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Viele Schüler halten den NS-Staat für eine Demokratie

BERLIN. Viele Schüler kennen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht. Dies hat eine Studie jetzt ergeben. Nordrhein-Westfalen schnitt besonders schlecht ab.

Viele Schüler können die Frage nicht richtig beantworten, ob der NS-Staat eine Demokratie oder eine Diktatur war. Foto: History in an our / Flickr (CC BY 2.0)

Viele Schüler können die Frage nicht richtig beantworten, ob der NS-Staat eine Demokratie oder eine Diktatur war. Foto: History in an our / Flickr (CC BY 2.0)

Mit dem Nationalsozialismus haben sich die Schüler im Rahmen einer Projektwoche beschäftigt. Jetzt ist die Gruppe der Gesamtschule Weilerswist zur ehemaligen NS-„Ordensburg“ Vogelsang gekommen. „Nicht nur Hingucken sondern auch Handeln ist wichtig, wenn es darum geht, aktuelle rechtsextreme Tendenzen aufzuspüren“, so erklärt den Jugendlichen ein Referent der heutigen Gedenkstätte.

An kaum einem anderen Ort in Nordrhein-Westfalen lässt sich Zeitgeschichte so anschaulich machen wie in der ehemaligen Schulungsstätte für angehende NSDAP-Führungskräfte, die nach dem Krieg von den Alliierten übernommen und später der Nato als  Truppenübungsplatz diente: Ob im Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit oder im Kalten Krieg – Vogelsang war stets ein Schauplatz.

Tatsächlich scheint Anschauung bitter nötig zu sein. Eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin, in die Schulen aus fünf Bundesländern einbezogen wurden, attestiert deutschen Schülern gravierende Wissenslücken in deutscher Zeitgeschichte, also im Geschehen nach 1933. Und Nordrhein-Westfalen schneidet am schlechtesten ab.

Bereits im Juni hatten die Wissenschaftler unter dem Titel „Später Sieg der Diktaturen?“ die Ergebnisse eines umfangreichen Forschungsprojekts zu zeitgeschichtlichen Kenntnissen und Urteilen von Jugendlichen vorgelegt. Nun sind für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen detaillierte Analysen einer Langzeituntersuchung verfügbar, die weiteren Aufschluss über die Ursachen unzureichenden Wissens und falscher Einschätzungen sowie Hinweise für Verbesserungen geben.

War der NS-Staat eine Diktatur oder eine Demokratie? Schon diese Frage überfordert viele Neunt- und Zehntklässler in Deutschland. 24 Prozent – in NRW sogar fast 26 Prozent – sind sich sicher: Nazi-Deutschland war keine Diktatur. Die DDR auch nicht, meinen knapp 30 Prozent (NRW: 31 Prozent). Noch abenteuerlicher fallen die Antworten der Schüler aus, wenn es um die Bundesrepublik geht: Dass diese vor der Wiedervereinigung keine Demokratie war, meinen im Schnitt 45 Prozent, in Nordrhein-Westfalen sogar fast die Hälfte der 14- und 15-Jährigen – und 39 Prozent (in NRW mehr als 40 Prozent) der Schüler hält sie bis heute nicht dafür.

Verheerend fielen auch die Tests aus, mit denen die Bildungsforscher das zeitgeschichtliche Faktenwissen der Schüler in Deutschland ermittelten. Wofür steht der Begriff „Deutscher Herbst“? 46 Prozent der Schüler meinen: für die letzten Wochen vor dem Fall der Mauer, 24 Prozent glauben: für die Endphase des Nationalsozialismus. Auf die richtige Lösung, nämlich das Vorgehen des Staates gegen den Terror der Roten Armee Fraktion Ende der 70-er Jahre, kommt nur ein Bruchteil: 13 Prozent. Im Schnitt nur vier von zehn Fragen zur Geschichte der Bundesrepublik vermochten die Schüler richtig zu beantworten – in NRW noch weniger: 37 Prozent.

Ist es denn schlimm, wenn Schüler Ereignisse der deutschen Zeitgeschichte nicht kennen? Durchaus, betonen die Wissenschaftler. Denn fehlendes historisches Wissen, so fanden sie heraus, hängt unmittelbar zusammen mit falschen politischen Einschätzungen. „Wer nicht weiß, was eine Demokratie auszeichnet oder eine Diktatur charakterisiert, kann die Systeme nicht angemessen einordnen und unterscheiden“, so heißt es in der Studie. Auf der Hand liegt, dass unwissende junge Menschen dann auch leichter für radikale Positionen zu gewinnen sind.

Wenig erfreulich für die Schulen: Auf die Frage, woher sie ihr Geschichtswissen denn beziehen, antworteten vier von fünf Schülern: aus dem Unterricht. „Wir haben Schulen kennengelernt, in denen zeitgeschichtliche Themen hervorragend behandelt und eingebunden werden. Die Unterschiede sind groß. Im Durchschnitt muss man aber wohl sagen: Der Geschichtsunterricht ist im untersuchten Bereich nicht gut“, und das gelte besonders für Schulen in NRW, sagt eine Autorin der Studie, die Politikwissenschaftlerin Dagmar Schulze Heuling.

Allerdings, so räumt sie ein, ist hierzulande der Anteil von Schülern aus eingewanderten Familien höher als in den übrigen Ländern, die in die Studie einbezogen waren – und Migrantenkinder haben im Schnitt deutlich schlechter abgeschnitten als ihre Altersgenossen aus deutschstämmigen Familien. Was sich leicht erklären lässt. Schulze Heuling: „Sicherlich spielen die familiären Bezüge eine Rolle. Migrantenkinder sind ja nicht weniger an Geschichte interessiert, aber sie hören Zuhause vor allem von der Geschichte der Herkunftsländer ihrer Eltern.“ Umso wichtiger sei der Geschichtsunterricht, um dies auszugleichen. Was aber eben kaum gelinge.

„Sehr differenziert“, so bezeichnet das NRW-Schulministerium die Ergebnisse der Studie. Man werde sich sorgfältig damit auseinandersetzen. „In der Tat ist für die Zukunft sehr entscheidend, dass wir Schülerinnen und Schüler zu aktiven demokratischen Mitstreitern machen und sie für jede Form der Diktatur sensibilisieren“, teilt eine Sprecherin mit. So gebe es etliche Projekte zur Förderung des gesellschaftspolitischen Verständnisses von Jugendlichen – etwa Demokratietage in Schulen. Zudem hätten alle Kernlehrpläne für die Sekundarstufe I „obligatorische Inhaltsfelder in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, die das in der Studie geforderte Wissen beinhalten“. Alles in allem sei das Land mit seinen Schülern „auf einem guten Weg“.

Kritischer zeigen sich Lehrerorganisationen. „Die Studie macht nachdenklich“, sagt Udo Beckmann, Bundes- und NRW-Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). „Wir müssen genauer hingucken, ob die Schwerpunkte in der Schule stimmen.“ Seit dem Pisa-Schock vor zehn Jahren sei die Bedeutung sogenannter weicher Fächer stetig gesunken – was dazu geführt habe, dass dann mal lieber eine Stunde Mathematik mehr gegeben werde als Geschichte, weiß der VBE-Chef. Hier müsse gegengesteuert werden.

„Beschämend“ nennt Peter Silbernagel, Landesvorsitzender des Philologenverbands, die aufgedeckten Wissenslücken der Schüler. Er mutmaßt, dass die Zeitgeschichte – angesiedelt am Ende der Sekundarstufe I – nicht selten an den Rand gedrängt oder teilweise gar „weggeschoben“ werde. Ein Verdacht, den Rolf Brütting, Vorsitzender des NRW-Geschichtslehrerverbandes, bestätigt. Insbesondere für die deutsche Geschichte nach 1945 bleibe oft zu wenig Zeit. Dazu komme, dass vor allem ältere Kollegen das Wissen der Schüler um Themen wie die DDR und  die Wiedervereinigung mitunter falsch einschätzten. „Weil sie das Geschehen selbst erlebt haben, glauben sie, die Schüler müssten es kennen – aber das stimmt eben oft nicht“, sagt Brütting.

Anders sei die Problematik beim Unterricht über die NS-Zeit gelagert; mit dem Thema würden Schüler reichlich konfrontiert. Allerdings zunächst fachfremd. Bevor der Nationalsozialismus in Geschichte an die Reihe komme, sei er schon in Deutsch, Politik und womöglich noch in Religion behandelt worden. Im Überdruss würden Schüler dann womöglich abschalten – ausgerechnet dann, wenn es um die historischen Zusammenhänge gehe. Brütting wünscht sich eine bessere Verzahnung des Unterrichts. Und unmittelbar daran anschließende Erkundungen von Gedenkstätten.

Tatsächlich empfehlen das auch die Autoren der Studie. Didaktisch gut vor- und nachbereitete Gedenkstättenbesuche könnten helfen, den Charakter von Diktaturen wie dem NS-Staat und der DDR anschaulich zu machen. Ist da nicht die räumliche Entfernung Nordrhein-Westfalens zu ehemaligen Konzentrationslagern wie Auschwitz hinderlich? „Ich muss als Lehrer mit meiner Klasse ja gar nicht so weit fahren“, sagt Brütting – die seinerzeit von der SS zur Kultstätte umgebaute Wewelsburg mit ihrem Konzentrationslager Niederhagen oder eben Vogelsang böten sich innerhalb der Landesgrenzen an.

Die Schüler aus Weilerswist machen mit viel bunter Farbe deutlich, welche Lehren sie aus der Projektwoche und dem Ortsbesuch mitgenommen haben. Sie bemalen einen Bauzaun im Adlerhof der ehemaligen SS-„Ordensburg“. „Augen auf und sag was“, so haben sie neben die graue Figur eines Uniformierten mit Armbinde – unschwer als Nazi erkennbar – gepinselt. Hinter dem Bauzaun entsteht bis 2014 ein neues Ausstellungs- und Bildungszentrum, in dem auch eine NS-Dokumentation angesiedelt wird. Der Bedarf dafür ist tatsächlich groß. NATASCHA PLANKERMANN und ANDREJ PRIBOSCHEK

4 Kommentare

  1. Das liegt doch aber hauptsächlich daran, dass sie nicht genau wissen, was eine Diktatur und was eine Demokratie ausmacht. Insofern sehe ich da keine Verharmlosung, sondern einfach Unwissenheit. Ich hatte mal eine Kollegin (etwa 40, keine Lehrerin !!!), die wusste nicht, wie viele Bundesländer Deutschland hat. Und ehrlich gesagt, “Deutscher Herbst” höre und lese ich heute auch zum ersten Mal. (Hab’s natürlich sogleich ergoogelt.) 🙂

  2. … und, was mir gerade so noch einfällt, manche dikaturen verstehen es auch, sich als demokratie zu “bemänteln”. da gibt es dann doch parteien und wahlen und parlamente, auch wenn nur zum schein. wenn also ein schüler lernt, in einer demokratie gibt es verschiedene parteien und wahlen zur obersten volksvertretung, dann ist das ja etwas, was manchmal durchaus zutrifft auf “etwas”, was wir (im nachhinein) als diktatur bezeichnen.

  3. Die im Artikel angesprochene Studie der FU Berlin ist bei News4teachers in der Kategorie “Praxis” am 28.06.2012 auf Seite 12 unter der Überschrift “Geschichte fünf: Jeder zweite Schüler hält NS-Staat für keine Diktatur” veröffentlicht worden. Ich musste eine Zeitlang suchen, bis ich die Seite fand. Gibt es keine Möglichkeit, zurückliegende Beiträge schneller zu finden?
    In den Rahmenrichtlinien der Klassenstufen 7-10 für Geschichte/Politik sollen die Themenbereiche Nationalsozialismus oder Deutschland nach dem II. Weltkrieg verbindlich behandelt werden. Das schließt natürlich auch die Themen “Demokratie” und “Diktatur” mit ein. In einem Schulbuch können die SchülerInnen verschiedene Zeiten wie die Antike, das Mittelalter, den Nationalsozialismus oder die Bundesrepublik und die DDR sogar aus der Sicht eines Kindes kennen lernen. Der Besuch des ehemaligen KZ Bergen Belsen bei Celle bildete z.B. an einer Schule in der 6. Klasse den Abschluss der UE “Kinder im Nationalsozialismus”.
    An den curricularen Vorgaben kann es offenbar nicht liegen, dass viele SchülerInnen so große Wissenslücken aufweisen. Finden wir eine Erklärung vielleicht im Unterricht? Sicher trägt es kaum zum Erkenntnisgewinn von SchülerInnen bei, wenn die Gruppenarbeit zu einem Thema darin besteht, aus dem Internet zu kopieren und den Text nur noch aufzukleben. Auch möchte ich die Nachhaltigkeit von Projektwochen durchaus infrage stellen. Aus meiner Erfahrung bleibt da über einen mittelfristigen Zeitraum sehr wenig “hängen”. Überhaupt sollten in diesem Zusammenhang die so geannten offenen Unterrichtsformen viel kritischer gesehen werden. Aber es gibt ja durchaus auch qualitativ guten Unterricht.
    Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass die heutige Schülergeneration offenbar viel mehr vergisst als es zu meiner Zeit der Fall war. Vor diesem Hintergrund sollte sich schon die Frage gestellt werden, was eigentlich 10 Jahre Schule für einen Sinn machen, wenn am Ende oft genug nur noch Fragmente hängen bleiben oder im schlimmsten Fall werden die SchülerInnen ohne jeglichen Wissenszuwachs entlassen.

  4. Dass man früher weniger vergaß als heute, halte ich für einen Trugschluss. Lieber @pfiffkus auch früher wurde nicht alle Schüler Akademiker. Bei mir darf bei Gruppenarbeiten nicht einfach nur etwas kopiert und aufgeklebt werden. Was man sich merkt, hat auch mit Interesse und persönlicher Relevanz zu tun. Das ist schwer zu “planen” und nun mal individuell sehr unterschiedlich.

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