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Hatties zweiter Streich: „Visible Learning for Teachers“ – eine Bibel für Lehrer?

OLDENBURG. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie, laut „Stern“ der „Harry Potter der Pädagogen“, hat die Schul- und Unterrichtsforschung revolutioniert. In seiner Meta-Studie „Visible Learning“ analysierte er auf der Basis von über 60.000 einzelnen empirischen Untersuchungen mit Lernergebnissen von mehr als 88 Millionen Schülern die Faktoren, die potenziell das schulische Lernen beeinflussen. Bald erscheint sein zweites Werk („Visible Learning for Teachers“) auf Deutsch mit dem etwas sperrigen Titel: „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“. Was die Fachwelt erwartet, verraten Prof. Dr. Klaus Zierer und Prof. Dr. Wolfgang Beywl im Interview mit Stephan Lüke. Die beiden Wissenschaftler haben das Buch übersetzt.

Sein zweites Buch erscheint in Kürze auf Deutsch: der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie. Foto: Schneider Verlag

Sein zweites Buch erscheint in Kürze auf Deutsch: der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie. Foto: Schneider Verlag

Wie lautet die zentrale Aussage des Buches?

Zierer: Die Kernbotschaft lautet: Lehrerinnen und Lehrer sollen evidenzbasiert unterrichten. Damit meint Hattie, dass Pädagogen nach Belegen für die Wirksamkeit des eigenen Handelns suchen und ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand stellen sollen: Wie ist mein Einfluss? Wie wirke ich? Kommt das, was ich den Schülerinnen und Schülern vermitteln will, bei ihnen an? Was muss ich eventuell ändern?

Klingt gut, wenn der Grund für Erfolg und Misserfolg nicht in erster Linie bei den Schülern gesucht wird. Aber was benötigen Lehrkräfte, um so agieren zu können?

Beywl: Damit sie ihren Unterricht – für ihre Klassen und auch für einzelne Lernende und Schülergruppen – planen und bewerten können, benötigen sie Daten. Und zwar sowohl für die Lernausgangslage der Schülerinnen und Schüler zu Beginn des Unterrichts, dazu, was tatsächlich im Unterricht an geplanten Interventionen umgesetzt wird, und dazu, was als Resultat des Unterrichts gelernt wurde. Solche durch Daten belegte Zyklen „Ausgangslage – Interventionen – Resultate“ bilden den Kern dessen, was John Hattie als evidenzbasiertes Unterrichten bezeichnet.

Was ist das Revolutionäre in Hatties Buch?

Beywl: Das Revolutionäre ist, dass es Lehrpersonen anregen will, nicht den Abstand der Klasse oder der einzelnen Lernenden zu Mindest- oder Regelstandards in den Mittelpunkt zu rücken, sondern den Lernfortschritt, der in einer bestimmten Zeitperiode, z. B. einem Schulhalbjahr, geschafft wird.

Bedeutet das, es wird nicht mehr eine Messlatte auf eine einzige, klar fixierte Höhe gelegt, manche Schüler springen drüber, andere drunter, sondern es wird ermittelt, wie viel die Schüler dazugelernt haben?

Zierer: Richtig. Aber dabei geht es nicht nur um die Frage, was ein Schüler geleistet hat, sondern auch darum, herauszufinden, welchen Beitrag der Unterricht daran hat. Das erfordert ein Umdenken und ist nicht leicht: Die Forderung, ständig und fortwährend nach Evidenz für das eigene Handeln zu suchen und dafür empirische Daten zu sammeln, ist herausfordernd und zeitintensiv.

Gibt es in anderen Ländern Erfahrungen zur datenbasierten Evaluationskultur?

Beywl: In Neuseeland (in den Pisa-Top-Ten) ist sie an vielen Schulen bereits Realität und auch ein Beurteilungskriterium in der Schulinspektion des Education Review Office. Den Schulen wird kostenlos die Testaufgaben-Datenbank „e-asTTle“ (electronic assessment for teaching and learning) zur Verfügung gestellt. John Hattie hat mit deren Entwicklung vor etwa 15 Jahren begonnen. Aus dieser Datenbank können Lehrpersonen in wenigen Minuten maßgeschneiderte Klassentests erstellen lassen, die auf den Lehrplan abgestimmt sind.

Was sagen die Tests aus?

Beywl: Gleiche Tests werden zweimal oder mehrmals eingesetzt. Der Unterschied zwischen zwei Testzeitpunkten bezeichnet den Lernfortschritt. Ich nenne mal ein stark vereinfachtes Beispiel: Zehn Schülerinnen und Schüler haben im ersten Test im Mittel 47,5 Punkte erreicht. Nach gut drei Monaten Unterricht wird ein gleichwertiger Test durchgeführt. Im Mittel erreichen die Schülerinnen und Schüler 58,5 Punkte. Damit liegt der Lernfortschritt im Mittel bei 11 Punkten (genannt Mittelwertdifferenz). Im ersten Test haben die Einzelwerte nicht so stark gestreut wie im zweiten. In Zahlen: Die Standardabweichung im ersten Test fällt mit 15.14 Punkten geringer aus als im zweiten (20.55). Der Mittelwert der Standardabweichungen liegt in diesem Fall bei (15.14 + 20.55)/2, also bei 17,85 Punkten. Nun teilt man die Mittelwertdifferenz (11) durch diese gemittelte Standardabweichung (17,85). Das ergibt 0.62, was dann als Effektstärke bezeichnet wird.

Was sagt das dem Lehrer?

Beywl: Dass er auf einem sehr guten Weg ist. Alles, was über 0.40 liegt, ist überdurchschnittlich.

Jetzt aber noch einmal konkret: Die Lehrperson weiß nach einer solchen Testreihe etwas über den Lernfortschritt. Wie aber erfährt sie, welche Faktoren ihren Unterricht erfolgreich oder weniger erfolgreich machen?

Zierer: Sie hat in der Zeit zwischen den beiden Tests eine Unterrichtsmethode eingesetzt, die angesichts der erhobenen Daten als effektiv einzustufen ist. Ein Beispiel hierfür ist ein Feedback. Ein gutes Feedback steigert den Lernfortschritt. Hattie erläutert das im Buch ausführlich.

Beywl: Ich wähle mal ein Alltagsszenario: Wenn Sie sich das Ziel setzen, um 8 Uhr in Krakau mit Hilfe Ihres Navis (Intervention) anzukommen, und Sie erreichen das Ziel, würden Sie sich fragen: Liegt es daran, dass ich ausgeschlafen war, dass ich das Auto immer in die Inspektion bringe, dass das Wetter gut war, dass mein Navi gut programmiert war, dass ich den Verkehrsfunk anhatte? Das wäre doch lebensfremd, sich dauernd diese Fragen zu stellen. Weshalb soll man dies dann in der pädagogischen Praxis tun? O. K. Sie haben Zweifel; fahren Sie das nächste Mal mit abgeschaltetem Navi nach Krakau; schauen Sie, was passiert. Ich denke, Navieinsatz hat eine Effektstärke von 2.0 oder mehr.

Ist dieser evidenzbasierte Weg in einem Schulwesen wie dem deutschen, in dem „Daten“ und „Evaluatiooft Unwörtern“  sind, eine realistische Perspektive?

Beywl: Da die schulkulturellen und -institutionellen Voraussetzungen in deutschsprachigen Ländern anders sind, lohnt es sich, mit der zweiten, noch unterrichtsnäheren Version von evidenzbasiertem Unterrichten zu beginnen: Lehrpersonen erzeugen direkt mit ihrem Unterrichten selbst Daten, mit deren Hilfe sie – optimal ohne jeden zusätzlichen Zeitaufwand – evaluieren, wie gut es ihnen gelingt, gewünschte Lernprozesse auszulösen und Lernergebnisse zu erreichen. Dies leistet „Luuise“ (Lehrpersonen unterrichten und untersuchen integriert, sichtbar und effektiv). Eine Unterrichtsmethode, z. B. eine inszenierte Klassendiskussion im Fach Geschichte, wird so vorbereitet, dass gleichzeitig (z. B. durch darauf vorbereitete Schüler) Daten zur Menge, zur Verteilung und zur Qualität der inhaltlichen Beiträge erhoben werden. Die Daten werden für alle z. B. auf einem Plakat sichtbar gemacht und gemeinsam interpretiert. Alles, was getan wird, dient dem Lernen: dem fachlichen und dem methodischen.

Zierer: Die Strukturen der Lehrerbildung in Deutschland sind – abgesehen von der zu hohen Pro-Kopf-Relation zwischen Studierenden und Dozierenden an Universitäten – im internationalen Vergleich nicht schlecht. Vieles von dem, was Hattie fordert, lässt sich damit umsetzen. Allerdings ist ein gewisses Umdenken nötig, das mit der Evidenzbasierung einhergeht. Auch Hochschullehrende an Universitäten müssen sich die Frage stellen, welche Wirkungen ihr Lehrerhandeln auf die Studierenden hat und wie sie diese Wirkung nachweisen können.

Wann wird die Hattie-Vision in Deutschland Realität?

Beywl: In zehn Jahren gibt es dies an der Mehrzahl der Schulen, in den Ländern, die klar auf evidenzbasierte Unterrichtsentwicklung setzen und den Kontrollapparat zurückfahren.

Das Gespräch führte Stephan Lüke für den Klett-Themendienst.

Prof. Dr. Klaus Zierer ist seit 2011 Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik/Schulpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. An der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde er 2003 promoviert und 2009 mit einer international vergleichenden Arbeit über eklektisches Vorgehen in Lehrbüchern der Didaktik und des Instructional Design habilitiert.

Wolfgang Beywl leitet seit 2010 die Professur Bildungsmanagement sowie Schul- und Personalentwicklung an der PH FHNW Nordwestschweiz. Er ist wiss. Leiter des Instituts für Evaluation „Univation“. Er lehrt Evaluation in Aus- und Weiterbildungsprogrammen in- und ausländischer Hochschulen und arbeitet aktuell an Forschungs- und Entwicklungsprojekten zur Unterrichtsintegrierten Selbstevaluation sowie evidenzbasierten Professionalisierung von Lehrpersonen.

Zum Bericht: Bildungsforscher Hattie in Deutschland: Es kommt auf die Lehrer an

 

Ein Kommentar

  1. Zumindest für das Fach Englisch stehen verschiedene TOEFLs und TOEICs für genau diesen Einsatz, wie er von Hattie, Professor Zierer und Herrn Beywl vorgeschlagen wird, zur Verfügung. Als stufenlose Placement-Tests eignen sie sich für diese Anwendung hervorragend, weil der Lernfortschritt für jeden, auch die SuS klar ersichtlich und verständlich ist. Einige der Tests haben ausführliche Ergebnisberichte, die dabei helfen, die Stärken und Schwächen gezielter zu erkennen und auszugleichen. Educational Testing Service (ETS) in Princeton entwickelt seit mehr als 60 Jahren zuverlässige und aussagekräftige Tests, die auf gründlicher Forschung beruhen. Als ihren Auftrag begreifen sie: „To advance quality and equity in education by providing fair and valid assessments, research and related services. Our products and services measure knowledge and skills, promote learning and educational performance, and support education and professional development for all people worldwide.“

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