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Gute Lehrer, schlechte Lehrer – Satire vor ernstem Hintergrund

ERLANGEN. In «33 Lehrer, mit denen Ihr Kind rechnen muss» karikiert der ehemalige Schulleiter Ulrich Knoll verschiedene Kollegen-Typen – und gibt nicht immer ganz ernst gemeinte Tipps, wie man am besten mit ihnen klar kommt. Vom gut gelaunten, oberflächlichen Sportlehrer, über den trinkfesten Erdkunde-Pauker bis zur wirren Kunstpädagogin. Es sei schon erstaunlich, was für Lehrer sich so an deutschen Schulen herumtrieben.

Jeder der Lehrer hat im Buch das passende Etikett: «Aggro-Anne» ist rechthaberisch und aggressiv. «Umtrunk-Walter» schaut gerne und oft tief ins Glas und der «Chaosfuchs» verwirrt seine Schüler mit konfusem Medieneinsatz. «Das ist keine politisch korrekte und gerechte Typologie», betont Knoll. Er habe zudem keine konkreten Personen beschrieben, sondern Eigenschaften gesammelt und neu zusammengesetzt. «Aber es gibt diese tyrannischen Deutsch- oder Englischlehrer und Schülermörder in Mathematik und Physik.»

Seit seiner Zeit hat sich das Berufsbild des Lehrers erheblich gewandelt: Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel, wohl eine der bekanntesten Lehrer-Karikaturen.

Seit seiner Zeit hat sich das Berufsbild des erheblich gewandelt: Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel, wohl eine der bekanntesten Lehrer-Karikaturen.

Er will jedoch nicht die gesamte Lehrerschaft an den Pranger stellen. In der Ausbildung habe sich viel getan, und es gebe heute viele gute Pädagogen – bessere als früher. «Diese Typen haben aber Wiedererkennungswert – fast jeder Schüler wird Ähnlichkeiten zu einem eigenen Lehrer entdecken. Und es gibt sicher auch Lehrer, die darüber lachen und sich fragen: Bin ich vielleicht auch schon so komisch?»

Einen Aufschrei aus den Reihen der Pädagogen wie vor zehn Jahren beim Erscheinen des «Lehrerhasserbuchs» wird es bei Knolls Werk sicher nicht geben. Selbst die Präsidentin des Lehrerverbandes BLLV, Simone Fleischmann, sagt: «Selbstironie tut immer gut, und damit zeigt ein Berufsstand Professionalität.» Auch bei den Auftritten des Kabarettisten Han’s Klaffl, der sich ebenfalls über Lehrer und Schule lustig macht, säßen immer zahlreiche Lehrer im Publikum. «Solange man die Lehrer nicht per se als Deppen hinstellt, fördert das eher die Empathie. Und Lachen entkrampft das Verhältnis», sagt Fleischmann.

Bei allem Verständnis für Leistungsdruck und die Notwendigkeit guter Noten rät Knoll Eltern, das Thema Schule mit ein wenig mehr Gelassenheit und Humor zu nehmen. Auch hier menschele es eben: «Ich decke einiges davon auf und sage den Eltern: Schau her, diese Leute, über die du dich aufregst, gibt es überall. Jetzt halte es mal aus und irgendwie wird das Ganze schon gut.» Er wirbt um Verständnis für den Lehrer-Job: «Als Finanzbeamter kann man eine Akte auch mal in die Ecke pfeffern oder den Computer ausschalten. Als Lehrer dagegen steht man ständig im Fokus.»

Dennoch müssten sich Schüler und Eltern nicht immer alles gefallen lassen. Wenn es hart auf hart komme und «der Lehrer ungerechtfertigt Schwierigkeiten ohne Ende macht, dann wehr dich». Seiner Ansicht nach ist nämlich durchaus nicht jeder der geborene Lehrer. «Sie können nicht aus jedem Kleinwagen einen Porsche machen – auch in der Ausbildung nicht. Es gibt welche, da wissen Sie von vornherein: Wenn den eine Schule kriegt, dann ist der 30 Jahre lang ein Ärgernis.»

Der Ex-Schulleiter plädiert daher dafür, dass die theoretische Uni-Ausbildung viel früher und stärker mit der Praxis verzahnt wird. Bislang seien Praktika noch zu oft «Alibi-Veranstaltungen», in denen die angehenden Pädagogen wie in ihrer Schulzeit hinten sitzen und den Unterricht bloß beobachten. Sie müssten jedoch selbst vorne stehen, um zu begreifen, was Unterrichten bedeutet. «Dafür brauchen sie jedoch mehr Lehrkräfte, die sich intensiver kümmern, und das kostet Geld.» Bislang sind Praktika in Deutschland auch in der Regel keine zwingende Zulassungsvoraussetzung für das Studium.

Außerdem sollten sich die Schulen stärker selbst aussuchen können, welche Lehrer sie engagieren, anstatt sie zugewiesen zu bekommen, fordert Knoll. Im angelsächsischen Ländern sei das bereits gängige Praxis. «Das ist dann auch kein ständiges Hire and Fire, aber die Schulen können sich die Leute suchen, die in ihr Profil passen.»

Einige Experten plädieren zudem für ein Auswahlverfahren vor dem Studium, wogegen man sich in Deutschland bislang sträubt. Im PISA-Musterland Finnland gibt es das bereits: Von mehreren tausend Bewerbern werden nur einige hundert genommen. Dies lege «nahe, dass man um strikte Auswahl der bestgeeigneten Bewerber für das Lehramtsstudium kaum herumkommt, wenn man gute Schülerleistungen erzielen möchte», schrieben die Forscherinnen Heike Demarle-Meusel und Birgit Nieskens in einer Studie der Telekom Stiftung.

Die Uni Passau etwa hat daher vor einigen Jahren zumindest ein Eignungsfeststellungsverfahren eingeführt, das sich an Assessment Centern orientiert, wie sie in der Wirtschaft üblich sind. Die Teilnehmer müssen praktische und schriftliche Übungen machen und bekommen dann eine Rückmeldung zu ihren Stärken und Schwächen. Der Bildungsforscher Michael Dieterich fordert, dass dies zwingender Bestandteil der Lehrerausbildung wird – am besten im ersten Semester: «Die angehenden Lehrer müssen frühzeitig ihre Persönlichkeitsstruktur kennenlernen, um zu wissen, woran sie arbeiten müssen.»

Doch wie sieht nun eigentlich ein guter Lehrer aus? «Er muss authentisch sein und humorvoll. Den Schülern gegenüber muss er wohlwollend und trotzdem leistungsorientiert sein», sagt Knoll. Ähnlich sieht das Dieterich: Ein guter Lehrer sei korrekt und systematisch und trotzdem warmherzig. Doch er betont: «Den idealen Lehrer gibt es nicht.» Für jedes Fach seien andere Fähigkeiten nützlich. Es sei gut, dass die Schüler so viele verschiedene Pädagogen in ihrem Schulleben haben. So fänden die meisten Kinder irgendwann einen Lehrer, der genau zu ihnen passt.

Neben gängigen Vorurteilen sind auch Knolls Erfahrungen in die Beschreibungen eingeflossen. Eine Auswahl:

– Charming Benny (Mathe und Sport) ist fit, gut gelaunt und oberflächlich. Der Strahlemann ist der Freund der Schüler, bereitet sich auf den Mathe-Unterricht wenig bis gar nicht vor und wollte vor allem Halbtagsjobber werden. Lernen können die Schüler bei ihm nichts. Ein typischer Spruch: «Die Kurve y=f(x) weiß im Augenblick nicht so recht, was sie machen soll. Ich auch nicht.» Gesamturteil: mangelhaft.

– Aggro-Anne (Bio und Chemie) ist rechthaberisch, grimmig und aggressiv. Für sie ist Pädagogik ein Fremdwort, es geht ihr um reine Wissensvermittlung. Den Schülern bereitet sie schlaflose Nächte, Eltern sollten am besten nur mit einem Anwalt in ihre Sprechstunde gehen. Ein typischer Spruch: «Und merk dir endlich eins: Du hast zu schweigen, wenn du mit mir redest!» Gesamturteil: unter aller Kanone.

– Leichtfuß-David (Mathe und Physik) ist clever, charmant und faul. Er wäre der geeignete Lehrer für ein Fach namens Lebenskunst. Um die Arbeit drückt es sich stets gekonnt. Attraktive Schülermütter können sich bei ihm verbale Streicheleinheiten abholen und vortrefflich mit ihm parlieren. Ein typischer Spruch: «Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte… na, es ist auch egal, sag ich eben was anderes.» Gesamturteil: so lala.

– Umtrunk-Walter (Wirtschaft und Erdkunde) ist trinkfest, rustikal und human. Er ist ein Unikum unter den Lehrern, weil er «kein angepasster Idiot» ist, sondern als «Urgestein ein Held im lahmarschigen und weichgespülten Schulalltag». Auf Schularbeiten kritzelt er kryptische Anmerkungen wie «g.g.M.», was für «ganz großer Mist» steht. Ein typischer Spruch: «Süden ist da, wo der Daumen links ist.» Die Schulleitung steckt mit ihm unter einer Decke und so lautet das Gesamturteil: trotz gewisser Macken lobenswert.

– Der klassische Theo (Deutsch und Geschichte) ist eigenwillig, gebildet und niveauvoll. Er trägt stets eins von fünf karierten Hemden, eine Cordhose und zuweilen auch in der Schule einen Strohhut. Dummdreiste oder vulgäre Schüler werden von ihm ignoriert und so gebändigt. Ein typischer Spruch: «Ich glaub dir ja, dass dich deine Freundin mehr interessiert als der Investiturstreit, aber du könntest anstandshalber wenigstens etwas Interesse heucheln.» Gesamturteil: ein herausragender Monolith.

– Mad Doll (Englisch und Französisch) ist leistungsorientiert, hochnäsig und bissig. Sie unterrichtet wie manch rustikaler Haudegen: autoritär, streng, frontal und schnörkellos. Die Schüler sind bei ihr notgedrungen lammfromm und kämpfen sich durch den Unterricht im Hochgeschwindigkeitstempo. Ein typischer Spruch: «Heute habe ich wieder mal zwei Müttern aus der Unterstufe die Grenzen aufgezeigt!» Gesamturteil: ungenießbare Unsympathin.

– Big Pete (Deutsch und Geschichte) ist erfahren, mitreißend und unterhaltsam. Der Quereinsteiger ist erst spät Lehrer geworden und seine Stundeneinstiege sind legendär: Da reißt er schon mal den Vorhang vom Fenster und wirft ihn sich als Umhang um den Leib. Mit Lorbeerkranz auf dem Kopf ruft er: «Heute schauen wir mal bei Caesar vorbei.» Er ist sich keines Gags zu schade und reißt sogar die obercoolen Schüler mit. Ein typischer Spruch: «Wenn du weiterhin wie eine Robbe auf dem Tisch liegst und im Text rumlümmelst, mache ich aus dir eine galoppierende Weinbergschnecke!» Gesamturteil: übertrifft die Anforderungen haushoch.

– Die Frühstückskünstlerin (Englisch und Kunst) ist vielseitig, herzlich und omnipräsent. Die Schule ist ihr Leben, und sie schaut nie auf die Uhr, wenn sie bei den Schülern ist. Morgens besorgt sie Gebäck und frisches Obst für die Kinder, die zu Hause kein Frühstück bekommen. Ihren Englisch-Unterricht peppt sie mit Videoclips auf, in Kunst gibt es stressfreies Arbeiten mit konstruktiver Kritik. In den Pausen ist die Realschullehrerin ständig von einer Traube von Schülern umringt. Ein typischer Spruch: «Schon vor der Renaissance kam man zu der Erkenntnis, dass die Kugel doch keine Scheibe war.» Gesamturteil: große Klasse. (Cathérine Simon, dpa)

• Studie der Telekom-Stiftung: Für den Lehrerberuf geeignet?
• Positionspapier des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft: „Auf unsere Lehrer kommt es an“
• zum Bericht: Ex-Kultusministerin Beer (FDP) spicht vielen Lehrern die berufliche Eignung ab

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