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Wenn Schüler Formeln beherrschen, aber Phänomene nicht erklären können

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TIRANA. Schüler können physikalische Formeln anwenden, biologische Abläufe benennen oder chemische Begriffe korrekt wiedergeben – und dennoch scheitern sie oft daran, alltägliche Phänomene zu erklären. Die Bildungswissenschaftlerin und Naturwissenschaftsdidaktikerin Alketa Karameta sieht darin kein Randproblem des Unterrichts, sondern eine grundlegende Herausforderung schulischen Lernens. In Zeiten künstlicher Intelligenz, in denen Informationen jederzeit verfügbar sind, rücke eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie nutzen junge Menschen ihr Wissen, um Zusammenhänge zu verstehen und Veränderungen zu erklären? Karameta plädiert deshalb im folgenden Beitrag für einen Unterricht, der weniger auf die Reproduktion von Fakten und stärker auf die Entwicklung wissenschaftlichen Verständnisses zielt.

Heureka. Illustration: News4teachers

Wenn der Schüler die Formel kennt, aber die Welt nicht erklären kann

Ein Schüler erwärmt den Metallverschluss eines Glases und bemerkt, dass er sich leichter öffnen lässt. Er hat bereits gehört, dass sich Metalle durch Wärme ausdehnen. Er hat diesen Satz in sein Heft geschrieben. Vielleicht hat er ihn sogar in einem Test wiederholt. Doch als er gefragt wird, warum sich der Deckel nach dem Erwärmen leichter öffnen lässt, schweigt er. Ein anderer Schüler verwendet die Dichteformel korrekt. Er löst Aufgaben ohne Schwierigkeiten. Dennoch gerät er ins Stocken, wenn er erklären soll, warum ein Schiff aus Stahl auf dem Wasser schwimmt. Ein weiterer beschreibt die Abbildung des Blutkreislaufs nahezu fehlerfrei, kann jedoch nicht begründen, wie Sauerstoff von der Lunge zu den Körperzellen transportiert wird.

Jede Lehrkraft für Naturwissenschaften kennt solche Momente. Es sind jene stillen Augenblicke im Unterricht, in denen deutlich wird, dass Schüler Informationen gelernt haben, ohne daraus wirklich Verständnis aufzubauen.

Genau diese Situationen haben mich über viele Jahre begleitet und mich zu einer Frage geführt, die nach und nach grundlegend für meine Arbeit wurde: Warum gelingt es Schülern häufig, wissenschaftliche Inhalte zu reproduzieren, während sie Schwierigkeiten haben, diese zu nutzen, um die Welt zu erklären?

Über viele Jahre hinweg gingen wir davon aus, dass sich Lernen vor allem durch mehr Stoff verbessert: mehr Inhalte, mehr Übungen, mehr Formeln, mehr Definitionen. Doch im schulischen Alltag wird immer deutlicher, dass gelerntes Wissen nicht automatisch zu Verständnis wird. Ein Schüler kann viel wissen und dennoch nicht in der Lage sein, ein einfaches Naturphänomen zu erklären.

Diese Herausforderung gewinnt heute im Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch größere Bedeutung. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit können Antworten innerhalb weniger Sekunden erzeugt werden. Informationen sind überall verfügbar. Programme generieren Definitionen, Formeln, Zusammenfassungen und sogar ganze Analysen. Gerade deshalb stellt sich heute eine neue Grundfrage schulischen Lernens:

Nicht nur: „Was weiß der Schüler?“ Sondern: „Wie nutzt der Schüler das, was er weiß, um Veränderungen in der Welt zu verstehen und zu erklären?“

Diese Frage steht im Zentrum. Im Kern beruht das Modell, das sich daraus entwickeln lässt, auf einer einfachen Idee: Wissenschaft entstand nicht durch das Ansammeln isolierter Fakten. Sie entwickelte sich aus dem Versuch, Veränderungen in der Natur zu erklären.

Als Galileo den Fall der Körper untersuchte, wollte er nicht nur Bewegung beschreiben. Er suchte nach den Beziehungen, die sie erklärten. Als Darwin die Unterschiede zwischen Organismen analysierte, sammelte er nicht bloß Beobachtungen. Er suchte nach den Mechanismen, die Veränderungen hervorbringen. Als Faraday die Verbindung zwischen Elektrizität und Magnetismus erforschte oder Fleming die antibakterielle Wirkung von Schimmel entdeckte, blieben sie nicht bei dem stehen, was an der Oberfläche sichtbar war. Sie suchten nach den Zusammenhängen, die ein Phänomen erklärbar machten.

Die Wissenschaft hat sich entwickelt, weil sie nach Erklärungen gesucht hat.

Doch die Schule bleibt häufig bei der Information stehen. Oft bewegt sich der Schüler von einem Begriff zur Definition, von der Formel zur Übung, ohne die dahinterliegenden Zusammenhänge tatsächlich aufzubauen. Er lernt das Symbol, aber nicht immer das Verständnis dahinter. Eine der zentralen Ideen ist genau diese Unterscheidung zwischen symbolischer Form und wissenschaftlichem Verständnis.

Formeln, Begriffe, Abbildungen und Schemata sind wichtig. Aber sie sind nicht selbst das Verständnis. Sie sind symbolische Formen, die tiefere konzeptuelle Beziehungen ausdrücken. Eine physikalische Formel gewinnt keinen wirklichen Wert allein dadurch, dass der Schüler sie auswendig kennt. Bedeutung erhält sie erst dann, wenn sie genutzt wird, um eine konkrete Situation zu interpretieren. Erst in diesem Moment verbindet sich das Symbol mit Verständnis und wird im Denken des Schülers wirksam.

Das erklärt, warum viele Schüler Inhalte reproduzieren können, aber Schwierigkeiten haben, eigenständig Erklärungen zu entwickeln. Das Problem liegt häufig nicht im Mangel an Wissen. Das Problem liegt im fehlenden Zusammenhang zwischen Symbol und Verständnis. Genau deshalb steht im Zentrum das Handeln des Schülers.

Lernen wird nicht als passive Aufnahme von Informationen verstanden. Lernen wird vielmehr als Prozess gesehen, in dem Schüler Inhalte nutzen, um Veränderungen in Naturphänomenen zu beobachten, zu analysieren, zu vergleichen, zu begründen und zu erklären. Wenn beispielsweise die Korrosion von Eisen behandelt wird, reicht es nicht aus, lediglich den Begriff „Oxidation“ zu lernen. Schüler müssen die Beziehungen zwischen Eisen, Sauerstoff und Wasser analysieren und nutzen, um zu erklären, warum Rost entsteht. Wenn Temperatur behandelt wird, genügt die Definition allein nicht. Schüler müssen das Konzept verwenden, um Veränderungen zu interpretieren, die sie im Alltag beobachten. Wenn der Blutkreislauf untersucht wird, darf die biologische Abbildung nicht bloß eine Illustration zum Auswendiglernen bleiben. Sie muss zu einem Mittel werden, mit dem funktionale Zusammenhänge verstanden werden können, die den Organismus am Leben erhalten. Dadurch verändert sich auch das Verständnis von Lernen.

Es hängt nicht mehr nur von der Menge des Gelernten ab, sondern von der Qualität seiner Nutzung. Das verändert auch die Rolle der Lehrkraft. Die Lehrkraft wird nicht auf Informationsvermittlung reduziert. Sie organisiert Situationen, in denen die Nutzung von Wissen notwendig wird. Sie schafft Kontexte, in denen Schüler denken, analysieren und Erklärungen entwickeln müssen. Dadurch bleibt die Lernsituation nicht bloß Übung oder Aufgabe. Sie wird zu einem Raum, in dem Verständnis entsteht. Je funktionaler Wissen genutzt wird, desto tiefer wird das Verständnis, das Schüler entwickeln.

Diese Perspektive verändert auch das Verständnis von Kompetenz. Für mich ist Kompetenz weder ein pädagogisches Schlagwort noch ein abstrakter Begriff. Kompetenz wird sichtbar, wenn Schüler Wissen, Fähigkeiten und Haltungen nutzen, um reale Situationen oder Lernsituationen zu bewältigen. Zwei Schüler können dieselbe richtige Antwort geben und dennoch über völlig unterschiedliche Verständnisebenen verfügen. Der eine folgt möglicherweise nur mechanisch einer Vorgehensweise. Der andere hat die erklärenden Zusammenhänge tatsächlich aufgebaut.

Wenn Bewertung sich nur auf die Kontrolle auswendig gelernter Inhalte beschränkt, kann sie die tatsächliche Qualität des Lernens nicht sichtbar machen. Deshalb schlage ich vor, Bewertung stärker darauf auszurichten, wie Schüler Verständnis nutzen, um Phänomene zu interpretieren und zu erklären.

Naturwissenschaftliches Lernen wird dabei nicht als linearer Prozess verstanden, in dem Informationen einfach von der Lehrkraft zum Schüler übertragen werden. Vielmehr erscheint Lernen als aktiver Prozess der Sinnbildung, in dem Schüler konzeptuelle Zusammenhänge rekonstruieren und nutzen, um die reale Welt zu interpretieren. Genau das macht wissenschaftliches Wissen nutzbar — auch über den Unterricht hinaus.

Naturwissenschaftliches Lernen bedeutet weit mehr, als die bloße Aneignung schulischen Wissens. Wenn Schüler lernen, ein Phänomen zu analysieren, nach erklärenden Beziehungen zu suchen und ihre Gedanken zu begründen, entwickeln sie eine Denkweise, die ihnen hilft, auch die Welt um sie herum besser zu verstehen.

In diesem Sinne ist Wissenschaft nicht nur Unterrichtsinhalt. Sie ist eine Weise, Realität wahrzunehmen, zu interpretieren und zu verstehen. Genau deshalb glaube ich, dass Schule zunehmend ein Lernen braucht, das Denken, Sinnsuche und die Fähigkeit fördert, Veränderungen zu erklären — denn diese Fähigkeiten bleiben weit über das Klassenzimmer und weit über die Schule hinaus bedeutsam.

Denn vielleicht lautet die wichtigste Frage für die Schule heute nicht mehr: „Wie viele Informationen merkt sich der Schüler?“ Sondern: „Kann er dieses Wissen nutzen, um Veränderung zu verstehen?“ News4teachers / Von Alketa Karameta

Zur Person

Alketa Karameta arbeitet als Spezialistin für Curriculum und berufliche Weiterbildung beim Regionalen Bildungsamt in Tirana, Albanien, mit Schwerpunkt auf naturwissenschaftlichem Lernen, kompetenzorientierter Bildung und konzeptuellem Verstehen. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Schülerinnen und Schüler wissenschaftliches Wissen nutzen, um Veränderungen in der natürlichen Welt zu verstehen und zu erklären.

Alketa Karameta. Illustration: News4teachers

Aus dieser Reflexion entstand ihr Buch: „Die Wissenschaft, die Veränderung erklärt – Ein neues Modell für das Lernen der Naturwissenschaften“ („Shkenca që shpjegon ndryshimin“, eine deutsche Übersetzung ist gerade in Arbeit). „Mein Ziel war es, ein Modell zu entwickeln, das hilft, naturwissenschaftliches Lernen als lebendigen Prozess der Sinnbildung zu verstehen und nicht nur als Prozess der Informationsvermittlung“, sagt sie dazu.

In ihrer wissenschaftlichen und didaktischen Arbeit verbindet Alketa Karameta Erkenntnisse der konstruktivistischen Lerntheorie mit schulischer Praxis und Curriculum-Entwicklung. Ihre Forschung konzentriert sich insbesondere auf den Aufbau wissenschaftlicher Konzepte, die Rolle symbolischer Darstellungen im Lernprozess sowie auf die Entwicklung integrativer Modelle für das Lernen der Naturwissenschaften. Karameta war Referentin bei internationalen Bildungsveranstaltungen in Südosteuropa und veröffentlichte Beiträge zu naturwissenschaftlicher Didaktik, kompetenzorientiertem Lernen und Bildungsentwicklung.

Deeper Learning: Warum es in der Schule der Zukunft auf ein solides Fundament aus fachlichen Grundlagen ankommt

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25 Kommentare
Lesender
2 Tage zuvor

Die sehr guten (“normalen”) SuS beherrschen Formeln und können darüber hinaus auch Verknüpfungen herstellen, auf neue Zusammenhänge schließen etc. Der sogenannte Anforderungsbereich 3, mit der richtigen Wissensbasis (“Formel”) als Voraussetzung.

Ich erlebe Unterricht als viel verständnisorientierter als früher, man bastelt, klebt, schnippelt in den unteren Klassen oder stellt Dinge plastisch und enaktiv nach.

Und leider, TROTZDEM, können zuviele Schüler nicht einmal eine p/q Formel korrekt anwenden im Q2 der Abiturstufe. Sie können eine Klammer nicht ausmultiplizieren oder ausklammern. Sie wissen nicht, dass (-1)² nicht im TR gerechnet werden muss.

Da sehe ich doch die größte Diskrepanz der Wahrnehmung des Unterrichts von außen (“veraltet, Bulemielernen, nur Formeln”) und meiner Wahrnehmung, dass trotz aller Verbesserungen des Unterrichts die eigentliche Leistung eher schlechter wird. Vielleicht gerade WEIL man weniger Grundlagen stupide übt und lernt?

kanndochnichtwahrsein
2 Tage zuvor

„Kann er dieses Wissen nutzen, um Veränderung zu verstehen?“

… und dieses Verständnis anwenden, um Fakes zu erkennen, Einschätzungen zu gewinnen, Erfahrungen in Visionen zu anzuwenden, letztlich die Welt und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten…

Mir fällt immer wieder auf, bei wie vielen Kindern schon beim grundlegenden Zahlen- und Mengenbewusstsein und den Grundrechenarten keinerlei Verständnis vorhanden ist.
Wer Mathematik nicht von Anfang an be-greift, kann später auch keine naturwissenschaftlichen Themen nachvollziehen.
Diese Themen sind wichtiger denn je, wenn die Menschheit überleben will, ohne den Planeten und die Mitgeschöpfe zu zerstören.
Diese Themen sind aber auch mehr denn je Schauplatz von Manipulation, Desinformation, Lobby-Politik, Parallelinterpretationen, einseitigen wirtschaftlichen Interessen etc.

Wir brauchen viel, viel mehr Zeit, um Verständnis und Bedeutung zu vermitteln.

Monika, BY
1 Stunde zuvor

Alles richtig, aber wer soll den Kindern das alles beibringen? Sie selbst? Die Eltern? Die Nachhilfe? Genau darum geht es doch, um den Unterricht. Was ist Unterricht heute überhaupt noch wert, wenn Kinder ständig Arbeitsaufträge bekommen und sich praktisch alles allein zu Hause beibringen sollen?

Katze
2 Tage zuvor

„Wenn Schüler Formeln beherrschen, aber Phänomene nicht erklären können …“
Häää??? In Portugal vielleicht.
Hierzulande sieht das anders aus. Selbst in den Oberstufenkursen im gymnasialen Bildungsgang beherrschen zunehmend mehr Schüler weder Formeln noch lernen sie Informationen und Fakten so, dass sie sie exakt reproduzieren und verknüpfen könnten. Formelkenntnisse sind hier längst ein archäologischer Fund, kein Lernziel.
Aber egal. Unsere Abiturienten müssen ja auch keine Phänomene mehr beschreiben oder erklären. Die Phänomene gibt’s in den „Materialien“ der IQB‑Abitur‑Kompetenz‑Aufgaben gleich mitgeliefert – komplett vorgekaut, inklusive sprachlicher Schablone. Da wird nicht erklärt – da wird am Material entlanggeschrieben, Satz für Satz.
Das schriftliche Abitur besteht zunehmend aus einfacher Sprache, durchsetzt mit aus den Materialien kopierten Fachbegriffen, die mangels Definitionswissen für viele Abiturienten lediglich die Rolle semantischer Platzhalter spielen.
Eigenständige Analyse? Wird kaum verlangt, also findet sie auch kaum noch statt.
Und weil das so gut funktioniert, zieht das Fach Deutsch folgerichtig nach: Klassiker werden sicher bald nur noch in „einfacher Sprache“ angeboten, damit die Lyrikinterpretation nicht an der Sprache scheitert. Goethe auf B1‑Niveau – dann klappt’s auch mit der „Analyse“.
Das Anforderungsniveau wird passend gemacht, bis es niemanden mehr überfordert.
Und genau dieses Niveau hat inzwischen – neben dem ohnehin formelfreien Biologie‑Abitur (Gleichungen und Formelkenntnisse für Stoffwechselreaktionen? Das war einmal.) – auch das Physik‑ und Chemie‑Abitur erreicht: Dort wird zunehmend weder gerechnet noch mit Formeln gearbeitet, schließlich klingt „beherrschen“ oder gar „beherrschen müssen“ als Lernziel sowas von nach dem autoritären Leistungsdruck von Oldschool‑Deutschland.

Daniel Wieczorek
1 Tag zuvor

Auch wenn ich der Stoßrichtung klar zustimme, so sehe ich die zeitliche Perspektive des Artikels äußerst kritisch: All das ist nicht neu und wir brauchen es nicht erst heute, sondern es wäre seit jeher Ziel des naturwissenschaftlichen Unterrichts gewesen, Schüler*innen Verständnis und gut vernetztes Wissen zu vermitteln: Sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf “Nature of Science”, d.h. grob, wie Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen gelangt und wie sicher diese sind.
Dass all dies in sehr weiten Teilen der Bevölkerung nicht vorhanden war (ist), hat man spätestens in der Pandemie mit ansehen müssen. Im Kleinen hätte man auch mit elementarem Verständnis aus der Sekundarstufe I einsehen können, dass mRNA-Impfstoffe all diese fabulierten Schadwirkungen nicht haben können. Im Großen hätte man sich nicht mit Kommentaren wie “Wissenschaftler ändern doch nur auch ständig ihre Meinung” blamieren müssen. Überraschend war das keineswegs, wenn man sich die geballte Unkenntnis vor Augen führt, die schon lange vorher in weiten Teilen der Bevölkerung herrschte. Als Beispiele seien nur die unsachliche Ablehnung von evidenzbasierter Medizin und Gentechnik oder die hohe Nachfrage nach Pseudomedizin genannt. Ob es nun auf dem Stundenplan stand oder nicht – im Ergebnis haben all diese Personen de facto niemals naturwissenschaftlichen Unterricht genossen.
Auch die Bemerkung zu Prüfungsfragen ist nichts Neues: Z.B. ist in der physikdidaktischen Forschung im Zusammenhang mit Schülervorstellungen schon seit Jahrzehnten bekannt, dass man ohne Probleme eine sehr gute Note haben konnte, sich dann aber bei strukturierten Interviews zum tatsächlichen Verständnis ein bodenloses Fass der Unkenntnis auftat (solche Interviews kann man z.B. in “Schülervorstellungen in der Physik” von Müller, Wodzinski & Hopf (Hrsg.) nachlesen). Man wurde im Unterricht bloß niemals mit Verständnisfragen konfrontiert.
Ähnliche Probleme in der Verständnisorientierung und dem Fokus auf oberflächliches Anlernen liegen übrigens auch den schlechten Mathematikleistungen zugrunde, wobei man nun mit QuaMath (https://quamath.de/) versucht, dies effektiv anzugehen.

Aus all dem darf man bloß nicht schließen (und zum Glück tut es die Autorin auch nicht), dass man nun auf “ungelenktes entdeckendes Lernen” setzen sollte.

blau
1 Tag zuvor

Das ist nichts Neues.
Mein 9jähriger kann selbst erworbenes Wissen über Photosynthese besser zur Erklärung von Phänomenen anwenden als die meisten Neuntklässler im Unterricht. U.a. weil er sich dafür interessiert.

Cornelia Springe
1 Tag zuvor

Die Frau Karameta beschreibt hier einfach den Unterschied zwischen schlechtem und gutem naturwissenschaftlichem Unterricht – etwa seit 1980. Man weiß natürlich nicht, welche Art Schule sie kennengelernt hat. Aber sie tut so, als habe sie etwas Brandneues entdeckt. Vermute, dass sie konstruktivistisches Denken in der Schule rechtfertigen will, aber Konstruktivismus funktioniert dort nicht. Unsere Lehrpläne (RLP) in den Naturwissenschaften sind seit ca. 15 Jahren auf das ausgerichtet, was sie hier ausbreitet (und wir haben damit gearbeitet), aber das Ergebnis ist schlechter als was wir vorher machten.

Muxi
9 Stunden zuvor

Was mir da immer fehlt ist der Gedanke: Ist es ein Problem, wenn Schüler nicht das lernen was der Lehrer gerade will? Ich habe in Lateinstunden auf dem Block Faltblätter für Burgen konstruiert, die am Ende der Stunde auf dem Tisch standen. Und dabei mehr über Geometrie gelernt als im Matheunterricht. Der Bildungswissenschaftler hätte nur ein Problem gesehen. Sprachlich ausdrücken konnte ich mich gut weil ich immer gerne mit neuen Ausdrucksformen und Formulierungen gespielt hab. Das hat die Sprache klar erweitert. Aber Grammatikregeln und die Benennung von Wortgruppen (“Pronomen” usw.) gingen mir kilometerweise am ……. vorbei, benennen konnte ich die nie. Nur anwenden.
Der Bildungswissenschaftler hätte ein Problem gesehen.
Warum kann es nicht sein, dass hier Schülern die genannten Zusammenhänge schlicht egal sind und sie deshalb nicht drüber nachdenken?
Auch wenn mir sowas heute gegen den Strich geht: Ich habe als Schüler durchaus selber entschieden was ich lernen will, und wo ich nur nicht durchfallen will. Ähnliches sehe ich heute bei einigen durchaus intelligenten Schülern.
Mit welchen Recht soll ich das heute meinen Schülern verbieten?

unfassbar
5 Stunden zuvor
Antwortet  Muxi

Ich sehe das ein bisschen anders: Vielen Schülern sind besonders MINT-Inhalte relativ egal. Sobald auch noch die Formeln dazu kommen, kommen die oftmals auch noch vorhandenen Schwierigkeiten mit Mathe dazu.

Folge in Deutschland: Aus dem Lehrplan wurden die Formeln weitgehend verbannt, weshalb die Kinder möglicherweise kompetent sind, aber leider weder die Naturphänomene phänomenologisch noch algebraisch erklären können.

unfassbar
2 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Doch, weil es nach Logik der Kultusminister für Kompetenz ausreicht, die Antwort auf die Frage zu ergooglen oder die KI fragen zu können.

ed840
3 Stunden zuvor
Antwortet  unfassbar

Kommt hat darauf ob man es für ausreichend hält zu wissen, warum ein Schiff aus Stahl auf dem Wasser schwimmen kann auch wenn man nicht in der Lage ist ein Stahlschiff dann so zu konstruieren, dass es auch mit Beladung nicht sinkt.

Monika, BY
1 Stunde zuvor
Antwortet  ed840

Und das sollte so aus dem Nichts passieren? Die Kinder sollen das einfach so verstehen, ohne jeglichen Grundlagen?

Die Lehrkräfte heute rechtfertigen ihre eigene Inkompetenz allzu oft mit der Inkompetenz der Schüler. Dabei sind die Lehrkräfte für die Schüler da, nicht umgekehrt.

DerechteNorden
4 Stunden zuvor
Antwortet  Muxi

? Ist ja nicht verboten. Es geht um die Konsequenzen.

Davon mal ab, “bei EINIGEN durchaus intelligenten …” können wir davon ausgehen, dass die Mehrheit nicht genau weiß, was wirklich werden kann (“Hinterher ist man immer schlauer” findet hier später Anwendung.)

Btw: Ab Klasse 10 ist die allgemeinbildende Schulpflicht vorbei. Das heißt, wer meint, alles besser zu wissen, kann ja eine Ausbildung machen und Schule, die damit zusammenhängt, nutzen.

Rick
2 Stunden zuvor
Antwortet  Muxi

Das Problem liegt im fehlenden Zusammenhang zwischen Symbol und Verständnis. Genau deshalb steht im Zentrum das Handeln des Schülers. “

Hinzu kommt nun die KI. Damit ist die Schule in der hergebrachten Form, in der es darum ging Informationen vermitteln, die früher anders nicht erhältlich waren, schlicht Zeitverschwendung.

Das Problem liegt im fehlenden Zusammenhang zwischen Schulnote und Verständnis, es werden Lösungschemata auswenig gelernt, weil dadurch eine gute Schulnoten erreicht werden können. Der Anreiz ist schon falsch gesetzt.

Leider nimmt die heutige pädagogische Praxis Kinder nicht ernst. Wenn kein praktisches handeln, kein echtes handeln, befördert wird, welches den Kindern selbst und damit der Gesellschaft nützt, dann ist Schule Selbstzweck, ein Schema, eine Täuschung.

Lera
5 Stunden zuvor

“Die Lehrkraft wird nicht auf Informationsvermittlung reduziert.”

DAS ist wirklich unser größtes Problem. Immer diese stundenlangen Monologe und ausschweifenden Unterrichtsgespräche – wer kennt es nicht? Total belastend!

Dabei wollen wir doch alle nur das eine: als Lerncoach den Kindern beim selbstorganisierten Lernen individuelle Hilfen geben. Es wäre so schön, wenn sich die Kinder selbst aussuchen könnten, wann, wo und mit wem sie nichts lernen. Aber man lässt uns ja nicht! Bildungspolitik, Bildungsforschung, Schulverwaltung: Alle fordern unbeirrt Frontalunterricht! Und wer so mutig ist und SOL machen will, muss sich sofort maximal rechtfertigen.

Oder?

Canishine
3 Stunden zuvor
Antwortet  Lera

Es würde mich auch sehr wundern, wenn nicht der größte Teil der (MINT-) Kollegen sowohl die gleichen Erfahrungen machen wie Frau Karameta, als auch mit der gleichen Zielsetzungen des umfassenden Verstehens ihren Unterricht gestalten.

dickebank
3 Stunden zuvor

Formeln belasten die Armen. Warum nur muss ich DREI Ohm’sche Formeln lernen?
Das muss mein Physiklehrer doch endlich mal verstehen, dass ich mit Widerstand reagieren, wenn ich unter Strom stehe. Kein Wunder wenn das zu Spannungen führt
Blöd nur, dass die Formeln Hilfsmittel sind, die physikalische Gegebenheiten widerspiegeln.
F = m × a muss keiner wissen. Dass aber für die Beschleunigung einer Masse Kraft benötigt wird, sollte schon verstanden werden. Selbstlernend kann man sich natürlich auch einen Stein auf die Füße fallen lassen. Danach weiß man dann auch, dass der Schmerz vom Gewicht des Steines und der Fallhöhe abhängt.
Kurz: Je höher desto platsch

Katze
2 Stunden zuvor
Antwortet  dickebank

Manchmal macht der bestellte MINT‑Bumms im neuen Normal nicht mal mehr platsch — nur noch pffft. Viel zu viel heiße Luft – wenig Substanz.

Hans Malz
2 Stunden zuvor
Antwortet  dickebank

Seit ich Geld für jede geschrottete LED kassiere, ist der praktische Nutzen der Ohm’schen Gesetze langsam klar geworden.

dickebank
1 Stunde zuvor
Antwortet  Hans Malz

Let it be.
Dioden mit ihren unterschiedlich langen Beinchen sind eh Schrott, die können ja nur am Hang stehen

Formelfreak
2 Stunden zuvor

Die sehr guten (“normalen”) SuS beherrschen Formeln und können darüber hinaus auch Verknüpfungen herstellen, auf neue Zusammenhänge schließen etc. Daher ist dies auch der sogenannte Anforderungsbereich 3, mit der richtigen Wissensbasis (“Formel”) als Voraussetzung.

Ich erlebe Unterricht als viel verständnisorientierter als früher, man bastelt, klebt, schnippelt in den unteren Klassen oder stellt Dinge plastisch und enaktiv nach.

Und leider, TROTZDEM, können zu viele Schüler nicht einmal eine p/q Formel korrekt anwenden im Q2 der Abiturstufe. Sie können eine Klammer nicht ausmultiplizieren oder ausklammern. Sie wissen nicht, dass (-1)² nicht im TR gerechnet werden muss.

Da sehe ich doch die größte Diskrepanz der Wahrnehmung des Unterrichts von außen (“veraltet, Bulemielernen, nur Formeln”) und meiner Wahrnehmung, dass trotz aller Verbesserungen des Unterrichts die eigentliche Leistung eher schlechter wird. Vielleicht gerade WEIL man weniger Grundlagen stupide übt und lernt? Weil etwas von Schülis verlangt wird, was sie nicht leisten können (Anforderungsbereich 3 ohne die Wissensgrundlage).

Alketa Karameta
2 Stunden zuvor

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zunächst möchte ich mich von Herzen bei Ihnen allen bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meinen Beitrag zu lesen und Ihre Gedanken dazu zu teilen. Ich schätze Ihre Kommentare und die fachlichen Diskussionen aus unterschiedlichen Perspektiven sehr.

Das Hauptanliegen meines Buches ist es, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Lernprozesses in den Naturwissenschaften zu leisten. Mein Wunsch ist es, das Buch auch in deutscher Sprache zu veröffentlichen, damit die darin dargestellten Ideen und das Modell einem breiteren Fachpublikum zugänglich werden.

Dieses Buch stellt ein neues Modell des naturwissenschaftlichen Lernens vor. Es soll nicht nur Lehrkräfte unterstützen, sondern auch Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten, Fachspezialistinnen und Fachspezialisten sowie Hochschuldozentinnen und Hochschuldozenten dabei helfen, den kompetenzorientierten Lernprozess besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Ich bin überzeugt, dass mein Modell – wenn es in der Praxis angewendet wird – dazu beitragen kann, das gemeinsame Ziel zu erreichen, das uns alle verbindet: Schülerinnen und Schüler zu kompetenten Menschen zu entwickeln und nicht zu bloßen Empfängern von Informationen, die sie zwar wiedergeben, aber nicht in neuen Situationen anwenden können.

Um den zentralen Gedanken meines Buches noch deutlicher zu machen, sehe ich eines der Hauptprobleme darin, dass im Unterricht häufig die Lehrkraft mehr spricht als die Schülerinnen und Schüler. Dadurch bleibt zu wenig Raum für aktives Denken, Fragenstellen, Argumentieren und den Aufbau eines nachhaltigen Verständnisses.

Aus meiner Sicht besteht eine weitere Herausforderung darin, dass grundlegende Begriffe wie wissenschaftliches Wissen, Lerninhalte, Lernergebnisse, das Handeln der Lernenden in konkreten Situationen und die tatsächlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler nicht immer klar voneinander unterschieden werden. Wenn diese Zusammenhänge nicht ausreichend verstanden werden, ist es schwierig, den Lernprozess wirksam zu gestalten und Lernende angemessen zu unterstützen.

Diese Elemente stehen in einer dialektischen Beziehung zueinander. Obwohl wir seit etwa fünfzehn Jahren von einer kompetenzorientierten Curriculumentwicklung sprechen, zeigt die Praxis leider, dass der Begriff „Kompetenz“ und viele damit verbundene Konzepte noch immer nicht ausreichend verstanden werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieses Buch möchte nicht einfach nur eine weitere Theorie vorstellen. Es versteht sich als ein neues Fenster, das einen klareren Blick auf den Lernprozess in den Naturwissenschaften ermöglicht. Ich hoffe, dass es den fachlichen Dialog bereichert und uns alle dabei unterstützt, Schülerinnen und Schülern ein tieferes Verständnis wissenschaftlicher Zusammenhänge zu vermitteln und sie zu wirklich kompetenten Menschen zu entwickeln.

Mit großem Respekt und herzlichem Dank für Ihre wertvolle Zeit, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Anregungen.

Alketa Karameta

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