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Schülerstudie: Spicken ist manchmal erlaubt

ZÜRICH (Mit Leserkommentar). Man soll nicht lügen, nicht spicken und keine Elternunterschriften fälschen – Schüler stimmen diesen Verhaltenregeln grundsätzlich zu und wollen ehrlich sein. Je nach Schulsituation machen sie manchmal Ausnahmen und wenden unkonventionelle Ehrlichkeitsregeln an, um eine gute Note zu erzielen. Das ergab eine Studie der Universität Zürich mit 14- und 15-jährigen Schülern.

Spicken ist für Jugendliche manchmal erlaubt; Foto: Slongood/Flickr (CC BY 2.0)

Spicken ist für Jugendliche manchmal erlaubt; Foto: Slongood/Flickr (CC BY 2.0)

Nicht zu lügen gilt als erlernte und bekannte Ehrlichkeitsregel bei 14- bis 15-Jährigen, die im Rahmen einer Studie an der Züricher Volksschule befragt wurden. Ebenso ist den Jugendlichen klar, dass sie keine unlauteren Hilfsmittel bei Schultests benutzen und die Unterschrift der Eltern nicht fälschen dürfen. Allerdings sind gewisse „Unehrlichkeitspraxen“ den Schülern zufolge in manchen Unterrichtssituationen und bei einzelnen Lehrpersonen zulässig.

«In solchen Fällen beurteilen die Jugendlichen es als legitim, bei Prüfungen zu spicken, Informationen vorzuenthalten oder Elternunterschriften selber zu setzen», erklärt Emanuela Chiapparini. Die Jugendforscherin der Universität Zürich hat die Tugend Ehrlichkeit aus Sicht der Schüler untersucht und 31 Tiefeninterviews mit 14- bis 15-Jährigen im Kanton Zürich durchgeführt. Anhand der Gespräche schloss sie auf die expliziten und impliziten Ehrlichkeitsregeln der Jugendlichen.

Pragmatische und soziale, nicht moralische Kriterien

Der Forscherin zufolge besteht eine Diskrepanz zwischen konventionellen Ehrlichkeitsregeln, die moralisch legitimiert sind, und unkonventionellen Ehrlichkeitsregeln, die individuell und kollegial begründet werden. Vor allem, wenn sich die Jugendlichen in einem Dilemma befinden, entscheiden sie nicht nach moralischen Kriterien, sondern orientieren sich vielmehr an pragmatischen und sozialen Kriterien, heißt es. Ein Beispiel: In der Klasse wird ein Stuhl beschädigt und Thomas meldet sich als Täter, obwohl er nicht für den kaputten Stuhl verantwortlich ist. Er ist unehrlich und muss nachsitzen, aber bewahrt die Klasse vor einer Kollektivstrafe und erhält er von den Mitschülern Aufmerksamkeit und Ansehen.

Schüler erwarten Kontrolle

Grundsätzlich erwarten Schüler, dass die Lehrperson ihre Hausaufgaben prüft und bei Klassenarbeiten aufpasst, dass nicht abgeschrieben wird. Korrigieren Lehrer während der Klausuraufsicht hingegen andere Arbeiten oder essen, wenden Schüler zum Beispiel Schummeltechniken an. Die von den Schülern generierte Ehrlichkeitsformel lautet dann etwa: Wenn die Lehrkraft nicht kontrolliert, ist sie selbst schuld. Laut den Jugendlichen spricht dann nichts gegen eine Schummelei.

Forscherin Chiapparini zufolge, geht es den Jugendlichen, wenn sie unehrlich sind, weniger darum, moralische Normen zu verweigern. Vielmehr stelle ihr Verhalten „eine produktive Verarbeitung des schulischen Alltages dar, der von institutionellen Regeln geprägt ist“, heißt es weiter. Schüler würden beispielsweise drohende Sanktionsmöglichkeiten abwägen und verhielten sich aufgrund ihrer Erfahrungen gezielt unehrlich. Die folgenden Beispiele zeigen, dass die schulischen Rahmenbedingungen zum Teil sogar unkonventionelle Ehrlichkeitsregeln fördern: So müssen Sachverhalte, die durch eine Lehrperson verursacht werden, nicht richtiggestellt werden, wenn kollegiale Vorteile innerhalb der Klasse gewonnen werden. Verwechselt ein Lehrer also beispielsweise den Abgabetermin für eine Hausaufgabe, müssen die Jugendlichen dies ihren Regeln zufolge nicht melden. Genauso dürfen sie nach ihrer Ansicht Informationen zurückhalten, wenn der Lehrer nicht danach fragt, es sich um nichts Wichtiges geht oder die Tatbestände nicht zu überprüfen sind.

Laut der Jugendforscherin Chiapparini zeigen die empirischen Befunde, dass die Tugend Ehrlichkeit bei Jugendlichen eine ambivalente Verhaltensweise ist, die von der jeweiligen Situation, dem Kontext und den Personen abhängig ist. (kö)

(30.6.2012)

2 Kommentare

  1. Interessant und manchmal auch zum Schmunzeln, oder? 🙂

  2. Frau Chiapparini hat selber eine sehr kreative Auslegungs- und Formulierungskunst rund um die Ehrlichkeit – falls die im Artikel genannten Formulierungen von ihr stammen. Aber zu sagen „Schüler betrügen und lügen, wenn sie damit durchzukommen glauben“ – das wäre doch sehr unhöflich!!

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