BAMBERG. Der Wechsel auf die weiterführende Schule gilt vielen Eltern als eine der wichtigsten Entscheidungen in der Bildungsbiografie ihrer Kinder. Besonders der Zugang zum Gymnasium wird häufig als entscheidende Voraussetzung für das Abitur betrachtet. Eine neue Untersuchung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) stellt diese Sichtweise nun infrage. Demnach entwickeln sich die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit hohen Bildungszielen auch auf anderen Schulformen ähnlich erfolgreich wie am Gymnasium. Die eigentliche Herausforderung könnte deshalb weniger in den Fähigkeiten der Jugendlichen liegen als in den Hürden des Bildungssystems.

Viele Eltern betrachten den Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule als eine Weichenstellung mit langfristigen Folgen für die Bildungsbiografie ihrer Kinder. Insbesondere die Frage, ob der Weg direkt auf ein Gymnasium führt, sorgt häufig für Verunsicherung. Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass der direkte Weg aufs Gymnasium keineswegs die einzige erfolgversprechende Route zum Abitur ist.
Grundlage der Untersuchung sind Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie Deutschlands. Bildungsforscher Dr. Felix Bittmann analysierte die Bildungsverläufe von rund 1.940 Schülerinnen und Schülern über einen Zeitraum von zehn Jahren. Im Mittelpunkt standen Jugendliche, die bereits zu Beginn der Sekundarstufe in der fünften Klasse den klaren Wunsch hatten, später das Abitur zu erwerben.
Die Auswertung zeigt, dass sich die Kompetenzen dieser Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Lesen weitgehend unabhängig von der besuchten Schulform entwickeln. Auf Grundlage standardisierter Kompetenztests seien die Ergebnisse von Jugendlichen mit starkem Abiturwunsch an Gymnasien sowie an Real-, Gesamt- und anderen weiterführenden Schulen bemerkenswert ähnlich. „In der 5., 7., 9. und 12. Klasse sind die Ergebnisse extrem ähnlich“, erklärt Studienautor Felix Bittmann.
Nach seinen Angaben kommt es weniger auf die Schulform selbst an als auf Faktoren wie Motivation, familiäre Unterstützung und eine gute Orientierung im Bildungssystem. Entscheidend sei, dass die gewählte Schulform zu den individuellen Stärken, Bedürfnissen und zum Entwicklungstempo eines Kindes passe. Nicht jedes Kind sei unmittelbar nach der vierten Klasse bereit für die Anforderungen eines Gymnasiums. In solchen Fällen könne eine andere Lernumgebung zunächst geeigneter sein und einen späteren Übergang erleichtern.
„Die Sorge, dass der zweite Bildungsweg durch Reformen im Schulsystem nicht genügend gestärkt worden sei, relativiert sich“
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass beim Erwerb des Abiturs weiterhin Unterschiede zwischen den Schulformen bestehen. Schülerinnen und Schüler, die ein Gymnasium besuchen, erreichen die Hochschulreife statistisch mit einer um 13 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit als vergleichbare Jugendliche auf anderen Schulformen. Allerdings fällt dieser Unterschied nach Angaben des Forschers deutlich geringer aus als frühere Untersuchungen nahegelegt hatten. Diese hatten Differenzen von mehr als 20 Prozentpunkten vermuten lassen.
„Die Sorge, dass der zweite Bildungsweg durch Reformen im Schulsystem nicht genügend gestärkt worden sei, relativiert sich“, sagt Bittmann. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass alternative Wege zur Hochschulreife heute besser funktionieren als häufig angenommen.
Besondere Aufmerksamkeit richtet die Studie auf mögliche strukturelle Hindernisse innerhalb des Bildungssystems. Nach Einschätzung der Forschenden könnten mangelnde Informationen über Bildungswege und Übergangsmöglichkeiten eine größere Rolle spielen als tatsächliche Kompetenzunterschiede zwischen den Jugendlichen. Dies betreffe insbesondere Familien, die wenig Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem haben oder erst vor vergleichsweise kurzer Zeit nach Deutschland zugewandert sind.
Nach der neunten oder zehnten Klasse eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten zum Erwerb der Hochschulreife, etwa über Fachoberschulen, Berufsoberschulen oder berufliche Gymnasien. Viele Eltern seien jedoch mit diesen Optionen kaum vertraut. Deshalb sieht Bittmann Schulen und Lehrkräfte in der Verantwortung, frühzeitig über Bildungswege, Übergänge und nachträgliche Möglichkeiten zum Erwerb von Abschlüssen zu informieren.
Dabei verweist der Bildungsforscher auch auf ein häufig wenig bekanntes Detail: Die Fachhochschulreife oder das Abitur können in Deutschland vielfach auch später und ohne Altersbeschränkung über Fach- und Berufsoberschulen erworben werden.
Die Ergebnisse der Untersuchung gelten ausdrücklich nicht für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Analysiert wurden Familien mit hohen Bildungsaspirationen, also mit einem starken Wunsch nach einem höheren Bildungsabschluss. Unterschiede im sozialen Hintergrund sowie in den kognitiven Grundfähigkeiten wurden statistisch herausgerechnet, um die Auswirkungen der Schulform möglichst präzise untersuchen zu können.
Dennoch sieht Bittmann in den Befunden Anlass für mehr Gelassenheit beim Übergang auf die weiterführende Schule. „Der Weg ist nach der 4. Klasse nicht in Stein gemeißelt – und selbst wenn es nach der 10. Klasse noch nicht klappt, gibt es heute viele Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse nachzuholen“, betont er.
Die Studie erschien unter dem Titel „Less alarming than assumed: New insights on diversion effects in German secondary education“ in der Fachzeitschrift „Studies in Educational Evaluation“.
Den Hype der Eltern, ihre Kids unbedingt auf staatliche Gymnasien zu schicken, den konnte ich noch nie nachvollziehen. Nach Abschluss ihrer Schulzeit erlernen viele einen Beruf für den die AHR gar nicht erforderlich ist (Realschulabschluss geht auch). Und dann gibt es noch die hohe Abzahl von Studienabbrechern an den Hochschulen…
Und die GY schleppen jeden zur AHR, obwohl für die meisten Hochschulzugänge die FHR vollkommen ausreicht. Ist natürlich für die Zahl der Planstellen nicht ganz verkehrt.
Ob AHR oder FHR ist letztlich unrelevant. Ein Studentenleben muss finanziert werden. Da spielen fortlaufende Ausgaben in nicht unwesentlicher Höhe eine Rolle. Nicht alle Eltern können ihre Kinder unter die Arme greifen. Hilfe vom Staat muss zumindest in Teilen zurückbezahlt werden.
Sie haben das Hauptproblem gut zusammengefasst. Das müssen aber die (Bildungs-) Politiker aber auch selbst einsehen, damit das gesunde Drittel Abiturienten pro Jahrgang wieder einkehrt. Das aber auf einem Niveau, das den Studienabbruch unwahrscheinlicher macht und die Sek I-Abschlüsse wieder attraktiver macht.
Von den Absolventen der Fachoberschule entscheiden sich vielleicht 2 Schüler aus der Klasse für ein Studium; der Rest macht eine Ausbildung. Das ist eigentlich nicht Sinn und Zweck des Bildungsganges, der explizit zur Studierfähigkeit befähigt.
Eigentlich sollten die Schüler mit mittlerer Reife in die Berufsausbildung gehen. Leider wissen viele oft dann noch nicht, was sie genau werden wollen und außerdem werden viele in bestimmten Ausbildungsberufen mit „nur“ mittlerer Reife kaum eingestellt, da sie die Einstellungstests nicht bestehen. Die Realschulen sind hier so unterbesetzt, dass die Schüler für viele Betriebe einfach nicht ausbildungsfähig sind, wenn sie einen „normalen“ Realschulabschluss haben.
Am Gymnasium bleibt man länger und kann daher auch länger das süße Leben zu Hause genießen. Außerdem bekommen alle Schüler immer wieder gesagt, dass man ohne Abi versagt habe und nichts werden wird. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Betriebe, weil die Anforderungen an die Leistungen für die Abschlüsse immer weiter sinken.
Wieso bleibt man auf dem Gymnasium länger? Es gibt doch genug Schulformen, an denen man das Abitur auch ablegen kann.
Ich kann mir das damit erklären, dass viele Eltern Sorge um ihr Kind haben. Von den anderen Schultypen liest und hört man viel Negatives. Das liegt aber auch mit am Fokus der Berichterstattung.
Ein jugendlicher Schläger bleibt intensiver im Gedächtnis als zehn Hauptschüler bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Aber diese Eltern haben häufig nicht bis zum Ende gedacht. Es bleibt dann eben in nicht wenigen Fällen bei der anschliessenden Berufsausbildung oder den Studienabbrüchen. Und selbst ein erfolgreich beendetes Studium an der Uni bringt keine Garantie für einen hochbezahlten Job. Das Erlernen eines Handwerkberufes mit nachfolgenden Erwerb eines Meisterbriefes kann z. B. auch Türen zu Bildungseinrichtungen öffnen.
Das mit den gleichen Kompetenzen wage ich beim Teilaspekt der Fähigkeiten und Fertigkeiten an den unterschiedlichen Schulformen schon aufgrund des unterschiedlichen Lehrplans anzuzweifeln. Was nicht gelehrt wurde, weil nicht im Lehrplan stehend, kann auch nicht gelernt worden sein. Wenn man hingegen die Qualifikation für die Oberstufe schon als gleiche Kompetenz definiert, hat der Artikel natürlich recht.
Ja sehe ich auch so
„Der Weg ist nach der 4. Klasse nicht in Stein gemeißelt – und selbst wenn es nach der 10. Klasse noch nicht klappt, gibt es heute viele Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse nachzuholen“
Gibt aber scheinbar auch Leute, die es für ausreichend halten die Übertrittsquote auf ein Gymnasium als einziges Merkmal für die Beurteilung von Bildungsgerechtigkeit zu betrachten und die tatsächlich erreichten SEK-2 Abschlüsse dabei außen vor zu lassen.
Bei mir gehen wesentlich mehr Schüler nach der 10 an Berufskollegs usw als in Ausbildung, um ihren Abschluss zu verbessern. Ich denke, es wäre besser, wenn wir mehr Azubis hätten
Jaaa? Der Punkt ist, dass Eltern am liebsten das Label „Abitur am Gymnasium gemacht“ für ihre Kinder wollen.
Ansonsten ergibt es einfach keinen Sinn, dass Eltern in SH ihre Kinder trotz Warnung der Grundschulklassenlehrkräfte dort anmelden und z.B. nicht versuchen sie an einer GemS mit Oberstufe unterzubringen. Dort kann man ohne Probleme immer auf mittlerem Niveau arbeiten und kommt trotzdem in die Oberstufe, obwohl man gar nicht darauf vorbereitet ist. Und weil die Lehrkräfte das wissen, sind sie gnädig und verschenken den einen oder anderen Punkt, damit mindestens die FHR erreicht wird. Im Abi kriegt man dann für eine Mathe-Nachprüfung auch schon einmal die notwendigen 05 Punkte, die man braucht, um das Abi überhaupt zu bestehen.
Das ist allgemein bekannt, aber sehr viele Eltern s.o.
Ich glaube, dass die Eltern mittlerweile eher „Gymnasium, weil noch halbwegs funktionierende Schule“ das Hauptargument ist.
Das glaube ich nicht. Auch damals zu meiner Schulzeit verlieh das Wort „Gymnasium“ einen gewissen Nimbus.
Aber heutzutage haben die anderen Schulformen einen sehr stark negativ besetzten Einschlag.
Meine Schule weist tatsächlich immer noch Bewerber*innen ab.
Wir sind bei Eltern mit Migrationshintergrund beliebt.
Ich hoffe, sie meinen nicht das mit „negativ besetzten Einschlag“?
Ja, vielen „biodeutschen“ Eltern mag das so nicht gefallen.
Ist wohl leider der Elefant im Raum, nicht wahr?
Und auch diese Denkweise unterstützt meine ursprüngliche Vermutung.
Damals hat man sich am Gym von den „biodeutschen Schmuddelkindern“ abgesetzt, heute von denjenigen mit Migrationshintergrund.
„Meine Schule weist tatsächlich immer noch Bewerber*innen ab.
Wir sind bei Eltern mit Migrationshintergrund beliebt.“
Respekt, dass Sie das hier so offen schreiben.
Wieso?
Genau diese Informationen werden in BW schon bei den Eltern-Infoabenden in den 4. Klassen im Herbst gegeben, deutlich und klar, ebenso bei den Beratungsgesprächen zur Wahl der weiterführenden Schule. Wer fähig ist zu hören, der kennt die verschiedenen Möglichkeiten.
… braucht aber auch das Vertrauen, dass das, was da möglicherweise erzählt wird, so stimmt. Ob das Schulsystem in einem so vertrauenserweckenden Zustand ist, lassen wir an dieser Stelle mal offen. Herzliche Grüße Die Redaktion
Für die Info-4-Veranstaltungen in BW wird eine offizielle Präsentation des KM mit Verweis auf zwei ebenso offizielle Broschüren eingesetzt, da wird nicht „möglicherweise“ irgendwas von irgendwem erzählt.
Grundschulbroschüre 2026 – Von der Grundschule zur weiterführenden Schule: Ministerium für Kultus Baden-Württemberg
Bildungswege in Baden-Württemberg 2026-2027: Ministerium für Kultus Baden-Württemberg
Wenn man diesen Informationen nicht vertraut, ist man bei Menschen angekommen, die generell „der Politik“ (außer vielleicht einer vermeintlichen Alternative) und den (öffentlich-rechtlichen) Medien nicht vertrauen, also irgendwo im Bereich der Verschwörungstheorien. Da ist jetzt nicht unbedingt das Schulsystem im Besonderen Schuld daran.
Das hat mit Verschwörungstheorien doch nichts zu tun. Sondern mit Erfahrungen, die Eltern tagtäglich im Schulsystem machen. „Umfrage: Mehrheit hält Bildungssystem für ungerecht“ – Quelle: https://www.ndr.de/ndrfragt/ndrfragt-umfrage-mehrheit-haelt-bildungssystem-fuer-ungerecht,bildungssystem-100.html
Und das ist es ja auch. „Vernichtender Befund: Der Nationale Bildungsbericht untermauert fundamentale Defizite im deutschen Schulsystem – und einen mangelnden „politischen Willen“, das zu ändern. Die Experten fordern, dass das Kanzleramt bei dem Thema die Steuerung übernimmt.“ Gerne hier nachlesen: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a1d7a6afbaeffae77069abd/nationaler-bildungsbericht-probleme-so-vielfaeltig-dass-sie-sich-ueberlagern-und-gegenseitig-verstaerken.html
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Sorry, so wie Sie es oben dargestellt haben schon. Als ob da Eltern auf den Veranstaltungen der Schulen sitzen würden und kein Vertrauen hätten, dass man Ihnen dort glaubwürdige Informationen liefert.
Ansonsten: Wir sprechen gerade über BW und Sie kommen mit einer Umfrage des NDR daher („Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. […] Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ.“).
Und nebenbei: Laut Infratest dimap halten 42 % der Befragten die Informationen in den deutschen Medien für nicht glaubwürdig. Muss wohl an den Medien liegen. 🙂
Umfragen & Analysen ‹ Infratest dimap
„Muss wohl an den Medien liegen.“ Ja, auch – siehe Springer, „Nius“.
Glauben Sie ernsthaft, das Stimmungsbild aus dem Norden würde nicht überall in Deutschland gelten – und dass Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen, von einer Broschüre aus dem Ministerium beruhigen lassen? Zumal Ministerien schon mal einräumen müssen, sich beim Lehrkräftebedarf mächtig verkalkuliert zu haben – aktuell hier: https://www.news4teachers.de/2026/06/wow-lehrermangel-so-gross-dass-die-anerkennung-von-abschluessen-bedroht-ist/
Oder (Baden-Württemberg) hier: https://www.news4teachers.de/2025/12/skandal-um-geisterlehrer-weitet-sich-aus-it-fehler-schwerer-als-gedacht-noch-mehr-unbesetzte-stellen/
Glauben Sie als Lehrkraft, dass Ihnen Ihr Bildungsministerium stets die volle Wahrheit auftischt – etwa was Ihre Arbeitszeit betrifft? Das ist eine rhetorische Frage. Genauso geht es Eltern.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ja, ich glaube schon, dass es den Lehrkräften auf den Infoveranstaltungen ganz gut gelingt, den Eltern zu vermitteln, dass in BW das Prinzip „kein Abschluss ohne Anschluss“ gilt. Häufig stellen sich dort auch Vertreter der beruflichen Schulen den Eltern vor, um genau das zu erläutern. Der Weg über ein Berufliches Gymnasium ist auch kein irgendwie seltsamer Sonderweg, über den man irgendwie stolpert, sondern eine wesentliche Säule des Schulsystems in BW. Das BG wird in BW von 50.000 Schülern besucht, der Großteil kommt von der Realschule oder der GMS. Mag sein, dass das in anderen Ländern/in Ihrem Bundesland anders ist.
Mein Punkt mit den Medien sollte eigentlich nur zeigen, dass es „die Medien“ ebenso wenig gibt, wie „das deutsche Schulsystem.“ Und offenbar sind auch die Befragten aus Hamburg der Ansicht, es gehe ungerecht zu, obwohl das dortige Schulsystem von der Redaktion als (vergleichsweise) vorbildhaft eingeschätzt wird.
Ich versuche es nochmals anders zu formulieren:
Offenbar gibt es eine gewisse widersprüchliche Haltung der Bevölkerung bei der Betrachtung des Schulsystems: Einerseits gilt es als „ungerecht“, andererseits werden – zumindest in Süddeutschland – Parteien, die eine größere Umgestaltung des Schulsystems in Aussicht stellen, dramatisch abgestraft (in BW zuletzt: SPD 5,5 %, Linke 4,5 % – zugegebenermaßen gibt es sicher auch bei den Grünen entsprechende Vorstellungen, aber da war man so schlau, im Wahlprogramm die Klappe zu halten, sonst hätte es dem Cem buchstäblich die Wahl „verhagelt“).
Es gibt zumindest bei uns in tausend kalten Wintern keine gesellschaftliche Mehrheit für einen radikalen Umbau des Schulsystems.
Interessanterweise bringt es ja nicht einmal ein seit langem progressiv rot-grün-links regiertes Bundesland wie Bremen fertig, außer ein paar Schönheitsreparaturen eine wirkliche Reform im Sinne von „längerem gemeinsamen Lernen“ oder „einer Schule für alle“ umzusetzen.
Stattdessen verschanzt man sich hinter einem bald 20 Jahre alten Schulkonsens, damit man bloß nichts ändern muss. Der wird dann vermutlich rechtzeitig vor der nächsten Bürgerschaftswahl nochmals um zehn Jahre bis 2038 verlängert.
Ich fände es wirklich interessant, wenn mal tatsächlich in einem Bundesland, dessen Regierung sich lautstark Progressivität und Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, eine entsprechende Reform stattfände, um zu sehen, ob dadurch wirklich mehr Bildungsgerechtigkeit entsteht (oder ob die Probleme nicht an anderer Stelle liegen). Ich würde sofort meine Meinung ändern, wenn einmal der entsprechende Beweis erbracht würde.
Bis dahin halte ich das Bekenntnis der CDU zum gegliederten Schulsystem zumindest für ehrlicher.
Herzliche Grüße zurück
und vielen Dank für die interessante Diskussion
PS: Als loyaler Beamter habe ich volles Zutrauen in das KM, ganz egal, ob dort Frau Schopper oder Herr Jung an der Spitze steht.
PPS: Der Fehler in Dipsy in BW ist natürlich peinlich. Aber wenn man gar nicht genügend Bewerber für alle Stellen hat, ist es relativ egal, ob es 1000 oder 5000 offene Stellen ausweist. 🙂
„Mein Punkt mit den Medien sollte eigentlich nur zeigen, dass es ‚die Medien‘ ebenso wenig gibt, wie ‚das deutsche Schulsystem'“.
Selbstverständlich gibt es das deutsche Schulsystem (wie es auch eine deutsche Medienlandschaft gibt). Deshalb gibt es auch einen Nationalen Bildungsbericht. Und der kommt zu ziemlich klaren Befunden, das deutsche Bildungssystem betreffend: https://www.news4teachers.de/2026/06/nationaler-bildungsbericht-viele-reformen-wenig-fortschritt-das-bildungssystem-ist-blockiert/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Das ist am Ende ein Tanz um Begrifflichkeiten. So wie Sie zurecht nicht mit Bild & Co in einen Topf geworfen werden wollen (obwohl beide Teil der Medienlandschaft sind), muss auch bei der Betrachtung des “deutschen Schulsystems” vielfach differenziert werden – sagt auch der nationale Bildungsbericht.
Während beispielsweise in BW über 45 % der Hochschulzugangsberechtigungen (AHSR + FHSR + Fachgebundene HSR) an beruflichen Schulen erworben werden, sind es in HH weniger als 8 % (Tabelle D2.8). Das deutet schon auf erhebliche strukturelle Unterschiede hin.
Wenn man nun beispielsweise das gerne gelobte Hamburger Modell (oder eine Schule für alle) auf ein Flächenland wie BW übertragen wollte, würde das nicht nur Milliarden kosten, sondern über 200 gut funktionierende berufliche Schulzentren massiv beinträchtigen oder kaputt machen.
Da müsste die Alternative erst mal beweisen, dass sich ein solcher Strukturbruch lohnen würde. Bis dahin halte ich es für besser, Geld in die Hand zu nehmen und das bestehende System zu stärken.
(Wohin sowas sonst führt, sieht man ja an Stuttgart 31, wo man auch besser den bestehenden Kopfbahnhof saniert hätte. Brauchen wir nicht nochmal in BW)
„Während beispielsweise in BW über 45 % der Hochschulzugangsberechtigungen (AHSR + FHSR + Fachgebundene HSR) an beruflichen Schulen erworben werden,“
Ist auch im Nachbarbundesland donauabwärts ähnlich.
Abschlüsse ab beruflichen Schulen werden aber bei meisten Bildungsstudien nicht mitgezählt.
Bei manchen Studien zählen auch ausschließlich Übertrittsquoten nach der GS auf ein Gymnasium, nicht welche Schulabschlüsse am Ende der Schulzeit erworben werden.
Ach, nachdem in Baden-Württemberg das Bildungssystem seit 2011 an die Wand gefahren wurde, soll jetzt das Kanzleramt übernehmen?
Ok.
Ja, nachdem zwei Drittel der vom NDR Befragten nicht genügend Zutrauen in das deutsche Schulsystem haben, soll das Thema jetzt vom Kanzleramt einer Bundesregierung übernommen werden, mit der nur noch 13 % der Bevölkerung zufrieden sind. Super Idee der Experten, da ist das Thema bestimmt gut aufgehoben. 🙂
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/vertrauen-regierung-umfragewerte-100.html
Ich habe an der Umfrage teilgenommen.
Da war keine Rede vom „Kanzleramt soll übernehmen“. Sie stellen das falsch dar!
Es ging um die Vereinheitlichung, damit es eben nicht mehr 16 verschiedene Schulsysteme (@Redaktion) gibt.
Der Wunsch nach Zentralisierung ist absolut nachvollziehbar. Ich teile diesen Wunsch ausdrücklich. Es kann einfach nicht sein, dass man Schulabschlüsse unterschiedlich erhält, dass Lehrpläne und Schularten unterschiedlich sind, so dass ein Umzug in ein anderes Bundesland für die betroffenen Kids mit großen Problemen behaftet ist, dass Abiturschnitte unterschiedlich zustande kommen usw.
Was könnte man für Gelder einsparen, wenn nicht jedes Bundesland seinen eigenes Süppchen kochen würde! Gelder, die den Kids zugute kommen könnten.
Wenn ich sehe, welche Herausforderungen das Gymnasium meines Sohnes bietet, bereue ich zutiefst nicht selbst auf ein Gymnasium gegangen zu sein. An der Gesamtschule, wo ich war, wurde mein intellektuelles Potenzial verschwendet. Ich war unterfordert, genervt von unmotivierten, störenden Mitschülern und dadurch verlorener Unterrichtszeit und ausgeschlossen von den Mitschülern, die mit mir nicht mithalten konnten. Nie im Leben ist die Schulform egal für die Kompetenz.
Warum haben Sie dann nicht die Schule gewechselt?
Bei mir war es genau umgekehrt, ich wäre lieber auf eine Gesamtschule gegangen.
Bei Ihnen ist das aber schon einige Jahrzehnte her. Die Schulen waren personell (Lehrer und Schüler) und inhaltlich überhaupt nicht mit den heutigen Schulen vergleichbar.
Wenn Wissenschaft auf anekdotische Evidenz trifft, hat natürlich letztere recht.
Insbesondere, wenn das intellektuelle Potential mit einem „Nie im Leben“ argumentativ alle andere Ansichten negiert.
Die Gesamtschule aus Ihrer eigenen Schulzeit hätte auch in den Klassen, die nicht in die Oberstufe gingen, locker mit dem heutigen Gymnasium mithalten können.
Doch, denn „Gute Schüler*innen lernen auch unter schlechten Bedingungen“.
Also waren Sie vielleicht doch nicht so toll, wie Sie denken;-)