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Schüler- und Lehrervertreter fordern: Behinderter Henri soll aufs Gymnasium

STUTTGART. Schüler- und Lehrervertreter erklären sich solidarisch mit dem behinderten Jungen Henri, der ein Gymnasium besuchen will. Sie fordern Grün-Rot auf, den eigenen Versprechungen Taten folgen zu lassen.

Vertreter von Schülern und Lehrern haben sich für den Wechsel des geistig behinderten Schülers Henri auf ein Gymnasium in Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) ausgesprochen. «Henri Ehrhardt hat wie alle Menschen in Baden-Württemberg das UN-Recht auf Bildung», betonte der Landesschülerbeirat, der 1,5 Millionen Schüler im Südwesten vertritt. Es bestehe kein Grund, dem Jungen mit Down-Syndrom die ihm zustehende inklusive Bildung an einer Regelschule zu verwehren. Auch der Landeschef des Lehrerverbandes VBE, Gerhard Brand, zeigte Verständnis für den Wunsch der Familie, Henri gemeinsam mit Grundschulfreunden die weiterführende Schule besuchen zu lassen.

Eher ablehnend zeigte sich die CDU-Abgeordnete und ehemalige Lehrerin Nicole Razavi. Die Eltern des Kindes und der Junge selbst möchten, dass er nach der Grundschule mit seinen Freunden aufs Gymnasium wechselt. Die Schule lehnt das bislang ab.

Für Razavi ist entscheidend, dass jedes Kind gemäß seinen Leistungsfähigkeiten gefördert wird – egal, ob es zu den begabteren oder zu den schwächeren gehört. Im Gymnasium werde Henri vermutlich nicht die Förderung erhalten, der er dringend brauche. «Für Henri könnte die Teilnahme am Unterricht eine Reihe von Misserfolgen nach sich ziehen, die ihn deprimieren und möglicherweise isolieren könnten. Der Junge darf nicht das Gefühl bekommen, er sei nicht gleichviel wert wie seine Mitschüler.»

Dem Gymnasium, dessen Schulkonferenz sich gegen die Aufnahme Henris ausgesprochen hatte, könne keine Entscheidung aufgezwungen werden. «Die Lehrer haben sich ihre Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Es geht für sie nicht darum, dass sie das Kind nicht haben wollen, sondern darum, was gut für den Jungen ist.»

Brand meinte hingegen, ein stabiles soziales Umfeld für den Jungen habe «einen gewissen Wert». Er fügte hinzu: «Ich würde mich freuen, wenn die Kollegen an dem Gymnasium akzeptieren könnten, dass das Kind an ihre Schule kommt.» Voraussetzung sei, dass Henri zusätzliche Hilfe erhalte. Der Familie müsse aber auch klar sein, dass Henri nach seiner Gymnasialzeit seine Bezugsgruppe verlieren könne, erläuterte Brand. «Er wird immer Brüche haben in seinem Leben.» Vielleicht sollte er jetzt an eine andere Schule wechseln, in der er Beziehungen aufbauen könne, die länger halten.

Die Schülervertreter betonten, anstatt Kinder wie Henri aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, solle alles dafür getan werden, die Bildung durch einen angemessenen Ressourceneinsatz inklusiv zu gestalten. Voraussetzung sei, dass dies dem Wohle des Betroffenen diene. Henris Lernfortschritte und seine Integration in die Grundschulklasse seien bislang erfolgreich verlaufen.

Die Vorsitzende des LSBR, Johanna Lohrer, sagte: «Wir sind der Überzeugung, dass von der Inklusion von Menschen mit Behinderungen nicht nur diese selbst, sondern das Schulsystem als ganzes profitieren kann.» Die Institution Schule erfülle dadurch ihren Erziehungsauftrag, Toleranz und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu fördern.

Die Kultusverwaltung will nach der derzeit laufenden Bildungswegekonferenz festlegen, wo Henri am besten den Unterricht besucht. In den Gesprächen werden der Familie Alternativen zum Besuch des Walldorfer Gymnasiums aufgezeigt. In einer Petition unterstützen mittlerweile mehr als 22.500 Menschen das Anliegen der Walldorfer Familie. dpa

Zum Bericht: Kultusminister Stoch warnt: «Fall Henri» nicht zum Symbol hochstilisieren

17 Kommentare

  1. Ich habe bisher kein einziges vernünftiges Argument vernommen, welches für einen Besuch des Kindes auf dem Gymnasium spräche.
    Wer sich dafür ausspricht, hat sich entweder nicht mit der Materie befasst oder gehört jener Klientel an, die mit Inklusion um jeden Preis oder Neubildung einer „geschlchtergerechten“ Sprache eine neue Art von Ideologismen erzeugt, die sowohl sachfremd als auch lebensfeindlich sind.

    • Bin ganz Ihrer Meinung. Aber warum diese sachfremde und lebensfeindliche Ideologisierung der Gesellschaft, insbesondere ihres Nachwuchses? Hinter der Gehirnwäsche des Volkes stecken garantiert nicht Leute mit mangelnder Intelligenz und Weltfremdheit, sondern solche mit System und taktischem Geschick. Wohin steuert das Ganze und wer dirigiert diesen menschenverachtenden Zeitgeist mit seiner als menschlich getarnten Unmenschlichkeit?
      Frau Lohrer sagt, dass die Institution Schule mit der Inklusion ihren Erziehungsauftrag erfülle, Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.
      Mit diesem immer gleich hohlen, aber nach viel klingendem Geschwätz lässt sich offenbar jede sachfremde, lebensfeindliche Maßnahme schönreden und durchziehen.
      Zu fragen ist auch, warum der Begriff „Bildungsauftrag“ immer mehr durch den „Erziehungsauftrag“ ersetzt wird. Offenbar ist nicht mehr der gebildete, mit kulturellem Wissen und Können ausgestattete Mensch das Ziel, sondern der durch staatliche Erziehung verbogene und auf gleiche Linie gebrachte (gegenderte) Nachwuchs.

  2. mehrnachdenken

    Wenn ich nicht schon längst aus dem VBE ausgetreten wäre – spätestens jetzt würde ich es nicht mehr in diesem Lehrerverband aushalten.

  3. Inklusion ist wichtig, richtig und gut. Aber sie muss mit Augenmaß durchgeführt werden. Jeder Fall ist ein Einzelfall. Und jede Entscheidung muss Sinn machen! Einen Schüler mit Down-Syndrom auf ein Gymnasium zu schicken macht keinen Sinn. Und das hat überhaupt nichts mit Ausgrenzung zu tun! Ein Gymnasium hat den Bildungsauftrag, die Schüler auf ein Hochschulstudium vorzubereiten. D.h. ein Schüler, der ein Gymnasium besucht, soll auch die Fähigkeiten haben, dieses Ziel nach Möglichkeit zu erreichen. Er hat nur dann etwas davon, wenn er dem Unterricht folgen und sinnvolle Beiträge leisten kann. Kann er das nicht, dann ist das Gymnasium nicht die richtige Schulform. Ein zieldifferenziertes Unterrichten, bei dem das Ziel des Gymnasiums außer Acht gelassen wird, führt konsequenterweise zur Abschaffung des Gymnasiums.
    Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass dies womöglich das eigentliche Ziel ist, bei den vehement vorgetragenen Forderungen an das Gymnasium sich der Inklusion zu öffnen und den Vorwürfen Schüler mit Behinderungen zu diskriminieren. Denn eine Diskriminierung findet definitiv nicht statt und Inklusion wird durchgeführt bzw. kann durchgeführt werden, wenn ein Schüler die geistigen Voraussetzungen mitbringt, dem Unterricht am Gymnasium zu folgen.

    Ob man das Gymnasium abschaffen will, sollte sehr genau bedacht werden. Diese Entscheidung kann eine Interessengruppe oder Partei NICHT alleine fällen. Sie kann nur von der gesamten Bürgerschaft des Landes getroffen werden. Möglich wäre eine breite Diskussion darüber mit einem anschließenden Referendum.

    • … und warum werden dann die Förderschulen nicht für egelschulkinder geöffnet?

      • Ich weiß gar nicht, ob eine Behinderung überhaupt Voraussetzung dafür ist. Fragen wir mal anders herum: Aus welchen Gründen sollten Eltern eines körperlich und geistig gesunden Kindes die Förder- einer Gesamtschule vorziehen wollen?

    • mehrnachdenken

      „Inklusion ist wichtig, richtig und gut.“ So, ist sie das?

      Ich setze diesen Satz dagegen: „Ist Inklusion wichtig, richtig und gut?“

      • mehrnachdenken

        In dieser Petition zum Erhalt aller Förderschulen in NRW wird m.E. schlüssig begründet, dass aus dem Artikel 24 der Behindertenrechtskonvention eben nicht eine „Schule für alle“ abgeleitet werden kann. Eine Schließung der Förderschulen wird dort nicht gefordert.

        Hier nun noch einmal der Wortlaut der Petition:

        „Wir fordern den Erhalt aller Förderschulen und deshalb die Abschaffung einer Mindestschülerzahl für Förderschulen . Denn Kinder haben ein Recht auf Bildung und manche Kinder sind dafür auf den Lernort Förderschule angewiesen
        Begründung:

        In Artikel 5, Absatz 4 der UN-Behindertenrechtskonvention steht:

        „Besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, gelten nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens.“
        Förderschulen mit ihren sonderpädagogischen Konzepten und Lernmethoden sind besondere Maßnahmen, die für viele Kinder mit Förderbedarf erforderlich sind und deshalb nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten können. Förderschulen zu schließen oder ein Weiterführen der Förderschule zu verhindern, indem die Schülermindestzahl vorgeschrieben wird, diskriminiert Kinder, die zum Beispiel wegen einer Lernbehinderung auf die Hilfe und Beschulung an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen angewiesen sind!

        In Artikel 24 Bildung der Behindertenrechtskonvention wird nicht von einer Schule für alle Kinder gesprochen. Die Konvention enthält keine Aussage darüber, wie der Deutsche Staat seine Schulen gliedern soll, eine Schließung der Förderschulen wird in der Behindertenrechtskonvention nicht gefordert, gefordert wird der Zugang zu Bildung, dieser kann für Kinder in der Förderschule umgesetzt werden.

        Wir befürworten Inklusion für die Kinder mit Behinderung in die allgemeine Schule, für die der Bildungsanspruch in der allgemeinen Schule umgesetzt und für die durch inklusive Bildung Teilhabe sichergestellt werden kann. Sonderpädagogische Konzepte und geeignete Rahmenbedingungen müssen gewährleistet werden.
        Der gemeinsame Unterricht an Regelschulen reicht mit seinen 2-3 Förderstunden in der Woche nicht aus, um jedem betroffenen Kind gerecht zu werden.

        Förderschulen arbeiten mit jedem Kind individuell, jedes Kind wird dort abgeholt, wo es tatsächlich steht und nicht allein gelassen.
        Die Kinder bekommen durch die Förderschule die Möglichkeit sich zu entwickeln, ihre Talente zu entdecken und Fähigkeiten auszubauen.

        Das seitherige Fördersystem hat Kinder insbesondere auch mit dem Förderbedarf Lernen den Weg in die Zukunft geebnet. Deshalb darf die Förderschule nicht abgeschafft werden.
        Für unsere Kinder fordern wir: „Never change a winning team“!

        Wir fordern den Erhalt der Förderschulen in NRW! Eine Mindestschülerzahl darf für Förderschulen nicht festgeschrieben werden.
        Der Förderbedarf muss festgestellt werden, Kinder mit Förderbedarf brauchen weiterhin die Chance, dass ihre Teilhabe in der Gesellschaft und am Arbeitsleben durch die Förderschule wohnortnah sichergestellt werden kann.“

        Im Namen aller Unterzeichner/innen.

        Plettenberg, 28.03.2014 (aktiv bis 27.09.2014)
        Petitions-Blog

        Hallo , zunächst möchte ich mich bei Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung bedanken und für die vielen lieben Nachrichten und Anrufe . Uns Eltern hier in Plettenberg tut es sehr gut zu wissen , das wir nicht alleine sind und unsere Meinung von vielen …

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        Debatte zur Petition

        PRO: Das 9-te Schuländerungsgesetz gewährleistet die Wahlfreiheit der Eltern. Durch die Reduzierung der Mindestgrößen, bzw. die Zurücknahme der Ausnahmegenehmigung höhlt man das Förderschulsystem von hinten aus. Welche Wahl haben die Eltern dann noch?

        PRO: Kinder sind unterschiedlich. Das dürfen und müssen sie auch sein. Unterschiedliche Kinder gehen in die Grundschule und stellen aufgrund ihrer Heterogenität eine große Herausforderung dar, welche es zu bewältigen gilt. Besondere Kinder mit besonderem Förderbedarf …

        CONTRA: Reduktionismus durch Förderschulen vermeiden. Durch die Auflösung der Förderschulen kann das deutsche Bildungssystem eventuell an internationale Standards anschließen, aber darum geht es gar nicht. Am Förderort Förderschule fördern wir SchülerInnen in …

        CONTRA: Ich bin gegen eine Petition, die Inkluion verhindert. Ich habe auch 2 besondere Kinder (asper u. lernbehinderung und ADHS) Meine Kinder gehen beide auf eine Regelschule. Dort wird ihn ein normales Leben geboten und es wird ihnen nicht aignalisiert, dass …

        >>> Zur Debatte
        Warum Unterstützer unterschreiben

        Weil viele Förderschulen eine hervorragende Arbeit leisten und weil gerade von einer Behinderung betroffene Kinder eine individuelle Lernumgebung und -förderung brauchen und die Inklusion so, wie Sie bis jetzt geplant ist, an vielen Regelschulen sche …

        Nur mit Förderschulen kann man allen Kindern gerecht werden

        Mir ist die Petition wichtig, weil eine Beschulung an einer Regelschule für manche Schüler nicht sinnvoll ist und diese daher für ihr Leben nach der Schule eher hinderlich ist, weil sie durch das Beiwohnen vom Mathe, Deutsch und Englischjnterrichts n …

        Das Verfahren zur Einführung der Inklusion ist über das Knie gebrochen, nicht fundiert begründet und das Konzept ist ohne ausgeglichene Belastung für die Kinder, die Familien und die Kommunen. Kritik wird nicht akzeptiert sogar bestraft. ( Aachener S …

        Förderschulen sind unentbehrlich!!!

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  4. Solange es die Differenzierung bei „Normalbegabten“ in „Gymnasiast“, „Realschüler“ und „Hauptschüler bzw. Gesamtschüler“ gibt, macht eine Inklusion, die ein geistig behindertes Kind auf dem Gymnasium zulässt, in meinen Augen überhaupt keinen Sinn. Inklusion ist sicherlich wichtig und richtig – einfach, um auch die Kinder mit Behinderung zu „integrieren“ (bewusste Wortwahl!). Die Erfahrung zeigt, dass auch geistig behinderte Kinder akzeptiert und toleriert werden, wenn sie mit „Normalbegabten“ lernen können, auch wenn sie einem anderen Stoffpensum folgen. (Wesentlich schwieriger ist da schon ein Kind mit emotionalen und sozialen Defiziten – obwohl auch diese Kinder meist von den Klassenkameraden irgendwie toleriert und akzeptiert werden, die Eltern der „Normalbegabten“ jedoch oft Stress machen, weil ihre Kinder von diesen so genannten ESE-Kindern „gequält“ würden.)
    Dennoch: Solange es keine vollständige Inklusion gibt, (das heißt: Abschaffung von äußerer Differenzierung nach der Grundschulzeit), sehe ich keinen Sinn darin, einem geistig behinderten Kind zu gestatten, auf das Gymnasium zu gehen und einem „normal begabten“ Hauptschüler nicht. Inklusiion heißt ja nicht: Behinderte Kinder zu bevorzugen, sondern ihnen das „gleiche Recht auf Bildung“ zukommen zu lassen. Und das gleiche Recht wie jeder, der auf einem Gymnasium nicht klarkommt, heißt in meinem Verständnis: Eine Schule zu finden, die ihm eher entgegenkommnt.
    Warum schaffen die Grundschulen die Inklusion von allen Begabungen – und später geht das nicht mehr? Solange es Gymnasien gibt, wird es immer auch Ausgrenzung der schwächer Begabten geben. Spätestens ab dem 5. (oder auch 7. Schuljahr) dürfen die Gymansiasten nämlich auf die schwächer Begabten herabsehen und sagen: „Ihr seid so dumm – ihr seid nur Hauptschüler…“ – und an dieser Einstellung wird auch ein Henri auf dem Gymnasium nichts ändern.
    Wenn Inklusion wirklich ernst gemeint sein sollte, dann bitte auch in der Abschaffung der verschiedenen Schularten in den höheren Schulen und Abschaffung der Noten, damit kein Kind mehr sitzen bleiben kann. DFnn gibt es auch keine Kompetenzen mehr, die zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt erreicht werden müssen. Dann gibt es individuelle Lehrpläne, die in individuellen Zeiten durchlaufen werden können. Dann gibt es nur noch eine Gesamtschule, auf der differenzierte Kurse in den Fächern belegt werden und sämtliche Abschlüsse angeboten werden. Erst dann kann Inklusion wirklich stattfinden – und erst dann hätte ein Henri kein Problem, mit seinen Freunden zusammenbleiben zu dürfen bis zum Ende der Schulzeit.
    Diese ganze Debatte um Henri – so leid es mir für dieses Kind tut, das hoffentlich von den Eltern von dieser Debatte abgeschirmt und von den Medien in Ruhe gelassen wird – wirkt auf mich wie eine Bevorzugung von Behinderten vor den schwach begabten „Normalschülern“. Ein behindertes Kind soll jetzt Zugang zu allen Schulen bekommen – ein schwach begabtes „Normalkind“ wird ausgegrenzt. Wo findet denn da bitte erste gemeinte „Inklusion“ statt?

  5. Was wurde ich in den 1960iger Jahren in der Schule gemobbt und ausgegrenzt, von Schülern und Lehrern, nur weil ich auf einem Auge leicht schielte! Und heute macht man so ein Gedriss um geistig (und körperlich) Behinderte. Es ist viel wichtiger, wenn mit Behinderten freundlich umgegangen wird und sie nicht diskriminiert werden. Alles andere ist übertrieben.

  6. Die ganze Diskussion legt offen, wie wenig das Interesse des betroffenen Kindes für viele Beteiligte eine Rolle spielt – erschreckend! Dabei geht dieser Vorwurf vor allem an die Fachleute, die ein behindertes Kind zur Durchsetzung ideologischer Ziele zu instrumentalisieren versuchen. Wie in der online-Petition für die Erhaltung der Förderschulen klargestellt wird, haben die Vereinten Nationen mit keinem Wort die Schließung von Förderschulen gefordert; vielmehr geht es in der UN-Konvention darum, Zugang so weit als möglich zu eröffnen (Art. 5) – z.B. durch Rampen. Wer würde eine Rampe als diskriminierend bezeichnen? Unsere Förderschulen sind für viele die Rampen ins Regelschulsystem und in ein zufriedenes, weitgehend eigenständiges Erwerbsleben. Der Schulleiter sieht die Interessen des Kindes und die Möglichkeiten seiner eigenen Schule, ihnen gerecht zu werden, und entscheidet mit der Ablehnung nicht gegen, sondern für das Kind. Warum gibt es die Unterscheidung in Kreis-, Regional- oder Bundesliga? Doch damit jeder die Chance auf Sieg, Erfolg hat. Und ausgerechnet in den Schulen wird diese Chance systematisch bekämpft und zerstört! Was sind wir für eine unmenschliche Gesellschaft!

    • Sie haben ja so Recht, Frau Schwarzhoff. Aber wenn „heilige“ Begriffe fallen wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Gebot der Menschlichkeit oder Menschenrecht, egal wie diese auch verstanden oder missverstanden werden, hakt bei vielen Leuten der gesunde Menschenverstand aus. Diese Worte sind hochwirksam und ersetzen Argumente. Deswegen werden sie auch gebetsmühlenartig verwendet.

    • Es geht bei der Inklusion nicht allein um eine geordnete Schullaufbahn und Berufsfindung (oder das Überwinden von physischen Hindernissen) – sondern (auch) um das Hineinwachsen in eine Gesellschaft, in der die Behinderung als „normal“ angesehen und akzeptiert wird. Da die ersten Erfahrungen mit „Gesellschaft“ aber in Kindergarten und Schule stattfinden, ist es sicherlich wichtig und richtig, auch behinderte Kinder in Regelschulklassen zu unterrichten, damit zum einen die Toleranz und Akzeptanz bei den „normal begabten und gesunden“ Kindern wächst, zum anderen aber auch die behinderten Kinder Kontakte außerhalb ihres Behindertenkreises aufbauen können.

      Wichtig und unerlässlich, um dieses Ziel zu erreichen, wäre allerdings eine intensive und geregelte Unterstützung durch Fachpersonal – und daran scheitert es in der Regel, weil die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stehen – und so wie es aussieht, demnächst möglicherweise noch mehr gestrichen werden. Unser ach so bildungsfreundliches Deutschland hat nämlich zu viele Schulden, um wirklich benötigtes Geld in die Bildung stecken zu können, damit solche Ziele, die von der Politik vorgegeben werden, auch erreicht werden könnten.

      Wie gesagt, ich halte Inklusion durchaus für wichtig und richtig – aber sowas kann man nicht zum Nulltarif bekommen – denn dann bleiben wirklich gerade die Kinder auf der Strecke, die die meiste Förderung bedürften.

      • Richtig, und so lange die Politik Inklusion mit finanziellen Einsparungen verbindet bzw. verbinden kann (Abschaffung der teuren Förderschulen), wird sie auch nicht funktionieren.

      • Wenn doch aber mehr als wahrscheinlich ist, dass die Inklusion die Landeshaushalte eher entlasten als belasten soll, warum plädieren Sie dann ungebrochen für die Gemeinschaftsschule? Damit liefern Sie nur gute Gründe für deren Einführung und überzeugen vielleicht noch andere davon, ohne dass die Rahmenbedingungen in ihrem Sinne verbessert werden?

        • Eine Gemeinschaftsschule ist doch optimal, sie bedeutet doch lediglich, dass es eine Schule mit mehreren nach Kompetenzniveaus gebildeten Klassen gibt. Sie hat folglich einen Haupt-, einen Real- und einen Förderschulzweig parallel, nebeneinander, auch wenn bis zum Ende der sechsten Klassse erst einmal alle gemeinsam unterrichtet werden und erst anschließend die äußere Differenzierung einsetzt. Geführt wird diese Schule von einer Schulleitung.

          Im Gegensatz dazu stehen Gesamtschulen und Sekundarschulen, deren Ziel es ist, heterogene Lerngruppen binnendifferenziert zu unterrichten.

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