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Gar nicht lustig: Bundesregierung ist sauer auf Frankreichs Bildungsministerin

PARIS. Deutschland und Frankreich haben sich versprochen, die jeweils andere Sprache zu fördern. Doch eine Pariser Bildungsreform legt die Axt an spezielle Sprachklassen. Die deutsche Regierung ist verschnupft.

Hier lacht sie: Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem. Foto: Benjamin Geminel / Wikimedia Commons(CC BY 2.0)

Hier lacht sie: Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem. Foto: Benjamin Geminel / Wikimedia Commons(CC BY 2.0)

Wenn das Pariser Bildungsministerium eine Pressemitteilung ins Deutsche übersetzt, scheint der deutsch-französische Haussegen in Gefahr. Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem ist jedenfalls sichtlich bemüht, ein paar Dinge geradezurücken. «Ich liebe Deutsch, ich liebe Deutschland», betont die 37-Jährige am Dienstag vor einer Handvoll deutscher Journalisten, die sie eigens in ihren Amtssitz geladen hat. «Es versteht sich von selbst, dass das Deutsche einen herausgehobenen Platz in unserem Bildungssystem einnimmt.»

Doch genau diese Vorzugsbehandlung könnte bei einer geplanten Unterrichtsreform unter die Schulbank fallen, fürchten namhafte Kritiker – selbst die Bundesregierung ist deshalb verschnupft. Der Umbau des «Collège», der französischen Sekundarschule, setzt den Rotstift an die sogenannten Zweisprachen-Klassen. Deren Schüler lernen schon im Alter von elf Jahren neben Englisch auch Deutsch. «Das hätte desaströse Folgen», kritisiert die Vorsitzende der französischen Gesellschaft zur Förderung des Deutsch-Unterrichts, Thérèse Clerc.

Schützenhilfe bekommt sie von Deutschlands Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer. Die Diplomatin befürchtet, dass die Zahl der Deutschlerner beträchtlich zurückgehen könnte – so sah die Entwicklung nämlich aus, bevor 2002 die «classes bilangues» eingeführt wurden und den Trend umkehrten. Das hat die Botschafterin der Ministerin am Montag auch persönlich gesagt. «Wir sehen in der geplanten Reform die Gefahr einer atmosphärischen Beeinträchtigung unserer bilateralen Abkommen und Absprachen», warnt Wasum-Rainer.

Das ist für diplomatische Gepflogenheiten schon eine recht klare Ansage. Zum Sonderstatus der deutsch-französischen Beziehungen gehört auch, dass beide Länder sich seit dem Élysée-Vertrag von 1963 zugesagt haben, die jeweils andere Sprache zu fördern – und so das gegenseitige Verständnis der einstigen «Erbfeinde».

Die junge französische Ministerin sieht dagegen ein großes Missverständnis. Sie betont: Die Mehrheit der Schüler wird durch die Reform früher und mehr Fremdsprachenunterricht bekommen. Das hat Frankreich auch dringend nötig, das Land kommt bei internationalen Vergleichsstudien zur Sprachkompetenz regelmäßig nicht gut weg.

Während der Großteil der Schüler in der vierjährigen Sekundarstufe bislang sechs Wochenstunden der zweiten Fremdsprache bekam, wären es künftig 7,5 Stunden. Allerdings: In den Zweisprachen-Klassen sind es 8 bis 12 Wochenstunden – doch davon profitiert nur ein kleiner Teil der Schüler. «Es funktioniert heute – für 15 Prozent der Schüler», sagt Vallaud-Belkacem.

Letztlich geht es also darum, ob der Deutsch-Unterricht weiter von einer Sonderregel profitiert. Aus Sicht der französischen Regierung würde die Reform dem Deutschen gar nicht schaden, im Gegenteil: Sie geht in ihren Prognosen davon aus, dass mit der Umsetzung im Jahr 2016 mindestens 500 000 «Collège»-Schüler Deutsch lernen – aktuell sind es 485 000. Sie sucht sogar weitere Deutschlehrer.

Die Kritiker fürchten dagegen, dass Deutsch ohne die Spezialklassen den Kürzeren ziehen könnte. «Vielleicht wählen sie eine andere Sprache», sagt Thérèse Clerc. Schon jetzt lernen 46 Prozent der Sekundarschüler Spanisch, nur 15 Prozent Deutsch.

Auch die deutsch-französische Freundschaftsgruppe der Nationalversammlung ist daher schon auf die Barrikaden gegangen, selbst der sozialistische Ex-Premierminister und Deutschlehrer Jean-Marc Ayrault äußerte öffentlich Kritik.

Vallaud-Belkacem versucht, der Debatte den Wind aus den Segeln zu nehmen. «Ich bin verletzt durch Artikel, die sagen, ich wollte den Tod des Deutschen», betont die Sozialistin. Und erzählt dann noch, dass sie selbst Deutsch gelernt habe. Eine Kostprobe will sie aber lieber doch nicht geben. Sebastian Kunigkeit, dpa

 

Ein Kommentar

  1. Gisela LEFEBVRE

    Diese Reform wird die Zahl an Deutschlernern mindestens um 50% senken. So gern die französischen Schüler Deutsch gemeinsam mit Englisch ab der 6. Klasse lernen, so schwierig ist es, sie, als Collège-Schüler für Deutsch als 2. Fremdsprache zu gewinnen, da das Deutsch in Konkurrenz zu Spanisch steht. Und Spanisch ist einfach sonniger und sexier als Deutsch, und außerdem will der beste Freund Spanisch lernen. Adieu Deutschschüler !
    Die Bildungsreform ist eine große Sparaktion, die auf dem Rücken des Deutschen ausgetragen wird. 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft werden über Nacht weggekehrt !
    Bitte unterschreiben auch Sie die Petition für die deutsche Sprache, damit Schul- und Städtepartnerschaften weiterbestehen ! Und senden Sie den Link an möglichst viele Personen !
    http://www.petitionpublique.fr/PeticaoVer.aspx?pi=rcADEAF

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