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Pfeifen im Halse

Stimmstörungen sind eine typische Lehrerkrankheit. Bis zu 60 Prozent sind im Laufe ihres Berufslebens davon betroffen.

Wenn die Lehramtsstudentin Antonia Pröll* vor der Klasse stand, klang sie wie ein kleines Mädchen: Mit ihrer piepsigen und hohen Stimme fiel es ihr schwer, von den Schülern gehört zu werden. Sie wiederholte die Anweisungen, sprach sehr laut und war abends heiser. Die Stimme wird im Lehrerberuf stark gefordert: Sie muss in mehr oder weniger aufmerksame Ohren dringen und dabei möglichst angenehm klingen.

Um das zu schaffen, benötigt sie Kraft und Technik. Dass der Stimme genau das oft fehlt, fand Sprechwissenschaftlerin Sigrun Lemke von der Universität Leipzig heraus. Spricht ein Bariton zu hoch, wird die Klangfülle reduziert. In einer anstrengenden Situation wie dem Unterricht gleicht die Stimme das mit Lautstärke aus. Die Folge: Heiserkeit und ein Sprechausdruck, der als knarrend, schneidend und scharf empfunden werden kann. Nach Lemkes Studie hatten von den 5. 400 Lehramtsanwärtern 40 Prozent Stimmauffälligkeiten. Sie lispelten, stotterten, näselten oder polterten. 15 Prozent wurden behandelt.

„Ein guter Lehrer hat eine Lehrerpersönlichkeit, dazu gehören Auftreten, Rhetorik, Kommunikationsfähigkeit und Selbstbewusstsein“, sagt Ortwin Lämke, Sprechwissenschaftler am Zentrum für Rhetorik der Universität Münster. Und die Persönlichkeit spiegelt sich in der Stimme. Piepsende, lispelnde oder stotternde Pädagogen müssen ihre Stimme nicht nur ungewöhnlich stark anstrengen, sie sind auch ein schlechtes Sprachvorbild für Kinder und Jugendliche, so der Experte. Stimmprobleme können auch Zeichen für tiefer gehende Schwierigkeiten sein. Lämke: „Frauen reagieren typischerweise auf Stress und Unsicherheit damit, dass sie anfangen, zu flöten“. So wie Antonia Pröll, als sie die ersten Male unsicher vor einer Klasse stand.

Gerade Berufsanfänger müssen ihre Stimme an die regelmäßige Belastung gewöhnen. Gelingt das nicht, kann es zu Stimmstörungen wie Erkältungskrankheiten, Entzündungen des Kehlkopfes, aber auch zu chronischer Heiserkeit kommen. Nach Untersuchungen der Universität des Saarlandes erkranken fast 60 Prozent der Lehrer einmal an einer Stimmstörung, die sie arbeitsunfähig macht. Die Häufigkeit einer Stimmstörung liegt in dieser Berufsgruppe bei elf, in der übrigen Bevölkerung bei sechs Prozent. Aber: Vorbeugende Stimmübungen und ein gezieltes Training, etwa bei einem Logopäden, können helfen. Das ist das vorläufige Ergebnis einer Studie über die Wirksamkeit von Sprechtraining, die Sigrun Lemke derzeit durchführt: Der zufolge ist das Risiko einer Erkrankung für eine untrainierte Lehrerstimme dreimal so hoch wie für eine professionell geschulte.

Antonia Pröll kann das bestätigen. Während ihres Studiums belegte sie einen Kurs und verbesserte mit einer Sprecherzieherin das Zusammenspiel ihrer Atmung mit Stimmbildung und Artikulation. Ihre Piepsstimme war nach einem halben Jahr verschwunden.

Nina Braun

Aus: Forum Schule 3/2009

Bundesverband der Logopäden:  www.dbl-ev.de/index.php?id=231

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