Home Politik Moderner Unterricht in alten Räumen? Was Schulen für gutes Lernen brauchen

Moderner Unterricht in alten Räumen? Was Schulen für gutes Lernen brauchen

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DÜSSELDORF. Wie müssen Schulen beschaffen sein, damit Kinder gut lernen können – und was lässt sich davon im Schulalltag tatsächlich umsetzen? Darüber diskutierten Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen und weitere Interessierte bei der ersten Online-Ausgabe von „Zukunftsraum Schule live“, einem neuen Veranstaltungsformat der Heinz Trox-Stiftung, das von News4teachers als Medienpartner begleitet wird. Zu Gast war Aline Sommer-Noack vom Bundeselternrat. Die Debatte führte von Digitalisierung und Gesundheit über Unterrichtsqualität und Chancengerechtigkeit zu einer häufig nachrangig behandelten Frage: Welche Rolle spielen Luft, Licht, Temperatur, Akustik und die Gestaltung von Klassenräumen für das Lernen?

Offene Räume, offener Unterricht: die Maria-Leo-Grundschule in Berlin. Foto: SenBJF

Was braucht eine Schule, damit Kinder und Jugendliche dort gut lernen können? Die Antworten reichen über Lehrpläne und Unterrichtsmethoden hinaus. Funktionierende digitale Technik gehört dazu, ausreichend Personal und Unterstützung ebenso. Auch die Räume selbst beeinflussen, ob Schülerinnen und Schüler einander verstehen können, ob konzentriertes Arbeiten möglich ist oder ob Hitze, schlechte Luft und Lärm den Unterricht erschweren.

Diese Zusammenhänge standen im Mittelpunkt der ersten Online-Diskussionsrunde von „Zukunftsraum Schule live“, zu der die Heinz Trox-Stiftung und News4teachers öffentlich eingeladen hatten. Zum Auftakt brachte Aline Sommer-Noack vom Bundeselternrat vier Themenfelder in die Diskussion ein: Digitalisierung, Gesundheit und Wohlbefinden, Unterrichtsqualität und Fachkräftesicherung sowie Chancengerechtigkeit und soziale Teilhabe. Die Themen stehen nicht unabhängig nebeneinander: Technische Ausstattung braucht pädagogische Konzepte und Unterstützung, neue Unterrichtsformen geeignete Räume, gesundheitliches Wohlbefinden wirkt auf das Lernen – und gute Bedingungen sollen nicht davon abhängen, wo ein Kind lebt oder welche Unterstützung es zu Hause erhält.

Das zeigt sich etwa bei der Digitalisierung. Die in der Diskussion zusammengetragenen Erfahrungen zeichnen ein bekanntes Problem: Endgeräte allein verändern noch keinen Unterricht. Schulen benötigen funktionierende technische Strukturen, Wartung, klare Zuständigkeiten, Beratung und Fortbildungen – und ein pädagogisches Konzept dafür, wozu die Technik eingesetzt wird. Schülerinnen und Schüler sowie Eltern müssten ebenfalls einbezogen werden. Eltern könnten digitale Angebote nur sinnvoll unterstützen, wenn sie verständlich informiert würden.

Wie unterschiedlich solche Strukturen aussehen können, zeigen Beispiele aus Schulen. Aus einer Gemeinschaftsschule in Nordrhein-Westfalen wurde berichtet, dass die Wartung der Endgeräte über ein kommunales Gebietsrechenzentrum organisiert wird. An einer anderen Schule werden Tablets mit Werkstattangeboten und 3D-Druckern verbunden. Aus Bayern wurde ein Modell vorgestellt, bei dem iPads in mobilen Koffern nach Bedarf eingesetzt werden; Projekte zu Robotik und Podcasting mit externen Partnern ergänzen das Angebot. Der gemeinsame Ansatz: Digitale Geräte sollen zusätzliche Lernmöglichkeiten eröffnen. Ersetzen Tablets lediglich Buch und Heft, ist damit noch keine Verbesserung des Unterrichts verbunden.

„Wenn Menschen sich nicht wohlfühlen, können sie weniger gut lernen. Gesundheit und Wohlbefinden sind deshalb keine Zusatzthemen, sondern zentrale Voraussetzungen für Bildung“

Ähnlich eng hängen Gesundheit und Lernen zusammen. Diskutiert wurde über psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen ebenso wie über Gesundheitsfachkräfte, Schulsozialarbeit, multiprofessionelle Teams, Prävention und die Zusammenarbeit mit Eltern. Sommer-Noack formuliert den Zusammenhang so: „Wenn Menschen sich nicht wohlfühlen, können sie weniger gut lernen. Gesundheit und Wohlbefinden sind deshalb keine Zusatzthemen, sondern zentrale Voraussetzungen für Bildung.“

Damit geraten Bedingungen in den Blick, die sich nicht allein mit pädagogischen Angeboten verändern lassen. Ein Teil davon befindet sich buchstäblich im Klassenraum. Viele Schulgebäude wurden für eine Unterrichtswirklichkeit geplant, in der eine Lehrkraft vorne sprach und Schülerinnen und Schüler an festen Plätzen zuhörten. Inzwischen gehören Gruppenarbeit, Projekte, individuelle Arbeitsphasen und wechselnde Sozialformen vielerorts zum Unterricht. Die Räume haben sich nicht überall entsprechend verändert.

Tobias Burgholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinz Trox Wissenschafts gGmbH, sieht darin insbesondere ein akustisches Problem. „Viele Schulgebäude stammen aus einer Zeit, in der Unterricht vor allem aus einer sprechenden Person und vielen Zuhörenden bestand. Für heutige, vielfältige und kooperative Lernformen sind viele Räume akustisch nicht ausreichend vorbereitet.“

Das verändert auch den Blick auf Lärm im Unterricht. Unruhe ist nicht zwangsläufig allein eine Frage des Verhaltens von Schülerinnen und Schülern. Bei starkem Nachhall werden Gespräche und andere Geräusche im Raum verstärkt; zugleich leidet die Sprachverständlichkeit. Besonders problematisch kann das bei Unterrichtsformen werden, in denen mehrere Gruppen gleichzeitig miteinander arbeiten.

„Bei Lärm geht es nicht nur um das Verhalten einzelner Kinder. Wenn Nachhall und Raumakustik ungünstig sind, werden alle Geräusche verstärkt und stören besonders diejenigen, die gerade konzentriert arbeiten möchten“, erklärt Burgholz. Schallabsorbierende Elemente an Decken und Wänden könnten die Akustik verbessern. Der Blick dürfe sich allerdings nicht darauf beschränken: „Gleichzeitig sollte man immer den gesamten Raum betrachten – also auch Temperatur, Licht und Luftqualität.“

Dass andere Raumkonzepte möglich sind, zeigen Beispiele, die in der Diskussion vorgestellt wurden. An der Maria-Leo-Schule in Berlin – Siegerin beim Deutschen Schulpreis 2025 – stehen innerhalb einer Klassenstufenetage größere Arbeitsbereiche, kleinere Rückzugsorte und unterschiedliche Lernplätze zur Verfügung. Schülerinnen und Schüler können je nach Aufgabe zwischen diesen Bereichen wechseln (News4teachers berichtete). Aus Dortmund wurde von einer Schule mit guter Akustik und flexiblen Lernorten berichtet. Sommer-Noack sieht in solchen Wahlmöglichkeiten einen Vorteil gerade für das selbstständige und konzentrierte Arbeiten: „Kinder brauchen Möglichkeiten, ihren eigenen Lernort und ihre eigene Lernweise zu wählen. Das kann Ruhe, Konzentration und Selbstständigkeit fördern.“

Auch Best-Practice-Beispiele hält sie für wichtig, um Veränderungen über einzelne Schulen hinaus anzustoßen: „Best-Practice-Beispiele sind das, was uns weiterarbeiten lässt. Sie zeigen, dass Veränderung möglich ist, und geben anderen Mut, eigene Schritte zu gehen.“ Dabei müsse nicht jede Verbesserung mit einem großen Umbau beginnen. „Nicht jede Verbesserung muss sofort eine große bauliche Veränderung sein. Auch flexible Möbel- und Raumkonzepte können Lernumgebungen schaffen, in denen Kinder unterschiedliche Bedürfnisse besser ausleben können.“

Bei anderen Problemen reichen Möbel und Raumaufteilung allerdings nicht. Das gilt etwa für sommerliche Überhitzung und schlechte Innenraumluft. Im Projekt „Zukunftsraum Schule“ der Heinz Trox-Stiftung werden vier Faktoren unter dem Kürzel TAIL zusammengefasst: Temperatur, Akustik, Innenraumluft und Licht. Dahinter steht die Frage, ob ein Klassenraum Bedingungen bietet, unter denen Menschen über Stunden lernen und arbeiten können.

„Veränderung ist möglich“: Aline Sommer-Noack. Foto: privat

Wie unmittelbar diese Frage den Schulalltag betrifft, zeigte der Chancengipfel, dessen Ergebnisse Sommer-Noack in die Online-Diskussion einbrachte. Die Veranstaltung fand in einer Schule in Düsseldorf statt. Dort wurden während des Gipfels Temperaturen von mehr als 40 Grad gemessen. Während über Gesundheit, Unterrichtsqualität und bessere Lernbedingungen beraten wurde, war damit zugleich zu erleben, welche Belastung sommerliche Hitze in Schulräumen darstellen kann.

Der Chancengipfel war Ende Juni von Bundeselternrat und Bundesschülerkonferenz veranstaltet worden. Schülerinnen und Schüler, Elternvertretungen, Lehrkräfte, Wissenschaft, Bildungswirtschaft, Krankenkassen, Zivilgesellschaft und politische Akteure suchten dabei gemeinsam nach Lösungen. Daraus entstand ein zwölfseitiges Papier zu den vier Handlungsfeldern, die Sommer-Noack nun erneut zur Diskussion stellte.

Für die Elternvertreterin gehört die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler zu den wesentlichen Punkten: „Besonders wichtig war, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur mitgedacht, sondern als zentrale Akteurinnen und Akteure einbezogen wurden. Schließlich geht es bei Bildungspolitik um ihre Zukunft.“

Die Frage nach den Schulräumen führt dabei zur Frage der Zuständigkeit. In der Online-Runde wurde darauf hingewiesen, dass Verbesserungen des Raumklimas nicht davon abhängen sollten, ob sich an einer einzelnen Schule eine besonders engagierte Person darum kümmert. Werden gute Lösungen nur punktuell umgesetzt, können sich die Bedingungen zwischen Schulen weiter unterscheiden. Als möglicher Ansatz wurden zentrale kommunale Ansprechpartner diskutiert, die Bedarfe erfassen, Fördermöglichkeiten prüfen und Schulen bei der Umsetzung unterstützen.

Ein Beispiel kommt aus Neukirchen-Vluyn. Am Julius-Stursberg-Gymnasium werden Raumluftreiniger eingesetzt, die während der Corona-Pandemie installiert wurden und auch in Erkältungsphasen die Luftqualität in den Klassenräumen unterstützen. Zugleich verfügt die Schule über eine große Dachfläche mit Photovoltaikanlage. In der Diskussion entstand daraus die weitergehende Überlegung, solche Flächen nicht nur zur Stromerzeugung zu nutzen, sondern Energieversorgung und sommerlichen Hitzeschutz gemeinsam zu planen. Als übertragbarer Ansatz wurde diskutiert, bei Schulgebäuden Photovoltaik, Verschattung, Lüftung und Kühlung stärker zusammenzudenken.

Damit führt die Debatte über Räume zurück zur Chancengerechtigkeit. Wenn gute Akustik, funktionierende digitale Infrastruktur, Rückzugsmöglichkeiten oder ein erträgliches Raumklima nur dort vorhanden sind, wo einzelne Schulen über entsprechende Ressourcen und Unterstützung verfügen, unterscheiden sich auch die Lernbedingungen. Im Papier zum Chancengipfel wird deshalb ausdrücklich festgehalten, dass gute Bedingungen nicht vom Wohnort oder Elternhaus abhängen sollen.

Chancengerechtigkeit erschöpft sich jedoch nicht in Gebäuden und Ausstattung. Kinder haben zu Hause unterschiedliche Möglichkeiten, Unterstützung bei Hausaufgaben zu erhalten, an Gesprächen teilzunehmen oder ihren Bildungsweg mit familiärer Hilfe zu gestalten. In der Diskussion wurde deshalb eine verlässliche Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Schule, Lehrkräften und weiteren Unterstützungsangeboten als weiterer Baustein benannt.

„Wir können Kindern nur helfen, wenn Eltern, Lehrkräfte und Schule an einem Strang ziehen. Gerade bei komplexen Herausforderungen braucht es Zusammenarbeit statt gegenseitiger Schuldzuweisungen“

Christine Roßkothen, Mitglied des Vorstands der Heinz Trox-Stiftung, verbindet diese Ebene mit den materiellen Lernbedingungen. „Wir können Kindern nur helfen, wenn Eltern, Lehrkräfte und Schule an einem Strang ziehen. Gerade bei komplexen Herausforderungen braucht es Zusammenarbeit statt gegenseitiger Schuldzuweisungen.“ Für das Veranstaltungsformat gehe es darum, wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis zusammenzuführen und darüber ins Gespräch zu kommen, was gute Lernbedingungen ausmacht.

Die erste Ausgabe von „Zukunftsraum Schule live“ sollte damit nicht ein weiteres Forderungspapier produzieren, sondern bereits vorhandene Ansätze auf ihre Übertragbarkeit in den Schulalltag befragen. An den Beispielen wurde zugleich sichtbar, wo die Grenzen einzelner Schulen liegen: Sie können Unterricht verändern, Lernorte anders organisieren oder Beteiligung stärken. Bei Gebäuden, technischer Infrastruktur, Personal und dauerhaft verlässlichen Unterstützungsstrukturen sind sie auf Entscheidungen und Ressourcen anderer Ebenen angewiesen.

Für Sommer-Noack ist die Arbeit deshalb nicht beendet. „Der Chancengipfel war kein Abschluss, sondern ein Auftakt. Die Ergebnisse werden weiter ausgewertet und gemeinsam mit der Bundesschülerkonferenz weiterentwickelt.“ News4teachers

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4 COMMENTS

  1. Zitat: -Auch die Räume selbst beeinflussen, ob Schülerinnen und Schüler einander verstehen können, ob konzentriertes Arbeiten möglich ist oder ob Hitze, schlechte Luft und Lärm den Unterricht erschweren.-

    Die können einander nicht verstehen, wegen dem Lärm.
    Ich weiß nicht wie da die „offenen Räume“ (Modewort, weil „offen“ derzeit politisch positiv besetzt ist) helfen könnten?

    Und so liegt es am „Raumklima“ (Raumklimawandel?), der sich bekanntlich nicht aufhalten lässt, wenn China nicht mitzieht.
    Übersetz bedeutet das, unser Nachwuchs sei so vulnerable Gruppe geworden, er könne nur in einem bestimmten Klima etwas leisten. Aber offene Räume helfen.

    • Gerne dazu den unter dem Artikel groß verlinkten Gastbeitrag lesen – darin wird’s erklärt. Herzliche Grüße Die Redaktion

  2. Der Raum auf dem Foto ist zunächst einmal die Schreckensvorstellung der Sicherheitsbeauftragten und der Brandschutzzuständigen.
    Wie sich das mit den ganzen Regelungen bei Amokalarm und anderen Großschadenslagen vereinbaren lässt, kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.

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