Startseite ::: Praxis ::: Elternfuror, Medienhatz: Wie ein Lehrer niedergemacht wird

Elternfuror, Medienhatz: Wie ein Lehrer niedergemacht wird

HANNOVER. Ein Lehrer macht sich bei Eltern unbeliebt – und wird zur Zielscheibe einer lokalen Medienkampagne, offenbar ohne dass ihn die Schulverwaltung schützen würde. Ein schier unglaublicher Fall aus der deutschen Provinz.

Von "Bild" über den NDR bis zur Lokalzeitung: Alle berichten über den "faulen" Lehrer. Konkrete Vorwürfe? Fehlanzeige. Zusammenstellung: News4teachers

Von “Bild” über den NDR bis zur Lokalzeitung: Alle berichten über den “faulen” Lehrer. Konkrete Vorwürfe? Fehlanzeige. Zusammenstellung: News4teachers

„Wen lasst ihr da auf unsere Kinder los? Aufstand gegen Faulpelz-Pauker“, so titelte die „Bild“-Zeitung bereits vor zwei Jahren über einen Lehrer aus dem niedersächsischen Hodenhagen. Vor Unterrichtsbeginn hätten sich rund 100 Schüler und Eltern auf dem Pausenhof der Haupt- und Realschule versammelt und den Rauswurf eines Lehrers gefordert. „Wir haben Recht auf gute Bildung!“, stand laut „Bild“ auf Plakaten. Außerdem: „Ein Lehrer muss gehen.“ Was wurde dem Pädagogen – den in dem kleinstädtischen Umfeld natürlich jeder kannte – konkret vorgeworfen? Wörtlich heißt es in dem Bericht: „Der Pädagoge (unterrichtet Werte und Normen, Deutsch) soll nach Angaben der Schüler u.a. mehrfach den Unterricht geschwänzt haben.“ „Bild“ zitierte „eine erboste Mutter“: „Der Lehrer ist faul, inkompetent und gibt den Schülern völlig willkürlich zusammengewürfelte Zensuren.“ Schüler wollen laut Bericht darüber hinaus beobachtet haben, wie der Lehrer „seelenruhig“ einer Prügelei zuschaute und „angeblich Wetten darauf abschloss, welcher Schüler gewinnt“.

Zu unkonkret? Oder gar unglaubwürdig? Offenbar nicht für eine „Behördensprecherin“, die sich in „Bild“ zitieren ließ: „Wir verstehen den Unmut der Eltern und nehmen die Hinweise ernst. Es geschieht alles Mögliche, um eine Lösung im Interesse aller Beteiligten zu finden.“ Für „Bild“ war der Fall klar: „Muss der Faulpelz-Pauker die Schule verlassen? Denkbar. Es wäre nicht die erste Versetzung des Beamten aus Hannover. Schon mehrfach soll er gewechselt haben.“ Darüber hinaus bemerkte das Blatt süffisant: „Jetzt bleibt der Lehrer erstmal zu Hause: Er ist krankgeschrieben…“ Klar, ist ja ein „Faulpelz-Pauker“ – so suggeriert der Satz.

Zwei Jahre später – der Pädagoge ist offenbar an eine andere Schule versetzt worden – das gleiche Szenario: „Er ist erst gut sieben Wochen im Amt, aber die Eltern wollen ihn lieber heute als morgen loswerden. Nach Ansicht von Elternvertretern ist ein Deutschlehrer, der zum neuen Schuljahr im August an die Oberschule Eicklingen (Kreis Celle) abgeordnet wurde, untragbar“, so heißt es in einem Lokalbericht der „Schaumburger Nachrichten“. Und wieder sind die Vorwürfe wenig konkret: „Die Kinder lernen nichts, Fragen kann er nicht beantworten, Arbeiten werden nicht geschrieben“, so zitiert das Blatt eine Mutter. Ihre Tochter habe sich wochenlang mit dem Thema „Interpretation“ beschäftigt. Aber der Erkenntnisgewinn sei gleich null. Der Lehrer sage immer nur: „Schreibt alles schön in eure Hefte.“ Dabei sei dieses Schuljahr für die Jugendlichen entscheidend, betont die Mutter einer Realschülerin, „mit diesem Zeugnis müssen sie sich für eine Ausbildung bewerben“. Wohlgemerkt: nach gerade mal sieben Wochen!

Der Schulleiter mag sich laut Zeitung nicht äußern. Eine Sprecherin der Schulbehörde stellt fest: Die Entfernung aus dem Dienst, wie von Eltern gefordert, sei die schwerwiegendste Disziplinarmaßnahme. Dafür müsse es entsprechende Gründe geben. Rückendeckung für einen Staatsbediensteten sieht anders aus. Nicht einmal der bei Straftaten übliche Hinweis darauf, dass bis zur Feststellung einer Schuld von der Unschuld eines Angeklagten auszugehen ist, wird gegeben. News4teachers

Zum Kommentar: “Druck im Schuldienst – und der Arbeitgeber Staat versagt”

 

3 Kommentare

  1. Dass die schulbehörde dich als lehrer oder auch rektor nicht schützt ist usus. V.a. bibeltreue pietisten dürfen lügen verbreiten dass es kracht. Und auch staatsanwaltschaften stellen alles ein : elterliches erziehungsinteresse. Ich sage nur realschule schwetzingen im jahr 2009. Das solltet ihr mal recherchieren

  2. Liebe Redaktion,

    bestimmt nicht nur mich interessiert, was aus der Geschichte geworden ist.

  3. hilarus@t-online.de

    Vielleicht liest der betroffene Kollege selbst ja diese Zeilen. Ich wäre an seiner Version der Geschichte interessiert!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*