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Deutscher Schulleiterkongress: Eher Humboldt oder mehr Lebenshilfe? Streit um den Sinn von Bildung

DÜSSELDORF. Was muss Schule alles leisten? Hat Bildung schon an sich einen Wert oder sollte sie Schüler auf das Leben vorbereiten? Dieser Frage stellten sich auf dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf Schulleiter, Landesschülervertreter, Unternehmer und Elternvertreter in einer Diskussionsrunde.

Angestoßen hatte das Thema Anfang Januar die Kölner Gymnasiastin Naina, die ihren Frust über die fehlende Alltagstauglichkeit schulischer Bildung unter dem Namen @nainablabla mit folgenden Worten in die Netzwelt zwitscherte:

Nainas Kommentare im sozialen Netzwerk Twitter. Screenshot

Nainas Kommentar im sozialen Netzwerk Twitter. Screenshot

Später fügte sie noch hinzu: „Klar, wir lernen in der Schule wichtige Sachen. Aber niemand bringt uns bei, wie man später auf eigenen Beinen steht.“

Ihr Tweet verursachte eine bundesweite Bildungsdebatte über die Kernaufgabe von Schule. Zahlreiche Medien nahmen Nainas Kurznachricht, die sie im sozialen Netzwerk Twitter veröffentlicht hatte, als Anlass, die derzeitigen Schulinhalte kritisch zu hinterfragen. Selbst Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und Lehrerverbände äußerten sich zur Kritik der Schülerin.

Wie schon die Meinungen innerhalb der Medienberichterstattung auseinandergingen, vertraten auch die Teilnehmer der Diskussionsrunde auf dem Deutschen Schulleiterkongress unterschiedliche Standpunkte. Siegfried Rose, Schulleiter des Würzburger Friedrich-Koenig-Gymnasiums, äußerte durchaus Verständnis für die Schülerin, gab aber zu bedenken, dass Schule gar nicht alle für die Zukunft wichtigen Aspekte vermitteln könne. Ähnlich sah das Rechtsanwalt Paul Freiling, der sich als Elternvertreter engagiert: „Ein Gymnasiast weiß doch noch gar nicht, welchen Beruf er ergreifen will oder was er später im Beruf braucht.“ Die Schule könne ihn also gar nicht zielgerecht darauf vorbereiten. Freiling sei daher eher altmodisch eingestellt, wenn es um Bildungsinhalte gehe: Er favorisiert das „Humboldt’sche Ideal“ – also Bildung, die keinem direkten Nutzen dient, sondern das Ziel verfolgt, Kinder zu selbstbestimmten Persönlichkeiten zu erziehen.

Wichtig sei bei dieser Diskussion, dass in Deutschland ein gegliedertes Schulsystem existiert, in dem verschiedene Schulformen unterschiedliche Möglichkeiten bieten, so Hans-Ulrich Zipfel, Schulleiter der privaten Wirtschaftsschule Müller in Würzburg. Der nordrhein-westfälische Landesschülervertreter Dennis Ritter teilte diese Sicht: „Man muss die Kritik differenziert sehen. Die Frage ist doch: ‚Wohin will jemand?‘“ An Gymnasien sei eher theoretisches Wissen gefragt, das Schüler für den Übergang auf eine Hochschule bräuchten, an Realschulen sei der Unterricht im Vergleich praktischer ausgelegt.

Elternvertreter Freiling kritisierte besonders, dass sich die Gesellschaft anscheinend damit abgefunden habe, dass der Erziehungsauftrag mittlerweile bei den Schulen liege. „Vor 30, 40 Jahren hätte es diese Diskussion nicht gegeben. Da war das klar, dass Eltern für die Erziehung verantwortlich sind.“ Es sei nicht Aufgabe der Schule, Alltagswissen und -fähigkeiten zu vermitteln. „Die Familie bringt es nicht mehr, aber wir wollen es ja so“, sagte Freiling und verwies auf die Kernfamilie, die längst nicht mehr der Standard sei. Die Gesellschaft habe sich dramatisch verändert. Deshalb müssten Familien mehr gestärkt werden. Von einer massiven Überforderungen in Teilen der Elternschaft berichtete auch Landesschülervertreter Dennis Ritter. Nicht alle seien in der Lage, ihre Kinder auf das Erwachsenenleben vorzubereiten, etwa weil sie das dafür notwendige Wissen selber nicht hätten.

Unternehmer Alfred T. Ritter, Eigentümer und Vorsitzender der Geschäftsführung des Süßwarenherstellers Alfred Ritter GmbH, plädierte dafür, dass Schulen zumindest ein wirtschaftliches Grundverständnis vermitteln sollten. Zudem sollte der Kompetenzerwerb mehr in den Mittelpunkt rücken: „Faktenwissen zu lernen, macht keinen Sinn mehr. Wichtiger ist, dass Schüler Kompetenzen erwerben, die sie befähigen, Informationen zu finden und einzuschätzen.“ Lisa Kurapkat, ebenfalls aus der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalens, betonte zwar auch die Bedeutung des Kompetenzerwerbs, mahnte aber, die Freiheit der Schüler durch weitere Vorgaben nicht noch mehr einzuschränken. Die Schülerin wünscht sich insgesamt mehr Flexibilität im Unterricht. „Damit man mal über Themen sprechen kann, die das aktuelle Geschehen betreffen.“ Anna Hückelheim

Zum Beitrag: Deutscher Schulleiterkongress – Kernthema: Was macht guten Unterricht aus?
Zum Kommentar: Nainas Tweet löst eine breite Debatte um Bildung aus – leider eine zu flache

Ein Kommentar

  1. „Faktenwissen zu lernen, macht keinen Sinn mehr. Wichtiger ist, dass Schüler Kompetenzen erwerben, die sie befähigen, Informationen zu finden und einzuschätzen.“

    lieber herr Ritter, wue soll das ohne faktenwissen gelingen ?!?

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