DÜSSELDORF. Die Digitalisierung der Schulen kommt vielerorts nur ruckelnd voran: unklare Zuständigkeiten, knappe Budgets, fehlende Netzkonzepte, überforderte Kommunen – und Lehrkräfte, die notgedrungen als IT-Nothelfer einspringen. Kaum jemand kennt diese strukturellen Bruchstellen so genau wie Udo Kempers. Er hat als Leiter einer eigens eingerichteten Stabsstelle die Digitalisierung der Schulen in der Stadt Düsseldorf verantwortet und berät heute freiberuflich Schulen, Schulträger und Unternehmen. Im Interview erklärt er, wo es systemisch hakt – und warum technische Probleme oft nur die Symptome viel tiefer liegender Versäumnisse sind.
News4teachers: Man hat den Eindruck, die Digitalisierung der Schulen ist ein sehr ruckeliger Prozess. Woran hakt es?
Udo Kempers: Die Herausforderung für alle Schulträger ist sehr komplex – und die Realität ist tatsächlich schlimmer, als viele denken. Da muss ich etwas ausholen: In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatten viele Kommunen eigene, interne IT-Dienstleister, teils sogar eigene Rechenzentren. Darüber betrieben sie ihre gesamte Verwaltung. Später entstanden gemeinsame Produkte, etwa für das Einwohner- oder Verkehrswesen. So entwickelten sich erste Synergien. Entscheidend ist: Diese Rechenzentren haben die Verwaltung digitalisiert – nicht die Schulen. Schulen hatte über Jahrzehnte kaum jemand auf dem Plan.
News4teachers: Woran lag das?
Kempers: Im Verwaltungsbereich sind Abläufe hochstandardisiert: High Security, High Performance, alles zentral getestet. Das kostet viel Geld und Personal. Die KGSt, also die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement, legt fest, wie viele Geräte ein First-Level-Support-Mitarbeiter betreuen kann – etwa 250 bis 350 Verwaltungsrechner.
Dieser Vor-Ort-Support wurde jedoch 2008 per Vereinbarung zwischen Städtetag und NRW-Schulministerium den Schulen selbst übertragen, genauer gesagt: den Lehrkräften. Dafür gab es zwei Deputatsstunden. Das war 2008 mit einem oder zwei Computerräumen noch machbar. Heute ist es völlig unrealistisch, so die IT einer ganzen Schule stemmen zu wollen.
“Schulträger fragen: Warum sollen wir Aufgaben finanzieren, die eigentlich beim Land liegen?”
News4teachers: … und es führt dazu, dass keiner so recht weiß, wer eigentlich für die Digitalisierung der Schulen zuständig ist – Land oder Kommunen.
Kempers: Genau. Und das führt direkt zu den Problemen, die wir sehen: In der Verwaltung fehlen Ressourcen – und in den Schulen noch mehr. IT-affine Lehrkräfte stehen ständig unter Spannung: Sie wollen helfen, können aber aufgrund der Strukturen gar nicht so, wie sie müssten.
Das Grundproblem ist das gesamte Gefüge: das Zusammenspiel aus Schule, Ausstattung, Gebietsrechenzentren und kommunalen Eigenlösungen sowie gezielten Vergaben. Es ist unübersichtlich und voller Brüche. Manche Kommunen verlagern Schul-IT ins Medienzentrum – aber wer arbeitet dort? Wer bezahlt die Leute? Welche Expertise haben sie? Rechenzentren machen ihren Verwaltungsjob gut, verstehen aber die pädagogische Perspektive kaum. Schulträger wiederum fragen: Warum sollen wir Aufgaben finanzieren, die eigentlich beim Land liegen?
Der Digitalpakt 2.0 kommt – und zwar schnell. Für EdTech-Anbieter, ob Unternehmen, Gemeinnützige oder Stiftungen, heißt das: Sie sollten flott in die Kommunikation mit Schulen und Schulträgern kommen. Passenderweise haben wir gerade etwas im Petto: den Themenmonat „Schule der Zukunft“ auf News4teachers, Deutschlands (auch von Schulleitungen und Schulträgern) meistgelesenem Bildungsmagazin.
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News4teachers: Der erste Digitalpakt war keine Lösung?
Kempers: Der Digitalpakt hat einen enormen Aufrüstungsschub ausgelöst – aber nicht genug Geld bereitgestellt. Wenn man die fünf Milliarden, mit Sondertöpfen 7,5 Milliarden, durch zehn Millionen Schülerinnen und Schüler teilt, bleibt pro Kopf viel zu wenig übrig.
Ein Beispiel: Eine kleine Grundschule mit 200 bis 300 Kindern bekommt aus dem Digitalpakt vielleicht 25.000 bis 40.000 Euro für WLAN. Realistisch braucht man – wenn die Infrastruktur fehlt – 150.000 bis 200.000 Euro, um eine solche Schule professionell (incl. Strom, Netzwerkkabel, aktiven Komponenten usw.) in Betrieb zu nehmen. Diese Dimensionen sind vielen nicht bewusst.
News4teachers: Und dann wird versucht, besonders billig zu bestellen…
Kempers: Genau. Ausschreibungen sind oft so eng gefasst, dass zum Beispiel lediglich Access Points bestellt werden – ohne Installation, Konfiguration, Betrieb oder Support. In manchen Kommunen versteht oft niemand, wie komplex das Thema eigentlich ist. Viele Entscheiderinnen und Entscheider – häufig Ratsmitglieder – vergleichen das mit ihrem privaten WLAN: „Zu Hause zahle ich 49 Euro im Monat, warum kostet das an der Schule 1.200 Euro?“ Dass ein Heimrouter 40 Geräte schafft, eine Schule aber mehrere hundert gleichzeitig, ist außerhalb ihrer Erfahrungswelt. Jeder Klassenraum ist technisch gesehen ein eigenes Haus – mit 30 Nutzerinnen und Nutzern, die volle Leistung brauchen, zunehmend auch für KI-Anwendungen.
News4teachers: Auch Fehlplanungen im Schulbau bereiten Schwierigkeiten…
Kempers: Ja. Ein Beispiel, das harmlos klingt, aber viel aussagt: Ein großer Schulneubau hatte einen Aufzug bekommen, der auch für Euro-Paletten ausgelegt war. Die IT-Ausstattung kam jedoch auf Paletten aus Übersee – ein paar Zentimeter breiter. Niemand hatte bei der Planung daran gedacht, dass auch mal Technik von außerhalb Europas kommen könnte. Die Lieferung war nur bis zur Bordsteinkante beauftragt. Also mussten sechs Personen die komplette Charge auf der Straße umpacken und vorher noch 20 leere Euro-Paletten besorgen. Eine Heidenarbeit – und nur ein kleines Beispiel dafür, wie viele Dinge in der Praxis nicht zusammenpassen.
“Der Eindruck ‘Digitalpakt = viel Geld’ ist falsch. Es war zu wenig”
News4teachers: Worin liegen die größeren Probleme?
Kempers: Das Grundproblem ist, dass die Schul-IT über viele Jahre ohne Netzkonzept zusammengestückelt wurde. Früher gab es zwei Computerräume – das war die IT. Jede Schule hatte einen kleinen Server, darauf lief der Jugendschutzfilter. Das funktionierte, solange alles überschaubar blieb.
Heute haben wir WLAN überall, dutzende Endgeräte pro Klasse, IoT-Geräte, Messsysteme, Verwaltungszugänge und Lernplattformen. Ohne Netzkonzept weiß niemand, wie Geräte miteinander kommunizieren. Ein falsch eingerichtetes Gerät kann das gesamte Netz stören.
Als wir Schulen systematisch vernetzt haben, haben wir zuerst ein Netzkonzept erstellt: klare Netzstrukturen, getrennte Bereiche, definierte Standards. Dieses Konzept galt für alle Dienstleister. Ohne solche Standards passiert das, was heute vielerorts Alltag ist: Jemand steckt irgendein Gerät in eine Dose – und sofort fällt das Netz aus. Nicht exotisch, sondern Realität.
News4teachers: Also können Schulen kaum ein professionelles System erwarten?
Kempers: Der Eindruck „Digitalpakt = viel Geld“ ist falsch. Es war zu wenig. Schulträger müssen Ausschreibungen auf Minimalanforderungen zuschneiden, weil das Budget nicht reicht. Dann wird irgendetwas beschafft, das am Ende nicht kompatibel ist – sofern überhaupt ein Konzept existiert.
News4teachers: Wie wirken sich kommunale Einkaufsverbünde wie Vitako oder ProVitako aus?
Kempers: Grundsätzlich sind sie hilfreich, weil sie bessere Preise ermöglichen. Aber der Mechanismus ist kompliziert: An ProVitako-Ausschreibungen kann nur teilnehmen, wer Mitglied der Vitako ist. Köln hat ein eigenes Amt und somit auch ein Rechenzentrum – also kann ein direktes Mitglied sein. Düsseldorf hat sein Rechenzentrum (RZ) konsolidiert und kann somit nicht Mitglied werden. In der Regel sind diese Mitglieder dann Teil eines RZ-Verbunds (RzV) und diese dann evtl. auch Vitako-Mitglied.
Das heißt: Ein Mitglied einer RZV erfährt von ProVitako-Ausschreibungen nur, wenn die RZV aktiv informiert. Und das passiert nicht automatisch. Wenn das RZV eine Ausschreibung nicht als schulrelevant erkennt oder keine Kapazität hat, geht die Information verloren. Das ist kein böser Wille, sondern ein strukturelles Problem: zu wenig Personal, zu viele Aufgaben und eine Verwaltungs- statt Schul-IT-Fokussierung. Viele dieser Ausschreibungen sind sehr spezialisiert und man muss die dazugehörigen Leistungsparameter verstehen und nutzen.
News4teachers: Was bedeutet das für kleine Kommunen?
Kempers: Dort sitzt oft eine einzelne Person im Schulverwaltungsamt, die alles stemmen soll. Wenn eine Schule WLAN braucht, ruft sie ihren IT-Dienstleister (inter oder extern) an – und wenn der sagt: „Machen wir nicht“, steht sie allein da. Also sucht sie Lösungen auf dem Markt, oft basierend auf Empfehlungen. Dann wird schnell ein günstiges System gekauft, ohne die schulischen Gesamtanforderungen zu kennen.
Ein Schul-WLAN ist nicht wie zu Hause. Man kann nicht für 30 Tablets ein Passwort verteilen. Geräte müssen provisioniert werden. IoT-Geräte nutzen andere Standards. Prüfgeräte brauchen spezielle Wege. Jugendschutz muss zentral laufen. Dafür braucht es ein Netzkonzept.
Vermeidliche preiswerte Systeme können das nicht. Die Probleme kommen später – wenn Last auf dem System ist oder neue Geräte nicht mehr eingebunden werden können. Dann steht die Kommune ohne Expertise da.
“Schulträger haben enorm viel geleistet, und Lehrkräfte haben das Ganze ohne zusätzliches Personal mitgetragen”
News4teachers: Dann passt oft auch der Jugendschutz nicht?
Kempers: Genau. Viele Schulen betreiben den Filter auf einem einzigen Server im Keller. Alle Anfragen laufen darüber – ein massiver Flaschenhals. Eine kleine Grundschule mit 300 Kindern bringt so ein System schnell an seine Grenzen. Und moderne Anwendungen wie Videokonferenzen oder KI verstärken das Problem. Fällt der Filter aus, steht die ganze Schule still.
Ich warne deshalb davor, Schulen als „nur Schule“ zu betrachten. Kein anderes System ist in fünf Jahren so stark gewachsen und dabei so stabil geblieben. Schulträger haben enorm viel geleistet, und Lehrkräfte haben das Ganze ohne zusätzliches Personal mitgetragen – obwohl professionelle Strukturen nötig wären.
News4teachers: Also wäre die Lösung: mehr Geld und mehr Expertise…
Kempers: Ja. Das Bündnis für Bildung hat neutral berechnet: Ein digitales Gerät für Lehrnende kostet 250 bis 350 Euro pro Jahr im Betrieb. Schulträger haben aber meist 30 bis 50 Euro. Die Lücke ist enorm.
Nötig ist außerdem eine andere Art von Ausschreibung: In der „innovativen Vergabe“ beschreibt man nicht die Hardware, die man kaufen will, sondern das Problem, das gelöst werden muss. Schulen wissen oft sehr genau, womit sie arbeiten können – aber wir reden viel zu viel über Tools und viel zu wenig über Prozesse. Ob Firewall X oder WLAN Y ist am Ende egal – Hauptsache nachhaltig und funktionsfähig.
Viele Kommunen trauen sich dennoch nicht an solche Vergaben – weil sie glauben, alles selbst am besten einschätzen zu können, oder weil sie sparen wollen und denken, günstige Lösungen würden schon reichen. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview.
Auf der Bildungsministerkonferenz im Rahmen der KMK im Dezember in Berlin haben sich die Bildungsministerinnen und -minister der 16 Länder gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDI) auf den sogenannten Digitalpakt 2.0 geeinigt (News4teachers berichtete). In den kommenden fünf Jahren sollen bundesweit insgesamt fünf Milliarden Euro in die digitale Modernisierung der Schulen fließen – je zur Hälfte finanziert von Bund und Ländern. Startschuss war bereits der 1. Januar 2026.
„Der Digitalpakt 2.0 ist ein entscheidender Schritt in die Zukunft unserer Schulen und ein wichtiger Beitrag zur Gleichwertigkeit der Bildungschancen in Deutschland“, erklärte Prien. Durch vereinfachte Verwaltungsprozesse und die Förderung länderübergreifender Projekte werde sichergestellt, „dass alle Schülerinnen und Schüler von digitaler Bildung profitieren – unabhängig von ihrem Wohnort“. Ziel sei es, eine moderne Bildungslandschaft zu schaffen, in der alle Schulen über die notwendige digitale Ausstattung verfügen. Aus Reihen des VBE hieß es: “Überfällig!”
