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Berufliche Bildung: Immer weniger Betriebe bilden aus

BERLIN. Die schwarz-rote Regierung sieht sich auf dem richtigen Weg, die Opposition spricht von Schönfärberei und Hilflosigkeit: Beim Thema berufliche Bildung werden die aktuellen Daten nun auch im Bundestag sehr unterschiedlich interpretiert.

Die Opposition im Bundestag hat der schwarz-roten Bundesregierung vorgeworfen, die Lage am Ausbildungsmarkt schönzufärben und vor den Problemen junger Leute auf Lehrstellensuche zu kapitulieren. In einer Debatte zum Berufsbildungsbericht 2015 verwiesen Union und SPD hingegen am Donnerstag auf Erfolge der großen Koalition im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit – die sei in kaum einem anderen europäischen Land so niedrig wie in Deutschland.

Das Bundeskabinett hatte den Berufsbildungsbericht Mitte April verabschiedet. Demnach ging die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vorjahr abermals zurück. Zugleich wurde bei den unbesetzten betrieblichen Lehrstellen ein Höchststand erreicht, während die Zahl der unversorgten Bewerber leicht sank. Im Bundestag sagte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), rechnerisch stünden 100 ausbildungswilligen Jugendlichen 103 Lehrstellenangebote gegenüber.

Lehrlinge

Auszubildende zum Stuckateur. Foto: BIBB

Insbesondere Jugendliche mit Hauptschul- oder ohne Schulabschluss haben jedoch Probleme, eine Lehrstelle zu bekommen. Mit einem 1,3-Milliarden-Euro-Förderprogramm für den Berufseinstieg will die Regierung die betriebliche Ausbildung weiter ankurbeln. «Prävention statt Reparatur – das muss unsere Zielsetzung sein», betonte Wanka. Die Quote der Ausbildungsbetriebe lag laut Berufsbildungsbericht im Vorjahr mit 20,7 Prozent auf dem tiefsten Wert seit 1999. Dass immer weniger Unternehmen überhaupt ausbilden, sei «außerordentlich bedenklich», räumte die Ministerin ein.

Die Grünen hielten der Regierung vor, sie habe «im Koalitionsvertrag noch vollmundig eine Ausbildungsgarantie in Aussicht gestellt». Die Fraktionsexpertin für Arbeitsmarktpolitik, Brigitte Pothmer, sagte: «Ihre Allianz für Aus- und Weiterbildung wird diesem Versprechen überhaupt nicht gerecht.» Nach wie vor würden «jedes Jahr über 250 000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz in Warteschleifen zwischengeparkt».

Die Fraktion legte Eckpunkte für eine «grüne Ausbildungsgarantie» vor: Nach diesen Plänen sollen durch einen Ausbau der Assistierten Ausbildung und ausbildungsbegleitender Hilfen mehr Jugendliche einen direkten Übergang in die betriebliche Ausbildung schaffen. Eine Jugendberufsagentur solle «alle Beratungen und Leistungen aus einer Hand und unter einem Dach» anbieten.

Aus dem Berufsbildungsbericht gehe auch hervor, dass bis zum 30. September 2014 nach wie vor mehr als doppelt so viele Bewerber – gut 81 000 – erfolglos eine Lehrstelle suchten als Ausbildungsplätze unbesetzt blieben, so die Linke-Politikerin Rosemarie Hein. «Der Ball liegt bei den Unternehmen, die müssen liefern.»

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, betonte, der Regierung werde es «gelingen, die duale Aus- und Fortbildung als attraktive Alternative zu einer klassischen Hochschulausbildung zu positionieren». Sein Fraktionskollege Albert Rupprecht mahnte, es dürfe «nicht passieren, dass das deutsche Erfolgsmodell duale Ausbildung weltweit bewundert wird, aber im eigenen Land der Wirtschaft die Lehrlinge ausgehen». dpa

4 Kommentare

  1. Rein rechnerisch stehen 100 Bewerbern 103 Plätze zur Vfg.

    Laut Kommentar BVerfG. aus den 1980ern müssen mindestens 12% mehr Plätze als Interessenten vorhanden sein, um nur halbwegs die Berufswahlfreiheit zu gewähren. Allerdings muss man dabei auch bedenken, dass nicht nur diese Angebots-Nachfrage-Relation stimmen muss, sondern auch die Vielfalt der Angebote stimmen muss und das über alle Regionen hinweg.

    So gibt es in Nord-DE vor allem ein Unterangebot an Lehrstellen, im Osten , v.a. in Mecklenburg-Vorpommern fehlt die Vielfalt an Lehrstellen, da hier vornehmlich nur Azubistellen im Einzelhandel und Tourismus überrepräsentiert sind.

    ich finde, DE hätte sein Berufsbildungssystem schon längst umbauen müssen, da seit den 1980ern bereits Ausbildungsplätze fehlten. So sind ja laut DGB bei der Altersgruppe bis 34 wohl ca 2,5 Mio. ohne Qualifizierung, wenn ich mich recht entsinne.

    außerdem ist die Jugendarbeitslosigkeit in DE untererfasst. Zum einen durch das Übergangssystem und Warteschleifen, zum anderen, weil Azubis mit zu den Arbeitnehmern gezählt werden, in anderen Ländern aber nicht.

    DE sollte wie Frankreich und Dänemark eine Ausbildungsumlage einführen. Mit dieser wird Erstausbildung finanziert.

    Wer die Bildungs- und Berufsbildungsberichte immer liest, stellt fest, das gerade in wichtigen Bereichen wie Metall, Elektro etc. – zeitweilig auch in der Pflege – ein Unterangebot an Ausbildungsstellen herrscht(e).

    dringend muss wegen der Mismatcharbeitslosigkeit auch das Umschulungssystem erweitert und geöffnet werden, sowohl für Berufstätige als auch Arbeitslose.

    Die Arbeitslosenagentur hat ein neues Datentool BEN entwickelt — dort kann man feststellen, dass gerade die Top Ten Ausbildungsberufe mittlerweile zu starker Arbeitslosigkeit führen, während in anderen Bereichen starker Mangel ist.

    wenn das Erstausbildungssystem unflexibel ist wie in DE, so muss wenigstens das Umschulungssystem flexibilisiert werden, damit die für Arbeitslosigkeit und als Mismatch Ausgebildeten die Qualifikation leichter wechseln und in andere Branchen hinübergehen können

    Verkäufer, Bürokaufleute — viel zu viele Arbeitslose haben diese Berufe bundesweit — das sind die Berufe, die am meisten ausgebildet werden, mehr als benötigt.

  2. http://www.ksta.de/wirtschaft/altenpflege-ausbildung-dgb-kritisiert-arbeitgeber-und-bundeslaender,15187248,30247278.html

    Auffallend ist, dass es lediglich in den fünf Bundesländern hohe Zuwächse gegeben hat, wo per Gesetz eine Ausbildungsumlage erhoben wird. Das sind die Länder Baden-Württemberg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, das Saarland sowie Rheinland-Pfalz. Eine Umlage beteiligt über einen Pool auch diejenigen Unternehmen an den Ausbildungskosten, die selbst nicht ausbilden. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Nach der Einführung der Umlage im Jahr 2012 stieg die Zahl der Auszubildenden in der Altenpflege innerhalb von nur zwei Jahren um 45 Prozent. Das sollte auch für die anderen Länder Ansporn sein, diesen Schritt zu gehen

  3. hier noch mal ein schöner Artikel dazu, aus HH:

    http://www.welt.de/regionales/hamburg/article140824955/Eine-Pflege-Reform-ist-dringend-notwendig.html

    Vor allem bei der Altenpflege ist ein Zuwachs zu verzeichnen: 485 Nachwuchskräfte haben im aktuellen Ausbildungsjahr eine Altenpflege-Ausbildung begonnen. Das sind rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Hauptgrund für den Anstieg ist die Einführung der Ausbildungsumlage, die die Anreize für die Betriebe erhöht, selbst auszubilden

  4. Das Berufsbildungssystem hätte schon längst reformiert werden müssen. Ich verweise hier auf den Landtagsabgeordneten Lohmann a.D.- der richtigerweise festgestellt hat, dass das System auch nach oben flexibler werden muss, damit nicht unnötig Zeit vergeudet wird. Das entspricht dann auch dem international üblichen Standard, dass berufliche Sekundarstufen fest in das Bildungssystem integriert werden müssen, statt vor allem der Wirtschaft das System zu überlassen. Selbst in Östereich und der Schweiz ist das eher erfolgt als in DE.

    http://forum-kritische-paedagogik.de/start/wp-content/uploads/downloads/2010/08/LohmannStossSekII.pdf

    http://bibliothek.wzb.eu/wzbrief-arbeit/WZBriefArbeit042009_ebner.pdf

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