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Mehr Sitzenbleiber – Gymnasien fordern Maßnahmen

STUTTGART. Seit dem vorletzten Schuljahr entscheiden in Baden-Württemberg die Eltern, welche weiterführende Schule ihre Kinder besuchen, unabhängig von der Grundschulempfehlung. Die Sitzenbleiberquoten sind gestiegen. Welche Empfehlung die Kinder bekommen haben, wissen die Lehrer oft nicht. Das behindere gezielte Fördermaßnahmen, beklagen die Direktoren. Auch die Berufsschullehrer fordern mehr Hilfe für schwache Schüler.

Der große Förderbedarf leistungsschwächerer Schüler hat sowohl die Leiter von Gymnasien als auch die Lehrer beruflicher Schulen auf den Plan gerufen. So fordert der Verband der Direktoren das Kultusministerium auf, mehr gegen die erhöhte Sitzenbleiberquote an Gymnasien zu tun. Weiterführende Schulen sollten darüber informiert werden, welche Grundschulempfehlung ihre Fünftklässler erhalten haben, sagte Brigitte Röder, Vorsitzende der Direktorenvereinigung Südwürttemberg. «Dann könnten wir schon im Vorfeld planen, welchen Umfang unsere Fördermaßnahmen haben müssen.»

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Die Sitzenbleiberquoten in Baden-Würtemberg sind gestiegen, seit die Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule das letzte Wort haben. Foto: Alex Proimos / flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Berufsschullehrerverband forderte ein Ausweitung eines Modellversuchs zur besonderen Unterstützung leistungsschwächerer Berufsschüler auf das ganze Land. Er verwies auf die wachsende Zahl aufgelöster Ausbildungsverträge. Damit lief der Verband im Ministerium offene Türen ein.

Nach einer Sondererhebung der Regierungspräsidien lag die Sitzenbleiberquote 2013/14 an den Gymnasien bei 1,6 Prozent für die fünfte Klasse und 2,6 Prozent für die sechste Klasse. Im Vorjahr betrug die Quote an Gymnasien in der fünften Klasse 1,3 Prozent. Bei den Realschulen lag der Anteil in den fünften Klassen 2013/14 bei 4,4 Prozent nach 3,9 Prozent im Vorjahr.

Auch Kultusminister Andreas Stoch (SPD) stellte fest: «Die individuelle Förderung an den Schulen muss erheblich ausgebaut werden.» Dafür seien gute pädagogische Konzepte und Ressourcen notwendig. Allerdings würden Schulen bereits unterstützt, ihren Unterricht der breiteren Spanne an Begabungen anzupassen. Fünf der zehn Poolstunden werden demnach von den Gymnasien seit 2010 verpflichtend für individuelle Förderung eingesetzt, darüber hinaus wurde in der Unterstufe die elfte wieder eingeführt.

Auch die CDU-Fraktion sieht Handlungsbedarf. Die Sitzenbleiber in den Eingangsklassen drohten zu «Bildungsverlierern» zu werden. Besonderer Förderbedarf bestehe bei Deutsch und Mathematik.

Der Landeschef des Berufsschullehrerverbandes Herbert Huber erinnerte daran, dass derzeit im Bereich der IHK Stuttgart jeder fünfte Vertrag wieder aufgelöst wird (Ausbildungsjahr 2013/14). Der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt bei den beruflichen Schulen zwischen 30 und 40 Prozent. Für diese Schülergruppe, insbesondere für jugendliche Flüchtlinge, wünscht sich der Verband mehr Spielräume bei der Integration in das deutsche Schulwesen.

Die Direktorenvereinigung vermutet hinter der Weigerung des Ministeriums, weiterführenden Schulen die Grundschulempfehlungen zu melden, Misstrauen gegenüber den Lehrern. Es sei aber eine Unterstellung, anzunehmen, dass die Pädagogen bekanntermaßen leistungsschwache Kinder «rausprüfen» würden, so Röder. Auch der CDU-Bildungsexperte Georg Wacker verlangte Transparenz: «Das hat nichts mit Stigmatisierung der jungen Menschen zu tun.» Die Lehrer würden sicher verantwortungsvoll mit den Auskünften umgehen.

Das Ministerium verwies darauf, dass der Datenschutz für die Übermittlung personenbezogener Daten hohe Anforderungen stelle. «Es liegt allein in der Entscheidung der Eltern, welche Informationen sie der aufnehmenden Schule vorab zukommen zu lassen wollen, etwa wenn es um bestimmte Fördermaßnahmen geht», sagte ein Sprecher. Im Übrigen könne sich das aufnehmende Gymnasium rasch selbst ein Bild von dem Leistungsstand und Förderbedarf verschaffen.

Grün-Rot hatte als einen der ersten Schritte nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg die Verbindlichkeit der Empfehlung der Grundschullehrer für die weiterführende Schule abgeschafft. Seit 2012/13 haben die Eltern das letzte Wort, auf welche Schulart ihr Nachwuchs wechselt.

Röder kritisierte die Einschnitte bei der Hausaufgabenbetreuung an Gymnasien. Dies hat zur Folge, dass nur noch Oberstufenschüler jüngere Mitschüler bei den Schularbeiten unterstützen. «Es wäre aber schon sinnvoll, wenn auch Lehrer mitmachten.» Zudem müssten die Gymnasien beim Klassenteiler den Gemeinschaftsschulen gleich gestellt werden. Es sei inkonsequent, wenn Grün-Rot populistisch den Elternwillen in den Mittelpunkt stelle, andererseits nicht die Mittel für die Förderung leistungsschwächerer Schüler bereitstelle.

Die Grundschulempfehlung für die weiterführenden Schulen war in Baden-Württemberg bis zum Schuljahr 2011/12 verbindlich. Ende 2011 änderte Grün-Rot das Schulgesetz dahingehend, dass die Eltern der Viertklässler selbst über die weiterführende Schule für ihre Kinder entscheiden – und nicht mehr die Grundschullehrer. Die Fünftklässler des Schuljahres 2012/13 waren die ersten von der Novelle betroffenen Schüler.

Zuvor mussten sich die Eltern der Empfehlung der Lehrer beugen. Wollten die Eltern die Vorgabe nicht akzeptieren, gab es ein Beratungsverfahren durch externe Lehrer beziehungsweise eine Aufnahmeprüfung. Eine Empfehlung gibt es weiterhin, aber sie ist nicht mehr verbindlich. Mit ihr verbunden ist die Beratung der Eltern durch die Grundschulpädagogen.

Nach den Vorgaben für die Empfehlung soll das Kind im vierten Schuljahr in den Fächern Deutsch und Mathematik einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0 haben, um für die Realschule empfohlen zu werden. Eine Empfehlung für das Gymnasium setzt in diesen Fächern einen Schnitt von mindestens 2,5 voraus.

Bei der Anmeldung auf der weiterführenden Schule müssen die Eltern keine Auskunft über die Grundschulempfehlung geben. (Julia Giertz, dpa)

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2 Kommentare

  1. Man sollte dringend wieder die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung einführen inkl. transparenter Übergangskriterien wie z.B. Gymnasium = Lesen+Schreiben+Mathe<=7, aber ohne eine Note 4 in den drei Fächern. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob die Veränderung der Übergangsquote statistisch signifikant ist.

  2. Beste Förderung für ein Kind ist die Wahl der passenden Schulform.

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