BERLIN. Als Bernhard Bueb vor zwanzig Jahren sein Buch „Lob der Disziplin“ veröffentlichte, traf er einen wunden Punkt. Die Streitschrift über Autorität, Ordnung und Erziehung löste eine hitzige Debatte aus – über das richtige Maß an Freiheit, über Gehorsam, über die Rolle von Schule und Eltern. Heute, zwei Jahrzehnte später, zeigen Studien und Befragungen: Das Problem, das Bueb damals beschrieb, ist nicht verschwunden. Schülerverhalten gilt weiterhin als größte Herausforderung für Lehrkräfte – und die Frage nach Disziplin ist womöglich aktueller denn je. Ein Beitrag von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ein schmales Buch mit provozierendem Titel die pädagogische Republik erschütterte. „Lob der Disziplin. Eine Streitschrift“ hieß es, verfasst von Bernhard Bueb, gerade in den Ruhestand getretener langjähriger Leiter des Eliteinternats Schloss Salem. Kaum ein anderes Erziehungsbuch der vergangenen Jahrzehnte hat eine vergleichbare Debatte ausgelöst – und kaum eines wirkt heute, im Jahr 2026, noch so aktuell. Denn während sich die Herausforderungen wie zunehmende Heterogenität und von außen hereindrängendes Krisengeschehen sogar noch verstärkt haben, scheint das Kernproblem unverändert: Das undisziplinierte Verhalten von Schülerinnen und Schülern gilt nach wie vor als größte Herausforderung für Lehrkräfte.
„Wir sprechen in Deutschland zu viel von Bildung und viel zu wenig von Erziehung“, sagte Bueb 2006 im Gespräch mit dem Spiegel. „Was führt einen Menschen denn zu schulischem oder akademischem Erfolg? Es ist sein Selbstwertgefühl: dass er an sich glaubt, dass er wer ist. Und das ist eine Folge von richtiger Erziehung.“ Schon dieser Satz reichte aus, um Fronten zu verhärten. Bueb stellte sich offen gegen einen pädagogischen Mainstream, der seit den 1970er-Jahren auf Selbstbestimmung, Partizipation und Zurückhaltung erwachsener Autorität setzte. Er sprach stattdessen von Gehorsam, Ordnungssinn, Pünktlichkeit – von Tugenden, die in Deutschland historisch belastet waren und deshalb gemieden wurden.
Der Spiegel konfrontierte ihn damals mit dem Vorwurf, damit autoritäres Denken wieder salonfähig zu machen. Bueb hielt dagegen: „Natürlich setzt unsere Kultur Sekundärtugenden voraus. Sie sind nicht per se gut oder schlecht; sie werden erst salonfähig durch den Zweck, dem sie dienen.“ Diszipliniertes Üben, so argumentierte er, sei Voraussetzung für jede Form von Freiheit. Freiheit sei keine frühe Gabe, sondern „eine spät erworbene Tugend, die viel Disziplin erfordert“.
Als „Lob der Disziplin“ 2006 erschien, war es mehr als ein pädagogischer Essay. Es wurde zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Selbstzweifel. Abdrucke, Interviews und Talkshowauftritte folgten, unter anderem in der FAZ, im Spiegel und in der NZZ. Die Bild-Zeitung machte aus Bueb „Deutschlands strengsten Lehrer“ und widmete seinem Buch eine mehrteilige Erziehungsserie. Über Jahrzehnte hatte es in Deutschland kein Erziehungsbuch mehr gegeben, das eine derart hohe Auflage erreichte. Bueb wurde über Nacht zu einer der bekanntesten Figuren des pädagogischen Diskurses. Ich habe damals als junger Journalist mehrfach Interviews mit ihm geführt – und ihn als besonnenen, reflektierten Pädagogen erlebt, fernab der schlichten Zuschreibungen des Boulevards.
In seiner Streitschrift plädierte er für eine „ausgewogene Erziehung zwischen Führen und Wachsenlassen, Disziplin und Liebe, Kontrolle und Vertrauen“. Erwachsene, so sein Appell, müssten wieder mehr Verantwortung übernehmen und den „Mut zur Erziehung“ zurückgewinnen. Kinder und Jugendliche würden überfordert, wenn man sie zu früh in eine altersunangemessene Unabhängigkeit entlasse. Freiheit entstehe nicht durch frühe Autonomie, sondern durch eingeübte Selbstüberwindung. Bis diese vorhanden sei, brauche es Orientierung, Führung – und die Bereitschaft zu strafen.
„Eine störungsarme Unterrichtsstunde, bei der die zur Verfügung stehende Zeit von allen Schülerinnen und Schülern optimal für Lernprozesse genutzt wird, scheint für viele Lehrkräfte ein fernes Ziel zu sein“
Besonders scharf kritisiert wurde Bueb für seine Forderung nach klarer Autorität und nach Sanktionen. „Unbedingter Gehorsam stammt aus dem Wörterbuch des Unmenschen und ist in der Pädagogik nie zulässig“, sagte er im Spiegel-Interview. „Aber Gehorsam und Furcht vor Strafe sollten wir nicht länger aus der Erziehung verbannen.“ Furcht sei nicht gleich Angst, argumentierte Bueb, sondern eine konkrete, berechenbare Folge von Regelverstößen. Ohne diese Erfahrung würden Kinder weder Grenzen noch Verantwortung lernen.
Viele hielten das für rückwärtsgewandt, autoritär, gefährlich. Und doch: Liest man heute, zwei Jahrzehnte später, die aktuellen Analysen zur Situation in deutschen Klassenzimmern, drängt sich eine unbequeme Frage auf. Hat sich das Problem, das Bueb damals beschrieb, tatsächlich erledigt – oder wurde es lediglich anders etikettiert?
Ein aktueller Gastbeitrag im Deutschen Schulportal legt Letzteres nahe. Verfasst hat ihn Werner Klein, ehemaliger Leiter der Abteilung Qualitätssicherung im Sekretariat der Kultusministerkonferenz. Klein analysiert darin nationale und internationale Studien zur Klassenführung – und zeichnet ein ernüchterndes Bild.
„Eine störungsarme Unterrichtsstunde, bei der die zur Verfügung stehende Zeit von allen Schülerinnen und Schülern optimal für Lernprozesse genutzt wird, scheint für viele Lehrkräfte ein fernes Ziel zu sein, das mit ihrer täglichen Unterrichtsrealität wenig zu tun hat“, schreibt Klein. Und tatsächlich: Im Deutschen Schulbarometer 2024 nennen 35 Prozent der befragten Lehrkräfte das Verhalten der Schülerinnen und Schüler als größte Herausforderung ihres Berufsalltags. An Haupt-, Real- und Gesamtschulen liegt dieser Wert bei 42 Prozent, an Berufsschulen sogar bei 46 Prozent.
Zwar gelangen nur wenige Schulen aufgrund von Brandbriefen der Kollegien wegen Gewalt, Respektlosigkeit und Autoritätsverlust an die Öffentlichkeit – doch diese Fälle seien, so Klein, vermutlich nur die Spitze eines Eisbergs. Entscheidend sei: Klassenführung sei die Voraussetzung für guten Unterricht. Ohne sie litten nicht nur Lernerfolg und Anstrengungsbereitschaft, sondern auch das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler.
Internationale Vergleichsstudien bestätigen dieses Bild seit Jahren. In Untersuchungen wie IGLU, TIMSS oder PISA wird Unterricht nicht pauschal bewertet, sondern entlang mehrerer Qualitätsdimensionen – darunter Klassenführung, konstruktive Unterstützung und kognitive Aktivierung. Für Deutschland zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster: Während Lehrkräfte im Umgang mit Schülerinnen und Schülern und bei der inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts vergleichsweise gut abschneiden, wird die Klassenführung deutlich kritischer beurteilt.
Gemeint ist damit der praktische Unterrichtsalltag: Wie häufig es zu Störungen kommt, ob Regeln verbindlich gelten, wie zügig Arbeitsphasen beginnen und ob die verfügbare Lernzeit tatsächlich genutzt werden kann. Im Rahmen der TIMSS-Studie 2023 gaben nur rund sieben Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland an, dass sie im Mathematikunterricht selten Störungen erleben. Die große Mehrheit nimmt Unruhe als regelmäßiges oder sogar ständiges Begleitphänomen wahr. In anderen Ländern – etwa in Japan – berichten Schülerinnen und Schüler deutlich häufiger von störungsarmen Unterrichtsstunden.
Auffällig ist dabei vor allem eines: Trotz zahlreicher Reformen, Programme und pädagogischer Leitbilddebatten hat sich an diesem Befund über Jahre hinweg kaum etwas geändert. Im zeitlichen Verlauf ergeben sich laut Klein keine deutlichen Änderungen. Disziplin- und Ordnungsprobleme erscheinen damit nicht als vorübergehende Begleiterscheinung einzelner Krisen, sondern als strukturelles Problem des deutschen Schulalltags.
Klein macht zugleich deutlich, dass zeitgemäße Klassenführung nichts mit autoritärem Drill oder Angst vor Strafen zu tun hat. Entscheidend seien professionelle Autorität, durchgehende Präsenz, Empathie und tragfähige Beziehungen. Gleichzeitig beschreibt er die wachsende Überforderung vieler Lehrkräfte: zunehmende Heterogenität in den Klassen, Personalmangel, große Lerngruppen und eine oft brüchige Zusammenarbeit mit Eltern erschweren konsequente Klassenführung erheblich. Sanktionen greifen in diesem Umfeld meist nur kurzfristig und münden nicht selten in eine Eskalationsspirale immer neuer Strafen.
Und doch bleibt der Befund hart: In den großen Studien ist Klassenführung die am schlechtesten bewertete Dimension guten Unterrichts. Genau hier liegt der neuralgische Punkt – damals wie heute.
Bernhard Bueb dürfte diese Diagnose vermutlich nicht überraschen. Schon 2006 sagte er im Spiegel: „Lehrer und Eltern sind viel zu sehr damit beschäftigt, Ruhe und Ordnung herzustellen, ihre Würde zu bewahren und für einen respektvollen Ton zu sorgen. Die kreative Arbeit mit Kindern kommt viel zu kurz, weil die meisten Kinder ihre Lehrer und Eltern als Animateure sehen, die vor allem eines liefern sollen: Spaß.“
Für Bueb – der selbst als ehemaliger (unbescholtener) Lehrer der Odenwaldschule und früherer Assistent Hartmut von Hentigs aus der reformpädagogischen Bewegung kam – war das kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck einer „beschädigten Erziehungskultur“. Nach Nationalsozialismus und 68er-Bewegung habe Deutschland das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und jede Form von Autorität unter Generalverdacht gestellt.
„Wir haben uns aufgrund unserer Geschichte in der Pädagogik mehr und mehr zu Gärtnern entwickelt“, sagte Bueb. „Doch die Methode des Gärtners birgt immer die Gefahr, dass er gar nicht mehr erzieht.“ Gemeint ist damit eine Erziehung, die sich weitgehend darauf beschränkt, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen und Entwicklung geschehen zu lassen – aus Angst, durch Eingriffe Autorität auszuüben oder Grenzen zu setzen. Nach Buebs Diagnose hat sich die Schule damit in vielen Fällen aus ihrer erzieherischen Verantwortung zurückgezogen.
Seine Alternative war provokant formuliert: das Bild des Töpfers, der formt, Konturen vorgibt, Verantwortung übernimmt. Entscheidend aber ist: Nicht im Gegensatz zur Zuwendung, sondern mit ihr als Voraussetzung. „Das Hauptmotiv eines Pädagogen muss Liebe zu Kindern sein“, betonte Bueb. „Sie verwandelt seine Macht in legitime Autorität.“
Und diese Haltung – man nennt sie heute autoritativ (abgrenzend von autoritär) – unterscheidet ihn dann eben deutlich von allen schwarzen Pädagogen. News4teachers
