Home Tagesthemen Vorschuljahr für alle? Große Mehrheit dafür! VBE: Braucht Personal für Förderung

Vorschuljahr für alle? Große Mehrheit dafür! VBE: Braucht Personal für Förderung

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MÜNCHEN. Ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Einschulung, bundesweit verbindliche Bildungsziele und Sprachtests mit anschließender Förderung: Eine deutliche Mehrheit der Deutschen wünscht sich mehr Verbindlichkeit in der frühkindlichen Bildung. Das zeigt das neue ifo Bildungsbarometer. Auch Eltern kleiner Kinder unterstützen ein verpflichtendes Vorschuljahr mit großer Mehrheit. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht darin eine Chance für bessere Startbedingungen – warnt aber davor, zusätzliche Aufgaben auf ein ohnehin belastetes System abzuwälzen.

Frühe Förderung? Ja, bitte. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Die Zustimmung ist deutlich: 72 Prozent der befragten Erwachsenen befürworten ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Einschulung. Unter Eltern von Kindern im Alter von null bis sechs Jahren liegt der Anteil mit 74 Prozent sogar etwas höher. Jeweils 15 Prozent lehnen den Vorschlag ab. Damit findet eine Maßnahme breite Unterstützung, die unmittelbar in die Entscheidung von Familien eingreifen würde: Bislang steht es Eltern grundsätzlich frei, ob ihre Kinder vor der Schule eine Kita besuchen.

Für das in dieser Woche veröffentlichte ifo Bildungsbarometer 2026, das sich dem Thema  frühkindliche Bildung widmet, wurden im Mai und Juni 3.033 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 69 Jahren sowie in einer zusätzlichen Stichprobe 965 Eltern von Kindern bis sechs Jahren online befragt. Die Ergebnisse wurden gewichtet, um die jeweiligen Bevölkerungsgruppen repräsentativ abzubilden. „Insgesamt deutet die hohe Zustimmung zu einem verpflichtenden Kita-Jahr sowie zu bundesweit verbindlichen Bildungszielen darauf hin, dass Kitas nicht nur als Ort der Betreuung, sondern auch als wichtiger Bildungsort verstanden werden“, schlussfolgert das Forschungsteam um Katharina Wedel und Ludger Wößmann aus den Ergebnissen.

Bei der Frage zum verpflichtenden Kita-Jahr ging es ausdrücklich um alle Kinder. Der Vorschlag beschränkt sich also nicht auf diejenigen, bei denen bereits ein Förderbedarf festgestellt wurde. Genau darauf legt auch der VBE Wert: Ein Vorschuljahr müsse für alle gelten und den Übergang zwischen Kita und Grundschule gemeinsam gestalten. Es dürfe keine Pflichtmaßnahme allein für förderbedürftige Kinder sein. „Ein verpflichtendes Vorschuljahr kann Brücken bauen, wo heute noch Brüche entstehen“, erklärt VBE-Bundesvorsitzender Tomi Neckov. „Insbesondere in dem Jahr vor dem Schuleintritt muss es darum gehen, Kinder kompetenzorientiert und diagnosegeleitet zu fördern, um ihnen beste Startbedingungen mitzugeben.“

„Wenn das Vorschuljahr aus bestehenden Ressourcen gestemmt werden soll, wird es scheitern!“

Seine Zustimmung verbindet Neckov allerdings mit einer klaren Bedingung: „Entscheidend ist die Ausgestaltung: Wir brauchen Ressourcen, um das Miteinander von Kita und Grundschule zu gestalten. Wenn das Vorschuljahr aus bestehenden Ressourcen gestemmt werden soll, wird es scheitern!“ Der Verband fordert verbindliche Mindeststandards, die alle Kompetenzbereiche umfassen: kognitive, emotional-soziale, motorische und sprachliche Fähigkeiten. Damit richtet sich der Blick auf die gesamte Entwicklung der Kinder – vom Umgang mit anderen und den eigenen Gefühlen bis zu den Voraussetzungen für späteres fachliches Lernen.

Auch bundesweit einheitliche Bildungsziele stoßen in der Bevölkerung auf große Zustimmung. 79 Prozent unterstützen verbindliche Vorgaben dazu, welche Fähigkeiten Kinder vor der Einschulung entwickeln sollen. Die Frage wurde vor dem Hintergrund gestellt, dass zwar alle Bundesländer Bildungspläne für die frühkindliche Bildung haben, konkrete Lernziele aber weder bundesweit einheitlich noch verbindlich festgelegt sind.

Besonders groß fällt die Zustimmung zur Sprachförderung aus. 89 Prozent befürworten die bundesweite Einführung verpflichtender Deutschtests im Alter von etwa viereinhalb Jahren, verbunden mit verpflichtendem Deutschunterricht bei unzureichenden Sprachkenntnissen. Nur sechs Prozent lehnen dies ab.

„Ein Test allein hilft keinem Kind. Entscheidend ist die individuelle Förderung danach“

Warum frühe Förderung bedeutsam ist, erläutern die Forschenden in der Studie: „Kompetenzen in der deutschen Sprache sind eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen sowie schulischen Erfolg und damit auch für gleiche Bildungschancen.“ Daraus leiten sie ab: „Eine individuelle Sprachförderung sollte deshalb möglichst früh ansetzen, damit jedes Kind den bestmöglichen Start in die Schullaufbahn hat.“

Der VBE rückt ebenfalls die Förderung in den Mittelpunkt. „Ein Test allein hilft keinem Kind. Entscheidend ist die individuelle Förderung danach“, sagt Neckov. „Wenn die nicht gewährleistet ist, bringt ein offizielles Testergebnis auch nichts.“ Er verweist zudem auf die Arbeit, die in den Einrichtungen bereits stattfindet: „Denn wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Fachkräfte vor Ort sowieso beständig den Sprachstand der Kinder im Blick haben und mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten fördern.“

Wie begrenzt diese Möglichkeiten sein können, unterstreicht der Verband mit einem eigenen Befragungsbefund: Bei einem 2024 erhobenen Meinungstrend unter mehr als 3.000 Kitaleitungen habe ein Drittel angegeben, über keine speziell für die Sprachbildung qualifizierte Fachkraft zu verfügen. Aus- und fortgebildete Sprachfachkräfte, wie sie nach Darstellung des VBE im Entwurf des Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetzes vorgesehen sind, wären deshalb ein Schritt in die richtige Richtung. Offen sei jedoch, woher sie in der notwendigen Zahl kommen sollen.

Dass Sprachförderung mehr braucht als zusätzliche Tests, spiegelt sich auch im Bildungsbarometer. Große Mehrheiten halten eine engere Zusammenarbeit zwischen Kitas und Eltern, mehr Fortbildungen, zusätzliche Bücher und Lernmaterialien sowie mehr Fachkräfte für wichtig. Unter den Eltern fällt die Zustimmung zu häufigeren Sprachstandstests dagegen deutlich geringer aus als zu diesen unterstützenden Maßnahmen.

Mit der Arbeit der Kitas vor Ort sind die Befragten überwiegend zufrieden: 65 Prozent der Eltern geben ihnen die Schulnoten eins oder zwei. In der Gesamtbevölkerung sind es 53 Prozent. Die Forschenden verweisen zur Einordnung auf einen aufschlussreichen Vergleich: Die Schulen im jeweiligen Bundesland werden von den Erwachsenen deutlich schlechter bewertet als die Kitas vor Ort.

Auch bei der Vermittlung konkreter Fähigkeiten urteilen Eltern überwiegend positiv. Besonders gut schneiden die Kitas bei motorischen Fähigkeiten wie dem Umgang mit Stift oder Schere ab. Aber auch bei Selbstständigkeit und Konzentration, emotional-sozialen und sprachlichen Fähigkeiten bescheinigen ihnen klare Mehrheiten gute Arbeit.

Gleichzeitig sehen die Befragten erhebliche strukturelle Probleme. Rund sieben von zehn Erwachsenen bewerten den Mangel an Kita-Plätzen und einen schlechten Betreuungsschlüssel als ernsthaftes oder sehr ernsthaftes Problem. Die Forschenden ordnen das so ein: „Beides zeigt, dass die Befragten zu geringe Betreuungskapazitäten in den Kitas als drängendstes Problem sehen.“ Die Erfahrungen der Eltern bei der Platzsuche fallen unterschiedlich aus. Mehr als die Hälfte derjenigen, die bereits einen Kita-Platz gesucht hatten, berichtet von keinen oder wenigen Schwierigkeiten. Knapp ein Viertel hatte dagegen viele oder sehr viele Schwierigkeiten. Ein insgesamt positives Urteil über die Einrichtungen geht somit mit spürbaren Problemen beim Zugang einher.

Für zusätzliche staatliche Ausgaben gibt es entsprechend breite Unterstützung: Rund drei Viertel der Erwachsenen und der Eltern wünschen sich steigende Ausgaben für Kitas. Als geeignete Wege zur Gewinnung weiterer Fachkräfte gelten vor allem eine bessere Bezahlung und weniger bürokratischer Aufwand. Auch gezielte Unterstützung benachteiligter Kinder findet Mehrheiten. Befürwortet werden zusätzliche staatliche Mittel für Kitas mit vielen Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen sowie die Übernahme der Kindergartengebühren für Kinder aus einkommensschwachen Familien ab vier Jahren.

Bei der bevorzugten Vergabe knapper Betreuungsplätze unterscheiden die Befragten allerdings deutlich zwischen verschiedenen Gruppen: Eine Bevorzugung einkommensschwacher Familien unterstützen 63 Prozent der Erwachsenen, eine Bevorzugung von Familien mit Migrationshintergrund dagegen nur 30 Prozent. Das Forschungsteam beschreibt diese Spannung ausdrücklich: „Die Befragten scheinen demnach eher bereit, benachteiligte Familien zusätzlich zu fördern, als ihnen im direkten Vergleich mit anderen Familien oder sich selbst einen Vorteil bei knappen Ressourcen einzuräumen.“ News4teachers

Hier geht es zum vollständigen Bildungsbarometer. 

Mit Sprachtests und Milliardenhilfen: Prien will Kitas befähigen, die Bildungschancen der Kinder vom Start weg zu verbessern

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