse erstmal “was Handfestes” machen, also eine Ausbildung, studieren könne er später immer noch. Als jemand, der erfolgreich genau diesen Weg gegangen ist, erscheint ihm das sinnvoll, während ein Kind aus reinem Akademikerhaushalt vielleicht erstmal Abi machen und studieren soll.
Grundsätzlich finde ich es daher nicht verwunderlich, dass Kinder aus akademisch-geprägten Familien auch eher in Richtung Abitur und Studium gehen, einfach weil die Eltern diesen Weg kennen. Ebenso wird jemand, der erfolgreich nach einer Ausbildung ist, seine Kinder vielleicht eher zu diesem Weg beraten.
In den ärmsten Wohnlagen sind Kinder teilweise viele Kilometer vom nächsten Gymnasium entfernt. In einzelnen Regionen, etwa im Erzgebirge, beträgt die Luftlinie zum nächsten Gymnasium mehr als 20 Kilometer.
Das Beispiel ist für mich völlig unverständlich. Leben also im gesamten Erzgebirge ausschließlich arme Menschen, die ihre Kinder nicht ans weit entfernte Gymnasium schicken können? Oder liegt es einfach an der niedrige Bevölkerungsdichte?
Ich bin selbst ländlich aufgewachsen. Eine Grundschule gab es am Ort, ab der 5. Klasse ging es mit Bussen zur nächsten Schule. Eine Sekundarstufe II gab es dort auch nicht.
Also ging es ab der 11. Klasse gut 20 km zum nächsten Gymnasium mit Sek II, mit Öffis ca. 50 min von Tür zu Tür.
Die F.A.S.-Analyse deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt. Vielmehr folge die Bildungsinfrastruktur häufig bestehenden sozialen Mustern. Wo viele Gymnasialkinder leben, entstehen neue Gymnasien – was aus Sicht der Bedarfsplanung plausibel erscheint, die Ungleichheit der Zugangsmöglichkeiten aber weiter verstärkt.
Mein Abitur habe ich an einem Gymnasium gemacht, dass in einem alten Villenviertel liegt. Und damit kommen wir zu Hauptpunkt des Artikels. Alteingesessene Gymnasien bestehen nicht selten seit 50-100 Jahren. Es wird selten mal eben ein neues Gymnasium irgendwo errichtet.
Damit liegen alte Gymnasien eben in Wohngegenden, in denen früher schon finanziell gut ausgestattete Familien gelebt haben und diese Wohnungen sind auch heute nicht günstig.
Wo viele Gymnasialkinder leben, entstehen neue Gymnasien
Das ist doch auch sinnvoll. Oder sollte man beim Neubau eben Gymnasien irgendwo hinbauen, wo wenige Kinder auf ein Gymnasium gehen werden?
Natürlich hätte ich es damals auch besser gefunden, für die Oberstufe nicht 50 min in eine Richtung unterwegs sein zu müssen. Aber ich hatte dort viele Möglichkeiten.
Soll man lieber, wie im Artikel genannt, mitten im Erzgebirge irgendwo ein Gymnasium errichten, wo es dann leider nicht genug Schüler gibt?
Die Noten legen größtenteils fest, ob ein Kind ein Gymnasium besucht. Nicht die Entfernung. Bei uns an der Schule haben eben die Kinder gute Noten, deren Eltern Bildung wichtig ist. Immer mehr Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben werden durch lustiges Philosophieren und “andere Zukunftskompetenzen” ersetzt. Die Eltern, die die Defizite ihrer Kinder durch gezieltes Fördern zuhause kompensieren, deren Kinder haben dann eben bessere Noten. Da krankt irgendwie das System. Wenn alle die gleichen Chancen auf Bildung hätten, wäre das nur fair. Aber eine Bushaltestelle mehr oder weniger fahren zu müssen löst das Problem nicht.
Bei uns im Bundesland wechseln laut Statistik nur ca. 73% der Kinder aufs Gymnasium, die eigentlich die nötigen Notenschnitte für den Übertritt vorweisen könnten.
Das soll besonders in ländlichen Gebieten auch am Schulweg liegen, da die Gymnasien nicht in den Dörfern gebaut wurden/werden, sondern in den Städten. Allerdings erwerben ca. 40% eines Jahrgangs Fachabitur oder AHR über FOS/BOS, da bei Schüler*innen ab Jahrgangsstufe 11 längere Schulwege i.d.R. leichter zu bewältigen sind.
“Nach Protesten von Eltern aus anderen Stadtteilen, denen längere Schulwege drohten, wurde die Standortentscheidung jedoch revidiert.”
Da scheint es unterschiedliche Meinungen zu geben.
Es gibt auch Meldungen, dass das damals geplante Gymnasium in Nied wegen der Nähe zum Industriepark Griesheim aufgrund der Seveso-Richtline nicht realisiert worden wäre.
siehe z.B fnp: “Zusage für Gymnasium „leeres Versprechen“
Es geht ja auch um eine Grundsatzfrage, welche Aufgabe der Staat hat: sollen die Schulen dort gebaut werden, wo die meiste Nachfrage ist, so dass der durchschnittliche Schulweg minimiert wird (Staat als Service). Oder soll die Schule dort gebaut werden, wo bestimmte Bildungsexperten sie lieber sähen, um vermeintliche Banachteiligungen auszugleichen, auch wenn der durchschnittliche Schulweg dann höher ist (Staat als technokratischer Besserwisser und Volkserzieher).
Ich mag solche Untersuchungen, wo statistisch fragwürdig versucht wird, einen Skandal zu belegen, nicht.
Zunächst fallen alle Gymnasien raus, die in kleineren Städten stehen und das Einzige im Ort sind. Die sind für alle Stadtteile gleich gut erreichbar, weil die Orte meist 20.000 oder weniger Einwohner haben, d.h. die Wege sind entweder nicht weit oder die Kinder kommen ohnehin mit dem Bus aus den Nachbargemeinden. Laut Schätzung von ChatGPT sind das 40-60%, also grob die Hälfte. Ich unterrichte an so einem Gymnasium und das wurde vor 50 Jahren an den Stadtrand gebaut, weil dort gerade Platz war.
Und dann sind die Schulen raus, die alte Schulgebäude haben. Kein Schulträger kann es sich leisten, einfach mal eine Schule an einem anderen Standort zu bauen, alleine aus dem Grund, dass er besser für Schüler (egal welcher sozialen Lage) erreichbar ist.
Die Standorte der (laut GPT-Schätzung) neuen 180-250 Gymnasien in größeren Städten, die seit 2000 neu gebaut worden sind, sind vermutlich eher danach ausgesucht worden, wo ein Bauplatz möglich war (Schulgebäude+Sportanlage). Das ist in größeren Städten vermutlich so, dass man nicht sonderlich große Auswahl bei den Standorten hatte. Vermutlich sind das Stadtrandlagen und dann kann es durchaus sein, dass Wohngebiete mit Einfamilienhäusern dort angrenzen. Das ist allerdings keine Frage von einer Bevorzugung eines bestimmten Klientels, sondern reine Notwendigkeit.
Was bleibt von der Untersuchung? Sie trifft bestenfalls auf die Hälfte aller Gymnasien (die in größeren Städten) überhaupt zu und für die Fälle, wo sie zutrifft, lässt sich kaum eine sinnvolle Handlungsweise ableiten.
Ja nun, werden Gymnasien deshalb in Gegenden mit „bessergestellten“ Eltern gebaut, weil deren Kinder als Kinder von bildungsnahen Haushalten häufiger das Gymnasium besuchen und deshalb dort der Bedarf höher ist, oder werden die Gymnasien schon mal prophylaktisch eher in solchen Gegenden gebaut (obwohl kaum Bedarf da ist), und weil die Gymnasien schon mal da sind, gehen die Kinder wohnortnah dorthin?
Ich vermute ersteres, schon deshalb, weil sich die Klientel von Wohnvierteln über die Jahre auch verändert.
Aus wirtschaftlichen Gründen macht es durchaus Sinn, Gymnasien dort zu bauen, wo sie nachgefragt sind. Gleichzeitig muss der Schülerverkehr so gestaltet sein, dass jede Schulart für jeden Schüler in zumutbarer Zeit erreichbar ist.
Naja jetzt ist der Anteil an bildungsfernen Familien bei Eltern ohne Abitur vermutlich deutlich höher als bei Eltern mit Abitur. Meiner Erfahrung nach wählen bildungsferne Familien tatsächlich häufig ihre Schule rein nach Kriterien wie Nähe, Ganztag und Geschwisterkindern aus.
Aber und das finde ich sollte man auch erwähnen: Wir haben hervorragende Realschulen im Land, die den Kindern am Ende auch ein Wechsel zum Gymnasium ermöglichen. Und meiner Erfahrung nach wird sich an Realschulen viel mehr um die Kinder gekümmert, es wird viel mehr Rücksicht auf die Kinder genommen, es herrscht ein viel familiäreres Klima und es wird viel mehr gefördert. Für Kinder, aus bildungsfernen Familien, halte ich die Realschule schlichtweg für die deutlich bessere Schulform!
Nicht falsch verstehen: Es gibt ganz hervorragende Eltern ohne Abitur und sicher auch etliche mit Kindern, die auf das Gymnasium gehören. Aber ich bleibe dabei, dass ich bildungsferne Familien bei Eltern mit Abitur deutlich seltener finde.