GEW: Wer soll die ABC-Klassen durchführen? Schon jetzt fehlen 8.000 Lehrkräfte

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DÜSSELDORF. Die Bildungsgewerkschaft GEW warnt vor erheblichen Problemen bei der geplanten Einführung sogenannter ABC-Klassen in Nordrhein-Westfalen. Zwar sei das Ziel einer verbindlichen und frühen Sprachförderung richtig, doch angesichts des massiven Personalmangels drohe das Vorhaben zu scheitern. „Jedes gute Konzept wird wirkungslos, wenn es an den Menschen, an den Köpfen fehlt, die es umsetzen sollen“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik im WDR-„Morgenecho“. Zum kommenden Schuljahr fehlten in NRW mehr als 8.000 Lehrkräfte. 

Knackpunkt Ressourcenfrage: GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik. Foto: GEW NRW / Alena Wischolek

Die GEW betont, dass Sprachkompetenz eine zentrale Voraussetzung für Teilhabe und erfolgreiche Bildungsbiografien sei. „Dass alle Kinder mit Entwicklungsbedarf im Bereich Sprache künftig vor dem Schuleintritt gezielt gefördert werden sollen, ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit“, erklärte Çelik. Gleichzeitig stellte sie klar: „Nicht Migration und Mehrsprachigkeit in vielen Klassen sind das Problem. Sondern die passende frühe Sprachförderung fehlt.“

Aus Sicht der Gewerkschaft darf Sprachförderung nicht erst kurz vor der Einschulung ansetzen. „Sprachförderung darf nicht erst mit der Grundschule beginnen, sondern muss bereits in der Kita systematisch verankert werden“, so Çelik. Voraussetzung dafür sei eine enge und verbindliche Zusammenarbeit zwischen frühkindlicher Bildung und Grundschule. „Sprachförderung beginnt nicht erst kurz vor der Einschulung, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess“, sagte sie. Nötig seien strukturierte Übergabeverfahren, gemeinsame Förderkonzepte, klare Zuständigkeiten und ausreichend Zeit für Austausch und Abstimmung der Fachkräfte. Ohne diese Kooperation drohten Brüche im Förderprozess, Doppelstrukturen und zusätzliche Belastungen für Beschäftigte und Kinder.

„Neue Aufgaben können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn zusätzliches Personal bereitgestellt wird“

Besonders kritisch sieht die GEW die Ressourcenfrage. Die geplanten ABC-Klassen sollen an Grundschulen angesiedelt werden – einem Bereich, der bereits heute stark unter Personalmangel leidet. Hinzu kämen weitere Herausforderungen wie der Ausbau des Ganztags, zusätzliche Lernstandserhebungen und der Abzug von Lehrkräften durch Vorgriffstellen. „Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer die ABC-Klassen tatsächlich durchführen soll, ohne dass an anderer Stelle Unterricht ausfällt oder zusätzliche Belastungen entstehen“, erklärte Çelik. „Neue Aufgaben können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn zusätzliches Personal bereitgestellt wird. Ansonsten besteht die reale Gefahr, dass ein ohnehin überlastetes System weiter unter Druck gerät.“

Die GEW warnt zudem vor möglichen Stigmatisierungen. „Sprachförderung darf nicht dazu führen, dass Kinder frühzeitig als ‚defizitär‘ wahrgenommen oder aus dem sozialen Zusammenhang herausgelöst werden“, sagte Çelik. Gute Bildung entstehe nicht durch neue Vorgaben allein, sondern durch verlässliche Rahmenbedingungen für Kinder und Beschäftigte.

Die Landesregierung plant, ab dem Schuljahr 2028/29 verbindliche Sprachtests vor der Einschulung einzuführen. Kinder mit größerem Förderbedarf sollen im Jahr vor der Einschulung verpflichtend an sogenannten ABC-Klassen teilnehmen, mit einem Umfang von zweimal zwei Stunden pro Woche. Ziel ist es, allen Kindern zum Schulstart ein möglichst vergleichbares Sprachniveau zu ermöglichen. News4teachers / mit Material der dpa

“ABC-Klassen” vor der Einschulung: Landesregierung nimmt Grundschulen für frühkindliche Sprachförderung in die Pflicht

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