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Wissenschaftler zweifeln am „Armenhaus“ Ruhrgebiet

BERLIN. Mit einer „Unstatistik des Monats“ wollen Wissenschaftler auch Berlin, Bochum und Dortmund ab sofort regelmäßig aktuell publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragen. Den Anfang macht der unlängst präsentierte „Armutsbericht“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Symbolisiert das Ruhrgebiet: die Zeche Zollverein in Essen. Foto: ups1974 / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Symbolisiert das Ruhrgebiet: die Zeche Zollverein in Essen. Foto: ups1974 / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie werden ab jetzt nach Ende eines Monats sowohl jüngst publizierten Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragen. Die Aktion soll dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben.

Der erste Stein des Anstoßes ist der vor kurzem vorgestellte „Armutsbericht“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Daraufhin titelte beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“: „Das Ruhrgebiet ist Deutschlands neues Armenhaus“. So sei zum Beispiel die Armutsgefährdungsquote in Dortmund zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, verglichen mit 14,5 Prozent in Gesamtdeutschland. Aber auch landesweit ginge der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen vorbei.

Maßstab ist entscheidend

Beide Aussagen sind irreführend, heißt es nun in der Begründung der Forscher. „Als armutsgefährdet gilt hier, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Für die Bestimmung der Armut ist die so definierte Armutsgefährdungsquote jedoch irrelevant, da sie nicht die Armut, sondern lediglich die Ungleichheit misst. Auch ging der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen nicht vorbei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist das monatliche Medianeinkommen eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren zwischen 2005 und 2010 von 2.575 auf 2.892 Euro gestiegen. Entsprechend ist das Einkommen, ab dem ein Haushalt als armutsgefährdet bezeichnet wird, in diesem Zeitraum von 1.545 auf 1.735 Euro gestiegen. Die Armutsgefährdungsquote verringerte sich jedoch im gleichen Zeitraum leicht von 14,7 Prozent auf 14,5 Prozent, das heißt alle Haushalte haben im gleichen Maße vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, die ‚Armen‘ sogar leicht überproportional. Entscheidend ist der Vergleichsmaßstab. Für die Armut im Ruhrgebiet verwendet der Paritätische Wohlfahrtsverband das (leicht gestiegene) Durchschnittseinkommen von Deutschland als Berechnungsgrundlage. Wird dagegen das Durchschnittseinkommen der jeweiligen Großstadt als Berechnungsgröße verwendet, hatte Dortmund in 2010 eine geringere Armutsgefährdungsquote als Düsseldorf, Hannover, München oder Stuttgart. Duisburg hatte mit 13,9 Prozent sogar die geringste Armutsgefährdungsquote aller ausgewiesenen Großstädte überhaupt.“

Ungleichheit sei aber nicht dasselbe wie Armut. In Dortmund und Duisburg gebe es nicht mehr Ungleichheit unter den Menschen in der Stadt, sondern nur relativ zum Durchschnitt für Deutschland.

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