Home Tagesthemen Social Media: Kommission fordert „KI-Seepferdchen“ – und Bildungsziel „Selbstregulation“

Social Media: Kommission fordert „KI-Seepferdchen“ – und Bildungsziel „Selbstregulation“

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BERLIN. Private Smartphones und andere digitale Endgeräte sollen an Schulen bis einschließlich der siebten Jahrgangsstufe grundsätzlich tabu sein – nicht nur im Unterricht, sondern auch in Pausen und außerunterrichtlichen Angeboten. Das fordert die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. In ihrem Abschlussbericht formuliert sie insgesamt 56 Empfehlungen. Dazu gehören außerdem ein verpflichtendes „KI-Seepferdchen“ für Grundschulkinder, verbindliche Medienbildung im Lehramtsstudium und mindestens eine medienpädagogisch qualifizierte Ansprechperson an jeder Schule.

Sozialexperiment. Illustration: Shutterstock

Die Kommission war im September 2025 von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzt worden. Ihr gehörten Fachleute aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft an. Nach einer Bestandsaufnahme im April und der Veröffentlichung der Empfehlungen im Juni liegt nun der 319 Seiten starke Abschlussbericht vor. Eingeflossen sind sechs Expertenanhörungen sowie sieben Workshops mit insgesamt 105 Kindern und Jugendlichen.

„Die Arbeit der Kommission endet heute, die Umsetzung ihrer Empfehlungen hat aber längst begonnen“, erklärte Prien bei der Übergabe. „Es gilt, an vielen Stellschrauben zu drehen und in Bewegung zu kommen: von der Kommune bis zur EU, von der Kita bis zur Jugendhilfe. Ich bin sehr optimistisch, dass wir schnell und konkret spürbare Verbesserungen erreichen können.“ Schutz, Befähigung und Teilhabe junger Menschen müssten gemeinsam gedacht werden.

Denn: „Die digitale Welt ist für Kinder und Jugendliche kein Nebenschauplatz, sondern selbstverständlicher Teil ihres Aufwachsens“, heißt es im Bericht. Ihre Rechte auf Schutz, Teilhabe und Befähigung gälten online ebenso wie offline. Die Verantwortung dafür lasse sich „weder an die Technik delegieren noch auf einzelne Schultern verlagern“. Die Kommission warnt deshalb gleichermaßen vor einem unkritischen Technikoptimismus und vor einer Politik, die allein auf Verbote setzt.

Deutlich fällt gleichwohl die Empfehlung zur privaten Nutzung digitaler Endgeräte in Schulen aus. Diese lenke im Unterricht erheblich ab, erschwere konzentriertes Lernen und beeinträchtige in den Pausen das soziale Miteinander. In Mobbingsituationen könnten Smartphones zudem verstärkend wirken. Bis einschließlich Klasse sieben soll die private Nutzung deshalb bundesweit einheitlich untersagt und das Verbot in den Schulgesetzen verankert werden. Ab der achten Jahrgangsstufe sollen Schulen gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern verbindliche Nutzungskonzepte entwickeln. Ziel sei, dass die Pausen „wieder Raum für direkte soziale Begegnung“ gewinnen.

„Nur wenn alle Akteure ihre Verantwortung wahrnehmen und nicht nur gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen, ist Veränderung möglich“

Dabei plädiert die Kommission keineswegs für weniger digitale Bildung. Bereits im Sachunterricht der Grundschule sollen verpflichtende medienpädagogische und informatische Inhalte verankert werden. Auch der Ganztag soll stärker für entsprechende Angebote genutzt werden. Für die Sekundarstufen fordert das Gremium fachspezifische und fächerübergreifende Bildungsangebote zu künstlicher Intelligenz und algorithmischen Empfehlungssystemen.

Für Grundschulkinder schlägt die Kommission ein „KI-Seepferdchen“ vor: ein verpflichtendes, online zu erwerbendes und kindgerecht gestaltetes Zertifikat, das Grundwissen über Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz vermittelt. Ein Expertenrat auf Bundesebene soll die Inhalte fortlaufend aktualisieren. In den weiterführenden Schulen sollen KI-Kompetenzen in den Lehrplänen verankert, geeignete Werkzeuge bereitgestellt, das Fach Informatik ausgebaut und Lehrkräfte umfassend fortgebildet werden.

Überhaupt sieht die Kommission bei der Qualifizierung des pädagogischen Personals erheblichen Nachholbedarf. Lehrkräfte seien für Schülerinnen und Schüler häufig wichtige Vertrauenspersonen, verfügten aber nicht immer über ausreichendes Wissen zu Datenschutz, Sicherheitseinstellungen, strafrechtlichen Fragen oder belastenden Medienerfahrungen. Ein medienpädagogisches Modul soll deshalb verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums und der Lehrkräftefortbildung werden.

Zudem soll jede Schule über mindestens eine medienpädagogisch qualifizierte Ansprechperson verfügen. Schülerinnen und Schüler bräuchten verlässliche Hilfe, wenn sie mit Cybermobbing, verstörenden Inhalten oder unangemessenen Kontakten konfrontiert seien. Denkbar seien speziell geschulte Fachkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter oder – unter Begleitung Erwachsener – ältere Jugendliche als Medienscouts. Wissenschaftlich geprüfte Peer-to-Peer-Programme sollen bundesweit ausgebaut werden.

Ein weiteres vorrangiges Bildungsziel soll die Stärkung der Selbstregulation in den ersten zehn Lebensjahren werden. Kinder müssten lernen, ihre Mediennutzung bewusst zu steuern und manipulative Mechanismen zu erkennen. Zugleich verlangt die Kommission mehr analoge Freizeitangebote in Verbindung mit Schulen, Vereinen und öffentlichen Einrichtungen. Sie sollen ein attraktives Gegengewicht zu intensiver Bildschirmnutzung bilden.

Die beteiligten Jugendlichen selbst zeichneten allerdings ein differenziertes Bild. Sie forderten nicht den Rückzug aus digitalen Räumen, sondern mehr Sicherheit, verständliche Regeln und kompetente Ansprechpartner. Ein generelles Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige befürworteten lediglich neun der 105 Beteiligten. Eine Altersgrenze von 14 Jahren fand bei 27 Teilnehmenden Zustimmung – von ihnen waren allerdings 23 bereits mindestens 14 Jahre alt.

Auch generelle Smartphoneverbote an Schulen betrachteten die Jugendlichen kritisch. Sie wünschten sich stattdessen „gemeinsam ausgehandelte Vereinbarungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones während des Schulalltags“. Zugleich beklagten sie ein „deutliches Umsetzungsdefizit“ bei der schulischen Medienbildung. In allen Workshops sprachen sie sich für eine umfassende, frühzeitige und kontinuierliche Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht aus.

Co-Vorsitzende Nadine Schön warnte entsprechend davor, die Verantwortung allein bei jungen Menschen und ihren Familien abzuladen. Kinder- und Jugendschutz sei „nicht Sache einzelner Institutionen – und sollte schon gar nicht allein auf den Schultern von Kindern und Eltern lasten“. Gefordert seien ebenso Politik und Plattformbetreiber. „Nur wenn alle Akteure ihre Verantwortung wahrnehmen und nicht nur gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen, ist Veränderung möglich.“

Für Anbieter sozialer Netzwerke empfiehlt die Kommission verpflichtende sichere Voreinstellungen, wirksame und datenschutzgerechte Altersprüfungen sowie mehr Kontrolle der Nutzerinnen und Nutzer über Empfehlungssysteme. Risiken müssten bereits bei der Entwicklung digitaler Angebote berücksichtigt werden. Hinzu kommen Forderungen nach einer bundeseinheitlichen Kinderonlinewache, einem entschiedeneren Vorgehen gegen Cybergrooming und sexualisierte Gewalt sowie Altersgrenzen für sogenannte KI-Begleiter.

„Plattformen, die gezielt Abhängigkeit bei Minderjährigen erzeugen, müssen dafür in die Verantwortung genommen werden“

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) begrüßte insbesondere, dass die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen in den Bericht eingeflossen seien. „Dass dieser Abschlussbericht die Stimmen von Kindern und Jugendlichen einschließt, ist kein symbolischer Akt – es ist methodisch richtig“, erklärte die DPhV-Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing.

Der Verband verlangt nun verbindliche gesetzliche Vorgaben vor allem für Plattformanbieter. Altersgrenzen allein griffen zu kurz, solange soziale Netzwerke weiterhin suchtfördernde Mechanismen einsetzen dürften. „Plattformen, die gezielt Abhängigkeit bei Minderjährigen erzeugen, müssen dafür in die Verantwortung genommen werden – finanziell, rechtlich und strukturell“, betonte Lin-Klitzing. Die Schule könne politische Versäumnisse im digitalen Kinder- und Jugendschutz nicht kompensieren. News4teachers 

Hier lässt sich der vollständige Abschlussbericht herunterladen. 

Social Media: Prien will Elternpflicht zur Medienerziehung gesetzlich festschreiben

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