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Debatte um Reform des Gymnasiums: Kultusminister Stoch mahnt zu mehr Sachlichkeit

STUTTGART. Adrenalin pur im Landtag: In der Diskussion um das Gymnasium werden schwere Geschütze aufgefahren. Steht wirklich der Wohlstand des Landes auf dem Spiel oder ist schon Wahlkampf?

Grün-Rot und die Opposition haben sich im Landtag einen heftigen Schlagabtausch über die Zukunft des Gynasiums geliefert. Anlass war ein Papier zum «Gymnasium 2020» – angefertigt von einem Expertenkreis im Auftrag des Kultusministeriums. CDU und FDP versuchten am Donnerstag in Stuttgart, sich als Retter der bewährten Schulart zu profilieren. SPD und Grüne gaben sich als diejenigen, die eine in die Jahre gekommene Schulart modernisieren wollen. In dem Papier wird unter anderem eine Neuordnung der gymnasialen Oberstufe mit erleichtertem Zugang für Gemeinschafts- und Realschüler angeregt. Ein brisanter Vorschlag, dem Kultusminister Andreas Stoch (SPD) allerdings bereits eine Absage erteilt hat.

Die Fraktionschefs von Grünen und SPD, Edith Sitzmann und Claus Schmiedel, ließen es sich nicht nehmen, selbst in die Bütt zu steigen und der Opposition mangelhaften Reformwillen vorzuhalten. Schmiedels Rede gipfelte in dem Vorwurf an die Opposition: «Sie sind noch nicht reif für die Demokratie.» Sitzmann warf der CDU vor, sich vor den Problemen des unter der Union eingeführten achtjährigen Gymnasiums wegducken zu wollen. Eine kürzlich vorgestellte unabhängige Studie zu G8 und G9 hatte mehr Stress und gesundheitliche Problemen bei G8-Absolventen ergeben. Konzepte der Opposition – Fehlanzeige, so die Grüne.

Sieht sich bestätigt: Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Die Opposition heizt ihm gründlich ein: Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Dass sich die beiden so vehement für das Gymnasium und einen gelassenen Umgang mit dem Arbeitspapier «Gymnasium 2020» einsetzten, mag auch am Rüffel von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gelegen haben. Er hatte am Dienstag die rasche Ablehnung der von Ministeriumsvertretern, Fachleuten sowie Landeseltern und -schülerbeirat entwickelten Ideen gerügt. Dabei hatte er auch die Bildungspolitiker von SPD und Grünen im Blick. Stefan Flust-Blei (SPD) und Sandra Boser (Grüne) hatten nämlich zuvor weite Teile des Papiers kritisiert.

Auch FDP und CDU sparten nicht an verbaler Munition. Der FDP-Bildungspolitiker Timm Kern behauptete: «Diese Pläne gefährden das hohe Niveau unserer Abiturienten und legen die Axt an den Wohlstand unserer Heimat.» Nach seiner Lesart will Grün-Rot sich langfristig Abschied vom klassischen Gymnasium verabschieden. «Sie haben das eine Ziel, Sie wollen die eine Schule für alle.» Indiz sei, dass das Papier für das Gymnasium eine ähnliche Pädagogik wie für die Gemeinschaftsschule nahelege.

Der CDU-Abgeordnete Karl-Wilhlem Röhm, selbst Direktor eines Gymnasiums, und Kern sehen Stoch im Dilemma. Kern erläuterte, es gebe landesweit nur eine einzige Gemeinschaftsschule, die hinsichtlich der erforderlichen Zahl von mindestens 60 Schülern am Ende von Klasse zehn überhaupt in der Lage sei, eine Oberstufe anbieten zu können. Nun solle ein weniger anspruchsvolles Gymnasium «Nothilfe» leisten, dass Gemeinschaftsschüler – wie von Grün-Rot den Eltern versprochen – die Hochschulreife erlangen können. Röhm sprach von einem «vorweggenommenen Offenbarungseid.»

Schmiedel rief der Opposition entgegen: «Sie lassen nur gelten, was Stillstand ist.» Überdies hätten dem Arbeitskreis sieben Direktoren von Gymnasien angehört: «Denen unterstellen Sie, dass sie das Gymnasium an die Wand fahren wollen – das ist doch töricht.» Die Opposition wolle doch nur «stänkern.»

Nach dem Wortgefecht der Fraktionsredner mahnte Minister Stoch eine sachliche Debatte anstatt gespielter «Empörung» und «hysterischen Aufheulens» der Opposition an: «Wir sollten versuchen, das Adrenalin zu senken.» Der Sozialdemokrat, auf dem weniger als ein Jahre vor der Landtagswahl besonderer Erfolgsdruck lastet, schlug versöhnlichere Töne an: Gemeinsam könne man doch Wege finden, das achtjährige Gymnasium zu verbessern. Die Schulart habe «mit Sicherheit» Handlungsbedarf – «Denkverbote» dürfe es nicht geben. Julia Giertz

“Brandgefährliche Ideen” – Stoch gerät durch seinen Reformplan fürs Gymnasium in Bedrängnis

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