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Deutschunterricht für Flüchtlingskinder – mit unterschiedlichen Konzepten, aber immer mit viel Engagement

KIEL/ERFURT/BERLIN. In den einzelnen Bundesländern gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte, Flüchtlingskinder auf den Unterricht vorzubereiten. Bei steigender Flüchtlingszahlen mangelt es vor allem an Fachkräften, sowohl für den Deutschunterricht, als auch für die psychologische Betreuung.

Die Musik schallt laut aus dem Klassenraum: «Es wird nicht mehr sein wie es war. Ich bin weg. Au revoir.» 15 Jugendliche stehen hinter ihren Tischen und singen mit. Wasim (14) wippt im Takt der Musik, während er singt. Auf dem Textblatt von Bessan (12) stehen handschriftlich einige Bemerkungen über den schwierigen Wörtern. Es sind Übersetzungen ins Arabische. «Damit ich weiß, was ich singe», sagt das Mädchen. Bessan ist ebenso wie Wasim vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien geflohen. Jetzt lernt sie am «Deutsch-als-Zweitsprache»-Zentrum der Max-Tau-Schule in Kiel. Insgesamt 84 solcher Zentren gibt es in Schleswig-Holstein.

Die Integration von Flüchtlingskindern bringt Schulen, Behörden und Psychologen derzeit an ihre Grenzen.  Foto: DFID - UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Die Integration von Flüchtlingskindern bringt Schulen, Behörden und Psychologen derzeit an ihre Grenzen. Foto: DFID – UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Der Bedarf sei förmlich explodiert, sagt Ayfer Taskin, die an der Max-Tau-Schule unterrichtet. Bundesweit wurden 2014 mehr als 173 000 Asylanträge für Kinder und Jugendliche im Alter bis 16 Jahre gestellt, 58 Prozent mehr als 2013, wie aus Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hervorgeht.

Taskin hat in ihrer Klasse Kinder aus vielen Ländern: aus Syrien, Afghanistan, Ghana, Eritrea, Russland, Polen, Armenien und Bulgarien. Eine babylonische Sprachverwirrung bisweilen. Doch das Zentrum achtet gerade auf eine Durchmischung der Klassen, was die Nationalitäten angeht: «Der Vorteil ist dann, dass die gemeinsame Sprache Deutsch ist», sagt Vize-Direktor Dieter Lange.

Zunächst einmal eint die Kinder aus den verschiedensten Weltgegenden aber genau das Gegenteil: «Die meisten Kinder haben überhaupt keine (deutschen) Sprachkenntnisse», sagt der Geschäftsführer der Lehrergewerkschaft GEW in Schleswig-Holstein, Bernd Schauer. Ansonsten sei die Ausgangslage sehr unterschiedlich: «Manche sind in die Schule gegangen, manche nicht. Manche können in ihrer Muttersprache schreiben, einige sind überhaupt nicht alphabetisiert. Das ist eine sehr große Herausforderung für die Lehrer.»

Einfach ist die Verständigung nicht und manchmal helfen nur noch Hand, Fuß und Pantomime. Und dann gibt es noch Wörterbücher in allen möglichen Sprachen und moderne Hilfsmittel. «Alle haben ein Handy und es ist auch in Ordnung, wenn sie es zum Übersetzen benutzen», sagt Taskin. «Am Anfang ist es immer sehr still in den Klassen, aber das ändert sich mit der Zeit.»

Den Kindern Geborgenheit und ein Stück Normalität zu geben, ist auch das tägliche Ziel eines Integrationskurses an der Johannesschule in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. «Wir wissen, dass dies schwer ist – und vieles können wir nicht ändern», sagt Direktorin Sabine Iffarth. Sie berichtet von einem Kind im Kirchenasyl und Polizisten, die Kinder aus der Schule zur Abschiebung holten. Und von einer Mutter, die jeden Tag mit einem jüngeren Kind neben ihrem Sohn im Unterricht saß, weil er bei jeder Sirene und jedem lauten Knall panische Angst bekam. Auch Schramm betont, dass die Kinder «gruselige Dinge erlebt haben, die man sein ganzes Leben nicht erleben möchte.»

Neben dem Mangel an Lehrern mit der Zusatzqualifikation «Deutsch als Zweitsprache» fehlt es oft auch an psychologischer Betreuung. Die Beschäftigten seien zunehmend überfordert, sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe. «Denn die zur Verfügung gestellten Ressourcen reichen nicht aus und der Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen erfordert zusätzliches Know-how», betont sie. Auch die Johannesschule brauche dringend einen Schulpsychologen, sagt Iffarth.

«In unserer Schule wird Toleranz gelebt», betont Direktorin Iffarth. Junge Muslima etwa tragen im Unterricht Kopftuch und beim Schwimmunterricht einen Ganzkörper-Anzug. Zum Mittag können die Kinder etwa zwischen Huhn- und Schweinefleisch wählen. Beim geplanten Sommerfest «Bunte Vielfalt feiern» gar wollen Flüchtlingskinder aus dem Nahen Osten Schüler des Sprachengymnasiums Schnepfenthal in Arabisch unterrichten.

Bundesländer folgen unterschiedlichen Modellen

Schleswig-Holstein: Flüchtlingskinder werden zwar einer Regelschule zugewiesen, bekommen zunächst aber ausschließlich Sprachunterricht in einem «Deutsch als Zweitsprache»-Zentrum (Basisstufe). Nach und nach nehmen sie dann am normalen Unterricht teil (Aufbaustufe), bis sie schließlich voll in der Regelklasse unterrichtet werden (Integrationsstufe).

Bayern: In einer Grundschule in Regensburg lernen ausländische Kinder Deutsch mit Hilfe von Musik. Seit fast einem Jahr läuft die Kooperation «Spring» (Sprechen und Singen) der Uni Regensburg und der Grundschule. Die Idee: Hemmungen über Musik abbauen und sprachliche Muster trainieren.

Berlin: Schüler ohne Deutschkenntnisse kommen zunächst in Willkommensklassen. Dort sollen sie möglichst schnell die Sprache erlernen, um dann in eine Regelklasse wechseln zu können.

Hessen: In Hasselroth bei Frankfurt gibt es eine Fördereinrichtung für Aussiedler, jüdische Emigranten und Ausländer mit Bleiberecht. Sie können in der Schule, die zugleich ein Internat ist, das Abitur oder den Hauptschulabschluss erlangen.

Nordrhein-Westfalen: In Dortmund haben Stadt und Land an Berufskollegs eigene Klassen für Flüchtlinge und Zuwanderer zur begleiteten Ausbildung eingerichtet. Das Modellprojekt «angekommen» soll ihnen helfen, einen Abschluss zu machen und eine Ausbildung zu beginnen. Landesweit lernen Flüchtlingskinder in sogenannten Seiteneinsteigerklassen Deutsch. Nach einem Jahr kommen die Schüler in reguläre Klassen.

Sachsen: In Leipzig unterstützt das Projekt «Integration durch Bildung» Flüchtlinge, die wegen ihres Alters und mangelnder Schulbildung nicht mehr in eine Regelschule integriert werden können. Sie werden auf den Besuch von Abendschulen vorbereitet. (Birgitta von Gyldenfeldt, Antje Lauschner, Nick Kaiser, dpa)

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