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Fehlende Lesekompetenz bei immer mehr Schülern ist „ein zentrales Problem“ – was Lehrkräfte an beruflichen Schulen umtreibt

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DÜSSELDORF. Sie sichern Ausbildung, bieten Anschlussfähigkeit und sorgen für Fachkräftenachwuchs – trotzdem bleiben berufliche Schulen weitgehend unbeachtet. Nur selten stehen sie im Fokus bildungspolitischer Debatten, obwohl sie für das deutsche Bildungssystem und den Arbeitsmarkt eine zentrale Rolle spielen. Im Interview mit News4teachers spricht Sven Mohr, Bundesvorsitzender des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB), über fehlende Lobbyarbeit, den Mangel an spezialisierten Lehrkräften und darüber, warum Berufsorientierung an Schulen neu gedacht werden muss.

Lesen? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

News4teachers: Berufliche Schulen stehen eher selten im Rampenlicht der Bildungspolitik oder des öffentlichen Diskurses. Wie nehmen Sie das wahr – und welche Rolle spielen die berufsbildenden Schulen tatsächlich im deutschen Bildungssystem?

Sven Mohr: Berufliche Bildung spielt in Deutschland seit jeher eine große Rolle, bekommt aber deutlich weniger Aufmerksamkeit als die allgemeinbildenden Schulen. Das liegt zum Teil daran, dass die Lobby der beruflichen Bildung deutlich kleiner ist. Im Grunde sind das die Betriebe – und selbst die nur punktuell. Vielleicht noch die Kammern, die sich gelegentlich zu Wort melden. Insgesamt aber interessiert sich die breite Öffentlichkeit eher wenig für berufliche Schulen.

Hinzu kommt, dass das System sehr unübersichtlich ist. Viele Menschen unterscheiden gar nicht zwischen Berufsschule im dualen System und den beruflichen Schulen insgesamt. Dabei gibt es dort eine Vielzahl von Schulformen – und die heißen in jedem Bundesland auch noch anders. Mal ist es ein Berufskolleg, mal eine Berufsfachschule, dann wieder verschiedene Typen von Berufsfachschulen oder die Fach- und Berufsoberschulen.

Diese Unübersichtlichkeit führt dazu, dass wir kaum Fürsprecher haben. Berufliche Schulen werden meist erst dann zum Thema, wenn es richtig knirscht – etwa, wenn der Unterricht nicht mehr sichergestellt werden kann oder wenn größere Strukturreformen anstehen. Dann gibt es mal einen Presseartikel, aber eine breite öffentliche Debatte bleibt aus.
Das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist: Wenn wir Geld brauchen oder politische Unterstützung für Veränderungsprozesse, dauert das oft sehr lange. Der Vorteil ist aber, dass Reformen häufig fraktionsübergreifend mitgetragen werden. Weil es wenig öffentliche Aufregung gibt, können Fachleute das System relativ ruhig weiterentwickeln.

Das hat dazu geführt, dass sich die beruflichen Schulen in den vergangenen Jahren sehr gut weiterentwickelt haben – vor allem in Bezug auf Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit. Egal, mit welchem Abschluss Jugendliche zu uns kommen: Wir haben im Grunde immer ein Angebot. Vom Einstieg ohne ersten Schulabschluss bis hin zur Fachschule, etwa zur Technikerin, zum Gestalter oder zum technischen Betriebswirt.

Das ist ein großer Wert, den es zu erhalten gilt. Politisch ist es allerdings oft schwierig, dafür zu kämpfen, weil Bildung Ländersache ist. Jedes Bundesland entscheidet selbst, welche Schulformen es vorhält und wie sie weiterentwickelt werden. Die Abstimmung in der Bildungsministerkonferenz ist entsprechend komplex, weil die Länder sehr unterschiedliche Voraussetzungen und auch sehr unterschiedliche Sichtweisen auf berufliche Bildung haben.

„Egal, mit welchem Abschluss Jugendliche zu uns kommen: Wir haben im Grunde immer ein Angebot.“

News4teachers: Sie haben gerade betont, dass die berufsbildenden Schulen Angebote für sehr unterschiedliche Schülerinnen und Schüler machen – mit und ohne Abschluss. Wie wichtig sind die Schulen vor diesem Hintergrund also für das Bildungssystem, aber auch für die Wirtschaft Deutschlands?

Mohr: Ich bin fest davon überzeugt, dass die vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ganz wesentlich mit unseren beruflichen Schulen zusammenhängt. Weil eben fast jeder ein Angebot findet.

Wenn jemand von Arbeitslosigkeit bedroht ist, kann er oder sie zur Berufsschule gehen und fragen: Was kann ich hier noch machen? Kann ich einen allgemeinbildenden Abschluss nachholen? Kann ich über eine Berufsfachschule einen Assistentenberuf erlernen, wenn ich keinen Ausbildungsplatz gefunden habe? Das ist oft ein guter Einstieg in die Berufswelt.
Aktuell liegen wir bei etwa sechs Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Man muss aber berücksichtigen, dass ein Teil dieser Zahl Übergänge zwischen Bildungsgängen abbildet. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Zwischen Ausbildung, Bundeswehr und Studium war ich formal arbeitslos gemeldet – nicht, weil ich keinen Anschluss hatte, sondern weil dieser nicht direkt folgte. Ich tauchte trotzdem in der Statistik auf.

Wenn man diese Übergangsphasen herausrechnet, bleibt von den sechs Prozent nicht mehr viel übrig. Natürlich gibt es Jugendliche in schwierigen Lebenslagen oder Regionen, in denen Angebote fehlen. Aber die tatsächliche Jugendarbeitslosigkeit ist meiner Einschätzung nach deutlich niedriger – und das eben auch Dank der Möglichkeiten, die die beruflichen Schulen bieten.

News4teachers: Aus Ihrer Sicht konnten sich die beruflichen Schulen in den vergangenen Jahren auch deshalb gut entwickeln, weil es wenig äußere Eingriffe gab. Wie sieht die Situation aktuell aus: Wo sehen Sie trotzdem noch politischen Handlungsbedarf?

Mohr: Die Situation ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. In Schleswig-Holstein zum Beispiel haben wir derzeit starke Jahrgänge an den Gemeinschaftsschulen und gleichzeitig demografisch bedingt rückläufige Schülerzahlen an den beruflichen Schulen.

Das führt dazu, dass wir viele Lehrkräfte haben, die wir an die Gemeinschaftsschulen abordnen – und gleichzeitig kaum Einstellungsperspektiven für den Nachwuchs bieten können. Bundesweit spricht man von einem Fachkräftemangel an beruflichen Schulen, in Schleswig-Holstein stellt sich die Lage im Moment aber anders dar.

Nichtsdestotrotz gibt es auch bei uns Engpässe – nämlich in hoch spezialisierten Berufen. Nehmen Sie das Schornsteinfegerhandwerk: Es gibt schlicht kein Lehramtsstudium für diesen Beruf. Ähnlich ist es bei Segelmachern, Bootsbauern oder Bestattungsfachkräften. Diese Berufe sind extrem spezialisiert. Ohne eigene Berufserfahrung fehlt der sogenannte Stallgeruch – und der ist in der beruflichen Bildung enorm wichtig. Wer Bestattungsfachkräfte unterrichten soll, muss wissen, was dieser Beruf bedeutet: fachlich, praktisch und auch psychosozial. Solche Lehrkräfte zu finden, ist ausgesprochen schwierig.

„Schule sollte sinnentnehmendes Lesen fördern – in allen Fächern, konsequent.“

News4teachers: Welche Folgen hat dieser Mangel für den Ausbildungserfolg?

Mohr: Langfristig verliert die Berufsschule an Akzeptanz, wenn sie fachlich nicht mehr auf der Höhe ist. Dort, wo Investitionen und Know-how zusammenkommen, kann Berufsschule enorm viel leisten – auch als Innovationsmotor.

Schleswig-Holstein versucht deshalb, durch Bezirksfachklassen oder Landesberufsschulen Kompetenzen zu bündeln. Das ist fachlich sinnvoll, führt aber zu längeren Wegen für die Auszubildenden.

Dass das trotzdem funktionieren kann, zeigen die Bundesberufsschulen, wie die für Hörgeräteakustiker. Diese ist auf einem Universitätscampus angesiedelt. Dort werden auch die Fortbildungen für die Hörgeräteakustik angeboten und die Schule arbeitet eng mit der Universität zusammen, also auch im medizinischen Bereich. Das ist schon wirklich vorbildlich, wie da das Know-how gebündelt wird. Auch hier ist der Nachteil allerdings, dass es bundesweit nur einen Standort gibt.

Unabhängig davon haben die Bundesberufsschulen aber eine hohe Reputation unter den Jugendlichen. Es gibt dazu eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), wonach die Jugendlichen sehr gerne dorthin fahren, weil sie dort auf echte Fachleute treffen und sich fachlich austauschen können. Das wird von den Auszubildenden als großer Wert empfunden.

News4teachers: Richten wir nun einmal den Blick auf die Auszubildenden selbst: Wie gut vorbereitet kommen die Jugendlichen heute in die duale Ausbildung?

Mohr: Das ist sehr unterschiedlich. In manchen Berufen sind viele mit Abitur oder Fachhochschulreife dabei, in anderen ist die Gruppe sehr heterogen. Wir wissen aber mit heterogenen Gruppen umzugehen.

Was uns allerdings zunehmend Sorgen macht, ist der Anteil der Jugendlichen, die nicht sinnentnehmend lesen können. Das ist ein zentrales Problem – heute und erst recht mit Blick auf KI-Anwendungen. Wer Texte nicht versteht, kann weder Fachbücher nutzen noch KI-Ergebnisse sinnvoll einordnen.

Wenn ich bildungspolitisch an einem Punkt drehen dürfte, dann wäre es genau dieser: Schule sollte sinnentnehmendes Lesen fördern – in allen Fächern, konsequent.

„Die Zuständigkeiten sind zersplittert – Bund, Länder, Kommunen –, und das führt zu großen Ungleichheiten.“

News4teachers: Damit greifen Sie meine nächste Frage schon vorweg: Wenn Sie noch zwei weitere politische Forderungen frei hätten: Welche wären das?

Mohr: Die Finanzierung der Berufsschulen ist extrem schwierig. Berufliche Bildung ist bundesweit stark unterschiedlich ausgestattet. Die Zuständigkeiten sind zersplittert – Bund, Länder, Kommunen –, und das führt zu großen Ungleichheiten. In finanzstarken Ländern und Kommunen sieht berufliche Bildung ganz anders aus als in finanzschwachen Regionen. Das darf eigentlich nicht sein. Ich halte bundesweite Mindeststandards für dringend notwendig.

Auch die Einstellungspolitik für Lehrkräfte muss aus meiner Sicht nachgebessert werden. Eine Situation wie derzeit in Schleswig-Holstein, wo wir über drei, vier oder sogar fünf Jahre hinweg kaum Lehrkräfte an den beruflichen Schulen werden einstellen können, ist hochproblematisch. In dieser Zeit verlassen viele Nachwuchslehrkräfte das Land, gehen in andere Bundesländer, wo die Bedingungen attraktiver sind, oder orientieren sich ganz neu. Die Folge ist, dass uns in den kommenden Jahren – spätestens mit der anstehenden Pensionierungswelle – genau diese Lehrkräfte fehlen werden.

News4teachers: Zum Schluss noch ein Blick auf die Berufsorientierung: Wie gut fühlen sich Jugendliche heute in ihrer Berufswahl unterstützt?

Mohr: Es gibt viele gut gemeinte Maßnahmen an allgemeinbildenden Schulen – Messen, Praktika, Projekte. Aber unsere Erfahrung zeigt: Nur etwa 20 Prozent der Jugendlichen mit ESA (Erster Schulabschluss am Ende der Klasse 9; Anm. d. Red.) oder MSA (Mittlerer Schulabschluss am Ende der 10. Klasse; Anm. d. Red.) gehen direkt von dort in eine Ausbildung.

Die eigentliche Übergangsarbeit leisten oft die beruflichen Schulen. Provokant würde ich sagen: Die allgemeinbildenden Schulen sollten Lesen, Schreiben, Rechnen vermitteln – die berufliche Orientierung übernehmen wir; in unseren Werkstätten, mit Fachleuten, die für ihren Beruf brennen und das an die Jugendlichen weitergeben können. News4teachers / Anna Hückelheim führte das Interview.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Berufsorientierung und Berufliche Bildung“.

Duale Ausbildung unter Druck: Berufsbildenden Schulen fehlen zigtausende Lehrkräfte

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Muxi
1 Monat zuvor

Was an den Grundschulen läuft weiß ich nicht.
Aber an den weiterführenden Schulen könnte man einiges verbessern, wenn man den Schülern einfach “gescheite”, klar verständliche Texte vorsetzt.
Die Textaufgaben aus den Mathebüchern mit denen ich arbeiten muss, sind keine Texte mit denen man sinnerfassendes Lesen üben könnte, sondern mehr Sprachrätsel, deren Sinn man teilweise erraten muss.
Das schreckt eher ab und fördert sicher nicht die Lesekompetenz. Interpretationsgeeignete Texte gehören in den Deutsch- oder Ethikunterricht.

Unfassbar
1 Monat zuvor
Antwortet  Muxi

Sagen Die das den Didaktikern. Die finden Textaufgaben viel wichtiger als Mathematik. Für die Schüler ist das allerdings im Endeffekt auch besser, weil Textaufgaben weniger abstrakt sind.

Se Länd
1 Monat zuvor
Antwortet  Unfassbar

Das Problem ist jedoch, dass viele Textaufgaben so gekünstelt sind, dass der Vorteil einer Textaufgabe wieder aufgehoben wird. M.E.n. auch mal wieder innermathematische Aufgaben wagen, die Mischung machts.

Steißtrommler
1 Monat zuvor
Antwortet  Unfassbar

Textaufgaben sind tatsächlich immer wichtiger, je älter die Schüler sind. Sinnentnehmendes Lesen kann man mit ihnen hervorragend üben.
Aber ich stimme zu, dass Aufgaben in Mathebüchern oft nicht besonders gut formuliert sind. Die Fachsprache muss korrekt sein, sonst ist’s Murks.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  Muxi

Ihren Ausführungen kann ich nur voll und ganz zustimmen. In den 1960er Jahren gab es dabei sehr gute, verständliche Mathematikbücher.

Chris
1 Monat zuvor

Ich bin selber Berufsschullehrer und muss sagen, dass die mangelnde Lesekompetenz für sich nicht einmal DAS riesige Problem ist. Wir hatten schon immer Bildungsgänge und Ausbildungen, in denen die Schüler kaum lesen konnten, weil sie z.T. die Zubringerschulen nach dem 6. Schuljahr ohne Abschluss verlassen haben. Absentismus lässt grüßen.
Die Lesefähigkeit wurde erst in Verbindung mit dem Modell der vollständigen Handlung ein Problem, weil die Prüfungsaufgaben damit auf einmal extrem textlastig wurden.

Entsprechend würde ich es befürworten zu den alten Prüfungsformaten zurückzukehren. Schließlich ist es unsere vordringlichste Aufgabe die Schüler bzw. Azubis in sozialversicherungspflichtige Arbeit zu bekommen.

Stephan
1 Monat zuvor

Ja danke Bayern mit seiner Wirtschaftsschule. Früher mal gut gedacht. Also Alternative zum wirtschaftlich orientierten mittleren Schulabschluss. Als in den Realschulen im BWR-Zweig noch mit vorgedruckten Kontorahmen gebucht wurde, lernten die Schüler hier tatsächlich “Office” und “Firma”. Dann zog die Realschule nach und die Wirtschaftsschule ging in die Knie (Mathezweig wurde abgeschafft, Anforderungen heruntergeschraubt). Und seit diesem Jahr haben wir den Wirtschaftszweig der Realschule (ab 7. Klasse) und die Wirtschaftsschulen (ab 5. Klasse) deren Lehrpläne sich nur sehr wenig unterscheiden. Wir schleppen also quasi eine Schulform doppelt rum.
Für nicht Bayern: Wir haben hier 5 (FÜNF) sehr verschiedene Prüfungen für mittleren Bildungsabschluss in Mathematik.

Katze
1 Monat zuvor

Man muss es den beruflichen Schulen lassen: Sie sprechen aus, was viele seit Jahren denken, aber kaum jemand laut sagen darf, ohne sofort von Reformpädagogen mit dem pädagogischen Bannstrahl belegt zu werden. „Schule sollte sinnentnehmendes Lesen fördern – in allen Fächern, konsequent.“ Ja, genau das! Und genau dabei wurden Lehrkräfte jahrzehntelang von Bildungsidealisten ausgebremst, die lieber „Lernlandschaften“ bauten, „Kompetenzraster“ malten und „selbstorganisiertes Lernen“ predigten, während die Schüler fröhlich ohne Grundfertigkeiten durchs System drifteten.
Dabei wäre es so einfach: „Die allgemeinbildenden Schulen sollten Lesen, Schreiben, Rechnen vermitteln.“ Punkt. Kein Hexenwerk. Und zwar differenziert – denn wo Gymnasium draufsteht, sollte bitteschön auch Hochschulreife drin sein. Nicht „Hochschulreife light“, nicht „Hochschulreife glutenfrei“, sondern echte, solide Fähigkeiten, die über das Addieren von zwei einstelligen Zahlen hinausgehen. Und in der Kursstufe bitte kein Weichbodenmathe, Chemie ohne Reaktionsgleichungen oder Physik ohne Berechnungen etc..
Und ja, ein erfolgreicher Abschluss einer Haupt- oder Oberschule sollte es einem Fliesenlegerlehrling ermöglichen, auszurechnen, wie viele Fliesen mit einer Größe in Quadratzentimetern an eine Wand in Quadratmetern passen. Auch mal ohne Taschenrechner-App und ohne „Mama, kannst du mal kurz…?“. Ein Elektriker sollte Anweisungen zur Installation stromführender Leitungen sinnentnehmend lesen können – es wäre doch schade, wenn die Sicherung fliegt, weil jemand „Phase“ für eine neue Energy-Drink-Sorte hielt. Und ein Laborant – wohlgemerkt ein Beruf, für den man kein Abitur braucht – sollte Chemikalienlisten und Gefahrstoffhinweise verstehen können. Es wäre ungünstig, wenn jemand denkt, „ätzend“ sei nur eine Charakterbeschreibung des Ausbilders.
Man könnte die Liste endlos fortsetzen:
– Der angehende Bäcker, der versteht, dass „200 g Mehl“ nicht „ungefähr eine Handvoll“ bedeutet.
– Der zukünftige Kfz-Mechatroniker, der erkennt, dass „Drehmoment“ kein neues Fitnessgerät ist.
– Die Pflegekraft, die eine Medikamentendosierung nicht als Sudoku-Rätsel interpretiert.

Und deshalb ein kleines Loblied auf das differenzierte Schulsystem, das wir eigentlich haben – oder besser: das wir hätten, wenn man es denn ließe. Ein System, das Stärken fördert, statt so zu tun, als seien alle gleich. Ein System, das anspruchsvoll sein darf, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Ein System, das nicht versucht, jeden Bildungsweg in denselben pädagogischen Smoothie zu pürieren.
Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger über „Kompetenzen“ zu reden und wieder mehr über Basiswissen, fachliche Fähigkeiten und klare Erwartungen. Und vielleicht – ganz vielleicht – könnten wir dann irgendwann wieder Schüler hervorbringen, die Texte verstehen, Aufgaben lösen und Anweisungen befolgen können.
Aber gut – im bestellten neuen Normal, in dem Reformer und Bildungsidealisten alles, was nach Oldschool klingt, den Lehrkräften als rückständige Marotte auslegen, wäre das ja schon beinahe ein revolutionärer Akt.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

“Ein System, das nicht versucht, jeden Bildungsweg in denselben pädagogischen Smoothie zu pürieren.”
Liebe Katze,
Ich lese Ihre Kommentare sehr gerne, weil Sie die Dinge immer so herrlich direkt, klar und schnörkellos auf den Punkt bringen.
Ich liebe diesen Smoothie-Satz – das ist einfach Nagel – Kopf – Treffer. 🙂

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Bin wohl nicht der einzige Zyniker hier. 🙂

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Wobei ich noch nicht ganz begriffen habe, worin genau der Zynismus in @Katzes Kommentar besteht.
Grübel, grübel…..

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Teil welches Problems jetzt genau?

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Na dann, ganz besonders zynisch-herzliche Grüße zurück.

Aber in meine Selbsthilfegruppe kommen SIE mir nicht rein.
Ätsch, das ham’se nun davon.

Schönen Sonntach noch.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Der Zynismus der einen ist der Realismus der anderen.
Man kann den Realitäten eben auch mit beißendem Spott begegnen. Das ändert aber nichts an den Realitäten, es verändert nur die Perspektive.

Mika BB
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Tja, dann ist die heutige Schule halt ein vollgekotztes Glas. Zu klären wäre noch, wer von Eltern, SuS, Lehrkräften, Politikern am meisten reingekotzt hat.

Und ja, ich sehe es genauso wie Katze und kann darin keinen Zynismus, sondern traurigerweise nur eine Realitätsbeschreibung erkennen.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Und wo sind die konkreten Lösungsvorschläge?
Stehen alle in Katzes Beitrag.
Müssen Sie wohl überlesen haben.

Mika BB
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich bin Lehrer, kein Bildungspolitiker. Ich beschreibe den Ist-Zustand aus meinem täglichen Erleben. Konkrete Lösungen zur Verbesserung der Gesamtsituation mit Plan zur Umsetzung zu erarbeiten ist originäre Aufgabe der Kultusminister und ihrer Mitarbeiter – am besten in Kooperation mit den Leuten „an der Front“: ErzieherInnen, Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Schulpsychologen usw.

Ich verstehe Katze nicht so, „dass die real existierenden Kinder abgeschafft gehören (alle faul, alle doof, alle nicht beschulbar)“, sondern dass die Vorgaben der Kultusse Bildung eher verhindern als befördern, so dass, zugespitzt formuliert, in deren Ergebnis die Kinder „faul und doof“ gemacht werden.

Die Kultusse wollen unsere Vorschläge? Haben wir hier oft formuliert.

Herr Freiberg, der brandenburgische Kultusminister, frugte zu Beginn seiner Amtszeit sogar unsere Probleme, Bedürfnisse, Wünsche ab. Ich hab damals mit ihm gesprochen, gesammelte Briefe meiner Kollegen abgegeben.
Was passiert ist? Nix. Ablage Rundordner vermutlich.
Oder er hat uns gründlich missverstanden – statt Entlastung und besserer Schule gibts jetzt ein höheres Deputat, weniger Lehrer für mehr Schüler und ein Streichkonzert in allen Bereichen des Schulalltags.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Nun ja, wenn einem vom Inhalt des halbvollen/halbleeren Glases sauschlecht wird, dann kann das schon mal passieren….
Sorry

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Warum saufen Sie denn so viel, wenn Ihnen davon schlecht wird? Eine Schwangerschaft können wir la mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit ausschließen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Können Sie Katze genau so schreiben 😉

p.n.g.
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

“Weltsicht” = ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt …?
Oder “Weitsicht” = Blick in die Zukunft = welche Dinge wirken sich zukünftig wie aus?

Pädagogische Fachkraft
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Nein, eine Zusammenfassung zur aktuellen Sicht der sehr verqueren Art von Bildungspolitik, wie sie leider zur Zeit meist praktiziert wird. Sie als Redaktion stehen nicht täglich in der Schule und wollen es oft einfach nicht wahrhaben, was da abläuft, warum auch immer…
Aber die ungeschönten Statements der Lehrkräfte an der Basis klingen nicht so glatt wie die Theorien aus den Elfenbeintürmen, die sich wirklichkeitsferne “Experten” ausdenken und dann von oben anordnen wollen. Die Realität ist eine andere, und die wirklichen Experten sind die, die täglich in den Klassen stehen und die Folgen der kultusministeriellen Träume ausbaden müssen – und die noch genug Energie und Standfestigkeit besitzen, um zu versuchen, TROTZ dieser Vorgaben ihren Schülerinnen und Schülern soviel Bildung und Basiswissen zu vermitteln, dass die Schützlinge fähig sind, eine zukunftsorientierte Berufsausbildung zu durchlaufen. Das ist absolut nicht zynisch, zynisch wird es, wenn die steigende Belastung durch ministerielle Ergüsse so groß wird, dass dieses intrinsische Ziel engagierter Lehrer, Pädagogen aus Leidenschaft für die Schützlinge, faktisch torpediert wird.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Die sitzen wohl alle im Elfenbeinturm 😛

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Danke für ihren sehr treffend formulierten Kommentar.

nachdenklich
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Hervorragend!

Teacher Andi
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Leite mit solchen klaren und vernünftigen Gedanken brauchen wir in der Bildungspolitik nicht die experimentierfreudigen und von Ideologien vereinnahmten Möchtegern Experten, die nur Unruhe und Verwirrung in die Bildung bringen und nicht sehen wollen, dass oft sie der Schüssel für die Bildungsmisere sind. “Old School” darf nicht länger verpönt sein, denn Neues ist nicht immer für alles gut.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Wir sollten eine Zyniker-Selbsthilfegruppe gründen.
Bedarf besteht ganz offensichtlich.
Vielleicht mag @Katze ja die Leitung übernehmen. 😉

Katze
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Klar, das machen wir. Ich bewerbe mich sofort als Fachberater. Eine befreundete Deutsch-Kollegin übernimmt den Arbeitskreis Sarkasmus für Fortgeschrittene.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Wenn schon Lesekompetenz, dann Fähigkeiten und Fertigkeiten bei der Weinlese und den folgenden Verarbeitungsschritten sowie eine Kondition wie der Zwerg Perkeo. Das verändert auch den Blick auf die Realitäten.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ich persönlich übernehme dann den Grundkurs “Aufklärung über framing-Sprache – Modul 1: Nenn’ sie einfach Zyniker!”.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  447

@Katze, @447 – Supi! Und ich setz’ mich hin, deligiere die Aufgaben und trage schwer an der Verantwortung.
So machen wir’s. 🙂

S0ph13L31n
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Wobei Unis hier nicht so laut krähen sollten was die “schlechte Qualität der Abiturienten” angeht, wenn diese die Qualifikation der Hochschulreife als light Version kritisieren. Das Gelabere ist alt, wurde schon 2007 über meinen Jahrgang gesagt und besteht weiterhin. Die stecken selbst nur den Minimalaufwand in den Unterricht, lassen Übungen zu Grundlagenfächern von höhersemestrigen Studenten leiten, wundern sich, dass da keine Qualität rauskommt, weil man keinen Doktoranden abstellen will dafür und die Betreuung der Studenten in Facharbeiten ist nicht vorhanden.

Unis schieben gerne den schwarzen Peter den Gymnasien, sowie der Bologna-Reform zu um vom eigenen internen Elend abzulenken, dass sie ihrem Personal nicht genügend Zeit und Mittel für die Lehre zur Verfügung stellen.

ed840
1 Monat zuvor

dass wir viele Lehrkräfte haben, die wir an die Gemeinschaftsschulen abordnen

Wenn meine Informationen stimmen, schaffen es Lehrkräfte an beruflichen Schulen in Schleswig Holstein nicht wenige SuS mit SPF oder Migrationshintergrund z.B. über das AV-SH zum ESA zu führen, die vorher an Gemeinschaftsschulen bis zu zweimal daran gescheitert sind.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

” SuS mit SPF oder Migrationshintergrund”
Ja, dass sind garantiert alle Betroffenen 😛

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Ja, dass sind garantiert alle Betroffenen

Mag sein, dass Sie das glauben wollen.

Ist aber auch kein Geheimnis wie viele der 2713 betroffenen Sus eines dieser Merkmale aufwiesen.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

“dass sind garantiert alle Betroffenen”

Nein, laut den Zahlen der Statistik nur ca. 90% der SuS ohne mind. ESA.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Klingt spannend. Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Quelle dazu teilen würden.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Pssst… Das dürfen sie aber so nicht sagen. Die Gemeinschaftsschule ist doch eine “starke Schulart”, die am besten flächendeckend als einzige Alternative zum Gymnasium eingeführt werden soll, weil dort alle gemeinsam lernen und jeder individuell gefördert wird, quasi als der Heilige Gral eines modernen Schulsystems. Over and out.

ed840
1 Monat zuvor

Fällt schon auf, dass bei der Beschulung von SuS, die den ESA in Regelklassen nicht geschafft haben, bei der weiteren Beschulung oft gegen die Prinzipien der Bildungsexperten verstoßen wird.

Die werden in speziellen Klassen zusammengefasst = leistungshomogen, in kleine Gruppen unterrichtet , oft in Doppelbesetzung durch zwei Lehrkräfte, obwohl die Klassenstärke bei guten Lehrkräften ja kaum eine Rolle spielen soll usw. usw.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Hatten wir diese Diskussion nicht schon längst?
https://www.deutschlandfunk.de/hamburger-stadtteilschulen-eine-echte-alternative-zum-100.html

Aber Gymnasium klingt wirklich gut. Sie sollten überlegen, dorthin zu wechseln, da können Sie alle Schüler*innen, die Sie zu faul befinden, aussortieren 🙂

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Bei IQB-2024-Mathematik und Naturwissenschaften lagen die Durchschnittsergebnisse der SuS mit niedrigem familiären Hintergrund in HH signifikant unter dem Bundesschnitt, obwohl HH das Bundesland mit dem niedrigsten Anteil an SuS aus dieser Gruppe war.

Ähnlich auch bei den SuS mit Migrationshintergrund, deren Ergebnisse in HH ebenfalls schlechter ausfielen als der Bundesschnitt.

Anders bei den SuS an Gymnasien, dort lagen die Punktzahlen in HH höher als der Bundesschnitt.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Nicht wirklich eine Antwort auf meine Anmerkung, Vehrenkamp wäre an einem Gymnasium glücklicher bzw. dass diese Diskussion bereits geführt wurde :/

dickebank
1 Monat zuvor

Beitragssatz GKV, nur Zusatz: 2,69%

Se Länd
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Bei mir aktuell -4 Grad, gefühlt -10 Grad.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Se Länd

Witzichkeit kennt keine Grenzen – oder Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Realist
1 Monat zuvor

Wieso “Lesekompetenz”?

Die KI schlägt einem doch andauernd vor Texte “zusammenzufassen” und dann kann man sich das Zusammengefasste vorlesen lassen. Klar wird das dann genutzt. Wozu noch selber lesen und verstehen? Dazu kommt die TikTok-Verblödung im 30 Sekunden-Takt. Da muss auch keiner mehr lesen können.

Zudem sind die Schulen angewiesen bei LRS beide Augen zuzudrücken. Dass die Betreffenden dann nicht plötzlich perfekt lesen können, wenn sie in die Berufsschulen und Betriebe gehen, ist doch logisch. Wenn in diesen Fällen die geballte Fachkompetenz der außerschulischen Fördermaßnahmen, die großzügigst von den Krankenkassen bezahlt wird, scheitert, warum sind dann wieder die Schulen schuld?

Also: Wirtschaft (KI, “soziale” Medien) und Bildungspolitik (LRS) wollen es genauso so, wie es ist?

WARUM GENAU SIND JETZT NOCH EINMAL DIE SCHULEN SCHULD???

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Die jenigen, die die Curricula abgesenkt haben, die die Bedingungen in der Schuleingangsphase verschlimmbessert haben trifft die Schuld, aber das kann man als politische Verantwortlicher ändern !

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  AvL

Ich glaubem sie kennen sich (wieder einmal) nicht aus.

“Curricula” und die “Bedingungen in der Schuleingangsphase” WERDEN politisch beschlossen. So etwas ordnet das Kultusministerium per Erlass an. Da wird kein Lehrer an irgendeiner Schule gefragt. Das sind ALLES politische Entscheidungen.

Frau Schmidt
1 Monat zuvor

Ich bin Berufsschullehrer und es ist genau so. Als Deutschlehrer ist das Fazit, dass es oft hoffnungslos ist. Egal, ob in BGY oder Berufsschule. So wenig Lesekompetenz, so wenig Motivation, an seinen Unzulänglichkeiten zu arbeiten. Meine Schüler haben gelernt, mit ihren Defiziten zu leben und haben diese akzeptiert. Ging ja immer. Keine Motivation, Randkorrektur überflüssig, da nicht lesenswert. Wäre ja eine Arbeitsaufforderung, an sich zu arbeiten.
So viele Schüler/Innen bleiben unter ihren grundsätzlichen Möglichkeiten, da die Defizite nicht mehr aufzuholen sind.

Bestimmt ist auch Ki als Kollege in Berufsschulklassen sinnvoller als echte Kollegen mit Hochschulausbildung. Die halten das Niveau länger aus, ohne selbst wahlweise oder gleichzeitig zu verschleißen, zu verblöden oder sich zu fragen, welchem von diesen Menschen man weder in der Pflege seine Eltern anvertrauen möchte, noch das Auto mit den zu wechselnden Bremsen oder gar Kinder, die bestimmt alles außer Bildung zu erwarten haben. Wir geben alles für so viele niedrig qualifizierte Schüler und schaffen mehr und mehr Assistenzausbildungen, um überhaupt einen Anschluss zu ermöglichen.

Und wie geht der Unterricht ab? Starren auf Tablets, geringe bis keine Mitarbeit und ständige Langeweile und/ oder Überforderung. Aber von was? Wenn wir noch mehr leichte Sprache und didaktische Reduktion vornehmen, ist es fachlich falsch. Würde vermutlich auch keiner mehr merken.
Interessiert das überhaupt noch jemanden oder fällt das erst im Labor auf, wenn der onkologische Befund nicht stimmt und noch jemand zweifelt und nachkontrolliert, ehe der Patient leidet?

Berufe verlangen Verantwortung und die lernt man auch in der Ausbildung, zu welcher unbedingt die Berufsschule gehört. Doch sie ist kaum bildbar. Es mangelt an den Konsequenzen.

Ein furchtbares Resümee, doch tägliche Erfahrung.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  Frau Schmidt

Tatsächlich sind die untersten 5 bis 10 Prozent der Schület für den Unterricht verloren und nur für Hilfstätigkriten zu gebrauchen. Zuviel Investitionen sind da nur Geldverschwendung.

Frau Schmidt
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Aber diese Investitionen werden hochgefahren, um sie in Berufe zu bringen, bei denen ein hoher Bedarf besteht. Leider braucht man dafür aber erheblich mehr, als sie mitbringen.

nurmalso
1 Monat zuvor
Antwortet  Frau Schmidt

Ups, Leseverständnis… hatte zuerst kurz gedacht, Sie hätten das zweite “sie” aus Versehen klein geschrieben…

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  Frau Schmidt

Vielleicht braucht es in den berufsbildenden Schulen einen ähnlichen Ruck wie an den Regelschulen: Eine Berufsgemeinschaftsschule für alle, in der alle Berufsschüler, gleich welcher Sparte, zeitgleich unterrichtet und zeitgleich individuell gefördert werden. Ob Friseur, Bäcker oder Industriemechaniker – alle in eine Klasse vor genau eine Lehrkraft, die sich dann um jeden Einzelnen kümmert. Jeder Berufsschüler lernt an seinem Tablet mit Apps, die er natürlich selbst wählen darf, in seinem Tempo und hat alle vier Wochen ein Coaching-Gespräch mit der Lehrkraft. Noten werden abgeschafft, am Ende bekommen die Betriebe einen mehrseitigen Berufsentwicklungsbericht, in dem die Stärken jedes Azubis hervorgehoben werden. Und wer das erste Lehrjahr nicht besteht (was ohne Noten eigentlich gar nicht sein kann), rutscht automatisch auf ins zweite, wo er seinen künftigen Beruf in drei unterschiedlichen Niveaustufen erlernen kann. Nur so bilden wir die Fachkräfte von morgen.

Und mal ehrlich: Was an der Basis funktioniert, muss doch auch an den Berufsschulen funktionieren. Oder?

Frau Schmidt
1 Monat zuvor

Waren Sie je an einer beruflichen Schule?

nurmalso
1 Monat zuvor
Antwortet  Frau Schmidt

nur mal so, das war jetzt nicht so ernst gemeint…

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  nurmalso

Ich sollte Ironie künftig besser kennzeichnen.

GraueMaus
1 Monat zuvor
Antwortet  Frau Schmidt

Wie sollen eigentlich die vielen Schüler, die nicht sinnentnehmend lesen können, mit der ganzen Digitalisierung klarkommen? Wie sollen die sich in den “Portalen” von Behörden und Unternehmen ein Konto anlegen, wie sollen sie ihr Passwort verwalten, wie sollen sie alle erforderlichen Dokumente digital beantragen, die Gebühren digital bezahlen und dabei verstehen, was sie eigentlich machen? Wie sollen sie eigene Fehler wieder korrigieren, wie sollen sie dem geschickten “Phishing” entgehen, wie sollen sie SPAM von richtigen Nachrichten unterscheiden, wenn sie nicht mal sinnentnehmend lesen können? Muss das nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft führen (die es vielleicht jetzt schon gibt), die aber nicht politisch begründet ist, sondern die aus der unterschiedlichen “Digital-Kompetenz” kommt?

Sepp
1 Monat zuvor

Vor einigen Jahren hatte ich in meinem naturwissenschaftlichen Unterricht in Jahrgang 5 einzelne Schüler mit Migrationshintergrund (in Deutschland geboren), die bspw. an Komposita wie “Kerzenflamme” oder “Lichtquelle” gescheitert sind. Mit kurzer Erklärung gelang es ihnen, die Wörter in ihre Bestandteile zu zerlegen und sich zu erschließen.

Inzwischen wird offenbar so wenig gelesen, dass auch viele Kinder ohne Migrationshintergrund damit Probleme haben. Insofern kommen wir auch im MINT-Unterricht gar nicht mehr um Sprachbildung herum. Diese Entwicklung finde ich ziemlich beunruhigend.

wombatlover
1 Monat zuvor
Antwortet  Sepp

Ich habe letzte Woche in einer Klasse angehender Erzieher gefragt, was das Wort Deich bedeutet. Ergebnis: viele ausdruckslose Gesichter, eine Studierende (oh ja, das sind in meinem Bundesland Studierende und der Abschluss entspricht einem Bachelor) brachte das Wort in den Zusammenhang mit Wasser, eine wusste die Antwort. Das sind junge Menschen, von denen man erwartet, dass sie in zwei Jahren effiziente Sprachförderung im Kindergarten anbieten zu können.

nurmalso
1 Monat zuvor
Antwortet  wombatlover

Ich empfehle dazu die Lektüre eines Forums bei 4teachers.
https://www.4teachers.de/?action=showtopic&dir_id=667874&topic_id=7513

Der erste Eintrag war vor ca. 20 Jahren. Die damaligen SuS sid jetzt halt älter…

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  wombatlover

Die Erkenntnis, dass wer nicht Deiche will, weichen muss, ist nicht neu und lässt sich im übertragenen Sinn anwenden.

S0ph13L31n
1 Monat zuvor
Antwortet  wombatlover

Wie bitte? Deich ist zum Fremdwort geworden und das in Zeiten der globalen Erwärmung und Anstieg des Meeresspietels?

nachdenklich
1 Monat zuvor

In den Grundschulen findet immer weniger statt, was die Kinder auf die weiterführenden Schulen vorbereitet. Es gibt gefühlt 1 Million andere Projekte und Vorhaben. Sie sind alle ehrenwert, führen aber dazu, dass Lesen, Schreiben, Rechnen mehr und mehr an den Rand gedrückt werden. Und dann lesen wir wieder, dass die Kinder das immer schlechter können.

Nun lese ich dieses aus Thüringen und finde es absurd: die Verfassungsviertelstunde. Aus Bayern abgeguckt? Womöglich nicht für die Grundschulen? Aber trotzdem, Schulen werden heute überfrachtet mit dem, was sie alles machen sollen. Da aber auch selten etwas gestrichen oder verschoben wird (man denke an die Division und den Aufschrei deswegen), bleibt am Ende: Von allem ein bisschen und nichts richtig.

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/verfassungsviertelstunde-schule-bildung-demokratie-100.html

Feirefiz
1 Monat zuvor

In der Berufsschule habe ich eine Stunde Deutsch. Klassen mit bis zu 32 Leuten. Wie soll ich da fördern, was in 9-11 Schuljahren vorher verpasst wurde?

Stine
1 Monat zuvor
Antwortet  Feirefiz

Früher hat man, wenn Kinder nicht mitgekommen sind, einfach gesagt, sie wiederholen die Klasse. Es gibt sicherlich Gründe, warum das heute nicht mehr so ist mit dem Sitzenbleiben. Aber wenn man sich heute die Erstklässler anschaut, sind die Unterschiede in der Schulreife doch erheblich. Einige lesen und kennen alle Buchstaben, andere können nicht mal eine Schere bedienen. Wie man es als Lehrer hinbekommen soll, dass da dann jeder in seinem Tempo was lernt, ist mir ein Rätsel. Zudem heißt es heute häufig, das Kind kann das noch nicht, aber das ist gar nicht schlimm… ich stelle mir vor, man sitzt da und merkt, alle anderen haben es kapiert, alle anderen können das und ich nicht, ich würde da entweder Angst kriegen oder resignieren. Und dann hat man entweder die Eltern, die fördern, oder man wird mit seinen Lücken durchgezogen? In meinem Bekanntenkreis gibt es ein Kind mit ADS, da wurden nach Corona die Lücken größer und größer, das Kind hatte schon Angst vor der Schule und sie haben es zurückstellen lassen. Sie mussten dafür regelrecht kämpfen. Das Kind hat eine Klasse wiederholt und es ist eine riesige Anspannung abgefallen. Endlich kam es zur Ruhe und hat die Lücken aufgearbeitet. Die weitere Schullaufbahn verlief bisher problemlos. Ich frage mich dann immer, ob es nicht wirklich helfen kann zu warten, bis alle reif fürs Lesen und Schreiben sind, bevor man sie weiterschickt, und eben im Einzelfall doch eher so entscheidet…

Frau Schmidt
1 Monat zuvor
Antwortet  Feirefiz

Dankeschön, das trifft es.

Marion
1 Monat zuvor

Vielleicht muss alles schon viel früher beginnen: Im Kindergarten.
Ich habe den direkten Vergleich – nach knapp neun Jahren im offenen Konzept, nun seit drei Wochen in einem Kindergarten…., ja, wie soll ich es beschreiben – klassisch, oldschool, klare Strukturen mit klaren Regeln, die mit Klarheit gelebt werden.
Fokus trotzdem auf dem einzelnen Kind – was braucht es gerade, wie können wir ihm das innerhalb unseres Rahmens geben?

Es gibt eine feste Tagesstruktur mit einem ausgewogenen Wechsel aus Freispiel, gemeinsamen Tätigkeiten und Kleingruppenangeboten.
Den Rahmen, die Struktur legen die Erwachsenen fest. Immer auch ausgerichtet darauf, was die Kinder gerade brauchen.
Es findet intensive Vorschularbeit statt mit dem Üben von Basisfertigkeiten in den Bereichen Konzentration, Feinmotorik, Merkfähigkeit etc.pp.

Wenn Freispiel ist, ist Freispiel, mit der Möglichkeit, je nach Bedarf einzelnen Kindern besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Wenn Aufräumzeit ist, ist Auftäumzeit.
Wenn Spielekreis ist, ist Spielekreis. Wenn Kleingruppenangebot ist, ist Kleingruppenangebot. Wenn Vorschule ist, ist Vorschule. Wenn Brotzeitpause ist, ist Brotzeitpause.
Wenn Gartenzeit ist, ist Gartenzeit. Freispiel ist für alle. Aufräumzeit ist für alle.
Spielekreis ist für alle, Kleingruppe für die jeweilige Altersgruppe, Vorschule für die Vorschulkinder,
Brotzeitpause für alle, Gartenzeit für alle.
Was im Freispiel gespielt wird, entscheidet jedes Kind für sich selbst. Die Angebote werden von den Erwachsenen geplant und vorgegeben, immer danach ausgerichtet, was gerade gebraucht wird.

Klingt alles ganz furchtbar nach unglücklichen, unterdrückten Kindern, die über nichts selbst bestimmen dürfen und den ganzen Tag nach der Pfeiffe von Erwachsenen tanzen müssen.
Aber weit gefehlt:
Innerhalb dieses festen Rahmens gibt es nämlich immernoch eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Kinder, individuelle Entscheidungen zu treffen, selbst Verantwortung zu übernehmen und Selbständigkeit zu üben.
Sie dürfen wählen, sich aussuchen, selbst entscheiden, aber eben nicht in einer überfordernden Weise, sondern ihrem Entwicklungsstand, ihrer Reife entsprechend.
Da wird aus einem “du darfst dir aussuchen was du willst”, z.B. ein “hier sind drei Dinge, du darfst dir eins aussuchen.”
Aus “was möchtest du?” wird “möchtst du lieber das, oder das?”

Und ja, manchmal müssen sie auch Situationen durchstehen, die gerade im Moment für sie ärgerlich, frustrierend, unangenehm sind.
Aber wenn sie da durch sind, haben sie etwas gelernt, was man “Frustrationstoleranz” nennt.
Und sie müssen auch nicht alleine durch. Wir sind ja da. Wir stehen zur Seite.
Wir spenden Lob und Anerkennung, wenn ein Kind sich besonders angestrengt, sich Mühe gegeben hat, etwas zu schaffen, von dem es vorher glaubte, “das kann ich nicht” oder “ich trau mich nicht.” Egal wie das Ergebnis aussieht – wichtig ist, es versucht zu haben, sich ehrlich bemüht zu haben, denn dann wird es mit jedem weiteren Versuch ein bißchen besser.
Wir unterstützen, bieten Hilfestellung an und “zusammen schaffen wir es und irgendwann kannst du es sogar alleine.”
Und dann ist man unwillkührlich bei einem Satz, den ich schon lange nicht mehr gehört habe, weil er so altmodisch klingt und so sehr nach Mühe und Anstrengung, der aber trotzdem wahr ist, und der in diesem schrecklich altertümlichen Kindergarten tatsächlich immer mal wieder ausgesprochen wird:
Übung macht den Meister.

Und wie geht es den Kindern in dieser Einrichtung?
Nun, sie kommen jeden Tag gerne in ihren Kindergarten.
Das Freispiel verläuft überaus entspannt mit wenig Konfliktsituationen. Die Kinder wirken, trotz auch mancher schwierigen familiären Situation, erstaunlich ausgeglichen und in sich ruhend.
Sie verfügen über ein hohes Maß an Selbständigkeit und die älteren Kinder sind sehr hilfsbereit gegenüber den jüngeren.
Ansonsten sind sie halt “ganz normale” Kinder: fröhlich, ein wenig frech, aber nie wirklich unverschämt, manchmal trotzig, manchmal laut, manchmal wild, manchmal redselig und extrovertiert, manchmal schüchtern und zurückhaltend – ganz normale Kinder halt.

Ich selbst kann sagen, dass ich noch nie in einem Kindergarten gearbeitet habe, in dem es so ausgeglichen, ruhig und entspannt zuging.
Es liegt nazürlich nicht allein am Konzept – hilfreich ist auch die ausgesprochen gute, großzügige räumliche Situation – das darf man nie untetschätzen.
Irgendwer hat mal gesagt “der Raum ist der zusätzliche Erzieher.”
Da ist was dran.

p.n.g.
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Tolles Konzept! So sollte es in allen Kitas sein. … obwohl… so etwas gab es schon mal … zu meiner Kindergartenzeit und der meiner Kinder. Meine Enkel hatten auch Glück mit ihrer Kita, die arbeitete auch so, wie in Ihrem Beispiel 🙂