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Ein Rektor geht in Ruhestand – und zieht Bilanz: Wie sich die Schule in 40 Jahren verändert hat

HUSUM. Er hat es nach eigenem Bekunden nie bereut, Lehrer geworden zu sein – und zieht jetzt, nach 40 Jahren im Schuldienst, Bilanz: Hans-Jürgen Sörensen, Leiter der Schule am Ostertor im nordfriesischen Tönning, geht in den Ruhestand. Jetzt hat er in einem Interview mit den „Husumer Nachrichten“ darüber berichtet, was sich im Laufe seines Berufslebens geändert hat. Ein Fazit, das wohl viele Pädagogen seiner Generation so oder ähnlich ziehen würden.

Naturkunde-Unterricht am "außerschulischen Lernort" 1979. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-U0504-0301 / CC-BY-SA / Wikimedia Commons

Naturkunde-Unterricht am „außerschulischen Lernort“ 1979. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-U0504-0301 / CC-BY-SA / Wikimedia Commons

Die Schule, an der Sörensen die letzten 24 Jahre geleitet hat, war zunächst eine Grund- und Hauptschule mit bis zu 400 Schülern. Sie ist heute eine reine Grundschule mit rund 250 Schülern – Tendenz sinkend. Der Pädagoge hat in den vier Jahrzehnten seiner Berufstätigkeit viele Veränderungen in der Schulpolitik erlebt, die seine Arbeit unmittelbar betreffen. Manches gefalle ihm, wie beispielsweise die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein, weil dort die Kinder länger gemeinsam lernen, so schreibt die Zeitung. Anderes gefalle ihm nicht so gut – wie die Inklusion von geistig- oder lernbehinderten Kindern in eine Regelklasse. „Es ist nicht gut, wenn ein Schüler ständig erfährt, dass er nicht das leisten kann, was andere schaffen“ , meint der erfahrene Pädagoge. Richtig geärgert habe ihn die Abschaffung des Schulkindergartens Mitte der 90er Jahre. „Dort wurden die Kinder auf die Schule vorbereitet, die noch nicht so weit waren. Ihnen wurde damit ein Jahr zusätzlich Zeit gegeben. Dort wurde auch das soziale Verhalten geübt. Damals mussten nicht die Kinder schulreif, sondern die Schule kinderreif sein. Heute ist das anders.“

Aber auch die Gesellschaft hat sich verändert – was in der Schule zu spüren ist. „Es gibt heute vielmehr Alleinerziehende. Das hat Auswirkungen, die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten hat zugenommen“, weiß Sörensen. „Die Zahl der Kinder, die ihre Not herausschreien und die Klasse in Mitleidenschaft ziehen, wächst.“ Die Schulsozialarbeit sei unverzichtbar.

Aber der Pädagoge meint auch: „Die große Zahl der Eltern erzieht ihre Kinder immer noch gut.“ Trotzdem hat sich durch den gesellschaftlichen Wandel die Aufgabe der Schule geändert. War sie früher eine reine Bildungsanstalt, sei sie heute, in einer Zeit also, in der Vater und Mutter oft gleichermaßen berufstätig sind, auch eine Betreuungsstätte. Mittlerweile gibt es an der Grundschule eine Betreuung bis 17 Uhr – und der Bedarf wachse. Sörensen: „Was ist mit dem Wochenende und nachts, beispielsweise bei Krankenschwestern?“

Dann habe der Computer Einzug gehalten. „Fast alle Kinder können damit umgehen, wenn sie in die Schule kommen.“ Auffällig auch: Die extremen Entwicklungsunterschiede der Kinder bei der Einschulung. Die einen können schon schreiben, wenn sie Abc-Schützen werde, und „die anderen kaum sprechen, weil sie zu viel vor dem Fernseher sitzen“. Stark aufgeholt haben die Mädchen, sagt er. „Sie haben die Jungs überholt, auch in den untypischen Fächern. Das liegt daran, dass man ihnen mehr zutraut. Früher hieß es, „du musst ja eh nur heiraten“.

In der Aufbruchstimmung der Nach-68er-Jahre ist Sörensen Lehrer geworden. „Wir wollten eine bessere Schule machen und damit die Welt verändern“, sagt er. Ist das gelungen? Ein bisschen vielleicht. Sörensens Hoffnungen für die Zukunft sind allerdings eher pragmatisch. Für die Zukunft wünscht er: dass die Schulpolitik beständiger wird, dass die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein Erfolg habe und dass ihretwegen die Lehrerausbildung reformiert werde. Darüber hinaus müssten Grundschullehrer auch eine sonderpädagogische Ausbildung erhalten. Und er wünscht sich, dass der Beruf attraktiv für Männer bleibt. Sörensen: „Die Jungen brauchen männliche Lehrer, besonders wenn zuhause kein Vater ist. Väter sind wichtig für die Erziehung, weil sie weniger loben und mehr fordern.“ News4teachers

Hier geht es zu dem Interview in den „Husumer Nachrichten“.

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