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Immer mehr übergewichtige Kinder: Ärztepräsident schlägt Alarm – Brauchen wir ein verbindliches Schulfach “Gesundheit”?

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BERLIN. Eine europaweite Vergleichsstudie gibt Deutschland in Sachen Gesundheitsprävention schlechte Noten. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt angesichts von Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung unter Kindern und Jugendlichen vor einer „riesigen Welle von Diabetikern“ – und fordert Gesundheitsunterricht an Schulen. Rückendeckung kommt aus der Bevölkerung: Laut einer aktuellen Umfrage spricht sich eine deutliche Mehrheit dafür aus, Gesundheit frühzeitig und verbindlich im Unterricht zu verankern. Mit einem eigenen Fach.

Die Zahl übergewichtiger Kinder nimmt rapide zu (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Der Präsident der Bundesärztekammer schlägt Alarm, wenn er über die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spricht. „Schon jetzt ist absehbar, dass durch Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung bei Kindern und Jugendlichen eine riesige Welle von Diabetikern auf uns zurollt“, sagte Klaus Reinhardt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Aussage bezieht sich auf bekannte Risikofaktoren wie Bewegungsmangel und unausgewogene Ernährung, die nach Einschätzung vieler Fachleute bereits im Kindesalter langfristige gesundheitliche Folgen haben können.

Reinhardt fordert politische Maßnahmen, um gegenzusteuern. Er spricht sich für höhere Abgaben auf Zucker, Tabak und Alkohol– sowie für einen verbindlichen Gesundheitsunterricht an Schulen aus (der dann aus den höheren Steuereinnahmen finanziert werden könne). Es sei „eine Frage der Verantwortung, dass die Politik auf diese Missstände reagiere“. Prävention müsse früher ansetzen und dürfe nicht dem Zufall oder freiwilligen Initiativen überlassen bleiben.

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Wie groß die Defizite in der deutschen Präventionspolitik sind, zeigt der sogenannte Public Health Index. Der Index misst erstmals systematisch, wie konsequent europäische Länder wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen umsetzen. Entwickelt wurde er vom AOK-Bundesverband und dem Deutschen Krebsforschungszentrum gemeinsam mit einem interdisziplinären Forschungsteam. Untersucht werden die Handlungsfelder Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung – zentrale Risikofaktoren für chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

„Zu den Empfehlungen gehören höhere Steuern auf Zucker, Tabak und Alkohol, weil das den Konsum senkt“

Im Vergleich von 18 Ländern aus Zentral- und Nordeuropa schneidet Deutschland deutlich unterdurchschnittlich ab. Insgesamt belegt die Bundesrepublik den vorletzten Platz. In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernährung – landet Deutschland auf den hinteren Rängen, lediglich im Handlungsfeld Bewegung reicht es für das untere Mittelfeld. Der Index macht sichtbar, dass Deutschland bei strukturellen Maßnahmen des Kinder- und Jugendschutzes wie Werbebeschränkungen, Ausweitung rauchfreier Zonen oder gesundheitsorientierter Besteuerung wenig ambitioniert ist. Diese Maßnahmen gelten laut wissenschaftlicher Evidenz als besonders wirksam und sind im Index entsprechend hoch gewichtet.

Reinhardt verweist ausdrücklich auf diese Empfehlungen. „Zu den Empfehlungen gehören höhere Steuern auf Zucker, Tabak und Alkohol, weil das den Konsum senkt“, sagt er. Empfohlen werde außerdem ein verbindlicher Gesundheitsunterricht an Schulen, der aus den Mehreinnahmen finanziert werden könnte. Der Public Health Index zeige nicht nur Schwächen, sondern auch, welche internationalen Ansätze als Orientierung dienen könnten.

Besonders deutlich fallen die Defizite im Handlungsfeld Alkohol aus. Deutschland erreicht hier lediglich 9 von 40 möglichen Punkten und teilt sich mit Österreich den vorletzten Rang. Alkohol ist in Deutschland nahezu jederzeit verfügbar, im internationalen Vergleich günstig und stark beworben. Zwar existiert eine nationale Präventionsstrategie, doch bleiben zentrale Steuerungsinstrumente wie Preisgestaltung, Verfügbarkeit und Werbung weitgehend unangetastet. Länder wie Norwegen, Finnland, Schweden oder Litauen führen das Ranking an, weil sie umfassende Maßnahmenpakete umgesetzt haben. Dort sinken Alkoholkonsum sowie alkoholbedingte Erkrankungen und Todesfälle nachweislich.

„Der Blick auf Europa macht deutlich, dass es auch anders geht“

Auch in der Ernährungspolitik gehört Deutschland zu den Schlusslichtern. Keine der sechs untersuchten Maßnahmen zur Förderung einer gesünderen Ernährung ist hierzulande flächendeckend umgesetzt. Es gibt weder verbindliche Qualitätsstandards für Schulessen noch Vorgaben für Snack- und Getränkeangebote an Schulen, keine Abgabe auf stark gezuckerte Softdrinks und keine wirksamen Regelungen zum Schutz von Kindern vor Werbung für ungesunde Lebensmittel. Der Index hält fest, dass Deutschland damit zentrale Instrumente ungenutzt lässt, die in anderen Ländern längst etabliert sind.

„Der Blick auf Europa macht deutlich, dass es auch anders geht. Länder wie Großbritannien, Finnland oder Irland setzen viele der wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen konsequent um und führen das Ranking an. Sie machen Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum unattraktiver, schaffen gesündere Ernährungsumgebungen und fördern Bewegung in Schulen, Städten und Gemeinden“, so heißt es in der Studie.

Welche Folgen das für Kinder hat, zeigen aktuelle Daten des Fitnessbarometers 2025. In die Auswertung flossen die Daten von rund 45.000 Kindern aus Baden-Württemberg ein. Demnach sind 15 Prozent der Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren übergewichtig, 6,5 Prozent sogar krankhaft fettleibig (News4teachers berichtete). „Im Jahr 2024 wurde ein neuer Höchststand erreicht“, sagt Studienleiter Prof. Klaus Bös vom Karlsruher Institut für Technologie. Mehr als jedes sechste Kind dieser Altersgruppe ist demnach übergewichtig.

Als zentrale Ursachen nennt das Fitnessbarometer einen bewegungsarmen Alltag und zu wenig körperliche Aktivität. Besonders auffällig ist der Übergang von der Kita in die Grundschule. Ab dem Alter von sechs Jahren steigt der Anteil übergewichtiger Kinder deutlich an und bleibt anschließend auf hohem Niveau. Der Ludwigsburger Kinderarzt Thomas Kauth beschreibt die Situation so: „Unsere Kinder sitzen sich in der Grundschule krank.“ Fehlende Bewegung im Schulalltag sei ein wesentlicher Faktor.

Zwar zeigen sich nach dem Einbruch während der Corona-Pandemie leichte Verbesserungen bei motorischen Fähigkeiten wie Kraft und Koordination. Gleichzeitig bleiben Ausdauer, Beweglichkeit und Schnelligkeit deutlich unter dem Niveau vor der Pandemie. Bei der Ausdauer ist laut Fitnessbarometer sogar ein weiterer Rückgang zu beobachten. „Hier gibt es weiterhin großen Handlungsbedarf“, sagt Sportwissenschaftler Bös.

Die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht im Kindesalter gelten als gravierend. Betroffene Kinder zeigen bereits früh Anzeichen von Stoffwechselerkrankungen, Gelenkproblemen oder Bluthochdruck. Zudem steigt das Risiko, auch im Erwachsenenalter gesundheitlich stark belastet zu sein. „Übergewichtige Kinder werden krank – wir müssen endlich wirksam dagegen vorgehen“, sagt Kinderarzt Kauth. Einzelne Programme wie Motorik-Tests in Kitas und Grundschulen können Defizite sichtbar machen, ändern jedoch nichts an strukturellen Rahmenbedingungen.

Unterstützung für eine stärkere Verankerung von Gesundheitsbildung zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage von YouGov im Auftrag der Krankenversicherung HanseMerkur. 71 Prozent der Befragten sprechen sich für die Einführung eines Schulfachs „Gesundheit“ aus, um Kindern frühzeitig zu vermitteln, wie sie Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen können. Die Zustimmung für das Fach «Gesundheit» fiel dabei in allen Altersgruppen ähnlich hoch aus, bei den Geschlechtern sprachen sich Frauen (75 Prozent) etwas häufiger dafür aus als Männer (67 Prozent). Die Zustimmung zu einem solchen Fach ist über alle Altersgruppen hinweg hoch. Nur rund die Hälfte der Befragten fühlt sich selbst ausreichend informiert, um gut für die eigene Gesundheit zu sorgen. News4teachers / mit Material der dpa

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