„Liebe auf den ersten Blick“: Lehrer Thümmel – und die Montessori-Pädagogik

6

DRESDEN. In der DDR als Lehrer sozialisiert, vom Schulsystem der BRD enttäuscht, war die Montessori-Pädagogik für Uwe Thümmel so etwas wie eine Offenbarung. Deshalb hat er sich sein ganzes Berufsleben lang dafür eingesetzt, diese Pädagogik weiter zu etablieren – immer mit der Überzeugung, dass es sich lohnt, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, sich frei zu entfalten. Im Interview erklärt der heutige Vize-Vorsitzende von Montessori Deutschland, warum nicht nur die Schüler*innen, sondern auch Lehrer*innen in einem solchen Umfeld auf Dauer zufriedener sind. Und warum die Sicherheit im Staatsdienst nicht alles ist.

„Als ich das gesehen habe, konnte ich nicht richtig glauben, dass das echt ist“: Uwe Thümmel über seine erste Begegnung mit der Montessori-Bewegung. Foto: privat

News4teachers: Sie sind seit über 23 Jahren in verschiedenen Montessori-Schulen tätig. Wie sind Sie zur Montessori-Pädagogik gekommen?

Thümmel: Meine Schulzeit liegt schon recht weit zurück und ich bin in der ehemaligen DDR sozialisiert worden, so könnte man das nennen. Das heißt, in meiner Schule gab es nicht viele Möglichkeiten zur freien Entfaltung. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit, wie es so schön hieß, war das Hauptziel von Schule – und das wurde natürlich mit entsprechenden Druckmitteln verfolgt. Aber ich hatte das Glück, dass meine berufliche Laufbahn erst mit der politischen Wende 1989 begann. Ich konnte sogar mit meinen ersten Schülerinnen und Schülern – ich habe damals eine neunte Klasse übernommen – gemeinsam auf die Demo in Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, gehen. Es war eine heiße Zeit, die natürlich mit vielen Hoffnungen verbunden war. Aber ich muss sagen, in der Folgezeit, in den 90er Jahren, wurde diese Hoffnung an vielen Stellen enttäuscht, gerade auch für mich als Pädagoge im Schulsystem. Natürlich gab es Fortschritte, Meinungsfreiheit, wir hatten eine bessere materielle Ausstattung, aber letztlich wurden doch nur die Strukturen der alten Bundesrepublik übernommen. Und diese Strukturen stammen immerhin aus der Kaiserzeit.

News4teachers: Was hat Sie vor allem gestört?

Thümmel: Ich meine damit vor allen Dingen diese frühe Selektion. Das war ja im Vergleich zur DDR ein Rückschritt. Dort gab es diese Trennung erst zum Schluss ab Klasse elf. Bis zur zehnten Klasse sind alle gemeinsam in die Schule gegangen. Und was ebenfalls kritiklos übernommen wurde, war dieser starke Leistungsdruck, die Orientierung an Noten und entsprechend Überprüfungen, die eben vor allen Dingen kognitive Fortschritte abfragen. Und die eigentliche freie Entfaltung, die Persönlichkeitsentwicklung wurde außer Acht gelassen. Und das geht total vorbei an den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen – und an den Bedürfnissen einer leistungsfähigen Wirtschaft und demokratischen Gesellschaft auch.

„Das war für mich eine Offenbarung, wie selbstmotiviert und begeistert Kinder an das Lernen herangehen können in einer entsprechend vorbereiteten Umgebung und ohne Druck“

News4teachers: Und dann haben Sie nach Alternativen gesucht und haben Montessori gefunden?

Thümmel: Nicht direkt, es war eher ein Zufall. Die Montessori-Pädagogik habe ich auf der Bildungsmesse didacta in Düsseldorf kennengelernt, Anfang der 90er Jahre. Dort war ein großer Montessori-Messestand aufgebaut, eine Art „gläserner Klassenraum“. Als ich das gesehen habe, konnte ich nicht richtig glauben, dass das echt ist. Ich hab gedacht: Die Kinder spielen doch nur, die krabbeln ja nur auf dem Boden rum, das soll Schule sein? Aber es waren echte Schülerinnen und Schüler. Es war nämlich so, dass die ganze Woche über immer einzelne Schulklassen aus benachbarten Montessori-Schulen zur Messe gefahren sind und dort sozusagen live ihren Unterricht gemacht haben.

Und so etwas hatte ich eben weder als Schüler noch als Lehrer vorher schon mal gesehen. Mein Gedanke war, dass Lernen in so einem Durcheinander, wenn jeder etwas anderes macht, doch nicht funktionieren kann. Ich war total skeptisch. Der Kollege vor Ort, der diese Klasse damals betreut hat, hat das natürlich gesehen und mich zu sich an die Schule in Krefeld eingeladen. So bin ich dann am nächsten Tag mit meiner Frau nach Krefeld gefahren, um uns dort die Bischöfliche Maria Montessori Schule anzuschauen.

News4teachers: Und dort wurden Sie dann überzeugt?

Thümmel: Ja, dort haben wir es dann wirklich gesehen, wie es funktioniert. Da kam morgens ein Kind in die Klasse und fragte: ‚Darf ich jetzt zusammen mit dem Alexander Lesen üben?‘ Das war für mich eine Offenbarung, wie selbstmotiviert und begeistert Kinder an das Lernen herangehen können in einer entsprechend vorbereiteten Umgebung und ohne Druck. Meine Frau und ich waren uns sofort einig: Das ist das Richtige, so muss es sein! Von da an habe ich mich dann mit gleichgesinnten Pädagogen und Eltern zusammengetan. Wir haben Vorträge und Hospitationen organisiert, einen örtlichen Verein gegründet und später den Landesverband. Dann habe ich in Chemnitz ein Kinderhaus, eine Grundschule und später eine Sekundarschule gegründet. Und letztlich haben davon natürlich auch meine eigenen Kinder profitiert, die diesen Bildungsweg genießen konnten.

News4teachers: Das hört sich jetzt so an, als wäre es von der Idee bis zu Gründung alles ganz schnell gegangen. War es wirklich so einfach?

Thümmel: Die Entscheidung zu treffen, das war einfach. Es war, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten Blick. Oder Überzeugung auf den ersten Blick. Aber das dann wirklich umzusetzen und Gleichgesinnte zu finden und sie zu überzeugen, dass dies der richtige Weg ist, war nicht so einfach. Zuerst haben wir uns an bestehende Schulen gewandt und versucht, die Leitungen zu überzeugen, ihren Schulbetrieb entsprechend umzustellen, also Freiarbeit einführen, auf Altersmischung zu setzen, auf Noten zu verzichten und so weiter. Die haben aber natürlich alle mit den Schultern gezuckt und gesagt: ‚Das verbietet uns die staatliche Schulordnung. Das können wir nicht machen.‘ Und daraufhin haben wir uns ans Ministerium gewandt.

News4teachers: Wie war da die Reaktion?

Thümmel: Verhalten. Ich weiß noch genau, wie die Kollegin vom Ministerium damals sagte: ‚Schöne Idee, aber das ist politisch momentan nicht gewollt.‘ Das war Anfang der 90er Jahre, es gab einen Geburtenknick und die Schulen waren damals nicht ausgelastet. Eine Altersmischung sollte auf jeden Fall vermieden werden, um die Handhabe zur Schließung kleiner Schulen nicht zu verlieren. Also wurde die Montessori-Pädagogik als rückständig dargestellt und von der Politik öffentlich mit veraltetem Dorfschulunterricht verglichen. Mittlerweile hat sich das Bild in der Öffentlichkeit zum Glück gewandelt, aber damals war es schwierig, Überzeugung zu leisten. Das Ministerium schlug uns damals vor, wir sollten doch lieber eine freie Schule gründen. Was damals allerdings noch nicht gefördert wurde. Aber wir haben es dann trotzdem gemacht. In Chemnitz haben wir 1996 die Grundschule gegründet. Und vier Jahre später, inzwischen war leider schon das gegliederte Schulsystem eingeführt worden, haben wir die Mittelschule gegründet, im Jahr 2000. An dem Punkt habe ich dann auch meinen Job im Freistaat gekündigt und bin selber an diese Mittelschule gegangen und habe sie auch viele Jahre geleitet.

News4teachers: Sie haben schon durchblicken lassen, was für Sie an der Montessori-Pädagogik das Besondere ist. Aber mich würde doch interessieren, was für Sie den Kern von Montessori ausmacht?

Thümmel: Also das Wichtigste ist für mich, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zentral im Blick behalten werden. Danach richtet sich alles. Es wird kein Ziel vorgegeben, was wir aus den Kindern und Jugendlichen machen (sollen), sondern wir schauen, was sind die Bedürfnisse und wie können wir durch die vorbereitete Umgebung, durch entsprechende Qualifikation im Verhalten von Pädagogen darauf Rücksicht nehmen, um die Kinder und Jugendlichen zu fördern. Das ist das Entscheidende für mich. Das hat für mich auch etwas mit Kinderrechten zu tun, mit dem Grundrecht auf freie Entfaltung. Das ist etwas, was in den staatlichen Strukturen nicht ermöglicht wird. Da gibt es natürlich genauso engagierte und qualifizierte Lehrer, das will ich nicht infrage stellen. Aber es gibt eben zu viele Vorschriften, zu viele Einengungen, die jungen Menschen ganz klar die Möglichkeit der Entfaltung nehmen.

„Jede Form von Lob und Bewertung, also auch Benotung, schränkt die intrinsische Motivation ein und fördert die Anpassung“

News4teachers: An welche Vorschriften denken Sie konkret?

Thümmel: Nehmen wir nochmal das Beispiel Benotung. Jede Form von Lob und Bewertung, also auch Benotung, schränkt die intrinsische Motivation ein und fördert die Anpassung. Das gilt gerade auch für sehr junge Menschen, die noch auf der Suche sind nach ihrer eigenen Rolle. Und wenn ich solche starren Vorgaben habe, dann brauche ich mich nicht zu wundern, dass ich überwiegend angepasste Menschen damit erzeuge. Aber es geht nicht bloß um die Noten oder das Zeugnis. Das Problem ist, wenn durch eine solche Bewertung schon sehr früh Karriereweichen gestellt werden. Gerade durch die Trennung zwischen Gymnasium und Mittel- oder Oberschule wird Druck erzeugt. Druck, der durch die Gesellschaft, die Verwandtschaft, aber auch durch die Wirtschaft kommt: ‚Du wirst in deinem Leben nicht weiterkommen, wenn du nicht hier dich endlich anstrengst und eine gute Note heimbringst.‘ Und da geht es um Kinder, die noch nicht mal zehn Jahre alt sind. Sie von diesem Druck zu befreien, die unwahrscheinliche Kreativität von Kindern und Jugendlichen zu fördern, darin sehe ich den größten Wert der Montessori-Pädagogik.

News4teachers: Wenn Sie einen Wunsch formulieren könnten, was würden Sie sich für die Montessori-Pädagogik aber auch die Bildung in Deutschland allgemein wünschen? Was müsste sich ändern?

Thümmel: Sehr förderlich wäre es, wenn freie und staatliche Schulen unter gleichen Bedingungen arbeiten können, auch finanziell gesehen. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass auch staatliche Schulen mehr Eigenverantwortung und Freiheiten bekommen. Ich bin mir sicher, dann würde es viele positive Entwicklungen geben und jeder würde versuchen, vom anderen zu lernen und sich etwas abzuschauen. Laura Millmann führte das Interview.

Zur Person

Uwe Thümmel, Lehrer für Mathematik und Physik an der Montessori-Schule Huckepack in Dresden, ist seit über 23 Jahren an Montessori-Schulen tätig. Er hat in Chemnitz ein Montessori-Kinderhaus, eine Montessori-Grundschule und später eine Montessori-Sekundarschule mitgegründet. Von 2000 bis 2010 war er Schulleiter dieser weiterführenden Montessori-Schule. Er ist außerdem Vorsitzender des Montessori-Landesverbandes Sachsen, Stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Montessori Deutschland und dort unter anderem zuständig für Qualitätssicherung.

Immer mehr Lehrkräfte suchen den Ausstieg aus dem Schuldienst! Ein Interview über ihre Gründe – und ihre Möglichkeiten

 

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

6 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Achin
2 Monate zuvor

Sicherlich bieten Montessori-Einrichtungen die eine oder andere Anregung für die Fläche, vielleicht sogar für eine Schülerschaft aus einem repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft. Warum wirbt der sog. Montessori-Verband dann aber erneut mit quasireligiösen Eifer:
„Die“ Schulen in Ost und West waren schlecht, Montessori ist aber eine „Offenbarung“, der pädagogische Stein der Weisen ist gefunden…

Geht es nicht eine Nummer kleiner, ohne diesen missionarischen Duktus?

kanndochnichtwahrsein
2 Monate zuvor
Antwortet  Achin

Ja, schon ein großes Wort, kann es aber aus der anderen Richtung nachvollziehen, sozusagen invers: jemand, der im Montessori-System sozialisiert wurde, trifft später, selbst Lehrer/in, auf die „normalen“ Schulen und erlebt eine absolute Desillusionierung, was Umgang mit Menschen, Menschenbild, Lernfreude, Wissensdurst, Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, Freiheit im Denken, Starre der Strukturen etc. angeht.
Daran kann (und will) man sich kaum gewöhnen, wenn man weiß, dass Schule „besser“ möglich ist!
Man rennt dagegen an – es hilft alles nichts, Kaiserzeit lässt grüßen.
Allem Übel voran sehe ich auch die frühe Trennung der Kinder, die schon in den Grundschulen für Druck sorgt, statt Freude am Lernen, Entdecken und ein selbstverständliches Miteinander zu fördern/zu ermöglichen.
Das ist soooo schade.
Vielleicht wirkt auf den einen oder anderen als „quasireligiöser Eifer“, was für den Betroffenen oder Engagierten einfach nur Verzweiflung darüber ist, nicht vermitteln zu können, dass Lernen und Schule so gut, so angenehm, so kindgerecht sein könnte, aber nicht sein darf…

Schade auch, dass ein Wechsel zwischen den Systemen auch heute noch für Schüler wie Lehrer so schwer ist. Sonst kämen viele positive Aspekte des einen wie des anderen Systems in Berührung und könnten sich gegenseitig positiv beeinflussen, Schule in der Fläche und nich nur für einige, ausgewählte Kinder (mit der passenden Religion bei Bekenntnisschulen, mit dem passenden Geldbeutel bei privaten Schulen – Montessori ist selten „die Schule um die Ecke“), besser machen…
Einfach zu viele verpasste Chancen; auch verpasste Chancen im Hinblick darauf, dass wir dringend neue Lehrer brauchen und junge Leute vielleicht inzwischen eher sehen, dass eine Schule aus dem Kaiserreich, wenn auch digital aufgehübscht, immer noch weitgehend eine Schule aus der Zeit vor 100 Jahren geblieben ist, an der nichts attratktiv ist, an der man nicht sein ganzes Berufsleben zubringen mag…

Bernh
2 Monate zuvor

Vielen Dank für den konstruktiven und mitunter sehr einfühlsamen Beitrag. In diesem Kommentar-Forum tummeln sich bisweilen die Standard-Kritiker und man klopft sich auf die Schulter, wie schwer es der Lehrer an sich hat und dass nur der „Praktiker“ den wahren Blick auf die Schule und die Pädagogik hat.

Wäre toll, wenn noch mehr Leser, sich konstruktiv einmischen, sonst bleibt es beim langweiligen Schulterklopfen…

Bla
2 Monate zuvor
Antwortet  Achin

Privatschulen „müssen“ werben. Vielleicht deshalb. Der Herr scheint auch sehr von der Montessori-Pädagogik überzeugt zu sein. Natürlich „preist“ er es demnach an.
Die Montessori-Pädagogik und insbesondere die Materialien sind auch sehr gut und durchdacht.
Einige Montessori-Einrichtungen und Ausbildungsinstitutionen müssen sich trotzdem (mal) ehrlich machen.
Von „wieviel Montessori ist tatsächlich drin?“ bis hin zu „welche Privilegien und Rahmenbedingungen habe ich (im Vergleich zu Regelschulen)“ … Klientelauswahl usw.
Die Montessori-Pägagogik an einigen Montessori-Schulen ist nicht für jedes Kind geeignet. So sehe ich das persönlich.
Auch könnten manche Montessori-Schulen (und Lehrkräfte) bisschen offener für andere Anregungen sein …das schadet auch nicht.

Lisa
2 Monate zuvor

Über den Satz “ Darf ich mit dem Alexander Lesen üben?“ musste ich etwas schmunzeln. Die Alexanders sind eher unproblematisch. Darf ich mit …. Mohamed….Oksana….Atif…. Kimberly-Clark….trifft es schon eher.

Lachmöve
2 Monate zuvor

Wer es möchte, kann sein Kind zur Montessorischule schicken oder in eine andere Schule, in der Schulgeld zu zahlen ist. Diese Schulen haben Zulauf, weil viele Eltern mit dem staatlichen Schulen nicht zu Frieden sind. Aber an den staatlichen Schulen arbeiten auch viele engagierte Lehrer, die für neue pädagogische Konzepte offen sind. Ihre Probleme, die sogenannten Rahmenbedingungen, die ich hier nicht alle aufzählen möchte, werden öffentlich gemacht. Die eventuellen Schwierigkeiten an den Privatschulen nicht. Dadurch wird die Wahrnehmung über diese Schulformen , die ja oft dann positiv sind, beeinflusst. Im Gegenteil, in Montessorischulen trennt man sich von Schülern, die anstrengend werden. Die staatlichen Schulen können dies nicht. Ich war ein Freund der Montessorischule in unserer Stadt, nun nicht mehr und empfehle sie auch nicht weiter. Aber, jeder kann seine eigenen Erfahrungen machen.