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Ausbildung: Lage aktuell rosig – aber Probleme zeichnen sich ab

BERLIN. Der Berufsbildungsbericht 2012 der Regierung geht auf die zunehmende Kritik am Ausbildungssystem kaum ein. Experten vermissen grundlegende Reformen angesichts des enorm wachsenden Qualifikationsbedarfs.

Einen Ausbildungsplatz zu finden, ist für die meisten Jugendlichen heute kein Problem: Angehende Elektronikerinnen für Betriebstechnik. Foto: ME-Arbeitgeber / Flickr (CC BY 2.0)

Einen Ausbildungsplatz zu finden, ist für die meisten Jugendlichen heute kein Problem: Angehende Elektronikerinnen für Betriebstechnik. Foto: ME-Arbeitgeber / Flickr (CC BY 2.0)

«Lehrstelle gesucht» – das war früher. Heute heißt es bei immer mehr Betrieben «Lehrling gesucht». Der neue Berufsbildungsbericht 2012 der Bundesregierung schildert auf über 100 Seiten die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt so rosig wie seit Jahren nicht mehr. Im laufenden Ausbildungsjahr fanden acht Prozent mehr Bewerber eine Stelle als im Vorjahr. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten.

Das Positive: Die Zahl der bei der Lehrstellensuche erfolglos gebliebenen Jugendlichen sinkt weiter. Weitaus weniger Schulabgänger als in den Vorjahren müssen vor Vermittlung in ein Ausbildungsverhältnis zunächst im Übergangssystem «Warteschleifen» drehen. Zumindest im Westen steigt die Zahl der Neuverträge. Und erstmals gibt es auch ernsthafte Anzeichen, dass auch andere EU-Staaten (Schweden, Ungarn, Rumänien) Teile des immer wieder als Vorbild gerühmten deutschen Berufsausbildungssystems tatsächlich übernehmen wollen.

Experten: Duale Ausbildung hinkt hinterher

Doch die duale Berufsausbildung in Deutschland mit ihrem Zusammenspiel von betrieblicher Praxis und staatlichem Berufsschulunterricht steht seit einiger Zeit unter heftigem Expertenbeschuss: Sie versperre vor allem Jugendlichen mit nur niedrigem Schulabschluss (zum Beispiel Hauptschule) den Zugang zu qualifizierten Ausbildungsberufen. Und mit ihrer Berufsfixiertheit und ihrem Vorrang von praktischem Lernen hinke die bisherige Berufsausbildung der modernen Wissensgesellschaft hoffnungslos hinterher.

Zu dieser Kritik findet man im Berufsbildungsbericht – den das Kabinett an diesem Mittwoch verabschieden will – allerdings nur wenig.

Zwar wird darauf verwiesen, dass der Qualifikationsbedarf in der Wirtschaft insgesamt überproportional weiter steigt. Laut Prognose wird bis 2020 für mehr als jeden dritten Arbeitsplatz in Deutschland ein «sehr hohes Qualifikationsniveau» erforderlich sein – während die Zahl der Arbeitsplätze für Geringqualifizierte drastisch sinkt. Doch auf mögliche Konsequenzen für das duale System, dass wegen der rückläufigen Schülerzahlen in den kommenden Jahren mit zunehmenden Bewerbermangel rechnen muss, geht der Bericht nicht ein.

Immer neue, noch spezialisiertere Berufsbilder

Der Göttinger Sozialwissenschaftler Martin Baethge verweist darauf, dass heute jeder zweite Absolvent einer betriebliche Lehre fünf Jahre nach seinem Gesellenabschluss in einem völlig anderen Beruf als den erlernten arbeitet. Doch statt die allgemeine Grundbildung für junge Menschen während ihrer Ausbildung zu stärken, haben die Tarifpartner in den vergangenen Jahren immer neue, noch spezialisiertere Berufsbilder erfunden. Zudem gibt es immer noch viel zu viele nicht modernisierte Ausbildungsordnungen – vor allem im Handwerk.

Die gute Konjunktur, eine nahezu stabile Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sowie rückläufige Schülerabgängerzahlen haben zumindest die seit Jahren beklagten Übergangsprobleme für Jugendliche vom Schulabgang in die Berufsausbildung abgemildert. Erstmals befanden sich 2011 laut Bericht etwas weniger als 300 000 lehrstellensuchende junge Menschen in einer «Warteschleife» des sogenannten Übergangssystem. Der Nutzen vieler dort angebotener Kurse und Nachqualifizierungen ist seit langem umstritten. 2005 lag die Zahl der Teilnehmer noch bei 420 000. Das entsprach der Größe von fast einem halben Schulabgängerjahrgang.

Der Berufsbildungsbericht zeigt aber auch, dass die Zahl der vorzeitigen Vertragslösungen 2011 wieder leicht gestiegen ist. Sie liegt jetzt bei 23 Prozent. Das entspricht 142 000 wieder gekündigten Ausbildungsverträgen. Die Ausbildungsbereitschaft des öffentlichen Dienstes schwächelt. Die Verwaltungen von Kommunen und Landes- wie Bundesbehörden verzeichnen einen Rückgang bei den Neuverträgen von 8,5 Prozent.

Migranten haben nach wie vor selbst bei gleichen Schulabschlüssen schlechtere Ausbildungschancen als junge Deutsche. Die Ausbildungsquote junger Migranten liegt bei 33,5 Prozent – und ist damit halb so hoch wie bei deutschen Jugendlichen. dpa
(7.5.2012)

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