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Russland: Deutschunterricht in der Krise

MOSKAU. Traditionell hat der Deutschunterricht in Russland einen hohen Rang Doch es mangelt an Lehrern. Der schwindenden Bedeutung des Deutschen will das Goethe-Institut entgegen wirken, unter schwierigen Bedingungen. Die Ukraine-Krise tut ein Übriges.

Es ist eine heikle Mission in Krisenzeiten für das Goethe-Institut – die „gesamtrussischen Tage der Deutschlehrer“ in Moskau, um den Sprachschwund im Riesenreich aufzuhalten. Weil Deutschland und Russland im Streit um die Zukunft der Ukraine über Kreuz liegen, geraten nun zunehmend auch die kulturellen Beziehungen ins politische Spannungsfeld.

Auf einer Tagung des Goethe-Instituts in Moskau plädierten Deutsche und Russen am Samstag für ein stärkeres Sprachenlernen, um in schwierigen Zeiten den Dialog nicht abbrechen zu lassen. Foto: josef.stuefer / flickr  (CC BY 2.0)

Auf einer Tagung des Goethe-Instituts in Moskau plädierten Deutsche und Russen am Samstag für ein stärkeres Sprachenlernen, um in schwierigen Zeiten den Dialog nicht abbrechen zu lassen. Foto: josef.stuefer / flickr (CC BY 2.0)

Auf der Tagung des Goethe-Instituts in Moskau plädierten Deutsche und Russen am Samstag für ein stärkeres Sprachenlernen, um in schwierigen Zeiten den Dialog nicht abbrechen zu lassen. «Sprachkenntnis ist die Basis für Verständigung», sagte der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Johannes Ebert. Das Verhältnis ist durch Sanktionen des Westens gegen Russland in der Ukraine-Krise belastet. Den Deutschlehrern komme in dieser Lage eine besondere Stellung zu, weil sie oft die ersten Vermittler von Kultur seien, so Ebert.

Deutsch habe zwar als zweite Fremdsprache in Russland nach Englisch weiterhin einen stabilen Platz, verliere aber immer mehr an Bedeutung, sagte Ebert. Hauptgrund sei ein Mangel an Lehrkräften. Bessern soll sich die Lage künftig durch Stipendien für Lehrer.

Nach Angaben des Goethe-Instituts gab es vor zehn Jahren noch 35 000 Deutschlehrer in Russland. Aktuell unterrichteten im größten Land der Erde noch etwa 20 000 Pädagogen die rund 1,8 Millionen Deutschlerner. Das Institut erwartet bis 2015 einen Rückgang bei den Schülerzahlen um bis zu acht Prozent und bei den Lehrern um bis zu zehn Prozent. Ein noch bis 2015 laufendes Jahr der deutschen Sprache mit 200 Veranstaltungen in Russland soll den Trend stoppen.

Die Präsidentin des nun gegründeten Deutschlehrerverbandes, Galina Perfilowa, beklagte, dass sich immer mehr Eltern in Russland für Englisch entschieden. «Dabei hatte Deutsch in Russland immer eine herausragende Stellung – schon zu Zarenzeiten», betonte sie. Weil weniger Schüler die Sprache lernten, würden auch weniger Lehrer ausgebildet.

Der prominente russische Kulturpolitiker Michail Schwydkoj, Sonderbeauftragter von Kremlchef Wladimir Putin für interkulturelle Beziehungen, mahnte, dass Deutsche und Russen auch in «schwierigen Zeiten» den Dialog nicht abbrechen dürften. Das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen sei nicht erst seit der deutschstämmigen Zarin Katharina der Großen (1729-1796) «verwandtschaftlich» geprägt. Russen und Deutsche hätten es geschafft, zwei Weltkriege zu überwinden.

Umso mehr beklagte er, dass die Regierungen beider Länder heute in «fundamentalen Fragen der Weltordnung» nicht übereinstimmten. Mit Blick auf die aktuellen Sanktionen des Westens gegen sein Land sagt Schwydkoj, dass Russland keine Isolation wolle. «Wenn wir uns verschließen, dann bleiben wir zurück», sagt er.

Ob Deutschland in der Krise Russland verlieren könnte? Schon jetzt orientiere sich sein Land nach Osten – vor allem nach China -, sagt Schwydkoj. Auch Spanisch liege im Trend, weil in der Krise zwischen der Europäischen Union und Russland die Kontakte zu Südamerika immer wichtiger würden. Höflich unterstützt er zwar die Versuche, verlorenes Vertrauen zwischen Russen und Deutschen wieder aufzubauen. Die Russen sehen aber den Westen am Zuge.

Als Wirtschaftsvertreter betont Dietrich Möller, der Chef der Siemens AG Russland, dass der Konzern ungeachtet von Sanktionen weiter in dem Land investieren wolle. Seit 160 Jahren arbeite Siemens hier – mit aktuell rund 3500 Mitarbeitern.

Bei den Deutschlehrertagen in Moskau kamen an diesem Wochenende 1600 Pädagogen aus 270 Orten Russlands zusammen. Das Goethe-Institut will damit in politisch gespannten Zeiten den Dialog zwischen den Zivilgesellschaften stärken.

Doch inzwischen läuft nicht einmal die Organisation eines Lehrertreffens reibungslos. Wohl nur die freundlichen Briefe der Deutschen an die Gouverneure und Schuldirektoren bewirkten, dass so viele Lehrer – 1600 aus 270 Landesteilen – nach Moskau gekommen sind. Am Rande gibt es trotzdem Bedauern, dass einzelne nicht anreisen durften, darunter die Bildungsministerin aus Kaliningrad um das früher einmal deutsche Königsberg.

Prognosen, wie es weiter geht im deutsch-russischen Verhältnis, wagt keiner. Es gehe darum, einen «nachhaltigen Schaden» zu verhindern und den Dialog der Zivilgesellschaft zu erhalten, sagt Andreas Meitzner vom Auswärtigen Amt in Berlin bei dem Forum. Die in Moskau versammelten Deutschlehrer äußern die Hoffnung, dass das seit Jahrhunderten gewachsene Verhältnis zwischen Russen und Deutschen nicht an der Unterstützung der Bundesregierung für die Ukraine zerbricht. «Die Geschichte wird die Dinge an ihren Platz setzen», so Verbandspräsidentin Perfilowa. (News4teachers mit Material der dpa)

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