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Digitale Medien überschwemmen Schulen – Kritik wird laut

BERLIN. Netbooks und Tablets haben längst Einzug auch in Klassenräume gehalten. Schüler, Eltern und Lehrer werden immer mehr zu Fans medial gestützter Unterrichtsszenarien. Von Gewerkschaftern kommt aber auch Kritik: Es mangele an Standards.

Anbieter digitaler Medien - wie die Hersteller von elektronischen Whiteboards - prägen das Bild auf der Bildungsmesse "didacta". Foto: Koelnmesse Bilddatenbank

Anbieter digitaler Medien – wie die Hersteller von elektronischen Whiteboards – prägen das Bild auf der Bildungsmesse „didacta“. Foto: Koelnmesse Bilddatenbank

Laptop auf und los: Immer mehr Schulen öffnen sich dem interaktiven Lernen mit Netbook, Whiteboard und Co. Was für viele Kinder und Jugendliche in der Freizeit Normalität ist, wird immer öfter Teil des Unterrichts, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab.

Das Europagymnasium Thale im Harz war im Januar 2011 das erste Gymnasium in Sachsen-Anhalt mit einer Laptopklasse. «Ich bin fast zwei Jahre mit der Idee schwanger gegangen», sagt Mathe- und Informatiklehrerin Kerstin Ebert. Auf einer Elternratssitzung habe sie dann die «Katze aus dem Sack» gelassen. Das Ergebnis: 22 Kinder einer damals siebten Klasse begleitet nun bis zum Abitur ein Laptop – speziell für den Unterricht entwickelt und von den Eltern bezahlt.

Die Eltern hätten etwa je 500 Euro in das Gerät investiert. «Wer finanziell dazu nicht in der Lage war, dem hat der Förderverein einen zinslosen Kredit angeboten», sagte Ebert. Raten und Laufzeit hätten die Eltern bestimmt. Die Ausstattung des interaktiven Klassenzimmers mit digitalem Whiteboard und Software habe der Schulträger bezahlt. «Wir haben die Computer an die elektronische Tafel angeschlossen, um die Unterrichtsinhalte noch besser vermittelbar zu machen», so Ebert.

In Berlin gibt es bereits einzelne Schulen – wie die Grundschule an der Bäke in Lichterfelde – die bereits vollständig kreidefrei arbeiten. In der Grundschule an der Bake sind alle 29 Unterrichtsräume sind jetzt mit interaktiven Whiteboards ausgestattet. Alles, war hier mit bunten Stiften geschrieben oder gezeichnet wird, lässt sich speichern und an die Rechner der Schüler weitergeben. Nebenbei ist das Whiteboard Filmleinwand oder CD-Player.

Vollständig kreidefrei sind zwar nur die wenigsten Schulen. Die meisten haben nur hier und da ein Whiteboard stehen, zwischen einem und zehn Geräten ist die Norm. Aber die Erfahrungen seien positiv, sagt die Sprecherin der Bildungsverwaltung. Und: «Die Nachfrage der Schulen ist ungebrochen.»

Laut Kultusministerium in Magdeburg ist die technische Ausstattung der Schulen für interaktive Klassen und Unterrichtsräume Sache des Trägers, nicht des Landes. Für Pädagogen gebe es aber entsprechende Schulungsangebote, etwa zu Themen wie «Web 2.0 in Schule und Unterricht? Weblogs und Podcasts – Tagebücher im Internet» oder «Erstellen einfacher Animationen im und für den Unterricht».

«Digitale Medien in der Schule sind kein Allheilmittel, aber sie ermöglichen neue Ansätze im Unterricht und können so einen Beitrag zur Vielfalt der Unterrichtsmethoden leisten», sagte Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz.

„Digitale Medien werden überschätzt“

Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft setzen immer mehr Schulträger auf Laptop und Co. «Das ist das Medium des Schülers von heute», sagte die stellvertretende Landesvorsitzende Eva Gerth. Aber: «Es gibt keine Standards. Jede Schule macht das selbst. Das geht aus unserer Sicht nicht. Hier muss sich das Land mit den Trägern in Verbindung setzen und Rahmenbedingungen schaffen.»

Auch der Geschäftsführer des Didacta-Verbands (in dem Unternehmen der Bildungsbranche zusammengeschlossen sind), Reinhard Koslitz, sieht nicht nur Vorteile. «Neue Medien sollten in Kombination mit den bewährten eingesetzt werden», rät er. Die Lehrpläne müssten auf die neuen Möglichkeiten abgestimmt und Lehrer geschult werden. «Es reicht nicht, ein Whiteboard anzuschaffen, der Lehrer muss damit umgehen können.» Derzeit fehle den meisten Schulen das Geld, die neue Technik sinnvoll einzusetzen. «Ich habe etwas dagegen, wenn Mittel für Bücher gestrichen werden, um neue Technik zu kaufen.»

Kritisch ist man auch beim Deutschen Lehrerverband. «An allgemeinbildenden Schulen werden digitale Medien überschätzt», meint Präsident Josef Kraus. «Mir kann niemand erklären, warum Schultafeln und Bücher abgeschafft werden sollten.» Kritischer und praktischer Umgang mit neuen Medien sei wichtig, aber dazu müsse nicht jedes Klassenzimmer mit Computern ausgerüstet sein. Kraus spricht sogar schon von Enttäuschungen, einige Schulen würden wieder zum klassischen Unterricht zurückkehren.

Roland Neßler vom Philologenverband Niedersachsen hält zudem eine hinreichende Ausbildung der Lehrer selbst für unerlässlich. «Die Lehrer müssen sich heute mit Inklusion auskennen, mit digitalen Medien: Da frage ich, wann bleibt Zeit für das eigentliche Fach?»

Thomas Jäger wünscht sich innerhalb der Lehrerschaft noch mehr Begeisterung für digitale Lernwerkzeuge. «Man muss einfach noch mehr mit den Vorteilen eines medial gestützten Unterrichts trommeln», sagte der Vorsitzendes des Landeselternrats. «Dass Eltern das wollen, darüber brauchen wir nicht zu reden», sagte Jäger. Die seien sehr daran interessiert. «Wer einmal gesehen hat, wie eine interaktive Tafel funktioniert und was alles möglich ist, wenn diese mit Laptops oder Tablets vernetzt werden, der will keine Kreide mehr.»

Und die Schüler selbst? «Wir begrüßen die Entwicklung», heißt es vom Vorsitzenden des Landesschülerrates in Niedersachsen, Keven Knipping. Selbstverständlich müsse neben Whiteboard, Laptop und Tablet-PC aber weiterhin auch die gute alte Tafel zum Zuge kommen.

6 Kommentare

  1. Nichts eignet sich zum Allheilmittel, weder für den Körper noch für den Unterricht. Und so ist auch ein iWB kein Allheilmittel, das aus schlechter Schule oder schlechtem/r Lehrer/in eine/gute/n macht. Es stellt nur schier unendliche Möglichkeiten für guten und hoch motivierenden Unterricht zur Verfügung – gute Lehrer/innen wissen das gewinnbringend einzusetzen.
    Wer auf immer die gute alte Kreidetafel haben will, der will bestimmt auch voller Freude seine furchtbare Waschmaschine gegen das gute alteWaschbrett meiner Oma tauschen. Der technologische Abstand ist identisch, und schlimme Flecken gehen damit viel besser ‚raus.
    Wir müssen die Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten, nicht auf unsere Vergangenheit.

    • Man kann’s mit den Medien aber auch übertreiben. Gerade weil sie „schier unendliche Möglichkeiten“ bieten, bergen sie Gefahren wie Verzettelung und Oberflächlichkeit.
      Auf die Zukunft gut vorzubereiten bedeutet für mich am allerwenigsten umfangreichen Umgang mit Medien. Der kann auch ganz schön abhängig machen und eigene Fähigkeiten verkümmern lassen, sowohl bei Lehrkräften als auch Schülern.

  2. Ein interaktives Whiteboard kann auch nicht erklären, wie aus ganz normalen Jungs Terroristen werden. Es macht lediglich die Vermittlungsdidaktik interessanter. Für Problemorientierung ist es kaum zu gebrauchen, außer zur Visualisierung des Problems.

  3. Durch diese Entwicklung hin zu den digitalen Medien ist man einfach näher an der Lebenswelt der Schüler. Mit Sicherheit stellen die neuen Medien so ein gewaltiges Motivationspotenzial dar. Und auch vielfältige neue Unterrichtsmethoden sind möglich. Es ist schon eine Erleichterung, wenn die Schüler nicht mehr 5 Minuten alleine dafür brauchen eine Aufgabenstellung von der Tafel abzuschreiben, sondern direkt loslegen können, weil diese vor ihnen auf dem Display erscheint.
    Allerdings sehe ich sehr die Gefahr, dass die Handschrift verkümmert. Vielleicht mag sie in einigen Jahren oder Jahrzehnten völlig verschwunden sein, aber solange noch Klausuren und Tests handschriftlich geschrieben werden – solange muss man die Schüler in ihrer eigenen Handschrift auch trainieren. Eine Stufe höher ist der Lerneffekt von handschriftlich formulierten und notierten Lerninhalten größer, als wenn man das Tafelbild ohne weitere Verinnerlichung schlicht als Datei auf dem digitalen Gerät abspeichert und der Schüler dieses im Zweifel nie mehr anschaut.
    Hier gilt es wohl die gesunde Mischung zwischen Faszination Medium und altbewährtem zu finden, sich weder vor den Möglichkeiten, die die Technik bietet, zu verschließen, noch alles zu vergessen, was vorher funktioniert hat. Letztendlich wird es sowieso davon abhängig bleiben, womit die individuelle Schülergruppe am besten lernen kann.

  4. Jedes zusätzliche Unterrichtsmedium ist zu begrüßen. Schaudern tut’s mich aber, wenn in neue Räume gar keine normalen Tafeln mehr eingebaut werden. (Wie ich hörte, ist das ein Mittel zum Sparen, weil in diese Räume dann auch keine Wasserleitungen mehr gelegt werden.)
    Die einwandfreie Funktion digitaler Tafeln ist von vielen Faktoren abhängig, das erleben wir oft leidvoll. (was wird wohl in 5 Jahren sein??)
    Die Kreidetafel dagegen funktioniert immer, wenn Kreide da ist. Und Kinder können wunderbar damit spielen …

  5. Technologisch hat sich am Computer seit seiner Erfindung kaum etwas geändert, d. h. diese Technik ist über 50 Jahre alt 🙂 Also ist auch dieses ein Mittel aus unserer Vergangenheit. Computer wurden nur schneller und billiger. Durch die erheblich verbesserte Benutzerfreundlichkeit ist die Benutzung von Computern heute fast selbsterklärend. Somit ist die Angst vieler Menschen unbegründet, die Kinder könnten den Anschluss verlieren, wenn sie nicht frühzeitig an dieses Medium herangeführt werden.

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