Home Tagesthemen Abschluss zu Unrecht nicht anerkannt – betroffene Schülerin verliert drei Jahre

Abschluss zu Unrecht nicht anerkannt – betroffene Schülerin verliert drei Jahre

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VECHTA. Sanem Arduc hätte ihren Realschulabschluss bereits 2022 bekommen müssen. Doch ihre Schule verweigerte ihn ihr – zu Unrecht, wie sich erst Jahre später herausstellte. Wegen des fehlerhaften Zeugnisses musste die junge Frau einen Abschluss wiederholen. Drei Jahre habe sie dadurch verloren. Heute macht die 21-Jährige Abitur und will im kommenden Jahr studieren.

„Mein Selbstwertgefühl war plötzlich weg.“ (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

„Als ich das erste Mal erfahren habe, dass ich meinen Realschulabschluss eigentlich schon 2022 hätte bekommen müssen, habe ich sehr geweint“, berichtet Sanem Arduc gegenüber Medien. „Für mich war das ein richtiger Schlag ins Gesicht.“ Dabei hatte Arduc schon damals Zweifel. Sie habe ihren Lehrkräften jedoch vertraut. „Als ich den Realschulabschluss nicht bekommen habe, waren mein Selbstwertgefühl und mein Grundvertrauen in mich selbst plötzlich weg.“

Wegen des fehlerhaften Zeugnisses musste Arduc nach Angaben der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ einen Abschluss wiederholen. Drei Jahre habe sie dadurch verloren.

Dass ihr der Realschulabschluss 2022 zu Unrecht verweigert worden war, erfuhr Arduc erst durch Zufall. Im vergangenen Jahr habe sie auf einer Geburtstagsfeier von einem ähnlichen Fall gehört und sich daraufhin an das niedersächsische Kultusministerium gewandt. Wenige Wochen später habe sie ein Schreiben ihrer früheren Schule erreicht: Sie könne nun ihr Zeugnis abholen.

Die Entschuldigung der Schule empfand sie angesichts der Folgen offenbar als wenig angemessen. „Darin stand: ‚Es tut uns leid.‘“, berichtet Arduc. „Sie konnte nicht einmal meinen Nachnamen richtig schreiben. Da denke ich mir schon: Wie viel Wert legt sie eigentlich darauf, dass ich wegen dieses Fehlers drei Jahre verloren habe.“

Arduc ist eine von mehr als 100 Schülerinnen und Schülern, deren Abschluss an der Geschwister-Scholl-Oberschule in Vechta falsch festgestellt worden war. Bei einer Überprüfung wurden 107 falsch vergebene Abschlüsse aus den Schuljahren 2019/20 bis 2025/26 festgestellt (News4teachers berichtete).

In 56 Fällen hätte die Schule einen Erweiterten Sekundarabschluss I vergeben müssen, in 49 Fällen einen Realschulabschluss. Zwei Schülerinnen oder Schüler hätten einen Hauptschulabschluss erhalten müssen, bekamen jedoch überhaupt keinen Abschluss. In weiteren 32 Fällen müssen schulische Konferenzen die Abschlussentscheidung erneut beraten, weil vorhandene Ermessensspielräume nicht ausreichend geprüft worden waren.

Nach bisherigem Kenntnisstand wurden Ausgleichsregelungen aus der Abschlussverordnung nicht richtig angewandt. Die vergebenen Fachnoten selbst waren nach Angaben des Kultusministeriums nicht falsch. In den 107 festgestellten Fällen bestand laut Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) kein Ermessensspielraum: Die Schule hätte zwingend einen höherwertigen Abschluss vergeben müssen.

Was solche Fehler für die betroffenen Jugendlichen bedeuten können, zeigt Arducs Geschichte. Auch Freunde von ihr seien betroffen gewesen, berichtet sie. „Sie haben teilweise sehr darunter gelitten.“ Inzwischen hätten alle ihren Weg gefunden.

Hamburg hatte sich ausdrücklich bei den Betroffenen entschuldigt. Sie sollen korrigierte Abschlusszeugnisse, ein persönliches Entschuldigungsschreiben und Informationen über ihre Rechte erhalten. Das Land will zudem für konkret entstandene finanzielle Schäden aufkommen, etwa wenn jemand auf eigene Kosten einen Abschluss nachgeholt hat. Eine Anlaufstelle beim Regionalen Landesamt für Schule und Bildung Osnabrück soll die Betroffenen beraten.

Der Fall hat inzwischen Folgen über die Geschwister-Scholl-Oberschule hinaus. Auch eine weitere Schule, an der die Schulleiterin zuvor tätig gewesen war, wurde überprüft. Dort müssen neun Zeugnisse aus dem Schuljahr 2019/20 wegen einer ähnlichen fehlerhaften Anwendung der Regeln korrigiert werden. In den später überprüften Jahrgängen wurden nach Angaben des Ministeriums keine solchen Fehler festgestellt.

Das Kultusministerium sieht bislang keine Hinweise auf ein landesweites systematisches Problem. Dennoch sollen die Regionalen Landesämter mit Beginn des neuen Schuljahres weitere Schulen befragen und anschließend stichprobenartig Zeugnisse kontrollieren. Die Überprüfung konzentriert sich auf Oberschulen und Integrierte Gesamtschulen, weil dort mehrere Schulformen und Abschlussmöglichkeiten zusammenkommen. Insgesamt geht es um rund 400 Schulen.

Für Sanem Arduc geht der Bildungsweg weiter. „Ich mache gerade mein Abitur“, sagt sie. „Nächstes Jahr möchte ich studieren.“ News4teachers / mit Material der dpa

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